9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Politik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2025 - Politik

In der taz befürchtet Dominic Johnson mit Blick auf die DR Kongo einen neuen großen Krieg in Afrika. Denn derweil führt Corneille Nangaa, der als Wahlkommissionschef unter dem damaligen Präsidenten Joseph Kabila einem anderen Wahlergebnis zum Trotz Félix Tshisekedi zum Präsidenten kürte, Krieg gegen eben jenen Tshisekedi. Nangaa führt die Rebellenkoalition AFC (Allianz des Kongo-Flusses) an, "deren bewaffneter Arm M23 (Bewegung des 23. März) im Osten der DR Kongo einen Sieg nach dem anderen erzielt. 'Unser Ziel ist Kinshasa', rief er Ende Januar im frisch eroberten Goma und verwies auf seine historische Verantwortung: 'Félix Tshisekedi hat die Wahl nie gewonnen. Ich habe das Monster geschaffen, also ist es meine Aufgabe, das Monster zu erledigen.' Am 27. Januar eroberten die M23-Kämpfer Goma, am 16. Februar Ostkongos zweite große Stadt Bukavu. Noch nie seit Ende der großen Kongokriege 2003 waren Rebellen in der DR Kongo so stark und die vor einem neuen großen Krieg in Afrika so groß. Am Ausgang dieser Konfrontation hängt das Schicksal des halben Kontinents. Kongos Präsident jedoch schweigt. Zwei afrikanischen Krisengipfeln blieb Tshisekedi fern."

"Südkorea, der weltweit geachtete Hightech- und K-Pop-Staat, hat ein Männerproblem, das Frauenleben kosten kann", berichtet Thomas Hahn in der SZ. Fälle von frauenfeindlicher Gewalt nehmen in den letzten Jahren zu. Allgemein ist es mit der Gleichstellung nicht weit her: "Das konfuzianische Erbe beeinflusst bis heute das Denken in Südkorea. Frauen sollen Schönheitsidealen gehorchen und in den Familien als dienstbare Geister funktionieren. Sie verdienen deutlich weniger als Männer; laut der Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) ist das Lohngefälle zwischen den Geschlechtern in keinem Wohlstandsland so groß wie in Südkorea. Frauen kommen kaum in Führungspositionen. Im Nationalparlament sind nur 61 der 300 Sitze von Frauen besetzt. Im schlimmsten Fall machen die Männer ihre vermeintlichen Ansprüche mit Gewalt geltend (...) Beziehungskrisen enden oft mit Morden durch Männer: 2023 wurden mindestens 138 Frauen von ihren Partnern umgebracht, wie die Frauenhilfsorganisation Korea Women's Hotline ermittelt hat."

500 Tage nach dem 7. Oktober geruhte die Regierung des Gaza-Streifens die Öffentlichkeit zu informieren, dass die Bibas-Kinder und ihre Mutter, deren Entführung in den sozialen Medien für viel Sorge und zugleich Hoffnung, dass sie noch leben, gesorgt hatte, umgebracht worden sind.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2025 - Politik

Eine neue "verbale Eskalationsstufe" erreichte Donald Trump mit einem Tweet am Samstag, berichtet Victor Loxen in der FAZ. Er teilte das Napoleon zugeschriebenene Zitat: "He who saves his Country does not violate any Law". Für Loxen ist klar: Wir haben die Stufe des "Cäsarismus" erreicht: "Denn der Cäsarismus bedeutet das Ende aller Institutionen. Sie werden zu bloßen Hüllen, und 'Bedeutung hat nur die ganz persönliche Gewalt, welche der Cäsar oder an seiner Stelle irgend jemand durch seine Fähigkeiten ausübt'. Es bedarf keiner großen Mühe, die zweite Amtszeit Donald Trumps darin prognostiziert zu sehen, wenn einerseits der Raubbau bereits im vollen Gange, andererseits der Personenkult frenetischer ist als je zuvor. Da ist es dann fast schon erwartbar, dass im philosophischen Antichambre des Präsidenten, bei den Autoren des kalifornischen Claremont Institute, die Phantasie vom 'roten Cäsaren' offen gepflegt wird." Auch Patrick Bahners schreibt in der FAZ zum (vermeintlichen) Napoleon-Zitat.

