Efeu - Die Kulturrundschau

Gibt es eine Bundesprüfstelle für Bundesprüfstellen?

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27.12.2017. Die NZZ steht Kopf vor Daniel Schwartz' Gletscherbildern. Der Tagesspiegel erkennt im Wuppertaler Heydt-Museum: Das Gegenteil des Impressionismus ist Edouard Manet. Auf ZeitOnline ruft Thomas Glavinic: Zensur gefährdet die Jugend mehr, als es die finsteren Texte der Metalband Eisregen je könnten. Ridley Scott hält sich in der SZ an die ökonomischen Aspekte von #MeToo. In der Welt spricht Renzo Piano über die Macht der Schönheit und die Zugänglichkeit von Museen. Und Célines Witwe gibt mit ihren 105 Jahren die antisemitischen Pamphlete des Autors frei, berichtet die FAZ.

Kunst

Roman Bucheli porträtiert in der NZZ den Schweizer Fotografen Daniel Schwartz, dessen Ausstellung "de glacierum natura" ab Ende Januar im Kunstraum Medici in Solothurn gastiert, als einen Gelehrten alter Schule: Im Mittelpunkt seines Lebens steht eine Dunkelkammer, die von einer Bibliothek umgeben ist. Aber natürlich geht er auch auf Reisen: "Daniel Schwartz hat von seiner Odyssee zu den Gletschern auf vier Kontinenten nicht Bilder zurückgebracht, wie wir sie kennen. Keine im Gegenlicht blassbläulich leuchtenden Eismeere, keine blauen Himmel über milchig weißen Gletscherseen. Er zeigt uns die Gletscher, wie wir sie nie gesehen haben, aus der Vogelperspektive bisweilen und damit zur verwirrenden Unkenntlichkeit verfremdet. Was oben ist und unten, lässt sich da nicht mehr unterscheiden. Wir stehen kopf, aber nicht, weil es der Fotograf will, sondern weil es die Welt tut."

Edouard Manet, Die Reiterin, um 1882 © Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid
In der großen Manet-Ausstellung im Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal sieht Bernhard Schulz im Tagesspiegel noch einmal sehr deutlich, warum des Werk des Franzosen "turmhoch" über dem seiner Zeitgenossen steht: "Es ist diese Doppelrolle als Mitglied wie Kritiker der Gesellschaft, die die Ausstellung in zum Teil selten gesehenen, aus nicht weniger als 49 Institutionen und Privatsammlungen entliehenen Arbeiten vorführt. Nicht innerkünstlerisches Schwanken, sondern eben diese soziale Rolle Manets macht verständlich, warum Manet zur gleichen Zeit alle Konventionen sprengen konnte, etwa in den fahrigen Seestücken, und ihnen huldigte, zumal in den ganzfigurigen Porträts einflussreicher Auftraggeber. Schwarz, diese im spanischen Hofzeremoniell wurzelnde (Nicht-) Farbe der Macht, ist geradezu die Signalfarbe Manets, der sie wunderbar zu modulieren weiß; es ist dies gerade das Gegenteil des Impressionismus, dem Manet noch immer fälschlich zugerechnet wird."

Weiteres: SZ-Kritiker Thomas Steinfeld besucht im Palazzo Pitti in Florenz eine Ausstellung über den Sammmler und Kardinal Leopoldo de' Medici.
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Musik

Schriftsteller Thomas Glavinic wirft sich bei Zeit Online auf die Knie vor der thüringischen Metal-Band Eisregen und ihren derben Finsterheiten. Umso wütender ist er darüber, dass mittlerweile vier ihrer Alben von den Tugendwächtern der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzt und somit aus dem freien Handel gezogen wurden. Dies wirft für ihn "die drängende Frage auf, wer solche Gremien eigentlich besetzt, wer sie kontrolliert und ob er dies in ausreichendem Maße tut. Gibt es eine Bundesprüfstelle für Bundesprüfstellen? Ich bin der Ansicht, dass Zensur und institutionalisierte geistige Schlichtheit unsere Jugend erheblich mehr gefährden als der Text eines Liedes. Dass es in Deutschland einem Amt möglich ist, die wirtschaftliche Basis von Künstlern zu untergraben, indem man ihrem Werk einfach den Kunstgehalt abspricht, ist fast so skandalös wie die Tatsache, dass es zu keinem Aufschrei der sogenannten kritischen Öffentlichkeit kam."

