Bücherbrief

Kritiker im Handgemenge

05.11.2008. Romane über Islamisten und die Wirklichkeit eines polnischen Dorfes, eine Hundenovelle, eine Wedekind-Biografie, George Soros' Erklärung der Finanzkrise, ein Bericht über den Terror in Moskau 1937 und ein Streit um den Gottesbeweis des Anselm von Canterbury - dies alles und mehr in den Büchern des Novembers.
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Noch mehr Anregungen gibt es natürlich weiterhin
- im vergangenen Bücherbrief
- in der Krimikolumne "Mord und Ratschlag"
- in den "Büchern der Saison" vom Frühjahr 2008
- und in der Shortlist des Deutschen Buchpreises mit Links zu allen Kritiken



Literatur

Murathan Mungan
Tschador
Roman
Blumenbar Verlag, München 2008, 15,90 Euro

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Tief beeindruckt hat die Kritiker diese kurz gefasste Vision einer Gesellschaft nach Religionskrieg, Bilderverbot und und Durchkreuzung weiblicher Identität. Es ist nur eine Novelle, aber ihre stille Sprachkraft - Gerhard Meier erhält hohes Lob für die Übersetzung - schnürt die Kehlen ein: Iris Radisch findet in der Zeit dafür das Wort "betörende Mondstaub-Prosa". Sie schätzt Murathan Mungans Bedeutung nach der Lektüre dieses Buchs als ebenso groß ein wie die Orhan Pamuks. Indem sie Politisches und Privates verschmelze, sei diese Geschichte charakteristisch für Mungan, befindet Tobias Völker in der taz. Und der offen schwul lebende Autor kurdisch-arabischer Abstammung wisse, wovon er da schreibe, versichert der Rezensent.


Miroslaw Nahacz
Bombel
Roman
Weissbooks, Frankfurt am Main 2008, 18,80 Euro

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Miroslaw Nahacz galt als der begabteste Autor seiner Generation in Polen. Letztes Jahr hat er sich im Alter von 22 Jahren erhängt. Der neue Weissbooks-Verlag hat "Bombal" von Renate Schmidgall übersetzten lassen - und den schmalen Band durch ein Nachwort des seelenverwandten Andrzej Stasiuk ergänzen. Das Buch wurde bisher nur von der FAZ besprochen. Stefanie Peter sympathisiert mit dem Helden Bombel, der durch die schäbige Wirklichkeit eines polnischen Dorfes monologisiert, immer schwankend zwischen alkoholvernebelten Delirien und hellsichtig-philosophischen Bestandsaufnahmen.


Alina Bronsky
Scherbenpark
Roman
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2008, 16,95 Euro

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Alina Bronskys "Scherbenpark" (Leseprobe) ist der seltene Fall eines "unverlangt eingesandten Manuskripts", das es zum Spitzentitel eines Verlags gebracht hat - und das noch in der Herbstsaison. In simpler und direkter Sprache erzählt die junge Debütantin aus dem Lebern der Russlanddeutschen am Rande der hiesigen Gesellschaft. Die Reaktionen schwankten zwischen Begeisterung und brüsker Ablehnung. Barbara von Becker lässt sich in der FR von der Autorin mitreißen, auch wenn sie Schwächen des Plots nicht verschweigt. Auch Oliver Jungen feiert in der FAZ das "gelungene Debüt" und lobt vor allem die unverblümte Einfachheit der Sprache. Ganz anders David Hugendick in der Zeit: "hingeächzt" sei die Liebesgeschichte.


Marion Poschmann
Hundenovelle
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2008, 17,80 Euro

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Marion Poschmanns "Hundenovelle" ist mit ihren 128 Seiten angesichts eines Trumms wie Uwe Tellkamps "Turm" eine der unauffälligeren Neuerscheinungen der Saison. Aber die Kritiker, die das Buch gelesen haben, waren atemlos vor Staunen und Faszination. "Der Hund lässt sich nicht abschütteln und drängt sich durch den Türspalt in ihre Wohnung. Sie kauft ihm zögerlich Tiernahrung, bringt ihn in einen Hundesalon. Mit dem imposanten Tier tritt ein Gegenüber in ihr Leben, das auf verstörende Weise immer mehr Platz in ihrer Einsamkeit einnimmt", heißt es im Klappentext. Die daraus folgende Begegnung zwischen Erzählerin und Hund gleicht "einem Schwindel, einem Abdriften und gleichzeitigen Auftauchen, einer Halluzination", stottert Barbara Villiger Heilig in der NZZ. Sämtliche Rezensenten stimmen ihr zu. Nur der "Flauschfaktor" ist gleich null, warnt Jutta Person in der SZ.


Krimi

Jean-Francois Vilar
Die Verschwundenen
Roman
Assoziation A, Berlin - Hamburg 2008, 24,00 Euro

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Auch hier nur eine Besprechung, aber auch sie fasziniert genug, dass wir sie weiterkolportieren: Die "fantastisch faktentreue" Rekonstruktion, das virtuose Ineinanderflechten von Wirklichkeit, Geschichte und Fiktion scheinen das Faszinierende an diesem Roman zu sein - und Dimensionen hat er genug: Er verknüpft das Paris des Jahres 1938 mit dem Prag des Jahres 1989. Nationalsozialismus, Trotzkismus, Stalinismus, künstlerische Avantgarde und Mauerfall sind die Folie, vor der sich der Plot abspielt. "Ein großes Buch, von radikaler Wahrhaftigkeit und Kunst", resümiert fast atemlos Rezensent Thomas Gohlis in der Zeit.