In der FR nimmt Michael Hesse nach der Rede von J.D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz (unser Resümee) ohne Bedauern Abschied von den USA als Partner der Deutschen: "Wenn Amerika nun abzieht, ist das militärisch vielleicht verheerend, ansonsten verabschiedet sich keine Vorzeigedemokratie, sondern ein Land, das einen tiefen Rassismus aufweist, wie der Historiker Adam Tooze in der FR betonte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2025 - Politik

In Asien steht man Donald Trump sehr viel gelassener gegenüber als in Europa, meint der singapurische Ex-Diplomat und Politikwissenschaftler Kishore Mahbubani im Interview mit dem Spiegel. Die Europäer müssten einfach pragmatischer werden und mit den Großen verhandeln, so Mahbubani, der als Beispiele für den mangelnden Pragmatismus der Europäer die europäische Haltung zum Ukrainekrieg und Gaza aufzählt. Dass die USA, Russland und China die Welt in Einflusszonen aufteilen könnten, hält er für unwahrscheinlich: "Die gute Nachricht ist, dass die anderen großen Mächte die regelbasierte Weltordnung von 1945 durchaus erhalten möchten. Nehmen Sie China. Vor 45 Jahren sprangen die Chinesen, wie Xi Jinping einmal sagte, 'in den Ozean der Globalisierung'. Sie taten sich anfangs schwer damit zu schwimmen und mussten viel Salzwasser schlucken. Aber heute ist China stärker. Sollten sich die USA aus der Welthandelsorganisation zurückziehen - China wird das bestimmt nicht tun. Genauso wenig wie Indien und andere Länder, für die die aktuelle Ordnung gut funktioniert. Die Welt wird nicht zum Recht des Dschungels zurückkehren, nur weil sich Trump wie Tarzan benimmt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2025 - Politik

Es war die historische Woche der Lossage Amerikas von Europa. Gestern erlebte sie ihren letzten Höhepunkt in der Rede des amerikanischen Vizepräsidenten J.D. Vance bei der Münchner Sicherheitskonferenz, die Peter Carstens in der FAZ resümiert: "Vance machte klar, wie die Trump-Regierung die transatlantischen Verhältnisse sieht: 'Ein neuer Sheriff ist in der Stadt.' Amerika sei bereit, Europa zu verteidigen, aber es sei den Europäern wohl selbst nicht klar, wogegen sie sich schützen wollten oder sollten. 'Es gibt keine Sicherheit, wenn man Angst vor der eigenen Bevölkerung hat.' Und Amerika sei auch nicht bereit, Europa zu schützen, 'wenn sie die Grundfragen ihrer Wählerschaft nicht achten. Und eine der größten dieser Fragen ist die Massenmigration.'" Die Rede kann man hier hören, ab Minute 7.58, mit Simultanübersetzung, hier im Original.

Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine hat eine Zeitenwende eingeläutet, die Rede des US-Vizepräsident J.D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz eine zweite, meint Anna Sauerbrey auf Zeit online und auch sie bezieht sich auf das Sheriff-Zitat. Vance meint damit, Trump werde das Recht der Europäer verteidigen, 'euch auf dem Marktplatz frei zu äußern, ob ihr nun zustimmt oder nicht'. Vance spricht damit einerseits für die Interessen von Elon Musk, dem Besitzer von X (ehemals Twitter). Dem droht in Brüssel ein Untersuchungsverfahren wegen Verstößen gegen den Digital Services Act, der Regeln für soziale Medien festlegt und Hassrede untersagt. Vance spricht aber auch für die Interessen seiner Bewegung. Der nämlich helfen außer Rand und Band geratene soziale Medien auf dem Weg zur Macht. Die europäischen Regeln, sie stehen der populistischen Allianz im Weg. In München wird also deutlich: Es gibt zwei transatlantische Verhältnisse, die miteinander im Widerspruch stehen. Ein altes, wirtschaftliches und sicherheitspolitisches, das sich ändert, indem es heftig knirscht, das aber (vorerst) nicht aufgekündigt wird. Die Waffen der USA bleiben in der Ukraine, und auch ihr Geld. Aber es gibt auch ein neues transatlantisches Verhältnis: eine populistische Allianz, die um Vorherrschaft kämpft. Darin besteht die zweite Zeitenwende der Zwanzigerjahre."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2025 - Politik

1989 zerfiel der Osten. 2025 zerfiel der Westen. Zwei Mafiabosse teilen sich die Beute auf, ohne sie zu fragen. Ein Territorium zerfällt. Die Europäer zahlen den Preis für jahrzehntelange Sorglosigkeit.

Julia Davies hat für The Daily Beast Sendungen des russischen Staatsfernsehens gesehen, das in all seiner Fratzenhaftigkeit in den letzten Jahren immer wieder Hinweise auf das Kommende gab. Dort kann man kaum fassen, so Davies, in welchem Tempo Trump "in Richtung Putin galoppiert". Allein die Tatsache, dass Trump es war, der Putin anrief wird als Geste einer lächerlichen Selbstunterwerfung interpretiert. Unter anderem hat Davies die Sendung des bekannten Staatsfernsehmoderators Wladimir Solowjow gesehen: "Solowjow freute sich über eine Bemerkung des amerikanischen Verteidigungsministers Pete Hegseth, dass die Vereinigten Staaten beabsichtigten, den Nato-Artikel 5 im Falle eines militärischen Konflikts zwischen Europa und Russland zu missachten. Der Politikwissenschaftler Sergej Michajew sagte: 'In dieser Situation sollten wir den Europäern klarmachen: Jetzt können wir Brüssel, London oder Paris wirklich angreifen, denn wir können Artikel 5 vergessen. Sie können die Vorstellung vergessen, dass die Amerikaner in Ihrem Namen einschreiten würden.' Solowjow stimmte zu und ergänzte: 'Mir gefällt Ihre Denkweise.'"

