Bücherbrief

Sehnsucht zu dichten?

04.12.2008. Raoul Schrott befördert die Ilias mit Karacho ins 21. Jahrhundert. John Le Carre schickt einen jungen Moslem nach Hamburg und in die Fänge der Geheimdienste. Stephen Fry macht uns zu Dichtern. Alexander Kluge verführt uns zu Marx. Laszlo Földenyi macht uns klüger. Klaus Kreiser porträtiert Atatürk. Die besten Bücher im Monat Dezember.
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Noch mehr Anregungen gibt es natürlich weiterhin
- im vergangenen Bücherbrief
- in der Krimikolumne "Mord und Ratschlag"
- in den "Büchern der Saison" vom Herbst 2008
- und in der Shortlist des Deutschen Buchpreises mit Links zu allen Kritiken


Literatur

Vincenzo Consolo
Palermo. Der Schmerz
Roman
Folio Verlag Wien/Bozen 2008, 19,50 Euro

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Vincenzo Consolo ist kein Newcomer: Der sizilianische Autor wurde 1933 geboren. In "Palermo" kehrt ein alter Schriftsteller nach Jahrzehnten der Abwesenheit in seine von der Mafia gezeichnete Heimatstadt zurück. 50 Jahre Zeitgeschichte zittern in diesem kurzen Roman (144 Seiten) mit, schreibt Franz Haas in der NZZ. Dabei ist dieser in Sprüngen erzählte Lebenslauf in ein dichtes Referenznetz von offenen und versteckten Zitaten aus Literatur, Kunst und Musik gebettet, so Haas fasziniert. Die Kürze des Werks nennt er darum "fulminant".


Homer
Ilias
Carl Hanser Verlag München 2008, 34,90 Euro

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Raoul Schrotts Thesen zu Homer sind in den Feuilletons nicht so gut angekommen, aber seine Neuübersetzung der "Ilias" für Hanser wird sehr gelobt, in FAZ, SZ, NZZ und FR. Schrott orientiert sich offenbar weniger am Wortlaut als am Gemeinten. Und er hat Homers Klassiker mit Schwung ins 21. Jahrhundert befördert. Ein Beispiel: "er zerschmetterte seine stirnhöhlen, die augen flutschten heraus / und in den staub - während er rücklings aus dem wagen kippte / wie ein taucher aus einem boot und voll auf die erde plumpste / wo er keinen zappler mehr tat". Das ist nicht jedermanns Geschmack, und auch die konsequente Kleinschreibung mag abschreckend wirken. Soll man deshalb zu einer älteren - vielleicht aber auch altbackeneren - Übersetzung greifen? Der Mediävist Kurt Flasch hat eine wendungsreiche, amüsante und äußerst informative Kritik zu diesem Buch geschrieben, die einem wirklich bei der Entscheidung hilft.


John Le Carre
Marionetten
Roman
Ullstein Verlag Berlin 2008, 22,90 Euro

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John Le Carre kann einfach nichts mehr falsch machen, auch auf seinen neuen Roman singen die Kritiker Hymnen der Begeisterung. "Marionetten" spielt in Hamburg in der nervösen Zeit nach dem 11. September, und im Mittelpunkt steht der junge Moslem Issa, der unter Terrorverdacht und in die Mühlen der Geheimdienste gerät. Als ein "Wunderstück literarischer Verführungskunst" preist die Zeit den Roman. Die FR freut sich, wie lakonisch Le Carre von den "bodenlosen Dummheiten" im Kampf gegen den Terror erzählt. Die SZ versichert, dass niemand so gut die spezielle deutsche Mixtur aus "Beschaulichkeit und Verhängnis" schildere. Die taz allerdings mochte diesen von "Volltrotteln" bevölkerten Roman überhaupt nicht.


Stephen Fry
Feigen, die fusseln
Entfessle den Dichter in dir
Aufbau Verlag Berlin 2008, 22,95 Euro

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Als Trickbetrüger war Stephen Fry ein Reinfall, schon der erste Versuch - so will es die Legende - brachte ihm eine dreimonatige Gefängnisstrafe in Pucklechurch in South Gloucestershire ein. Als Autor, Schauspieler und Komiker dagegen hat er Format! Und offenbar auch als Lyriklehrer. Der Schriftsteller und Dichter Dirk von Petersdorff zumindest ist hellauf begeistert von Frys Gedichtschule, die, wie er in der FAZ schreibt, unsere "Sehnsucht zu dichten" schürt und uns zugleich Grundlegendes zu Reimschema, Metrik und Versform beibringt - Übungsteil inklusive. Übersetzt wurde das Ganze übrigens vom Münchner Graduiertenkolleg für literarisches Übersetzen.


