9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2025 - Geschichte

Hubertus Knabe geht auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ der heute so populären Vokabel "Befreiung" für den 8. Mai auf den Grund. Die Alliierten wollten Deutschland nicht befreien, sondern besiegen, schreibt er. Sowohl Briten und Amerikaner, als auch Stalin verlangten die bedingungslose Kapitulation. Und für große Teile der deutschen Bevölkerung galt, "dass sie sich bis zum Schluss mit dem Regime der Nationalsozialisten identifizierten oder zumindest sich nicht davon distanzierten... Vor allem an der Ostfront leisteten die deutschen Soldaten bis zuletzt erbitterten Widerstand." Die Vokabel der Befreiung wurde dann von jenen in Umlauf gebracht die ein neues Unterdrückungsregime installierten: "Nach der Gründung der DDR wurde der Sieg über Hitler-Deutschland jedoch zur wichtigsten Legitimationsgrundlage für die Diktatur der SED. Seit 1950 war der 8. Mai als 'Tag der Befreiung' arbeitsfreier Feiertag." Und die Reklamation des Begriffs Befreiung für ganz Deutschland durch Richard von Weizsäcker erforderte eine hässliche intellektuelle Verrenkung: "Mit vagen Formulierungen verschleierte Weizsäcker, dass es östlich der Elbe 1945 nicht wirklich eine Befreiung gegeben hatte. Zugleich legte er den Deutschen nahe, sich mit dem Status quo abzufinden: 'Die Willkür der Zuteilung unterschiedlicher Schicksale ertragen zu lernen, war die erste Aufgabe im Geistigen, die sich neben der Aufgabe des materiellen Wiederaufbaus stellte.'"

Von wegen "Befreiung". Der estnische Komponist Jüri Reinvere konkretisiert ebenfalls in der FAZ, worin Richard von Weizsäckers Verrenkung bestand, als er aus doch wohl eher westdeutscher Perspektive den 8. Mai zum Tag der Befreiung zementierte: "Die Alliierten hatten Stalin schon bei der Konferenz von Jalta im Februar 1945 weitreichende Zugeständnisse bei der Ausdehnung von dessen Herrschaftssphäre gemacht. Auf der Potsdamer Konferenz wurde nicht nur das Baltikum, sondern ganz Mittelosteuropa preisgegeben, auch von Churchill. Die West-Alliierten segneten Stalins Teil der Beute aus dem Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 einfach ab. Die freie Welt überließ unter jenem Druck, den man 'Realpolitik' nennt, den halben Kontinent einem Massenmörder."

Putin macht mit seinen Geschichtsklitterungen unterdessen weiter und hat neulich von den heldenhaften "Verteidigern von Minsk" gesprochen, erzählte Nikolai Klimeniouk bereits am Samstag in der FAS. Dabei war Minsk 1941 ohne Widerstand von den Deutschen eingenommen, so Klimeniouk. "Bis Putin die ruhmreichen Helden von Minsk erfand, galt der schnelle Zusammenbruch der Westfront als eines der beschämendsten Kapitel des sogenannten 'Großen Vaterländischen Krieges'... Die Zivilbevölkerung von Minsk wurde angesichts der absehbaren Niederlage nicht evakuiert, sondern sogar an der Flucht gehindert. Ein Drittel der Einwohner, rund 90.000 Menschen, waren Juden - und die meisten von ihnen wurden von den Besatzern ermordet. Das war kein Einzelfall, Ähnliches geschah in Odessa, Czernowitz und anderen Städten der Sowjetunion. Die Mitverantwortung der sowjetischen Führung für die extremen Opferzahlen, die ohnehin nicht aufgearbeitet wurde, soll nun endgültig vergessen werden."

Avraham Burg, ehemaliger Präsident des israelischen Parlaments, widerspricht in der FAZ vehement dem aktuellen israelischen Botschafter Ron Prosor, der Omri Boehm und linken Antisemitismus kritisiert hatte, während sich seine Regierung mit Europas Rechtspopulisten verbünde. Das Gedenken an den Holocaust gehöre sehr wohl universalisiert, wie es Boehm fordert, schreibt Burg, der daraus auch Konsequenzen für den Gazakrieg ziehen will: "Nichts, was Israel den Palästinensern im vergangenen Jahrhundert zugefügt hat, rechtfertigt die Gräueltaten der Hamas, und nichts, was die Hamas getan hat, rechtfertigt Israels anhaltende Verwüstung im Gazastreifen. Ein Verbrechen wiegt ein anderes nicht auf. Die schrecklichen Taten der Hamas waren kein Holocaust. Und gerade weil wir den Holocaust erfahren haben, müssen wir mehr als alle anderen die ethischen und rechtlichen Grenzen von Macht und Brutalität verstehen. Doch stattdessen nutzen zu viele Israelis den Holocaust, um diese Grenzen aufzuheben."

