Außer Atem: Das Berlinale Blog

Bewegungskino reinster Form: Steven Soderberghs 'Haywire' (Wettbewerb, außer Konkurrenz)

Von Thomas Groh
16.02.2012.

In gewisser Hinsicht holt Steven Soderbergh mit "Haywire" den Menschen ins zuletzt von bigger-than-life-Computeranimationen und verwackelten, hektisch montierten Handkamerabildern bestimmte Actionkino zurück: Kaum einmal, dass seine Kamera ins Geschehen eindringt, häufiger bleibt sie auf gut ein, zwei Schritte Abstand, filmt in verhältnismäßig langen Einstellungen den Kampf zwischen zwei Körpern in ihrer Gesamtheit, deren Wendigkeit, noch mehr aber deren brutale Wucht zum Spektakel wird: Wenn Gina Carano, hier in der Rolle der Mallory Kane, die im Auftrag einer der Regierung unterstellten Privatfirma weltweit die schmutzigen Jobs übernimmt, zuschlägt, tun die Knochen schon beim Hinsehen weh. Kein Wunder: Carano blickt auf eine erfolgreiche Karriere als Mixed-Martial-Arts-Kämpferin zurück. Für "Haywire", für Soderbergh ist sie ein ungeheurer Gewinn: Kaum eine Viertelstunde vergeht, ohne dass Carano atemberaubend die Fäuste schwingt und noch ganz andere Stunts vollführt, um ihre Häscher zu erlegen.


In gewisser Hinsicht holt Steven Soderbergh mit "Haywire" den Menschen ins zuletzt von bigger-than-life-Computeranimationen und verwackelten, hektisch montierten Handkamerabildern bestimmte Actionkino zurück: Kaum einmal, dass seine Kamera ins Geschehen eindringt, häufiger bleibt sie auf gut ein, zwei Schritte Abstand, filmt in verhältnismäßig langen Einstellungen den Kampf zwischen zwei Körpern in ihrer Gesamtheit, deren Wendigkeit, noch mehr aber deren brutale Wucht zum Spektakel wird: Wenn Gina Carano, hier in der Rolle der Mallory Kane, die im Auftrag einer der Regierung unterstellten Privatfirma weltweit die schmutzigen Jobs übernimmt, zuschlägt, tun die Knochen schon beim Hinsehen weh. Kein Wunder: Carano blickt auf eine erfolgreiche Karriere als Mixed-Martial-Arts-Kämpferin zurück. Für "Haywire", für Soderbergh ist sie ein ungeheurer Gewinn: Kaum eine Viertelstunde vergeht, ohne dass Carano atemberaubend die Fäuste schwingt und noch ganz andere Stunts vollführt, um ihre Häscher zu erlegen.

Der Häscher gibt es einige: Eine Geiselbefreiung in Dublin entpuppt sich als zunächst undurchschaubares, abgekartetes Spiel, in dessen Verlauf Kane als Bauernopfer zu fallen hat. Schnell kommt sie der Sache auf die Schliche, überlebt und schlägt sich fortan buchstäblich durch, um dem Komplott einiger alter Männer gegen sie auf den Grund zu gehen. Auch hier kaum Mätzchen: Die zwar zunächst in Rückblenden erzählte Geschichte schwenkt bald ins Präsens um, bleibt in ihren Vektoren und Relationen aber stets überschaubar. Kein Angebermodus - klare Stoßrichtungen, bis hin zur Auflösung am Ende.



"Haywire" fühlt sich an wie ein guter Pulpthriller-Roman im No-Nonsense-Modus: Hardboiled-Existenzialismus der schönen Sorte, hier erweitert um die klare, filmische Haltung. Ein wenig fühlt man sich an die großartige Modesty Blaise erinnert, die Comic- und später auch Romanheldin aus der Feder Peter O'Donnells aus den 60ern, eine Art weibliche Antwort auf James Bond. Hier wie dort steht eine souverän handelnde, starke Frau im Mittelpunkt, die körperlich so gut austeilen wie einstecken kann und gehörig streetwise ist. Abgezogen ist lediglich die britische 60s-Ironie vor Pop-Art-Kulisse, Modesty blieb allen Karatekenntnissen zum Trotz eben immer auch feine Lady. Die schon im Namen ähnlich klingende Mallory Kane indessen ist wunderbar tough.

Es gibt großartig gefilmte Szenen in diesem Film zu sehen: Mallory auf den Straßen Dublins, wie ihr langsam dämmert, verfolgt zu werden. Ihre Flucht über die Dächer, als ihr Polizeibrigaden direkt auf den Fersen sind - wobei auch hier der filmische Raum stets bis an die Grenze des Möglichen klar und ungebrochen bleibt. Eine atemberaubend zum Erliegen kommende Autoverfolgungsjagd durch einen verschneiten Wald. Überhaupt immer wieder aus oft souveräner Perspektive gefilmte Verfolgungsjagden, die Jäger und Gejagten in einem Blick zu halten versuchen, verflucht häufig Schlägereien in der Totalen statt der Halbnahen.

Dabei schien sich mir ein Muster zu ergeben, das vielleicht einer genaueren Überprüfung bedarf: Auffallend häufig sorgen zu Beginn Momente reinster surprise für eine unvermittelt neue Koordinatenlage. Je souveräner Mallorys Lage wird, umso häufiger attackiert sie aus der Tiefe des Raums, drängt sich, für den Zuschauer schon lang vorab zu sehen, aus dem Unschärfebereich des Bildes nach vorne, um ihre nun überraschten Gegner zornig zu richten. Man mag mich eines Besseren belehren, aber mir scheint: Sowas hat das Körper- und Bewegungskino, das der Actionfilm für lange Zeit mal war und zu dem "Haywire" in reinster Form zurückkehrt, noch nicht gesehen.

"Haywire". Regie: Steven Soderbergh. Mit: Gina Carano, Channing Tatum, Michael Fassbender, Ewan McGregor, Michael Angarano, Antonio Banderas, Michael Douglas u.a., USA 2011, 93 Minuten. (Vorführtermine)