9punkt - Die Debattenrundschau

Mit Klarheit und Bescheidung

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.05.2020. In der FR fordert die Kabarettistin und Schauspielerin Maren Kroymann eine 50/50-Quote für Männer und Frauen in der Film- und Fernsehbranche. Postkolonialismus und Zionismus sind einander ähnlicher als man glauben mag, schreibt der Soziologe Natan Sznaider im Tagesspiegel. Ist der Starreporter Ronan Farrow "zu gut, um wahr zu sein", fragt die New York Times. Und heise.de erwartete sich nicht allzu viel vom Bundesverfassungsgericht in Sachen Datenschutz.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.05.2020 finden Sie hier

Gesellschaft

Im Interview mit der FR fordert die Kabarettistin und Schauspielerin Maren Kroymann eine 50/50-Quote für Männer und Frauen in der Film- und Fernsehbranche. In Schweden habe das gut funktioniert: "Ein Vertreter des schwedischen Filminstituts hat mal gesagt, die Sache sei sehr einfach. Sie koste weder mehr Zeit noch Geld, man müsse nur zählen. Wenn ein Mann eine Förderung gekriegt hat, wird so lange gewartet, bis eine förderfähige Frau einen Antrag stellt. Erst danach kommt der nächste Mann zum Zug." Quote und Qualität habe das in Schweden nicht geschadet, so Kroymann: "Festgestellt wurde, dass einige Jahre nach Einführung der 50:50-Regelung auch die künstlerischen Preise zur Hälfte an Frauen gingen. Dort wo das Machen gleich verteilt ist, ist auch die künstlerische Qualität gleich verteilt. Das geht nicht von Null auf jetzt, aber da müssen wir uns hinarbeiten."

Auf Zeit online fordert Elisabeth Raether ganz generell eine angemessene Bezahlung von Frauen - auch für bislang noch unbezahlte Familienarbeit: "Dass das Kümmern, Sorgen und Hinterherräumen in der Natur der Frauen liege, würde heute niemand mehr so formulieren. Man würde eher von Neigung sprechen. Sie macht es gern und sie kann es ja auch sehr gut. Aber auch Herbert Diess tut seine Arbeit als CEO von VW wahrscheinlich gern, offenbar muss sein Unternehmen trotzdem einige Millionen Euro jedes Jahr aufwenden, damit er seinen Job erledigt und motiviert bleibt. Es braucht schon die Last der Tradition und ein Gestrüpp aus privaten und politischen Erwartungen, um eine simple Wahrheit zu verdecken: Die unbezahlte Arbeit der Frauen ist eine Quersubventionierung der Privatwirtschaft."
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Internet

Microsoft hat die Berliner Datenschutzbehörde abgemahnt, weil dort auf Datenschutz-Lücken in den Videokonferenzprogrammen Skype und Teams hingewiesen wurde, berichtet unter anderem Ingo Pakalski bei golem.de. Dabei gibt es auch "nach Angaben von Stiftung Warentest 'sehr deutliche Mängel' in den Datenschutzerklärungen der jeweiligen Programme. Die Texte der meisten Anbieter 'lassen keine ernsthafte Befassung mit der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) erkennen', bemängeln die Tester." In der taz berichtet Christian Füller, dass sich Microsoft vor allem wegen seiner Videokonferenzsoftware immer mehr in den Schulen durchsetzt.
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Stichwörter: Microsoft

Ideen

Wie immer bei akademischen Debatten steht auch im Hintergrund der Mbembe-Debatte ein Streit um Stellen, Forschungsgelder und Einfluss, schreibt im Tagesspiegel der Soziologe Natan Sznaider aus Tel Aviv. Dabei seien sich Postkolonialismus und Zionismus ähnlicher als man glauben möge, denn "beide entsprangen aus der Kritik des Universalismus und der Aufklärung. Beide zogen Konsequenzen aus dem Scheitern der Aufklärung, beide sind partikulare politische Ideologien, die sich universal geben müssen, um gehört zu werden. Beide sind Bewegungen, die sich gegen eine 'weiße' Mehrheit stemmten. Auch der Zionismus war eine post-kolonialistische Bewegung, die Konsequenzen aus dem Scheitern der Aufklärung für die Juden in Europa zog. Aber es war vielleicht die politisch erfolgreichste politische post-kolonialistische Bewegung."

Nachzutragen ist der Hinweis auf Interventionen des FAZ-Herausgebers Jürgen Kaube und Aleida Assmanns im NDR, die beide erwartbarer Weise bei ihren Positionen bleiben. "Worum ging es in dieser Debatte? Achille Mbembes Behauptung, er habe nichts mit BDS zu schaffen, ist unwahr", schreibt Kaube. Aleida Assmann erhofft sich hingegen von Mbembe einen neuen Blick auf den Holocaust: "Dafür brauchen wir einen Antisemitismusbegriff, der uns nicht trennt, sondern zusammenführt und stärkt im entschlossenen Kampf gegen Judenhass, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie."