Neulich wurde gemeldet, dass es nach 55 Jahren eine Spur zum Brandanschlag auf das Altersheim der Israelitischen Kultusgemeinde in München im Jahr 1970 gibt, bei dem sieben Menschen ums Leben kamen (unser Resümee). Sven Röbel weiß im Spiegel etwas mehr. Die Spur führe "zu einem inzwischen verstorbenen Deutschen aus dem kriminellen Milieu Münchens. Der Mann, der in den Siebzigerjahren mehrfach durch Straftaten aufgefallen war, soll offensiv antisemitische und rechtsextreme Ansichten vertreten haben. Inwieweit er auch mit der organisierten Neonaziszene in Kontakt stand, ist ebenfalls Gegenstand der Ermittlungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2025 - Geschichte

Achtzig Jahre Kriegsende. Achtzig Jahre Befreiung, die für viele Europäer nur eine neue Diktatur bedeutete. Es gibt eine Flut von Gedenkartikeln, besonders in taz und FAZ, aus der wir nur einige Artikel auswählen können.

Juri Konkewitsch erzählt in der taz, wie Russland bis heute Geschichtsmythen ausbeutet und vorgibt sich eines Faschismus zu erwehren, dessen Hauptzentrum heute in Kiew liege. Zu diesem Mythos gehört die höchst vereinfachende Geschichtsversion, dass sich Ukrainer an die Seite der Deutschen gestellt haben. "Der Historiker Witaliy Skalsky, der derzeit in der ukrainischen Armee dient, erinnert daran, dass die Ukraine während des Weltkriegs kein unabhängiger Staat und daher keine Konfliktpartei gewesen sei, wie die russische Propaganda behauptet. 'Die Ukraine stand weder auf der Seite der Nazis noch auf der Seite der Alliierten, sie war auch nicht neutral. Denn die Ukraine war kein Kriegssubjekt', schreibt Skalsky. 'Die Ukrainer saßen jedoch nicht zu Hause und sahen dem Weltkrieg zu. Sie wurden mobilisiert oder meldeten sich freiwillig zum Dienst in den Armeen Polens, der UdSSR, Großbritanniens, Kanadas, der USA und Frankreichs.' Und eine Minderheit auch in der Nazi-Armee. '7,5 Millionen standen auf der Seite des Guten und 200.000 auf der Seite des Nationalsozialismus', so Skalsky."

Die virtuelle Tiefdruckbeilage der FAZ ist ganz dem Jahrestag der Befreiung gewidmet. Jürgen Finger und Klaus Oschema schildern den 8. Mai aus französischer Perspektive - das Land war zu diesem Zeitpunkt allerdings schon seit fast einem Jahr befreit. Jens Hanssen schildert Krieg, Kriegsende und Nachkriegskriege im Nahen Osten. Sandra Dahlke und Matthias Uhl beschreiben "die umkämpfte Erinnerung ans Kriegsende in Osteuropa". Sebastian Schwecke erläutert die britische Sicht. Dolf-Alexander Neuhaus und Torsten Weber beschreiben die bleibenden Wunden des japanischen Imperialismus in Ostasien. Philipp Gassert schildert schließlich die amerikanische Sicht. Im Feuilleton erinnert Gerhard Hirschfeld an das Kriegsende 1945 in Dänemark und Holland.

In der FAS spricht die Autorin Sabine Bode, die um 2000 über "die vergessene Generation" der Kriegskinder recherchierte, über eine Generation, die das Nachkriegsdeutschland wie keine andere prägte und doch nicht wirklich einen Namen hat. Die Traumata der Kinder im Krieg seien vergessen worden, auch von ihnen selbst: "Etwa 300 Kriegskinder habe ich auf ihre Vergangenheit angesprochen. Fast alle reagierten mit den eingangs zitierten Sätzen: 'Wir waren Kinder! Für uns war das normal!' Manchmal fragte mich ein Mann, ob ich ihm ein Trauma anhängen wolle. Fazit: Unter hundert Angesprochenen lernte ich drei Menschen kennen, für die das Thema Kriegstraumata kein Tabu mehr war. Bei 300 waren neun dazu bereit, sich für ein ausführliches Hörfunkfeature interviewen zu lassen."

