Hubertus Knabe geht auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der
FAZ der heute so populären Vokabel "
Befreiung" für den 8. Mai auf den Grund. Die Alliierten wollten Deutschland nicht befreien, sondern
besiegen, schreibt er. Sowohl Briten und Amerikaner, als auch Stalin verlangten die
bedingungslose Kapitulation. Und für große Teile der deutschen Bevölkerung galt, "dass sie sich
bis zum Schluss mit dem Regime der Nationalsozialisten identifizierten oder zumindest sich nicht davon distanzierten... Vor allem an der Ostfront leisteten die deutschen Soldaten bis zuletzt
erbitterten Widerstand." Die Vokabel der Befreiung wurde dann von jenen in Umlauf gebracht die ein neues
Unterdrückungsregime installierten: "Nach der Gründung der DDR wurde der Sieg über Hitler-Deutschland jedoch zur wichtigsten Legitimationsgrundlage für die
Diktatur der SED. Seit 1950 war der 8. Mai als 'Tag der Befreiung'
arbeitsfreier Feiertag." Und die Reklamation des Begriffs Befreiung für ganz Deutschland durch
Richard von Weizsäcker erforderte eine hässliche intellektuelle Verrenkung: "Mit vagen Formulierungen verschleierte Weizsäcker, dass es
östlich der Elbe 1945 nicht wirklich eine Befreiung gegeben hatte. Zugleich legte er den Deutschen nahe, sich mit dem Status quo abzufinden: 'Die Willkür der
Zuteilung unterschiedlicher Schicksale ertragen zu lernen, war die erste Aufgabe im Geistigen, die sich neben der Aufgabe des materiellen Wiederaufbaus stellte.'"
Von wegen "
Befreiung". Der estnische Komponist
Jüri Reinvere konkretisiert ebenfalls in der
FAZ, worin Richard von Weizsäckers Verrenkung bestand, als er aus doch wohl eher westdeutscher Perspektive den 8. Mai zum Tag der Befreiung zementierte: "Die Alliierten hatten Stalin schon bei der Konferenz von Jalta im Februar 1945 weitreichende Zugeständnisse bei der Ausdehnung von dessen Herrschaftssphäre gemacht. Auf der Potsdamer Konferenz wurde nicht nur das Baltikum, sondern
ganz Mittelosteuropa preisgegeben,
auch von Churchill. Die West-Alliierten segneten Stalins Teil der Beute aus dem
Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 einfach ab. Die freie Welt überließ unter jenem Druck, den man 'Realpolitik' nennt, den halben Kontinent
einem Massenmörder."
Putin macht mit seinen Geschichtsklitterungen unterdessen weiter und hat neulich von den heldenhaften "
Verteidigern von Minsk" gesprochen, erzählte Nikolai Klimeniouk bereits am Samstag in der
FAS. Dabei war Minsk 1941
ohne Widerstand von den Deutschen eingenommen, so Klimeniouk. "Bis Putin die ruhmreichen Helden von Minsk erfand, galt der schnelle Zusammenbruch der Westfront als eines der
beschämendsten Kapitel des sogenannten 'Großen Vaterländischen Krieges'... Die Zivilbevölkerung von Minsk wurde angesichts der absehbaren Niederlage nicht evakuiert, sondern sogar
an der Flucht gehindert. Ein Drittel der Einwohner, rund 90.000 Menschen, waren Juden - und die meisten von ihnen wurden von den Besatzern ermordet. Das war kein Einzelfall, Ähnliches geschah in
Odessa,
Czernowitz und anderen Städten der Sowjetunion. Die Mitverantwortung der sowjetischen Führung für die
extremen Opferzahlen, die ohnehin nicht aufgearbeitet wurde, soll nun endgültig vergessen werden."
Avraham Burg, ehemaliger Präsident des israelischen Parlaments, widerspricht in der
FAZ vehement dem aktuellen israelischen Botschafter
Ron Prosor, der Omri Boehm und linken Antisemitismus kritisiert hatte, während sich seine Regierung mit Europas Rechtspopulisten verbünde. Das Gedenken an den Holocaust gehöre
sehr wohl universalisiert, wie es Boehm fordert, schreibt Burg, der daraus auch Konsequenzen für den
Gazakrieg ziehen will: "Nichts, was Israel den Palästinensern im vergangenen Jahrhundert zugefügt hat, rechtfertigt die Gräueltaten der Hamas, und nichts, was die Hamas getan hat, rechtfertigt Israels anhaltende
Verwüstung im Gazastreifen. Ein Verbrechen wiegt ein anderes nicht auf. Die schrecklichen Taten der Hamas waren kein Holocaust. Und gerade weil wir den Holocaust erfahren haben, müssen wir mehr als alle anderen die
ethischen und rechtlichen Grenzen von Macht und Brutalität verstehen. Doch stattdessen nutzen zu viele Israelis den Holocaust, um diese Grenzen aufzuheben."
Neulich wurde gemeldet, dass es nach 55 Jahren eine Spur zum
Brandanschlag auf das Altersheim der Israelitischen Kultusgemeinde in München im Jahr 1970 gibt, bei dem sieben Menschen ums Leben kamen (unser
Resümee). Sven Röbel
weiß im
Spiegel etwas mehr. Die Spur führe "zu einem inzwischen verstorbenen Deutschen aus dem kriminellen Milieu Münchens. Der Mann, der in den Siebzigerjahren mehrfach durch Straftaten aufgefallen war, soll offensiv antisemitische und
rechtsextreme Ansichten vertreten haben. Inwieweit er auch mit der organisierten Neonaziszene in Kontakt stand, ist ebenfalls Gegenstand der Ermittlungen."