Zuverlässig düster sind die Vorhersagen Viktor Jerofejews im Feuilleton der FAZ. Die russische Opposition sei zerschlagen, "die Möglichkeit einer Palastrevolution gleich null. Solange Putin an der Macht ist, wird er nur tun, was er will. Und er will die Ukraine in die Knie zwingen, in Kiew anstelle von Selenski seinen Mann installieren, der mit ihm familiär verbunden ist: Viktor Medwedtschuk. Die Zeit arbeitet für Putin, bald wird die Armee der Deserteure in der Ukraine größer sein als die Armee an der Front."

Timothy Garton Ash beschreibt im Guardian in klaren Zügen die Lage: "In der schönen neuen Welt von Trump und Putin setzt die Macht das Recht, und territoriale Expansion ist, was Großmächte tun, sei es Russland in der Ukraine, die USA in Kanada und Grönland - oder China in Taiwan." Donald Trumps Beschwichtigungspolitik gegenüber Wladimir Putin lasse Neville Chamberlain "wie einen prinzipientreuen, mutigen Realisten erscheinen. Zumindest versuchte Chamberlain, einen großen europäischen Krieg zu verhindern, während Trump mitten in einem solchen Krieg handelt. Trumps 'München' (im Englischen ein Synonym für das Abkommen von 1938, bei dem Großbritannien und Frankreich die Tschechoslowakei an Nazi-Deutschland ausverkauft haben) findet am Vorabend der großen Sicherheitskonferenz in der heutigen bayerischen Landeshauptstadt statt, bei der seine Abgesandten mit den westlichen Verbündeten zusammentreffen werden. Diese Münchner Sicherheitskonferenz muss der Beginn einer entschlossenen europäischen Reaktion sein, bei der wir aus unserer eigenen tragischen Geschichte lernen, um eine Wiederholung zu vermeiden."

Auch der CDU-Politiker Roderich Kiesewetter, einer der wenigen in der deutschen Politik, die immer vor Putin warnten, zieht im Interview mit ntv.de die Parallele zu München und sieht nur eine Perspektive: "Entweder eine europäische Koalition der Willigen bildet sich jetzt oder es ist das Ende der europäischen Nachkriegsordnung und wir fallen zurück in das Zeitalter des Imperialismus. ... Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir entweder die Ukraine so unterstützen, dass sie Russland zurückdrängen kann oder Russland den Krieg früher oder später ausweitet und dann werden europäische Truppen kämpfen müssen, ob wir es wollen oder nicht. Sollte es je einen sinnvollen Waffenstillstand geben, dann muss dieser zwangsläufig mit europäischen robusten Truppen gesichert sein, die unter dem Schutz von Artikel 5 stehen müssen!"

In der NZZ versucht Andreas Rüesch den Verrat an der Ukraine auszuloten: "Trump stellt das Ganze als großen Schritt in Richtung Frieden dar, aber zunächst hat er einfach dem Feind des Westens einen Prestigeerfolg zugeschanzt: Putin wird faktisch rehabilitiert; dass er der größte Kriegsverbrecher der Gegenwart ist, findet mit keinem Wort mehr Erwähnung. Zudem entspricht das Vorgehen Trumps ganz Putins Weltsicht - die Großen teilen die Macht und ihre Einflusssphären untereinander auf; die Kleinen und Schwachen sind lediglich Manövriermasse. ... Putin kann sich angesichts der amerikanischen Konzessionen beglückwünschen. Es liegt in der Logik von Verhandlungen, dass dies erst ein Vorgeschmack ist und Russland noch weit mehr herausholen wird. Putin will sich nicht mit einem bloßen Einfrieren des Krieges begnügen, sondern fordert größere territoriale Zugeständnisse, einen Regierungswechsel in Kiew und die weitgehende Abrüstung der ukrainischen Armee."

Die Pax Americana ist am Ende, meint auch Stefan Kornelius in der SZ: "Das Ukraine-Telefonat mit Putin offenbart in doppelter Hinsicht die Zerstörungskraft, die Trump nur mit Worten und Taten anzurichten versteht. Erstens hat der Präsident alle bisher geltenden Prinzipien seines Landes im Umgang mit der Ukraine und den europäischen Verbündeten geschreddert. Er spricht ohne Abstimmung über die Köpfe der Betroffenen hinweg mit dem Aggressor und legitimiert einen Völkerrechtsbruch, was viele Nachahmer motivieren wird. Das mühsam aufgebaute Sanktionsregime gegen Russland - weggewischt. Die internationale Isolation Putins - plötzlich irrelevant." Trump überlässt die Ukraine damit den Europäern, die deren Verteidigung nicht alleine stemmen können. "Dahinter steckt eine größere Botschaft, die eigentliche Höllenformel, die abgesehen von Wladimir Putin weite Teile der Welt mit Entsetzen erfüllen sollte: die Absage an Recht und Regeln. ... Trump verabschiedet sich von einer Staatenordnung, die Souveränität akzeptiert. Er teilt mit Putin die Vorstellung von einer Großmachtspolitik, in der die Welt in Einflusszonen eingeteilt wird und das Recht der Stärke gilt."