Ebenfalls für die FAS besucht Andreas Kilb das sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow und stellt fest, dass eine gemeinsame Erinnerung nicht mehr möglich ist: "Von den 7.200 Rotarmisten, deren Gebeine unter den Ehrensarkophagen, den Rasenflächen und Platanen begraben liegen, stammen 1.500 aus der Ukraine, ein angesichts der langen deutschen Besetzung und Verheerung des Landes überproportionaler Anteil. Die Nachfahren der Gefallenen kämpfen jetzt in dritter und vierter Generation gegen die Nachfahren ihrer Kameraden."

Auch Nils Minkmar plädiert in der SZ dafür, bei allem Gedenken die Gegenwart nicht aus dem Blick zu verlieren: "Achtzig Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft sieht die Welt ganz anders aus: Zwei der Alliierten von damals, die USA und Russland, machen offen Wahlkampf für rechtsradikale Kräfte in Europa, der Inhaber des Top-Mediums X ordnet den Algorithmus same style und wirbt zugleich auf dem Zeitungspapier von Springers Welt für die AfD."

Außerdem: Ian Buruma spricht mit Daniel Bax in der FR über Kollaboration und Widerstand und alle Graustufen dazwischen. Und die NZZ wählt einen ganz anderen Anlass: Hier erinnert der Historiker Jeremy Black an die Schlacht von Waterloo.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2025 - Geschichte

Cem-Odos Güler hat für die taz den Berliner Türken Kemal Karabulut getroffen, auf dessen Initiative in einem Berliner Park ein Mahnmal für die Massaker von Dersim eingeweiht werden wird. In der Provinz Tunceli (eigentlich Dersim) "brachte das Militär der Atatürk-Regierung damals Zehntausende Menschen um, mit dem Ziel, die zazasprachige und alevitische Bevölkerung in der Region auszulöschen. Die genaue Zahl der Toten ist unbekannt, Schätzungen gehen von 14.000 bis 50.000 Toten aus. Die Akten zu den blutigen Geschehnissen liegen in Archiven in Ankara unter Verschluss - verdeckt von einer türkischen Staatsideologie, die ethnische Pluralität als Gefahr für die nationale Einheit betrachtet." Das Gedenken und die wissenschaftliche Aufarbeitung werden wohl eher in Deutschland geschehen müssen, so Güler. Der Bochumer Historiker Ismail Küpeli bereitet ein Online-Portal mit Informationen und Oral-History-Zeugnissen zu Dersim vor.

Am 8. Mai jährt sich nicht nur die "Befreiung" vom Nationalsozialismus zum achtzigsten, sondern auch die berühmte Rede Richard von Weizsäckers zum vierzigsten Male. FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube leuchtet Weizsäckers Vokabel der Befreiung nicht ein: "Befreit konnten die Opfer des deutschen Krieges werden." Interessanter aber liest sich die Passage, wo Kaube auf Gegenreaktionen in der CDU zu Weizsäcker zu sprechen kommt und die zeigt, dass damals noch zur Mitte gehörte, was heute ganz rechts ist: Mehr als dreißig CDU-Abgeordnete waren der Rede von vornherein ferngeblieben. "Man sei das 'ständige Erinnern', die 'ewige Vergangenheitsbewältigung als gesellschaftliche Dauerbüßeraufgabe' leid, sie lähme das Volk (Franz Josef Strauß). Inwiefern sie das tat, wurde so wenig ausgeführt wie die angebliche Ständigkeit des Erinnerns. Alfred Dregger, der Fraktionsvorsitzende von CDU/CSU, hielt ein Jahr nach Weizsäcker am Volkstrauertag eine gezielte Gegenrede, die in die Forderung mündete, es müsse 'endlich Schluss sein mit der uns von den Siegermächten aufgezwungenen Geschichtsbetrachtung'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.04.2025 - Geschichte

