9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

821 Presseschau-Absätze - Seite 26 von 83

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2020 - Religion

Der Iran ist nach offiziellen Statistiken des Landes zu 99 Prozent muslimisch, natürlich vorwiegend schiitisch. Adrian Beck zitiert nun bei hpd.de Zahlen einer niederländischen Forschungsgruppe, die sich ganz anders lesen. Danach geben nur 37 Prozent der Befragten an, sich tatsächlich mit dem Islam zu identifizieren. "Interessant ist besonders der weltanschauliche Werdegang der Iraner:innen: Fast jeder zweite Mensch gibt an, im Laufe des Lebens von der Religion abgefallen zu sein. Dies gilt faszinierenderweise für jede Altersgruppe, jedes Geschlecht, mit Universitätsabschluss und ohne und auf dem Land wie in der Stadt gleichermaßen. Darauf aufbauend zeigen sich massive Veränderungen im Alltag der Iraner:innen: 60 Prozent aller Befragten geben an, die verpflichtenden Tagesgebete nicht durchzuführen. In einer anderen staatlich unterstützen Umfrage dieses Jahres geben gleichfalls 60 Prozent an, während des Ramadan nicht zu fasten... Zum Vergleich: 1975, vor der Islamischen Revolution, gaben über 80 Prozent an, die Fastengebote und den Gebetsimperativ zu beachten." Wir empfehlen folgende Packungsaufschrift: Gottesstaaten schaden der Religion.
Stichwörter: Iran, Ramadan

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2020 - Religion

Der Islam ist eigentlich eine Friedensreligion, die seit Mohammed jedoch von Gotteskriegern, Islamisten und Autokraten missbraucht wird. So lautet im wesentlichen die These des Islamwissenschafters Mouhanad Khorchide, die er in seinem Buch "Gottes falsche Anwälte. Der Verrat am Islam" ausführt. Das ist Geschichtsklitterung, entgegnet ihm heute in der NZZ der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi. Auch die frühe Geschichte des Islam sei voller Gewalttaten, wie die Ermordung und Versklavung der Juden von Medina zeige: "Die politische Rolle des Propheten abzustreiten und ihn zum falsch verstandenen Friedensengel zu stilisieren, löst keine Probleme, sondern macht Khorchides Thesen angreifbar. Stattdessen müsste eine muslimische Erinnerungskultur sowohl die Ambiguität des Wirkens des Propheten als auch die im Koran angelegte Ambiguität seines offenbarten Islams zwischen ethisch-moralischen Lehren und politischem Wirken ernst nehmen und für eine Reform des Islams nutzbar machen. Eine solche Erinnerungskultur erlaubte allen Muslimen, Anteil an den Schicksalen der im Namen des Islams vertriebenen und hingerichteten Opfer der damaligen Zeit zu nehmen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2020 - Religion

Die tunesische Bloggerin Emna Chargui hatte eine Aufforderung, die Hyieneregeln für Corona einzuhalten, im Stil einer Koransure präsentiert. Das reichte, um ihr den Blsaphemievorwurf einzubringen und sie aus Tunesien zu vertreiben - vorerst hat sie in Deutschland Zuflucht gesucht, während sie in den sozialen Medien unter dem Hashtag #freeemnachargui verteidigt wird, berichtet Hella Camargo in hpd.de: "Obwohl Tunesien - islamistischen Strömungen zum Trotz, die eine solche einfordern - keine Anti-Blasphemie-Gesetzgebung hat, können Menschen wegen Störung der öffentlichen Ruhe oder der öffentlichen Moral, dem Aufruf zum Hass zwischen Religionen, der absichtlichen Störung des Anstandes einer Person oder die Verletzung und Beleidigung in öffentlichen Kommunikationsnetzwerken verurteilt werden. Immer wieder werden diese Möglichkeiten genutzt, um Menschen wegen vermeintlicher Blasphemie zu verurteilen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2020 - Religion

