9punkt - Die Debattenrundschau

Ein Stahlgitter zieht sich durch den Pausenhof

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.07.2020. Eine Bombe schlägt in Berlin ein: Der Wissenschaftsrat schlägt die Auflösung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vor, der Laden sei "dysfunktional", meldete als erste Zeit online. Monika Grütters dürfte mit dem Bericht einverstanden sein, vemutet die SZ. Der Tagesspiegel findet kaum genug Platz, um die Misere auszumalen. Amerikanische und britische Intellektuelle wenden sich in einem offenen Brief gegen den Tugendterror in der Debatte. Die NZZ erklärt, warum "Black Lives Matter" in der arabischen Welt nicht populär ist.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.07.2020 finden Sie hier

Kulturpolitik

Schon vor einiger Zeit hat die Bundesregierung ein Gutachten des Wissenschaftsrats über die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Auftrag gegeben - die in Berlin bekanntlich eine ganze Reihe bedeutungsvoller Kulturinstitutionen des ehemaligen Landes Preußen von den Museen der Museumsinsel bis hin zur Staatsbibliothek bündelt und zusammengezählt über 2.000 Mitarbeiter hat. Anna-Lena Scholz und Tobias Timm von Zeit online konnten einen Entwurf des Papiers lesen - das schlicht und brisant die Auflösung der Stiftung empfiehlt: "Die Gutachter empfehlen, die Vielzahl an Institutionen nicht mehr unter der bisherigen Dachorganisation zu bündeln, deren Wirken sie als 'dysfunktional' bezeichnen. Es sei zu einer 'strukturellen Überforderung' der SPK gekommen, ihre Einrichtungen würden dadurch in ihrer weiteren Entwicklung gehemmt. Derzeit wird die SPK von einem Präsidenten geleitet, dem Archäologen Hermann Parzinger."

Der Bericht sei eine Bombe, eine Umsetzung wäre "die größte kulturpolitische Maßnahme seit der Wiedervereinigung", kommentiert Jörg Häntzschel in der SZ, der auch über die schlechten Besucherzahlen der so renommierten Häuser in Berlin schreibt. Und Monika Grütters dürfte einverstanden sein: "Die Paralyse der SPK und die dennoch ungeminderte Macht des zentralistisch regierenden Parzinger irritieren die ebenfalls sehr machtbewusste Grütters seit Langem. Vor drei Jahren versprach Grütters gegenüber der SZ, in ihrer zweiten Amtszeit wolle sie 'den Tanker SPK neu aufstellen'. Sie ließ das sogar in den Koalitionsvertrag schreiben."

Rüdiger Schaper annonciert im Tagesspiegel ein "heftiges Sommergewitter". Und hat in seinem Artikel kaum genug Platz, um die Misere auszumalen: "Unbequem ist es für die Stiftung schon jetzt. Der Neubau des Museums für das 20. Jahrhundert, ein Lieblingsprojekt von Grütters, steht wegen der bereits vor Baubeginn explodierenden Kosten von derzeit 450 Millionen Euro schwer in der Kritik. Zudem wartet am Kulturforum die Staatsbibliothek auf ihre Grundsanierung. Am Pergamonmuseum nehmen die Arbeiten kein Ende, während am Hamburger Bahnhof der Komplex der Rieckhallen abgerissen und die Flick-Sammlung abgezogen wird und der Bund über einen Kauf des alten Bahnhofsgebäudes verhandelt. Am Humboldt Forum verzögert sich die Innenausbau wegen der Corona-Krise." Eine Neuordnung wäre überfällig, meint auch Harry Nutt in der Berliner Zeitung.

Weiteres: Ärger gibt's auch im Literaturarchiv Marbach, wo sich die Betriebsrätin Ulrike Weiß über den Führungsstil der neuen Direktorin Sandra Richter beschwert - die ihre neue Politik unter anderem mit der Notwendigkeit der Digitalisierung begründet, berichtet Rüdiger Soldt in der FAZ.

Politik

In arabischen Ländern stößt die "Black Lives Matter"-Bewegung trotz weit verbreiteten Ressentiments gegen Amerika auf ein eher flaues Echo. Das hat mit den Leichen im eigenen Keller zu tun, vermutet Ulrich Schmid in der NZZ: "Das Verhältnis zwischen Arabern und subsaharischen Afrikanern gehört zu den schwierigsten überhaupt, mit furchtbarer, bleierner Geschichte. Höchstens Somali mit ihrem den Arabern abgeschauten rassistischen Überlegenheitswahn können in Ostafrika ähnlich verhasst sein wie die Araber. Fast tausend Jahre lang war jeder Araber südlich der Sahara ein Sklavenjäger, wurden aus der Region der Großen Seen, vom Oberlauf des Kongos, aus dem Süden Äthiopiens und des Sudans Millionen Schwarze an die Küste des Indischen Ozeans und nordwärts ins Niltal verschleppt, um dann an Araber und Türken verkauft zu werden."
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Europa

Eindrucksvoll erzählt Jana Lapper in der taz, wie der Völkermord von Srebrenica in den Schulen in Bosnien beschwiegen wird - und überhaupt: Wie Schulen dort aussehen: "So betreten etwa in der zentralbosnischen Stadt Travnik und in 55 weiteren Schulen bosniakische und kroatische Schüler*innen morgens zwar dasselbe Schulgebäude - jedoch durch separate Eingänge. Die bosniakischen Schüler*innen nutzen nur einen Teil der Schule, die kroatischen den anderen. Ein Stahlgitter zieht sich durch den Pausenhof, um jeglichen Kontakt zwischen den Schüler*innen zu verhindern. In der Republika Srpska sind Schulen gleich komplett nach Ethnien getrennt."