Die USA haben in Vietnam ihre eigenen Ideale verraten, meint der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar im Interview mit der FR zum Ende des Krieges vor fünfzig Jahren: "Sie unterstützten ein autoritäres Regime, sie verübten Massaker, sie setzten mit dem berüchtigten Herbizid Agent Orange ein Entlaubungsmittel ein, das Hunderttausende an Bewohnern ebenso vergiftete wie Abertausende von US-Soldaten. Vietnam war nicht einfach ein Krieg gegen einen Feind - es war ein barbarischer Krieg gegen Mensch und Umwelt und damit Gift für die Glaubwürdigkeit des Westens. Das alles hat sich tief ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt." Weniger tief eingebrannt haben sich allerdings die Konsequenzen der erfolgreichen Proteste für viele Vietnamesen: "Vietnam wurde zwar ein vereinigtes Land - aber unter kommunistischer Führung, ohne Pressefreiheit und ohne Opposition. Hunderttausende flohen, viele der Boat People ertranken. Die Hoffnungen der Protestgeneration, ein freies, ein besseres Vietnam zu ermöglichen, erfüllten sich am Ende also doch nicht."

Marco Fründt zitiert in der taz die Ergebnisse einer Studie, die zeigt, dass die Wissenslücken zur NS-Zeit größer werden. Und sehr subjektiv sind die Urteile auch. So gaben schon vor zwei Jahren "54 Prozent der Befragten an, zu glauben, ihre Vorfahren seien Opfer des Nationalsozialismus gewesen. Darauf folgten Helfer:innen und Täter:innen mit jeweils 18 Prozent. Auch in der aktuellen Studie zeigen sich ähnliche Ergebnisse: Der Aussage, der Wohlstand vieler Familien basiere bis heute auf Verbrechen aus der Zeit des NS, stimmten 19 Prozent der Befragten zu. Die gleiche Aussage über die eigene Familie bejahten jedoch nur 2,8 Prozent. Bei der Wirtschaft zeigen sich vergleichbare Zahlen: Fast ein Drittel denkt, der Wohlstand vieler deutscher Unternehmen basiere bis heute auf NS-Verbrechen. Beim eigenen Arbeitgeber denken das nur 8 Prozent der Befragten." Hier der Link zur "MEMO-Studie zur Erinnerungskultur in Deutschland".

Manfred Kittel, ehemals Direktor der "Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" in Berlin, kommt in einem ganzseitigen FAZ-Essay auf die Konferenzen von Jalta und Potsdam im Februar und Juli 1945 zurück und betont, dass die Vertreibung von "15 Millionen Deutschen aus ihren jahrhundertealten Staats- und Siedlungsgebieten im Osten" nicht allein aus dem Kontext der nationalsozialistischen Verbrechen zu erklären ist - ein solcher einseitiger Blick ist für ihn eine fromme Lüge, die auch die Deutschen im Zeichen der Entspannungspolitik pflegten. Er plädiert für einen antitotalitären Ansatz, der auch die sowjetische Seite und den spezifisch russischen Imperialismus stärker in den Blick nimmt. En détail zeigt er, mit welcher Perfidie Stalin seine Interessen in den beiden Konferenzen durchsetzte: "Moskaus Rolle während des Gesamtgeschehens ist so bedeutsam, dass die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung aufgrund der schieren Faktenlage vom 'Kontext der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik und des sowjetrussischen Imperialismus' auszugehen hat. Zu diesem Ansatz gehört freilich das Bewusstsein, dass es großrussischen Imperialismus bereits lange vor Hitler gab und auch ohne Hitler bis heute (wieder) gibt - derzeit vor allem in Form des anhaltenden Vernichtungskrieges, den das faschistoide Putin-Regime gegen die ukrainische Nation führt. Aber ist dieses Bewusstsein bei uns gesamtgesellschaftlich vorhanden?"

Und der Gedenkmarathon dieser Tage geht in der FAZ noch weiter. Thomas Jansen erinnert an Hitlers Suizid, Matthias Rüb erinnert an die letzten Tage Mussolinis.