Sachbuch

Klaus Kreiser
Atatürk
Eine Biografie
Beck Verlag, München 2008, 24,90 Euro

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Mit sehr großem Lob bedacht wurde Klaus Kreisers Atatürk-Biografie. Die Rezensenten bewunderten nicht nur die Materialfülle des Buchs und die kenntnisreichen Ausführungen, sondern auch die lebendige und packende Darstellung. Atatürk werde hier weder verdammt noch verherrlicht, sondern erscheine ganz als "Mensch seiner Zeit", schreibt die NZZ. Auch die Zeit lobt das "nicht eifernde, ausgewogene Urteil" des Biografen.


Sudhir Venkatesh
Underground Economy
Was Gangs und Unternehmen gemeinsam haben
Econ Verlag Berlin 2008, 18,00 Euro

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Als Sudhir Vekatesh noch nicht Professor der Soziologie war, sondern Student, stapfte er mit einem Fragebogen bewaffnet los, um in Chicagos Sozialbausiedlungen zu recherchieren: "Was für ein Gefühl ist es, schwarz und arm zu sein?", wollte er wissen. Er blieb zehn Jahre - dank der Protektion des Gangleaders J.T., der die - mittlerweile abgerissenen - "Robert Taylor Homes" in der Chicagoer South Side managte, die schon Jahre zuvor von Stadtverwaltung, Polizei und Rettungsdiensten aufgegeben wurden. Bahnbrechend findet die FR Venkateshs aus diesen Erfahrungen hervorgegangenes Buch "Underground Economy", das ihr tiefe Einblicke in die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft gewährte und auch den Unterschied zwischen "Afroamerikanern "und "Niggern" erklärte. die Zeit lobt ebenfalls dieses sehr präzises Bild der ökonomischen Strukturen und Machtverhältnisse im Ghetto.


Laszlo Földenyi
Dostojewski liest in Sibirien Hegel und bricht in Tränen aus
Matthes und Seitz Berlin 2008, 10 Euro

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Sibirien liege "außerhalb der Geschichte", hat Hegel in seiner "Philosophie der Geschichte" geglaubt. Auf diese Passage bezieht sich Laszlo Földenyi in seinem Essay "Dostojewski liest in Sibirien Hegel und bricht in Tränen aus", um die Verzweiflung des Verbannten gegen den Optimismus des Geschichtsphilosophen zu stellen. Ganz bescheiden werden die deutschen Kritiker, wenn sie den ungarischen Literaturwissenschaftler lesen, der ihrer Meinung nach Lesekunst, Klarheit und Stil verbindet. "Man liest Földenyi und wird deutlich klüger dabei", schwärmt Arno Widmann in der FR. Die FAZ sieht in dem Band nicht nur einen "wunderbar intelligenten und stilistisch brillanten Essay", sondern auch ein "Plädoyer für die Denkfreiheit", wie sie in einem kurzen, aber heftigen Lob schreibt.


Alexander Kluge
Nachrichten aus der ideologischen Antike
Marx - Eisenstein - Das Kapital
Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2008, 29,90 Euro

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Alexander Kluges erster Film mit ISBN-Nummer! Aber es ist ja kein Film, es ist eine DVD, es ist etwas ganz Neues. Zehn Stunden. Andreas Isenschmid äußert sich in der Zeit überwältigt. Wie der Rezensent schreibt, verbindet Kluge dokumentarische und inszenierte Sequenzen, Reflexionen über Hölderlin und Schiller sowie Interviews mit Peter Sloterdijk, Boris Groys oder Helge Schneider. Geradezu für eine "Offenbarung" hält Isenschmid die 45 Minuten mit dem Autor Dietmar Dath. Was den Film dabei zusammenhält, ist laut Isenschmid die "ziellos schweifende Neugierde". Und die sanfte Stimme des Meisters nicht zu vegessen, die einen glatt zu Marx bekehren könne.


Tim Benton und Jean-Louis Cohen (Hrsg.)
Le Corbusier Le Grand
Bildbiographie
Phaidon Verlag Berlin 2008, 150 Euro

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Ein ideales Weihnachtsgeschenk für die Liebhaber der klassischen Moderne in der Architektur. Diese Bildbiografie über Le Corbusier hat Michael Mönninger in der SZ begeistert. Erstens wegen der vielen hier reprografierten Zeichnungen und Aquarelle des Architekten und mehr noch wegen seines bisher unbekannten Entwurfs für ein schwimmendes Obdachlosenasyl.