Alice Schwarzer plädiert in emma.de für eine Wehrpflicht, beziehungsweise für eine Dienstpflicht - weil die Bundeswehr sich dann nicht zum Staat im Staate entwickelt und sich die Gesellschaft selbst begegnet. "Und in Zeiten der Forderung nach absoluter Gleichberechtigung und Quoten lässt sich eine Wehrpflicht nur für Männer beim besten Willen nicht länger argumentieren. Auch ist nicht nur die Wehrhaftigkeit nach außen in Bedrängnis, sondern ebenso das Funktionieren der Zivilgesellschaft nach innen. Es ist also nur logisch, die Wahl zu fordern: zwischen Bundeswehrjahr und Gesellschaftsjahr."

Im Guardian annonciert Rafael Behr ein Erstarken der schottischen Separatisten. "Meinungsumfragen zeigen regelmäßig Mehrheiten für die Unabhängigkeit, obwohl dies einen Mangel an Begeisterung für einen neuen Streit um das Referendum kaschiert, der Familien entzweit und Freundschaften zerstört hat."
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Ideen

Das Debattenklima ist in den USA und Großbritannien und den USA noch um einiges rauer als hiezulande. Wer nicht ganz auf Linie ist, wird gefeuert - und zwar auf Intervention tugendhaft empörter Linker. Yascha Mounk hat das neulich beklagt (Resümee) und deshalb gleich ein neues Medium gegründet (Resümee), in der Magazinrundschau haben wir zwei Artikel zum Phänomem (mehr hier) zitiert. Nun haben einige angloamerikanische Intellektuelle - darunter einiger Betonlinke wie Noam Chomsky, aber auch Autoren wie J.K. Rowling oder Salman Rushdie und Francis Fukuyama - in Harper's unter dem Titel "A Letter on Justice and Open Debate" einen offenen Brief veröffentlicht, in dem sie vor dem gnadenlos verschärften Ton warnen: "Die Kräfte des Antiliberalismus werden weltweit stärker und haben einen mächtigen Alliierten in Donald Trump, der eine wirkliche Bedrohung für die Demokratie darstellt. Aber der Widerstand darf sich nicht zu zu seiner eigenen Version von Dogmatismus und Zwang verhärten - was von rechten Demagogen stets ausgebeutet wird. Die demokratische Integration, die wir wollen, kann nur erreicht werden, wenn wir uns gegen ein intolerantes Klima auf allen Seiten aussprechen."

Die Bayreuther Anglistin Susan Arndt, eine weiße Spezialistin für Intersektionalitätsstudien und Rassismusforschung, legt in der taz doppelseitig dar, dass Rassismus den Deutschen und Europäern gewissermaßen unauslöschlich ins Gemüt gesenkt ist: "Die etablierte christliche Farbsymbolik hielt dazu ein verlockendes Angebot bereit: Schwarz steht für das Teuflische, Animalische, Böse. Weiß dagegen für das Göttliche, Überlegene, Gute. Von hier war es nur ein kleiner Schritt zu der ebenso simplen wie fatalen Logik: es gibt eine 'weiße Rasse' - und diese ist allen anderen überlegen. Das erforderte einen krassen Abstraktionsprozess; menschliche Komplexionen bewegen sich in Nuancen verschiedener Beige- und Brauntöne und niemand war je weiß oder schwarz."

Auch die amerikanische, in Berlin arbeitende Philosophin Susan Neiman spricht mit Claudia Schwartz in der NZZ über Rassismus - diesmal in den USA: "Der Süden hat den Bürgerkrieg verloren, aber er hat das Kriegsnarrativ gewonnen. Diese Verherrlichung, diese Elegie über den Süden, das zieht sich durch die gesamte amerikanische Kultur durch, auch dort, wo linke fortschrittliche Leute das nicht einmal vermuten. Hollywood hat da eine große Rolle gespielt."

Ein wirklich wütender Sohrab Ahmari kritisiert im Spectator die linke Revolution, die im Umfeld von BLM gefordert wird. Links ist daran gar nichts, meint der iranisch-amerikanische Kolumnist: Es "ist vielmehr eine Konterrevolution der neoliberalen Klasse - Akademiker, Medien, Großkonzerne, 'Experten', Big Tech - gegen die nationalistische Revolution von 2016. Die vermeintlichen Aufständischen und die Eliten marschieren gemeinsam durch die Straßen und beugen das Knie. Sie suchen nicht nach einer radikal neuen Regelung, sondern nach einer Rückkehr zum Status quo ante vor Trump, vor Brexit, der für sie sehr gut funktionierte. Weniger gut lief es natürlich für die Arbeiterklasse aller Rassen, die die Hauptlast ihres bevorzugten Policy-Mix trug: offene Grenzen, Freihandel ohne Grenzen, ein aggressiver kultureller Liberalismus, der Tradition und Gemeinschaft zersetzte, eine technokratische 'Global Governance', die Demokratie und Politik als solche kastrierte." Selbst die neue politisch korrekte Sprache, die auf jeder Eliteschule gelehrt werde, diene dazu, sich die Arbeiterklasse vom Hals zu halten.

Außerdem: Georg Diez greift ebenfalls in der taz einen Artikel Historikerin Sarah Churchwell  aus der NYRB auf (unser Resümee), die Amerika auf dem Weg zum Faschismus sieht, und stimmt ihr zu.
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