Außerdem: Nur eine Meldung in der Jüdischen Allgemeinen ist bisher, dass es offenbar neue Spuren im Fall des Brandanschlags auf das Altersheim der Israelitischen Kultusgemeinde in München gibt. Sieben Menschen, Holocaustüberlebende, kamen bei diesem Anschlag im Jahr 1970 ums Leben. Die Gerüchte über die Täter reichten vom Rechts- bis zum Linksextremismus (mehr hier). Der bayerische Oberstaatsanwalt Andreas Franck, der auch Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Justiz ist, will noch keine möglichen Täter benennen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2025 - Geschichte

In der FR erinnert Michael Hesse an den Selbstmord von Adolf Hitler und Joseph Goebbels, die endlich den Weg zu einer bedingungslosen Kapitulation Deutschlands frei machten. Außerdem erinnert in der SZ Reymer Klüver an den Vietnam-Krieg, der vor fünfzig Jahren endete. In der NZZ spricht Andreas Babst mit Vietnam-Veteranen von beiden Seite und fragt: Was bleibt vom Krieg?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2025 - Geschichte

Vor 75 Jahren hielt der französische Außenminister Robert Schuman eine historische Rede, in der er die Gründung einer "Montanunion" zwischen Deutschland und Frankreich vorschlug, aus der dann die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft mit den weiteren Gründungsmitgliedern Belgien, Niederlande, Luxemburg und Italien wurde. Der Beweggrund Schumans war halb idealistisch, halb von nationalen wirtschaftlichen Interessen getragen, erläutert der Historiker Kiran Klaus Patel auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ. "In Bonn griff Bundeskanzler Konrad Adenauer den Pariser Vorschlag im Frühjahr 1950 dankbar auf. In wesentlichen Fragen verfügte die im Vorjahr gegründete Bundesrepublik nur über stark eingeschränkte Souveränität. So paradox es klingen mag: Indem sich die Bundesrepublik auf Schumans supranationales Europa mit der Kompetenzübertragung zugunsten einer Hohen Behörde einließ, gewann sie Souveränität und Handlungsmacht."

Ebenfalls in der FAZ erinnert Till Fähnders an das schmähliche Ende des Vietnamkriegs vor fünfzig Jahren. Das Trauma der Veteranen, die Schmach amerikanischer Kriegsverbrechen wie My Lai sind sicher bis heute nachwirkende Elemente, die beitrugen, eine Figur wie Trump möglich zu machen. Für die andere Seite war das Trauma noch schlimmer: "Hunderttausende Südvietnamesen flohen ins Exil und mussten sich eine neue Existenz in der Fremde aufbauen. Rund 50.000 'Boat People' starben auf dem Weg über das Meer. Tausende wurden als vermeintliche Kollaborateure hingerichtet, 400.000 in Arbeits- und Umerziehungslager gesteckt, wo sie Folter, Hunger und harte Arbeit erlebten. Nicht explodierte Bomben und Minen, die bis heute im Boden der drei Länder stecken, haben in fünf Jahrzehnten Zehntausende Leben gekostet. Die Überreste des dioxinhaltigen Agent Orange, das die Amerikaner zur Entlaubung über den Wäldern versprüht hatten, führt in Vietnam auch heute noch zu Erkrankungen und Missbildungen bei Neugeborenen." Den heutigen Isolationismus Trumps sieht Fähnders in der Linie des Vietnam-Traumas: "Heute scheinen die USA mehr denn je entschlossen, sich vom Interventionismus der Vergangenheit zu lösen."

Den Balkon, von dem aus Adolf Hitler jubelnden Wienern auf dem Heldenplatz den Anschluss Österreichs verkündet hatte, darf man nicht betreten. Es gibt nicht mal eine Hinweistafel am Haus. Jetzt soll auch noch das Haus der Geschichte Österreichs, zu dem er gehört und aus dessen Innerem man wenigstens auf den Balkon blicken konnte, ins Museumsquartier umziehen, erzählt Verena Mayer in der SZ. "Offiziell ist in der Wiener Hofburg zu wenig Platz, weshalb im Museumsquartier zwischen den bereits bestehenden Museen bis 2028 ein luftiger Holzbau errichtet werden soll. Ein anderes Motiv könnte sein: Das offizielle Österreich will an dem geschichtsträchtigen Ort eigentlich kein Haus der Geschichte. Die Hofburg soll wieder jenes repräsentative Gebäude aus der Habsburger Monarchie sein, das es früher einmal war. Ein Postkartenmotiv, dessen Bruchstelle man verdrängt."