Letzte Woche veröffentlichte die Glaubenskongregation der katholischen Kirche einen Leitfaden zum Thema Kindesmissbrauch. Gisa Bodenstein stellt bei hpd.de zwar einige Fortschritte auch beim Thema Kooperation mit staatlicher Justiz fest. Aber immer noch halte die Kirche am alten Schema fest: "Schon ein Satz ganz zu Beginn offenbart einen Grundsatzfehler katholischen Denkens, der trotz einer langen Geschichte von Erklärungsversuchen immer noch da ist: Die Rede ist vom Selbstverständnis, dass 'jedes dieser Delikte für die ganze Kirche eine tiefe und schmerzhafte Wunde' darstelle, 'die der Heilung bedarf'. Nach wie besteht hier also eine völlig deplatzierte Haltung darüber, wer der Geschädigte von Missbrauch ist. Ohne es zu merken, offenbart die Gemeinschaft der alten Herren einmal mehr, dass eben nicht, wie VaticanNews schreibt, der Opferschutz der 'zentrale Punkt' ist, sondern die Schadensbegrenzung an der Täterorganisation."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2020 - Religion

"Abschied in dieser Welt": Auch mit solchen Schlagzeilen unterstreicht Giovanni Di Lorenzo, dass die Zeit heute die führende katholische Wochenzeitung ist. Zum Tod Georg Ratzingers setzte das Blatt dieses Tweet ab:

Schon letzte Woche durfte die Zeit die letzte Reise des Co-Papstes zu seinem Bruder begleiten, und Andreas Öhler schrieb: "Mit seiner Reise erweckte Joseph Ratzinger das Bibelwort 'Ich war krank, und ihr habt mich besucht' zu neuem Leben. Was für ein Vorbild geschwisterlicher Liebe in Zeiten von Corona, Hass und Gewalt."

Im Aufmacher des SZ-Feuilletons schreibt Rudolf Neumaier einen Nachruf auf Georg Ratzinger, der vor allem in den letzten Lebensjahre darunter litt, nur noch als Papstbruder wahrgenommen zu werden - und den die Chorknaben in dessen Zeit als Domkapellmeister zunächst als "gutmütigen Onkel" wahrnahmen: "Allerdings nur in der Freizeit. In den Chorproben sah das anders aus. Der Chorsaal mit der Raumnummer 800 war berüchtigt als Zuchthalle: Wenn er die Fassung verlor, büßte er seinen Anstand ein - aus dem netten älteren Herrn wurde ein wütender, schreiender, klavierdeckeldreschender Diktator. Leider verlor er die Fassung nicht selten. Bis in die späten Siebzigerjahre, solange es gesetzlich erlaubt war, verteilte er auch Ohrfeigen. Dass Buben im Domspatzen-Internat zu Beginn der Siebziger sexuell missbraucht wurden, will er nicht mitbekommen haben. Das beteuerte er bis zum Schluss, aber kaum einer glaubte ihm das."

540.000 Katholiken und Protestanten traten 2019 aus ihren Glaubensgemeinschaften aus, weiß Malte Lehming im Tagesspiegel. Und dann werde in Folge der Coronakrise für dieses Jahr auch noch "ein drastischer Einbruch bei der Kirchensteuer erwartet", seufzt er und fordert "Traditionsentschlackung" und Stärkung der Ökumene: "In einer zusammenwachsenden Welt sind Christen nicht nur dazu aufgerufen, einander Heimat zu bieten, sondern auch den Gläubigen anderer Religionen. Die Expansion areligiöser Milieus muss religiöse Menschen über konfessionelle Grenzen hinweg verbinden. Wer steht einem frommen Christen näher - ein gläubiger Muslim oder ein atheistischer Deutscher? Mit wem teilt er eine Erfahrungswelt?"

Heute entscheidet ein türkisches Gericht über die Zulassung einer Petition, die die Hagia Sophia wieder von einem Museum in eine Moschee umwidmen will, berichtet Ayla Jean Yackley  in politico.eu: Bis vor einem Jahrzehnt kamen solche Aufforderungen "nur von den Rändern. Doch in den letzten Jahren haben sie an Kraft gewonnen, da die Faszination für die osmanische Vergangenheit der Türkei wuchs, ermutigt durch die islamistisch geprägte Regierung von Erdogan, die viel von der streng säkularen Politik Atatürks zurückgenommen hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.06.2020 - Religion