Trump hat gestern Abend den indischen Premier Narendra Modi empfangen. Beim Pressegespräch antwortete er auf die Frage, warum er eher mit seinen Feinden als mit seinen Partnern zusammenarbeite, nochmals mit seinem Argument, dass er zuerst sein Geld zurück will:


Den Preis für die europäische Fahrlässigkeit zahlt aber zunächst mal die Ukraine, schreibt Berthold Kohler im Leitartikel der FAZ: "Kiew ist nach drei Jahren Krieg klar, dass es die Krim und die besetzten Gebiete im Osten nicht in nächster Zeit zurückerobern kann. Doch ohne den Schutz Amerikas und ohne Nato-Garantie muss auch die freie Ukraine jederzeit mit einem weiteren Unterjochungsversuch Putins rechnen. Trumps Äußerung, die Ukraine könne eines Tages russisch werden, bringt Putin sicher nicht dazu, die Pläne dafür wieder ins Kreml-Archiv zu tragen."

Thomas Gutschker erzählt ebenfalls in der FAZ, wie die in Brüssel mit dem amerikanischen Verteidigungsminister tagenden europäischen Verteidigungsminister von dessen eiskalter Abfertigung erwischt wurden und dann noch einen zweiten Schlag bekamen.  "Während die Verteidigungsminister im Raum dabei waren, diese schneidenden Sätze herunterzuschlucken, telefonierte Donald Trump im fernen Washington schon mit Wladimir Putin in Moskau. Anderthalb Stunden lang und so 'produktiv', dass der US-Präsident danach den "unverzüglichen" Beginn von Verhandlungen verkünden konnte. Die Verbündeten erfuhren davon, als sie ihre Mobiltelefone wieder einschalten durften und plötzlich lauter Eilmeldungen aufploppten."

Im deutschen Wahlkampf spielt Sicherheitspolitik überhaupt keine Rolle. Im Interview mit Zeit online überlegt daher Carlo Masala, Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr München, wie die Europäer einigermaßen konstruktiv auf Donald Trump reagieren könnten: "Europa muss akzeptieren, dass die USA abziehen. Deshalb müssen wir unsere Verteidigung erheblich stärken, aber ohne, dass wir dabei komplett nackt dastehen. Um das zu erreichen, sollten wir der Trump-Regierung einen Fahrplan mit konkreten Zielen anbieten. ... Europa muss in die Lage versetzt werden, in einem konventionellen Krieg gegen Russland zu bestehen. Den Amerikanern wird so signalisiert: Wir haben verstanden, ihr könnt irgendwann gehen. In der Übergangsphase versprechen wir, bei euch Waffen und Gerät einzukaufen. Am Ende gäbe es nur noch eine kleine US-Präsenz in Europa, das wollen auch die Amerikaner. Was bleiben müsste, ist der nukleare Schutz durch die USA." Mit Schuldenbremse wird das nicht gehen, so Masala.

Europa gibt mehr Geld aus für die Verteidigung als Russland, meint in der NZZ der Friedensforscher Herbert Wulf. Wichtiger wäre für ihn, endlich eine Europäisierung der Rüstungsbeschaffung zu formulieren, die diesen Namen auch verdient: "Die nationale Souveränität wird im militärischen Bereich weiterhin aufrechterhalten. Wenn europäisch kooperiert wird, dann nach dem Prinzip des 'juste retour': Was immer an finanziellen Mitteln in ein gemeinsames Vorhaben investiert wird, soll an die eigene Industrie zurückfließen. Dadurch entsteht nicht nur Doppelarbeit und Verschwendung, die Aufträge werden auch nicht unbedingt an den kompetentesten und günstigsten Anbieter vergeben."

Aber solche Äußerungen wirken noch reichlich matt angesichts der Dramatik der Lage. Der amerikanische Vizepräsident J. D. Vance ist auf dem Weg nach München. Im Wall Street Journal greift er nebenbei in den deutschen Wahlkampf ein und gibt eine Wahlempfehlung für die AfD. Der Politologe Thorsten Brenner zitiert auf Twitter:


Und dann doch dies:

President Volodymyr Zelensky said that Russia's military struck the site of the former nuclear power plant at Chernobyl, causing "significant" damage to a structure that prevents radiation from leaking from a damaged reactor. Follow live updates.