Das Haus der Geschichte und "Hitlers Balkon" ist nur ein Beispiel dafür, wie vage Österreichs Umgang mit der eigenen Vergangenheit ist, meint in der NZZ Meret Baumann: "Das zeigt sich etwa an den verschiedenen Bezeichnungen für das Dollfuss-Schuschnigg-Regime von 1933 bis 1938 oder am jahrelangen Streit um Hitlers Geburtshaus in Braunau, das man vor einigen Jahren noch kurzerhand abreißen wollte. Ebenso lange wurde diskutiert, was man mit der Statue Karl Luegers im Zentrum Wiens machen sollte. Der Bürgermeister der Jahre 1897 bis 1910 prägte die Hauptstadt, war aber auch glühender Antisemit und bereitete so Hitlers Ideologie den Boden. Vor zwei Jahren wurde nach einem Wettbewerb beschlossen, das Denkmal um 3,5 Grad zu kippen. Die Umsetzung war für vergangenes Jahr geplant, verzögert sich aber."

Im Standard hatte der Historiker Markus Wurzer schon vor mehreren Tagen vor einem Umzug gewarnt: Mit dem Tod der letzten Holocaust-Überlebenden würden "NS-belastete Orte zukünftig die entscheidenden Schauplätze erinnerungspolitischer Deutungskämpfe werden." Wie kein anderer Ort stehe der Balkon "für die Begeisterung und damit Mitverantwortung der österreichischen Bevölkerung für den Nationalsozialismus ... Das hat mit der geografischen Lage im 'Herzen' der Republik zu tun, liegt aber auch daran, dass er wie kein anderer Ort im kollektiven Bildgedächtnis verankert ist - es ist ein Ort europäischer Relevanz. Dabei braucht eigentlich nicht nur der Balkon, sondern das ganze Gebäude Aufmerksamkeit: Sowohl das Dollfuß-Schuschnigg-Regime als auch die NS-Diktatur haben es als Projektionsfläche antidemokratischer Inszenierung der Geschichte genutzt, um ihre Herrschaft zu rechtfertigen. Dass beispielsweise im Treppenhaus mit Lustern aus dem Palais Rothschild unkommentiert NS-Raubgut zu hängen scheint, ist haarsträubend."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.04.2025 - Geschichte

Der Kulturwissenschaftler Wolfgang Stephan Kissel betrachtet für "Bilder und Zeiten" (FAZ) das sowjetische Ehrenmal im Treptower Park, das nicht nur Stalins, sondern auch Putins Narrativ über Krieg und Sieg stütze: "Der Antisemitismus der NS-Ideologie und die in erster Linie gegen jüdische Sowjetbürger gerichtete Ausrottungspraxis wurden unter dem viel allgemeineren Rassismus abgehandelt. Der Anspruch, die 'Zivilisation Europas' gerettet zu haben, täuschte über die Verbrechen der Bolschewiki unter Lenin und Stalin hinweg und verhalf dem Zivilisationsbegriff in russischer Sprache und im sowjetischen Einflussbereich zu einer Renaissance, die bis heute andauert und unter Putin einen neuen Höhepunkt erreicht hat."

Weitere Artikel: In der taz denkt der Historiker Bernd Greiner im Interview mit Sven Hansen über die Lehren aus dem Vietnamkrieg nach, der vor 50 Jahren endete: Er glaubt, die USA hätten dort nur aus Prestigegründen weitergekämpft. In der FAZ erinnert Jannis Koltermann an die fatale Wahl Paul von Hindenburgs vor 100 Jahren: "Das Fatale an der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen im Jahr 1925 ist denn auch weniger der Sieg der Vergangenheit über die Gegenwart. Fatal ist, dass sich rückblickend eine dritte Zeitebene ins Geschehen mischt und die verklärte Vergangenheit zwar nicht unweigerlich, aber doch folgerichtig in die faschistische Zukunft führt." In "Bilder und Zeiten" (FAZ) erinnert Astrid Kaminski an den niederländischen Autor Nico Rost, der bei der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau unter den Überlebenden war und später unermüdlich - unter anderem in seinem Buch "Goethe in Dachau", das in der DDR verboten werden sollte - an die Verbrechen der Nazis und ihrer Helfer erinnerte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2025 - Geschichte