1968 in Deutschland, musikalischer Aufbruch, amerikanische und britische Rockmusik, Liebe überall - dieses Klischeebild ist falsch, erklärt Uli Krug ausführlich in der Jungle World: Statt enthemmter Körpererfahrung in Rock gab es hierzulande um '68 herum vor allem Versuche der Indienstnahme - so etwa beim gescheiterten Versuch der Kommune 1, Frank Zappa zu agitieren. Stattdessen gab es "schließlich eine besondere Spielart des Rock, die man getrost zu den hiesigen musikalischen Sonderwegen (wie eben auch den Schlager) rechnen kann: den sogenannten Polit-Rock. ... Wenige dieser Bands, die nun begannen, auf Deutsch zu Rockmusik zu singen, schafften es, neben Gymnasiastenlyrik und Parolendrescherei auch das zu innervieren, was Rockmusik einst auszeichnete: nämlich Alltagserfahrung ästhetisch zu bearbeiten."

Weiteres: Auf dem Sampler "Keine Bewegung 2", der Indie-Pop aus Deutschland versammelt, werde zwar "wenig neu erfunden, dafür umso genialer geklaut, neu vermessen und kühn verleimt", schreibt Julia Lorenz in der taz. Christine Lemke-Matwey berichtet in der Zeit von ihrer Begegnung mit dem Komponisten Helmut Oehring. Für die taz porträtiert Monika Dietl den Berliner Konzertveranstalter Michael Schäumer, der mittlerweile im Sudan Festivals organisiert.

Besprochen werden ein Buch über DAF (Freitag), Laurenz Lüttekens neue Mozart-Biografie (SZ) und eine neue CD der Mezzosopranistin Cecilia Bartoli und Cellistin Sol Gabetta (Standard).
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Literatur

Überraschend hat die Witwe Louis-Ferdinand Célines, die mittlerweile 105 Jahre alte Lucette Almanzor-Destouches die Publikation der antisemitischen Pamphlete des Autors bei Gallimard gestattet, berichtet Helmut Mayer in der FAZ. Natürlich plane der Verlag eine gründlich kommentierte Ausgabe, aber es gibt dennoch Proteste. Serge Klarsfeld, Präsident einer jüdischen Organisation, "kündigte, wenig überraschend, Gerichtsklagen an. Wenn man negationistische und antisemitische Äußerungen von Leuten wie Alain Soral oder Dieudonné mit dem Gesetz begegnen kann, müsse das erst recht für Céline gelten, so zitierte ihn der Figaro."

Außerdem: In einem online nachgereichten Artikel aus der Literarischen Welt erinnert Sarah Pines an die Schriftstellerin Leah Goldberg. Christoph Lüthy schreibt in der NZZ über die Wiederentdeckung von Lukrez' Gedicht "De rerum natura" vor 600 Jahren, das wegen seiner naturwissenschaftlichen Ausrichtung von der Kirche bis ins Jahr 1966 in regelmäßigen Abständen verboten wurde. In der NZZ erzählt Michael Schilliger wie er sich zur Überquerung des Viktoriasees als Passagier auf ein Frachtschiff schmuggelte. Der WDR hat eine zwölfteilige Hörspieladaption von Cixin Lius Science-Fiction-Roman "Die drei Sonnen" online gestellt.

Besprochen werden Ina Hartwigs Biografie über Ingeborg Bachmann (taz), Georges Perecs "Das Leben Gebrauchsanweisung" (SZ), Han Kangs "Menschenwerk" (Freitag), Gerhard Köpfs "Das Dorf der 13 Dörfer" (Freitag), Andreas Pflügers "Niemals" (Tagesspiegel), Tristan Garcias "Faber. Der Zerstörer" (NZZ), der von Adrian Kasnitz und Wassiliki Knithaki herausgegebene Gedichtband "Kleine Tiere zum Schlachten - Neue Gedichte aus Griechenland" (Freitag) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter "Ein Löwe in der Bibliothek" von Kevin Hawkes und Michelle Knudsen (FAZ).
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Film

"Man muss die Person von ihrem Werk trennen", sagt Ridley Scott im SZ-Interview mit Jürgen Schmieder. Er hat Kevin Spacey aus seinem bereits fertiggestellten neuen Film "Alles Geld der Welt" herausgeschnitten, als Spacey im Zuge der #MeToo-Debatte sexueller Übergriffe beschuldigt wurde. Ersetzt wurden seine Szenen in Windeseile durch nachgedrehte Szenen mit Christopher Plummer. Seine Einstellung dazu erklärt Scott so: Spacey hätte das Gesamtwerk ruiniert, es hätte ein finanzielles Fiasko gegeben. "Ich bin auch Geschäftsmann. Die Alternative war, 45 Millionen Dollar zu verlieren. Mein Team arbeitet effizient, wir haben das alles innerhalb von zwei Tagen geklärt. Die anderen Schauspieler Mark Wahlberg und Michelle Williams haben sofort mitgemacht, ohne einen Cent mehr zu verlangen."