[image or embed]

- The New York Times (@nytimes.com) 14. Februar 2025 um 09:10

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2025 - Politik

Es gab den 24. Februar 2022, als Putin die Ukraine überfiel (nach der Annexion der Krim und weiterer Gebiete zehn Jahre zuvor). Und es gab den 12. Februar 2025, als Donald Trump dem Aggressor seine Geländegewinne als Friedensgabe überreichte - über die Köpfe der Ukraine und der Europäer hinweg. In einem Post auf seinem Netzwerk "Truth Social" erzählt Trump von seinem Telefongespräch mit Putin, es scheint eine nette Plauderei gewesen zu sein. "Präsident Putin benutzte sogar meinen starken Wahlkampfslogan über den 'Common sense'. Wir glauben beide sehr stark daran." (Hier kann man den Post nachlesen). Zugleich erklärte der neue amerikanische Verteidigungsminister Pete Hegseth den verblüfften Nato-Alliierten, dass die Ukraine die verlorenen Territorien aufgeben solle und auf keinen Fall eine Nato-Perspektive habe. Auch solle sie nicht glauben, dass die Amerikaner das Land je auf seinem Boden militärisch unterstützen würden. All diese Entwicklungen werden bei Zeit online hier geschildert (falls man einen bezahlten Zugang hat). Bei Spiegel online ist es heute um 7 Uhr früh noch nicht mal auf der Homepage. Sehr viel stichhaltigere Informationen gibt es etwa bei CNN.

In einem Pressebriefing hat Trump am späten Abend europäischer Zeit dann noch mitgeteilt, dass er sich wohl mit Putin in Saudi-Arabien treffen werde. Die Ukraine und die Europäer dürfen wohl nicht mit am Tisch der Großen sitzen. Außerdem will Trump sein Geld zurück: Die Ukraine soll die bisher geleistete amerikanische Militärhilfe, die er auf 300 Milliarden Dollar schätzte, in irgendeiner Form zurückgeben.

Hier ein Ausschnitt aus dem Pressebriefing:

Einige entgeisterte erste Reaktionen auf Twitter. Die konziseste kommt von dem bekannten ukrainischen Journalisten Ilia Ponomarenko: "Wir sollen also Territorien aufgeben, schwören, der Nato niemals beizutreten, egal, was Russland uns antut, und Donald Trump auch noch unsere Seltenen Erden geben? Das ist ein sehr interessantes Angebot an den Aggressor von einem Partner, der unsere Sicherheit garantieren sollte, im Austausch dafür, dass wir unsere Atomwaffen, Raketen und unsere strategische Bomberflotte aufgegeben haben."

Garry Kasparow schreibt: "Die Ukraine mag gezwungen sein, allem zuzustimmen, was Trump und Putin so nennen wollen, aber es wird kein Frieden sein. Russland wird für den Massenmord und die gewaltsame Landnahme belohnt werden, in der besetzten Ukraine weiter foltern und töten und seinen nächsten Angriff vorbereiten." Und er setzt hinzu: "Die einfache Frage lautet: Wofür brauchen die Europäer die USA überhaupt? Frankreich und Großbritannien verfügen über Atomwaffen. Für die EU schlägt nun die Stunde der Wahrheit. Um zu überleben, müssen sie Rückgrat beweisen. Schluss mit dem Reden über Kriegsvorbereitungen, bereitet Euch endlich vor! Nur Stärke kann uns vor Putins nächstem Angriff schützen."

Das Auswärtige Amt setzt einen träumerischen Tweet ab, in dem es tatsächlich heißt: "Wenn Putin jetzt endlich zur Einsicht käme & seinen Krieg gegen die Ukraine beendet, dann wäre das ein längst überfälliger Schritt." Der Politologe Thomas Jäger antwortet darauf: "'Zur Einsicht käme' kann nur schreiben, wer nichts, gar nichts, überhaupt gar nichts, ganz und gar gar nichts, nullkommanull verstanden hat. Ein Luftikus, der sich als Analyst hochstapelt und im @AuswaertigesAmt nichts, aber auch gar nichts verloren hat. Nichts. Nichts. Nichts."

Bei CNN gibt es erste Analysen zur Frage: "Ist das amerikanische Jahrhundert für Europa vorüber?" "Die amerikanischen Beziehungen zu Europa werden nach Trumps Telefongespräch mit Putin niemals mehr so sein wie zuvor", schreibt Stephen Collinson. "Der Wendepunkt unterstreicht Trumps 'America First'-Ideologie und seine Tendenz, jedes Problem oder Bündnis in Dollar und Cent zu betrachten. Er unterstreicht auch seine neue Unabhängigkeit von Beratern des Establishments, die tief in der außenpolitischen Mythologie des Westens verwurzelt sind und die ihm für sein Gefühl seine erste Amtszeit vergällt haben."