Vor fünfzig Jahren verschafften sich RAF-Terroristen Zugang zur westdeutschen Botschaft in Stockholm und nahmen zwölf Geiseln, von denen zwei getötet wurden, erinnert Alex Rühle in der SZ und weist auf einen neuen Dokumentarfilm hin, der zu dem Thema bald im schwedischen Fernsehen und auf Arte laufen wird (hier eine Sendung vom Deutschlandfunk zum Thema). Anders als bei der Geiselnahme des CDU-Politikers Peter Lorenz ging die deutsche Regierung nicht auf die Konditionen der RAF ein. Im neuen Dokumentarfilm werden auch die Hinterbliebenen interviewt. "Und Oliver Hillegaart, der mit 13 Jahren ebenfalls zum Halbwaisen wurde, spricht eindrücklich vom Gefühl des hilflosen Ausgeliefertseins, der Achterbahn an jenem Tag zwischen Hoffen und panischer Angst. Im Telefongespräch mit der SZ klingt er gefasst, zugewandt, ja auf lapidare Art weise. Es sei 'im Grunde tragisch, dass die Terroristen mit dem, was sie gemacht haben, das Vorgehen ihrer Naziväter gespiegelt haben, gegen die sie rebelliert haben'. Dass Helmut Schmidt und die Bundesregierung den Forderungen nicht nachgaben, 'war schlecht für unsere Familie, aber gut für Deutschland'. So etwas wie Groll hege er nicht. Es sei 'schon ein seltsames Gefühl' gewesen, als die Attentäter in den Neunzigerjahren nach und nach freigelassen wurden. 'Andererseits - was für andere Mörder gilt, muss in unserem Rechtsstaat auch für die Täter der RAF gelten.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2025 - Geschichte

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Der amerikanische Autor Russell Shorto hat eine neue Geschichte New Yorks geschrieben, "Taking Manhattan. The extraordinary events that created New York and shaped America". Darin erinnert er daran, dass Manhattan einst als Siedlung Neu Amsterdam von Niederländern gegründet wurde. 1664 wurde die Halbinsel dann von den Briten erobert, mit Richard Nicolls als Vertreter des Königs und späterem Gegenspieler des Holländers Peter Stuyvesant an Bord, erzählt Shorto im Interview mit der Welt: "Die Historie von New York ist immer verwirrend, weil sie nicht eindeutig ist. Schon in Neu Amsterdam wurden beispielsweise neunzehn verschiedenen Sprachen gesprochen, obwohl da nur 1500 Menschen lebten. Die Geschichte der englischen Kolonie Massachusetts Bay, mit Boston, war einfacher. Da dominierten die Puritaner, die strengen Calvinisten. Ihre Historie, die der Pilgrim Fathers und des Erntedankfests Thanksgiving, entwickelte sich zur Entstehungsgeschichte des Landes. ... Die Niederländer brachten zwei Sachen mit. Erstens: Toleranz, und damit eine multiethnische Gemeinschaft. Zweitens: die Bausteine des Kapitalismus. Neu Amsterdam glich einem Städtchen aus dem Wilden Westen, es war ein primitiver Ort. Aber die Einwohner hatten Mitspracherecht in der Verwaltung. Vor allem waren sie Kaufleute und handelten mit Südamerika, mit der Karibik, mit Europa, mit Westafrika. Sie schufen ein Modell, auf das die Engländer sehr eifersüchtig waren. Es war so speziell, dass Richard Nicolls es nicht zerstören wollte." Derzeit, meint Shorto, scheint sich aber eher die Engstirnigkeit der Bostoner in den USA durchzusetzen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2025 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Ulrich Schlie an den Nachfolger von Reinhardt Heydrich als Chef des Reichssicherheitshauptamts, den Oberösterreicher Ernst Kaltenbrunner. Dieser verfolgte gegen Ende des Krieges eigene Nachkriegspläne für Österreich und reiste am 21. April nach Altaussee im Salzkammergut. "Nach Altaussee hatte Kaltenbrunner seine engsten Vertrauten aus dem Reichssicherheitshauptamt mitgenommen: Wilhelm Waneck, Werner Göttsch und Wilhelm Höttl. (...) Höttl hatte sich Kaltenbrunners Vertrauen erschlichen und in weiser Voraussicht schon seit geraumer Zeit enge Kontakte in die neutrale Schweiz ins Umfeld von Allen Dulles geknüpft, dem Gesandten des US-Auslandsgeheimdienstes Office of Strategic Services." Dulles ließ sich von dieser Truppe in den letzten Kriegstagen auf eine falsche Fährte locken. "In einem Memorandum vom März 1945, das Präsident Roosevelt vorgelegt wurde, heißt es, dass sich die 'Oppositionsgruppe innerhalb der österreichischen SS' für eine 'Übergangsregierung' empfehlen wolle, die den Endkampf in der Alpenfestung bis zur letzten Patrone vermeiden und dafür die Übergaben der staatlichen Gewalt an die Westalliierten organisieren wolle."