Home-Office ist die Zukunft der Arbeitswelt. Und damit einhergehen muss ein "Führen auf Distanz", meinen der Zukunftsforscher Daniel Dettling und sein Bruder Thomas J. Dettling in der NZZ. Sie sehen die schöne neue Arbeitswelt schon vor sich: "Leadership bedeutet Loslassen. In der Arbeitswelt von morgen geht es um mehr Selbständigkeit, um unternehmerisches Mitgestalten und um die Entfaltung aller Potenziale. Mitarbeitern maximale Freiräume zu geben sowie sie Neues in vernetzten und agilen Teams erproben und selbstbestimmt erfahren zu lassen, hat etwas mit 'los-lassen' zu tun. Das Grundprinzip der Digitalisierung ist Vernetzung. Unternehmen werden zu vernetzten Teams. In Communitys wird Plattform-basiert gelernt, Wissen geteilt, neu vernetzt und direkt angewendet. Mitarbeiter und Unternehmen werden so adaptiver."
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Politik

Vor der Coronakrise war in Chile eine Protestbewegung entstanden, die Verfassungsänderungen forderte, um die extremen sozialen Ungleichheiten des Landes abzufedern. Im April sollte ein Referendum für eine neue Verfassung stattfinden. Eva-Christina Meiers taz-Gespräch mit den Aktivisten Ana María Saavedra und Luís Alarcón zeigt, dass auch politische Prozesse von einer Pandemie gefährdet werden: "Wegen der Pandemie wurde das Plebiszit auf den 26. Oktober verschoben. Das hat nicht nur all die neuen Verbindungen und die entstandene Energie unterbrochen, es hat auch den in Chile so verbreiteten Diskurs der Angst wieder befördert."
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Stichwörter: Chile, Coronakrise, Pandemie

Europa

"Irgendwann musste Karlsruhe Luxemburg in die Schranken weisen. Am 5. Mai ist es geschehen." Der ehemalige Bundesverfassungsrichter Dieter Grimm begrüßt auf einer ganzen Seite im FAZ-Feuilleton das Urteil des aktuellen Bundesverfassungsgerichts gegen die EZB inklusive hartem Rüffel gegen den Europäischen Gerichtshof (EuGH). Allerdings stößt bei der Frage, wie eine Lösung des Konflikts aussehen könnte, "das Recht .. an Grenzen. Da beide Gerichte von ihrer jeweiligen Prämisse aus folgerichtig argumentieren, ist eine Lösung nicht in Sicht. In ein und derselben Sache gibt es zur selben Zeit zwei einander widersprechende Urteile, und da die EU kein Staat mit geschlossener Hierarchie ist, kann kein Gericht das Urteil des anderen aufheben."
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Medien

Ist Ronan Farrow zu gut um wahr zu sein?, fragt Ben Smith, der neue Medienkolumnist der New York Times, und spürt einigen Widersprüchen des Starreporters nach, der für die Konkurrenz beim New Yorker arbeitet. Farrow sei kein Fabulierer, beeilt sich Smith in seiner langen Recherche gleich zu versichern, kein Relotius also, aber eine neue Art parteiischer Reporter, der sich die Dinge manchmal allzu dramaturgisch passend zurechtlegt. Vor allem die Behauptungen über Verschwörungen gegen Farrow selbst, die er auch in seinem Buch vorbringt, halten für Smith einem Factchecking nicht stand. Weder mag Smith recht glauben, dass Harvey Weinstein NBC unter Druck setzte, um die Geschichte zu verhindern, noch dass Hillary Clinton Farrows Recherchen torpedieren wollte. Und er schließt: "Wir leben in einer Ära der Verschwörungstheorien und gefährlicher Fake News - viele von Präsident Trump vorangetrieben, andere aber von seinen Feinden gehypt -, die gewöhnliche Amerikaner dazu verleitet haben, inbrünstig an wilde und unbegründete Theorien zu glauben und Beweise für das Gegenteil mit aller Härte zurückzuweisen. Der beste Journalismus versucht, die begründbare Version der Wahrheit einzufangen, mit Klarheit und Bescheidung in das, was wir nicht wissen. Stattdessen erzählte uns Mr. Farrow, was wir über die Art und Weise, wie Macht funktioniert, glauben wollten, und jetzt, so scheint es, tun er und sein PR-Team nicht einmal mehr so, als wüssten sie, ob es wahr ist."
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Überwachung

Morgen verkündet das Bundesverfassungsgericht sein Urteil zur Massenüberwachung durch den BND. Warum Bürgerrechtler nicht allzusehr auf das Gericht hoffen sollten, erklärt Stefan Krempl in einem ausführlichen Artikel auf heise.de: "1960 hatte das Bundesverfassungsgericht noch entschieden: 'Kein Akt der Exekutive, der in Rechte des Bürgers eingreift, kann richterlicher Nachprüfung entzogen werden.' Am 15. Dezember 1970 dann die Kehrtwende just in Bezug auf die Geheimdienste, denen das Parlament mit der Notstandsverfassung 1968 erstmals weitgehende Befugnisse zum Eingriff ins Post- und Fernmeldegeheimnis gegeben hatte: Die Schlapphüte durften von da an etwa Telefongespräche mithören, Funksprüche abfangen und Briefe öffnen. Die Karlsruher Richter ließen mit dem Abhörurteil nicht nur diese Klauseln durchgehen, sondern schränkten auch die Artikel im Grundgesetz für die gerichtliche Kontrolle der 'Dienste' ein."
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