Sachbuch

Anatol Regnier
Frank Wedekind
Eine Männertragödie
Albrecht Knaus Verlag, München 2008, 22,95 Euro

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Es scheint in dieser durch den Enkel des Dichters vorgelegten Biografie im wesentlichen um Frank Wedekinds sexuelle Vorlieben zu gehen. Thomas Karlauf, selbst Autor einer viel gefeierten George-Biografie, fand sie in der FAZ schauerlich, aber auch aufregend. Regnier schafft es laut Rezensent, über dieses Thema viel Literarisches und Zeitkolorit zu transportieren. Für den Bayerischen Rundfunk las sich das Buch "wie ein guter Roman". Er hat auch ein Interview mit Regnier geführt, das man hier hören kann.


George Soros
Das Ende der Finanzmärkte und deren Zukunft
Die heutige Finanzkrise und was sie bedeutet
Finanzbuch Verlag, München 2008, 24,90 Euro

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Die Bank von England kann ein Lied davon singen, dass man niemals gegen George Soros wetten sollte, und auch die New York Review of Books weiß, dass Soros mit seinen Vorhersagen in Buch- oder Anlageform meist richtig gelegen hat. Wenn er in seinem Manifest "Das Ende der Finanzmärkte" nun das Ende einer Ära prophezeit und für das Ende des billigen Geldes und der unregulierten Finanzmärkte plädiert, dann folgt sie ihm. Für die FR ist das Buch eine der "aufregendsten Lektüren unserer Zeit", weil hier ein "Kritiker im Handgemenge" die Marktlage analysiert. Und nur noch bewundernd staunen kann sie, wenn mit Soros einer der erfolgreichsten Spekulanten des 20. Jahrhunderts den Texten eines George Lukacs "so radikal nahe" kommt.


Kurt Flasch
Kampfplätze der Philosophie
Große Kontroversen von Augustin bis Voltaire
Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 2008, 34 Euro

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Kurt Flasch erzählt in seinem Buch "Kampfplätze der Philosophie" die Geschichte der Philosophie als Geschichte der großen Kontroversen, als unablässigen Kampf um die Wahrheit. Und wenn man den Kritikern glaubt, tut er das sehr anschaulich und verständlich. Die FR ist begeistert: Flasch erkläre alles, von dem man glaubte, dass man es nie verstehen würde: den Gottesbeweis des Anselm von Canterbury etwa, oder die Auseinandersetzungen zwischen Berengar von Tours und Lanfrank von Bec um Jesu Worte beim Letzten Abendmahl, zwischen Abaelard und Bernhard von Clairvaux oder zwischen Albertus Magnus und Averroes. "Spannend" und "geistvoll serviert" findet dies auch die FAZ. Die taz ist verblüfft, wie lange und wie hartnäckig Glaube und philosophischer Vernunft miteinander gerungen haben.


Karl Schlögel
Terror und Traum
Moskau 1937
Carl Hanser Verlag, München 2008, 29, 90 Euro

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Gebannt sind die Kritiker Karl Schlögel in das Moskau des verfluchten Jahres 1937, in das Jahr des Großen Terrors gefolgt. Eine der "größten geschichtlichen Katastrophen" sieht die SZ hier behandelt, seitdem sei der "Traum von der gerechten Gesellschaft" unauflöslich verbunden mit "Terror, Arbeitslager und überwachungsfreundlicher Gemeinschaftswohnung". In der Zeit rühmt der Historiker Gerd Koenen dieses "irrisierende Gesamtpanorama", das den Massenterror in das "Bild einer stürmische Industrialisierung, Mobilisierung und Urbanisierung" einordnet. Auch die NZZ ist tief beeindruckt von dieser "Geschichte der Gleichzeitigkeit", die das alltägliche Leben in Moskau der Ermordung Hunderttausender gegenüberstellt.


Jon Savage
Teenage
Die Erfindung der Jugend (1875-1945)
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2008, 29,90 Euro

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Die Jugend wird immer wieder neu erfunden. Von sich selbst, von politischen Bewegungen, von der Unterhaltungsindustrie. Der britische Musikjournalist Jon Savage spürt in seinem Buch dem Phänomen des "Teenage" in allen erdenklichen Facetten nach. Die FR hat mit Interesse verfolgt, welche Idole sich die Jugend im Laufe der Zeit alles gegeben hat, von Judy Garland über Elvis Presley und Tony Montana bis zum Gangster-Rapper. Der NZZ gehen zwar einige Deutungen zu weit, aber vom Schwung und der stringenten Montage des Materials hat sie sich durchaus mitreißen lassen. Die FAZ baut allzu hohen Erwartungen an eine vollständige Behandlung des Themas vor und lobt Savages Bild der Jugend eher als pointillistisch.


Hörbuch

Edgar Allan Poe
Der umständliche Bericht des Arthur Gordon Pym aus Nantucket
7 CDs. Ungekürzte Lesung von Christian Brückner
Parlando Verlag, Berlin 2008, 29,95 Euro

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Für die SZ ist "Der umständliche Bericht des Arthur Gordon Pym von Nantucket" nicht nur Edgar Allen Poes längster Text, sondern auch der rätselhafteste. Aber von Ausdauertraining kann keine Rede sein! Mit angehaltenem Atem hat Wilhelm Trapp die Abenteuer Pyms verfolgt, die ihn durch die "Höllenkreise der Seefahrt" tief hinab führten in die Abgründe des menschlichen Zweifels und der Sinnlosigkeit. Begeistert ist Trapp auch von Christian Brückners Interpretation: Der Stimmkünstler sei der Inbegriff eines Männertyps, der "ein wenig zur Hysterie neigt".