Die Zeit hat einen Artikel von Ulrich Ladurner online nachgereicht, der die weltweit wachsende Verfolgung von Christen zum Thema hat: "'80 Prozent aller religiös motivierten Gewalt richtet sich gegen Christen', schreibt der Bischof von Truro in England, Philip Mounstephen, in einer 2019 veröffentlichten Untersuchung zur weltweiten Verfolgung von Christen. Die Untersuchung hat eine Institution in Auftrag gegeben, die nicht gerade des religiösen Radikalismus verdächtigt werden kann: das britische Außenministerium. ... Bischof Mounstephen unterstrich bei der Vorstellung des Untersuchungsberichtes, dass es ihm nicht darum gegangen sei, Christen als Art bevorzugte Opfer hervorzuheben und andere zu vergessen. Vielmehr wolle er die Verletzung eines fundamentalen Menschenrechtes aufzeigen: das Recht, zu glauben oder eben nicht zu glauben. Und es ist nun einmal so, dass dieses Recht im besonderen Maße Christen genommen wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2020 - Religion

Corona und Religion. Folgende Geschichte aus Kamerun erzählt Hella Camargo heute bei hpd.de: "Statt mit Covid-19 diagnostizierte Personen zur Selbstquarantäne aufzurufen und die Gemeinde um Hilfen für die Erkrankten zu bitten, gab sich Pastor Franklin Ndifor als Prophet und Heiler aus, der Covid-19 mittels Handauflegen heilen könne. Nach dem Kontakt mit zahlreichen Infizierten erkrankte Ndifor schwer und verstarb letzte Woche 39-jährig in seinem Haus in Bonabéri bei Douala am Virus."
Stichwörter: Coronakrise, Kamerun, Corona, Covid-19

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.05.2020 - Religion

Der ehemalige Fernsehreporter und Autor mehrerer Bücher über Islam in Deutschland Joachim Wagner plädiert in der Welt für das Prinzip "Gesprächskontakte ja, Kooperation nein" im Blick auf Islamverbände, die von ausländischen Staaten oder islamistischen Organisationen gesteuert werden: "Zumindest theoretisch besteht ein Konsens darüber, dass keine Verbände Kooperationspartner des Staates sein dürfen, deren Positionen nicht mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vereinbar sind. Was diese Position für die Praxis bedeutet, ist indes umstritten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2020 - Religion

Vanessa Gaigg erzählt im Standard die Geschichte der jungen Frau Anna, die aus einer christlich-fundamentalistischen Sekte ausgestiegen ist und von der psychischen Gewalt in der Sekte berichtet ("am Tage des Weltgerichts würde sie ohne ihre Eltern auf der Erde zurückbleiben und alleine die Apokalypse erleben müssen - sollte ihr Glaube nicht ausreichen", wurde ihr etwa angedroht). Ercan Nik Nafs, der Jugendanwalt der Stadt Wien, leitet daraus Forderungen an die Politik ab: "Erziehung sei nicht nur Sache der Eltern. Ein Problem sei, dass 'Wohlerzogenheit' oft als Hinweis gewertet werde, dass das Kindeswohl gegeben sei. Kinder aus streng religiösen Gruppen seien aber eben meist brav. 'Die Idee der Wohlerzogenheit steht in einem Spannungsverhältnis zu Autonomiefähigkeit', sagt der Experte. Und fordert: 'Predigten, in denen mit Schuld und Angst gearbeitet wird, sollten in Anwesenheit von Kindern untersagt sein.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2020 - Religion

Christine Kensche redet in der Welt mit Deborah Feldman, deren Geschichte der Flucht aus einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in New York gerade in der Netflix-Serie "Unorthodox" erzählt wurde. Es geht auch um die Corona-Krise - die Hälfte aller Kranken in Israel sind Ultraorthodoxe, die sich nicht an die Regeln halten. Feldmann sagt dazu: "Von außen kann man sie nicht überzeugen. Die jüdische Glaubensgemeinschaft muss Verantwortung dafür übernehmen, dass die Ultraorthodoxen sich und andere schützen. Das wäre die einzige Lösung. Die Gemäßigten müssen mit den Strenggläubigen reden und versuchen, neue Kompromisse zu finden. Bisher war es so, dass die jüdische Welt mit ihren extremen Gruppierungen nichts zu tun haben wollte, weil sie ihr peinlich waren. Damit konfrontiert zu werden, was im Namen des Judentums alles passiert, ist für gemäßigte Orthodoxe sehr unangenehm."

Religiöse Gemeinschaften in der ganzen Welt - ob Schiiten im Iran oder Evangelikale in Südkorea oder Frankreich - haben sich als "Superspreader" erwiesen. Welt-Autor Alan Posener plädiert trotzdem dafür, dass Juden, Christen und Muslime ihre anstehenden Feiertage in ihren Gotteshäusern feiern sollen.