Hinzuweisen ist auch auf eine Analyse von Nataliya Gumenyuk in Foreign Affairs, die zwar sehr aktuell ist, aber wohl noch vor den neuesten Peripetien geschrieben wurde. Sie fragt nach dem Grund für die anhaltende Motivation der Ukrainer nicht aufzugeben - obwohl das von außen unvernünftig erscheinen möge. Der Grund ist einfach: Die Ukrainer wissen, wie Putins Herrschaft aussehen würde: "Für die Ukrainer begann die Besatzung nicht erst mit der vollständigen Invasion im Jahr 2022, sondern ist seit mehr als einem Jahrzehnt eine anhaltende Realität - seit Moskau 2014 die Krim und Teile der Donbas-Region in der Ostukraine eroberte. Die Schrecken der russischen Militärherrschaft waren nicht nur in den Gebieten im Süden und Osten zu spüren, in denen ein Großteil des Krieges ausgetragen wurde, sondern auch in der Nähe von Kiew in den ersten Wochen der Invasion 2022, als russische Streitkräfte in den Vororten der Hauptstadt Gräueltaten verübten."

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Die Zerstörung der "United States Agency for International Development" (USAID) (unser Resümee) betrifft auch Hilfsprojekte für Jesiden in der nordirakischen Stadt Sindschar, erfährt Simon Langemann vom Aktivisten Mirza Dinnayi, den er für die Zeit getroffen hat. Dinnayi betreibt die größte lokale NGO in der Region. Durch die vorläufige Einstellung der Gelder aus den USA gehen humanitären Projekten in der Region 40.000 bis 50.000 Dollar verloren: "Zehn Jahre nach dem Völkermord, bei dem IS-Kämpfer in Sindschar einfielen und laut der UN mehrere Tausend Jesiden töteten und 7.000 Frauen und Kinder verschleppten, liegen noch immer viele Häuser in Trümmern, leben viele noch immer in Camps für Binnenvertriebene, sind die Jesiden noch immer zerrissen von Konflikten unterschiedlicher Stämme und Milizen. 'Es kann doch nicht sein, dass die Amerikaner die irakische Bevölkerung 2003 von Saddams Regime befreit haben, mit dem Argument, dass sie Demokratie und Menschenrechte bringen wollen', sagt Dinnayi. 'Und dann stellen sie nach 22 Jahren die Arbeit ein in einem Land, das noch immer zerstört ist und korrupt und gezeichnet von Krieg und Terror.'"

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In einem langen Zeit-Online-Interview mit Dirk Peitz macht der Pulitzer-Preisträger und amerikanische Autor Nathan Thrall, dessen neues Buches "Ein Tag im Leben von Abed Salama" auf Deutsch erschienen ist, keinen Hehl aus seiner Unterstützung für die Palästinenser. Für das Westjordanland hat er keine positive Zukunftsvision: "Israel muss sich gar nicht entscheiden. Israel ist in der Lage, mit diesem System weiterzumachen. (...) Keine Staatsbürgerschaft, keine Souveränität, sondern Apartheid: eine Fortführung israelischer Expansion und palästinensischer Einengung in immer kleinere Enklaven, während die USA und Europa weiterhin leere Worte über Unhaltbarkeit und die Zweistaatenlösung von sich geben. Dies ist die Gegenwart und wird die Zukunft sein. Es sei denn, Israel stellt eines Tages fest, dass dieser eingeschlagene Weg kostspieliger ist, als den Palästinensern die israelische Staatsbürgerschaft oder einen eigenen Staat zu geben."

Bernard-Henri Lévy kommt in seiner Kolumne für Le Point nochmal auf das abstoßende Spektakel zurück, mit dem die Hamas drei total abgemagerte und zugerichtete Geiseln vor einigen Tagen "feierlich" übergeben hat. "Das muss abgelehnt werden. Man muss sich gegen diese endlose Folter auflehnen. Die Verbündeten Israels haben eine Sache, nur eine, mit der Hamas und vor allem mit ihren Sponsoren zu verhandeln: bedingungslose Kapitulation der Urheber dieser sadistischen Maskeraden und sofortige Freilassung der Geiseln, aller Geiseln, ohne das Ende der Phasen 1, 2 und 3 abzuwarten. Diese Rechnung ist obszön."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2025 - Politik

