Spätaffäre

Solidarität von unten

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06.05.2014. 3sat hat Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Heiner Müllers "Zement" am Münchner Residenztheater aufgezeichnet. Daniel Day Lewis stößt in Paul Thomas Anderson Film "There Will Be Blood" erst auf Öl und dann auf einen Prediger. Der SWR feiert Cole Porter und Slavoj Zizek beschuldigt in der London Review of Books Putin, wie schon Stalin die vorrevolutionäre Politik des Zaren zu pflegen.

Für die Augen



Bei den Kritikern kam Dimiter Gotscheffs letzte vor seinem Tod fertiggestellte Inszenierung von Heiner Müllers "Zement" wenig gut weg. Nun bietet 3Sat die Möglichkeit, sich mit einer Aufnahme der Inszenierung vom Berliner Theatertreffen selbst ein Bild zu machen. In der Berliner Zeitung hielt Harald Jähner der Ausstrahlung immerhin zugute, durch die Verwendung von Großaufnahmen an Intensität zu gewinnen. Hier kann man sie sich online anschauen (168 Minuten). Foto: Armin Smailovich/Residenz Theater

Paul Thomas Andersons meisterlicher "There Will Be Blood" zählt zu den wenigen Filmen, die binnen kürzester Zeit Klassikerstatus für sich beanspruchen können - und das nicht nur wegen der exzellenten Regie, sondern auch wegen der herausragenden Leistung des Hauptdarstellers Daniel Day-Lewis. Arte zeigt das Drama über einen größenwahnsinnigen, moralisch höchst zweifelhaften Ölmagnaten in seiner Mediathek. (148 Minuten)

Für die Ohren

Vor 50 Jahren starb Cole Porter. Der SWR bringt aus diesem Anlass ein schönes Feature über den legendären Komponisten und Texter. Zu seinen größten Erfolgen gehörten - um nur ein paar zu nennen - "Night and Day", "Begin the Beguine", "You'd Be So Nice to Come Home To", "Anything Goes", "I Get A Kick Out Of You", "Love for Sale" und "I've Got You Under My Skin" (die Links führen fast alle zu den ersten Aufnahmen). Aus dem Programmtext: "Wer war dieser Mann, dessen Melodien unaufhörlich zwischen Dur und Moll pendeln? Dessen Liedtexte an der Oberfläche schlau und lustig sind, darunter aber von herzerweichender Schwermut und Melancholie. Regisseure, Sängerinnen, Musikproduzenten und Jazz-Liebhaberinnen erzählen von ihren Erlebnissen mit Cole Porter und seiner Musik." Hier schweben Fred Astaire und Ginger Rogers zu Porters "Night and Day" übers Parkett. Und hier kann man sich das Feature online anhören. (54 Minuten).

Was ist vom Selfie-Trend zu halten, fragt sich für den Zündfunk des Bayerischen Rundfunks Sammy Khamis - alles bloß Narzissmus? Oder einfach Ausdruck der Kommunikationskultur heutiger Jugendlicher? Für sein Feature "Selfies - Digitale Fotografie zwischen Empowerment und Narzissmus" hat er bei diversen Wissenschaftlern, die sich mit dem Phänomen befassen, nachgefragt. Hier kann man die Sendung nachhören (53 Minuten)

Für Sinn und Verstand

Die Ukrainer hätten ihre Lenin-Denkmäler ruhig stehen lassen können, meint Slavoj Zizek in der London Review of Books und erinnert daran, dass Lenin seinen letzten Kampf gegen Stalin und dessen Projekt einer zentralisierten Sowjetunion führte. 1922 mussten auf Stalins Geheiß die Ukraine, Belarus, Aserbaidschan, Armenien und Georgien "ihren Wunsch" erklären, der Sowjetunion beitreten zu dürfen, 1939 dann die drei baltischen Staaten: "Mit all dem kehrte Stalin zur vorrevolutionären Politik des Zaren zurück: Russlands Kolonisierung Sibiriens im 17. Jahrhundert und des muslimischen Asiens im 19. Jahrhundert wurde nicht länger als imperialistische Expansion verurteilt, sondern begrüßt, weil es diese rückständigen Gesellschaften auf den Pfad der fortschrittlichen Modernisierung brachte. Putins Außenpolitik ist eine klare Fortsetzung der zaristisch-stalinistischen Linie." Und Zizek schließt: "Die Demonstranten vom Maidan waren Helden, doch der wahre Kampf - für eine neue Ukraine - beginnt erst jetzt, und er wird noch härter als der Kampf gegen Putins Intervention. Ein neues und riskanteres Heldentum wird nötig sein. Gezeigt haben es schon jene Russen, die sich der nationalistischen Leidenschaft ihres Landes entgegenstellen und sie als Instrument der Macht entlarven. Es ist an der Zeit für eine Solidarität von unten zwischen Ukrainern und Russen."

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Susanne Röckel sucht im Merkur an der Donau das neue Europa und stößt in Rumänien auf das alte Hafenstädtchen Calafat, wo von der früheren Pracht nicht viel erhalten ist: "Alte Gebäude stehen für die eigene Geschichte, und Geschichte stiftet Identität, so lernt man es in Deutschland. Aber hier, in Calafat, kommt mir das Wort plötzlich unstatthaft, ja verlogen vor, als wäre 'Identität' ein Luxus, den man sich nur leisten kann, wenn man satt und sicher ist. Hier ist die Vergangenheit auf ganz andere Weise vorhanden als bei uns. Es gibt keinen roten Faden, der sie zu einem Zusammenhang macht, zu einer Geschichte, in der man selbst unbestreitbar seinen Platz hat. Man scheint sie misstrauisch, distanziert, fast hilflos zu betrachten. Vielleicht ist auch etwas wie Stolz im Spiel, ein trotziges und gleichgültiges: 'Was hat uns das alles gebracht?' Calafat ist eine Stadt, die kein Ganzes ergibt."