Passend zu #MeToo und daran anhängige Diskussionen: Filme mit weiblichen Hauptrollen gingen 2017 ausgesprochen gut, berichtet Marietta Steinhart auf ZeitOnline im Jahresrückblick. "Statistisch betrachtet gehen mehr Frauen als Männer ins Kino. Und trotzdem haben Filmstudios lange Zeit 'den männlichen Teenager als den Heiligen Gral unter den Zusehern kultiviert und umworben', sagt die Produzentin Janet Grillo. Mit dem Ergebnis, dass Action- und Abenteuerfilme die wirtschaftlich stärksten Genres geworden sind, und da in der westlichen Kulturproduktion Heldentum immer noch Männersache ist, erhält sich die geschlechtsspezifische Ungleichheit selbst aufrecht."

Was die Filmgeschichte angeht, sind Streamingdienste ziemlich arm aufgestellt - zugleich graben sie Videotheken das Wasser ab. Ein Verlust, meint der Filmwissenschaftler Tobias Haupts im Gespräch, das Tilman Baumgärtel für die Berliner Zeitung geführt hat: "Netflix und Amazon wiederholen die Fehler, die die Videotheken in den 80er-Jahren gemacht haben: Sie verstopfen ihren Kanal mit Billigproduktionen. ... Als filminteressierter Mensch merkt man recht bald, dass selbst viele Filme aus den 80er- und 90er-Jahren als DVD oder Stream schlicht nicht zur Verfügung stehen. Es ist eine Illusion zu glauben, im Zeitalter von Netflix sei alles als Stream zu haben."

Regisseur Uwe Janson ärgert sich im FAS-Gespräch mit Harald Staun über die Betulichkeit des deutschen Fernsehfilms. Mit seiner Serienadaption "Das Pubertier" habe er in der jungen Zielgruppe einen achtbaren Erfolg hingelegt, sagt er. Abgesetzt wurde die Serie dennoch - weil das geriatrische Publikumssegment nicht eingeschaltet hatte. "Ich denke nicht, dass das der richtige Weg ist, auch mit Blick auf die Quote. Das ZDF setzt auf die Leute, die irgendwann wegsterben. ... Diese Gemengelage, dass man Fernsehen und Kino so miteinander verzahnt hat, tut keiner Seite gut. Sie hat zur Folge, dass wir ständig nur Programme haben, die FSK 12 sind, weil der Kinofilm ja um 20.15 Uhr ausgestrahlt werden muss. Welcher Actionfilm, welcher Thriller, welcher Horror-, Sci-Fi oder Mysteryfilm kann dabei rauskommen?"

Weiteres: Im Standard erinnert Gerhard Zeillinger an Willi Forsts vor 70 Jahren ins Kino gekommenen Film "Hofrat Geiger", der die Österreicher nach dem Krieg vor allzu drängenden Fragen mit einem Heile-Welt-Idylll verschonte. Besprochen wird Yorgos Lanthimos' "The Killing of a Sacred Deer" (Berliner Zeitung).
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Design

Für die NZZ besucht Gabriele Detterer eine Schrank-Ausstellung im Gewerbemuseum in Winterthur.
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Stichwörter: Möbeldesign

Bühne

Der Tagesspiegel meldet, dass die Deutsche Oper Berlin wegen einer defekten Sprinkleranlage unter Wasser steht und bis auf weiteres geschlossen bleibt.

Besprochen werden Jan Bosses "Hauptmann von Köpenick und Ferdinand Schmalz' "schlammland. gewalt" im Deutschen Theater Berlin (Berliner Zeitung, FAZ), Oscar Straus' Operette "Die lustigen Nibelungen" (FR, online musik magazin, FAZ) und Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" in Wien (FAZ, Presse, SZ).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Ferdinand Schmalz

Architektur


Renzo Pianos Whitney Museum im Meat packing District in New York. Foto: RPBW

Die Welt druckt ein Interview mit Renzo Piano aus La Repubblica nach, in dem der italienische Architekt über die Macht der Schönheit, die Barbarei der Selfies und die Zugänglichkeit seiner Museen spricht: "Ein Museum kann ein Gewissen anregen, es kann die Neugier wecken, die den Beginn eines bewussten Lebens bedeutet. Wir müssen deshalb den Mut aufbringen, 'hinauszublicken in die Dunkelheit', wie die große Schriftstellerin Marguerite Yourcenar es nannte. Also sind Museen die Orte, an denen für dich ein Wunder passieren kann, ein magischer Moment, so wie es für so viele von uns geschah: Eine Zeichnung, eine Skizze, ein Satz, ein Musikstück können bei einem jungen Menschen den Start in ein kreatives Leben bedeuten. Das passiert dann, wenn das Museum es schafft, uns diese Schwingungen fühlen zu lassen, indem es dich davon überzeugt, dass du nicht nur ein passiver Nutznießer bist. Das ist für die Jüngeren enorm wichtig. Meine Idee der Zugänglichkeit ist nicht nur eine Taktik, es ist auch kein politischer Slogan, sondern ich verstehe darunter einen tief gehenden Wert."
Archiv: Architektur