Wie ernst es Donald Trump mit seinen Gaza-Plänen ist, lässt sich schwer sagen, wie der ehemalige israelische Diplomat Shimon Stein und der Historiker Moshe Zimmermann in der FR festhalten, es ist aber durchaus möglich, dass er das Thema bald wieder fallen lässt und zur "nächsten Überraschung" übergeht. Die internationale Gemeinschaft rufen sie dazu auf, schnellstmöglich eine realistische Lösung für die Palästinenser zu finden, sonst drohe Chaos: "Um die Hamas als Herrscherin von Gaza ersetzen zu können, sind vor allem zwei Akteure erforderlich - eine Gesamtvertretung der Palästinenser, also eine reformierte Autonomiebehörde, die nicht nur an der Verwaltung von Gaza teilnimmt, sondern eventuell einen Palästina-Staat mitgestalten könnte, und die internationale Gemeinschaft mit Schwerpunkt auf den arabischen Staaten. Um diese Alternative realisieren zu können, muss Israel, nachdem alle Geiseln befreit sind, sich aus Gaza zurückziehen und dort die Machtübernahme durch die besagten Akteure ermöglichen. Ob der Wunsch Trumps, Gaza 'zu übernehmen', ernstzunehmen ist, sei dahin gestellt. Die Zweistaaten-Idee müsste jedenfalls mindestens als Ausgangspunkt (nicht unbedingt als Endziel) für weitere Verhandlungen wieder thematisiert werden, genauso wie die Rückkehr der Palästinenser, die Gaza 'freiwillig', vorübergehend verlassen sollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2025 - Politik

Wir befinden uns nach vier Wochen Donald Trump inmitten eines "Staatsstreichs", konstatiert die schottische Schriftstellerin A. L. Kennedy in der SZ. Dieser gehe auch mit dem Aufzwingen der Ideologien der Trumps und Musks auf die gesamte Gesellschaft einher. "Die Broligarchen der Welt haben sich den Bevölkerungsrückgang im Westen angesehen und eine Zukunft ins Auge gefasst, in der Legebatterie-Mütter 'Handmaid'-Hauben tragen und angemessen isoliert aufwachsenden Nachwuchs produzieren. (...) Zudem fänden sie es gut, wenn von ihnen verursachtes wirtschaftliches Chaos, Umweltkollaps und eskalierende Krankheiten die Schwachen beseitigen. Es ist all dies ein großer Haufen selbstzerstörerischer Fantasien von Junkie-Sadisten." 

Richard Herzinger nimmt in seinem Blog die verheerenden Äußerungen Trumps zur Ukraine unter die Lupe: "Trumps Einlassungen verraten, dass ihm das Wohlergehen Russlands deutlich mehr am Herzen liegt als das Überleben der Ukraine. Beteuert er doch geradezu beschwörend, Russland mit seinem Angebot von Verhandlungen einen 'großen Gefallen' zu tun, drohe der russischen Wirtschaft bei Fortsetzung des Krieges doch großer Schaden. Als ob die Aussicht auf schlechte Wirtschaftsdaten ein Regime, dessen ganze Identität mit dem Krieg verknüpft ist, zur Friedfertigkeit bekehren könnte!"

 

Weiteres: Andrian Kreye (SZ) geht dem Treiben von Elon Musk in seinem inoffiziellen Amt für Regierungseffizienz (DOGE) nach und wie die neuen Herren den Demokraten den Zugang zum Bildungsministerium verweigern.

Stichwörter: Trump, Donald, Musk, Elon, Doge

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2025 - Politik

Zwischen Optimismus und Pessimismus schwankt der syrische Schriftsteller Yassin al-Haj Saleh im Gespräch mit Hannah Wettig von der Jungle World. Mohammed al-Dscholani alias Ahmed al-Scharaa werde nicht über seinen Schatten springen, warnt er: "Al-Sharaa hat Wahlen erwähnt, auch ein Parlament, aber nie von Demokratie gesprochen, auch nicht von Souveränität. Ich glaube, dass wir die Ära der Monster hinter uns gelassen haben, die 2013 begann, mit all den Verbrechen, den Enthauptungen, Sektenkriegen und dem Erzkonservativismus bei islamistischen Gruppen. Die früheren Jihadisten geben sich nun human und moderat - ich hoffe, dass sie es tatsächlich sind. Aber selbstverständlich werden wir mit ihnen keine Demokratie bekommen. Demokratie steht im Widerspruch zu ihrer Ideologie. In ihrer Ideologie ist der Souverän Gott, nicht das Volk."

Der deutsch-israelische Autor Chaim Noll kritisiert in der NZZ scharf die Nahostpolitik der amerikanischen Demokraten unter Obama und Biden, die er für die jetzige Misere verantwortlich macht. Ihn schaudert jetzt noch, wenn er an die Kairoer Rede 2009 denkt, in der Obama die Präsenz amerikanischer Streitkräfte im Nahen Osten und den Nahostkonflikt als Ursache für die Spannungen in der Region hervorhob: "Kein Wort über islamischen Terrorismus und Gewalt, kein Appell an die Diktatoren, Könige, Scheichs, Emire, Militärgouverneure und Scheinparlamente der Region, in ihren Ländern mit demokratischen Reformen zu beginnen, um zig Millionen von Menschen endlich ein Dasein in Freiheit und Würde und Wohlstand zu ermöglichen. Die Bevölkerungen der muslimischen Länder des Nahen Ostens straften diese Ignoranz schon im Jahr darauf Lügen, als 2010 die große arabische Revolte in Ägypten, Tunesien, Libyen, Syrien und anderswo ausbrach, allesamt Volksaufstände gegen die eigenen korrupten Regime."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2025 - Politik

Dominic Johnson greift in der taz die Frage auf, ob man Trump als "Faschisten" bezeichnen kann. Nein, meint er, denn: "Faschismus ist keine Show und auch keine bloße Haltung. Es ist ein politisches und gesellschaftliches Organisationsprinzip. In zeitgenössischen Schilderungen des Faschismus aus den 1930er Jahren fällt auf, dass an erster Stelle immer die Massenorganisationen und ihre rohe Gewalt stehen, die allen Konkurrenten den Rang streitig machen. Mit der Machtergreifung rücken sie selbst an die Schaltstellen der Macht. Staatliche Institutionen sind fortan nur noch ausführende Organe des durch den Faschismus ausgedrückten Volkswillens. Man gehört dazu - oder man ist Volksfeind. (…) Müssen die US-Demokraten nach der Wahlniederlage in den Untergrund? Was Trump heute als Faschismus vorgeworfen wird, trifft auf so gut wie alle autoritären Regime der Welt zu: Eine personalisierte Staatsmacht ohne Achtung für Rechtsstaat, Tradition und Ideologie schützt eine oligarchische Klüngelwirtschaft. Bleibt man dabei, sind die meisten Länder der Welt faschistisch. Das banalisiert den Begriff, es führt geopolitisch in die Isolation - und es ist eine Diagnose der Hoffnungslosigkeit."

"Kein Präsident hat die Bedürfnisse und Wünsche des amerikanischen Volkes jemals so missachtet wie dieser", sagt Anna-Sophia Katomski, geschasste Mitarbeiterin der von Donald Trump zerstörten Entwicklungsbehörde USAID, im FAS-Gespräch: "Trump und seine Regierung tun so viele illegale Dinge auf einmal, es ist wie eine Kriegstaktik: Man greift aus so vielen Richtungen gleichzeitig an, dass niemand weiß, wie er reagieren soll. Die Menschen sind verwirrt. Und deshalb sitzen sie zu Hause. Donald Trump hat die meisten Stimmen erhalten, aber 80 bis 90 Millionen Amerikaner haben bei der letzten Wahl nicht gewählt."

Er fürchte, "Historiker werden am Ende dieses Jahrhunderts schreiben, dass das Jahr 2025 den Wendepunkt markiert, an dem der Niedergang der USA begann", sagt der mit dem Nobelpreis ausgezeichnete türkisch-amerikanische Ökonom Daron Acemoglu im NZZ-Gespräch. Das System der Checks and Balances funktioniere kaum noch, vor allem aber sei die Demokratie durch den Einfluss der Interessengruppen und die Spaltung der Gesellschaft bedroht: "Die amerikanische Politik hat sich korrumpiert. Das zeigt sich daran, dass die Polarisierung zwischen den Parteien größer ist als unter den Wählern. Die ursprüngliche republikanische Partei ist inzwischen tot, und die Demokraten stehen kurz vor diesem Punkt. Weshalb? Beide Parteien sind dominiert von aktivistischen Gruppierungen. Früher dagegen bestanden diese aus unterschiedlichen Koalitionen, wodurch die Macht breiter verteilt war. Damit waren die Parteien besser in der Lage, extremistischen Strömungen zu widerstehen." Der Unterschied zu Europa bestehe darin, "dass Extremisten in Europa nicht etablierte Parteien okkupieren, sondern neue eigene Parteien gründen. In den USA dagegen haben diese Leute sowohl die republikanische als auch die demokratische Partei unterwandert. Donald Trump besitzt die komplette Kontrolle über seine Partei."

In einem sehr persönlichen Text, ebenfalls in der NZZ, erzählt die syrische Schriftstellerin Dima Wannous, wie sie nach Jahren im Exil erstmals nach Damaskus zurückreist und ein "riesiges Massengrab" vorfindet: "Douma, Daraya, und diese Ruinenstädte winden sich um Damaskus, umzäunen und umgürten es, ersticken es, nehmen ihm die Luft. Wir kamen an einer großen Fläche in der Nähe meines Hauses in Mezzeh vorbei, auf der Beton-Rohbauten standen. Der Fahrer sagte, das sei ein Projekt von Asma al-Asad für Wohnungen und Geschäfte. Am nächsten Tag erzählte mir jemand, der der Folter entkommen war, dass der Zweck dieses Projektes gewesen sei, Leichen in Massengräbern verschwinden zu lassen, über denen diese Häuser gebaut wurden oder wo man sie weit entfernt von den Blicken verbrannte. Man stelle sich das Umland von Damaskus vor, diese Zone der Zerstörung, die wir vor der Revolution Armutsgürtel genannt hatten, wo Wohn- und Geschäftsprojekte eigens dafür errichtet wurden, die Leichen der Opfer verschwinden zu lassen! Und man bringe es zusammen mit den Folterkellern der Gefängnisse in den vielen Geheimdienstapparaten der Hauptstadt."