Spätaffäre

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11.04.2014. Bernd Eichinger wäre heute 65 geworden - die Dokumentation "60 Millionen für Phantásien" zeigt die Entstehung seines ersten Hollywoodfilms. Im SWR wird über Crowdfunding, im Dradio Kultur über Open Source Programming diskutiert. Zehn Jahre, nachdem Sido ihm ein Denkmal setzte, besucht der Tagesspiegel das Märkische Viertel. Und die NYRB setzt ihre Reportagereihe über Korruption in Uganda fort.

Für die Augen

Arte setzt seine Christian-Petzold-Reihe mit dem in Brandenburg spielenden "Jerichow" fort (siehe auch unsere gestrige Spätaffäre mit "Barbara"). Inspiriert von James M. Cains "Wenn der Postmann zweimal klingelt" und dessen Niederschlag in der Filmgeschichte, schuf der Berliner Regisseur ein intensives Beziehungsdrama. Zum Kinostart schrieb Ekkehard Knörer für den Perlentaucher eine begeisterte Filmkritik. Sehen kann man den Film hier in der Mediathek. (86 Min.)

Heute wäre Bernd Eichinger 65 geworden. Aus diesem Anlass wollen wir auf die tolle SWR-Dokumentation "60 Millionen für Phantásien" aus dem Jahr 1984 hinweisen, die die Entstehung der "Unendlichen Geschichte", Eichingers erstem großen Hollywood-Film, nachzeichnet. Auch Michael Ende kommt zu Wort und zeigt sich von der Adaption seiner Buchvorlage wenig entzückt: "Was an Fantasie in diesem Film enthalten ist, das übersteigt kaum das Niveau eines mittleren Nachtklubs." (57 Min.)

Für die Ohren

"Open source is doing for mass innovation what the assembly line did for mass production. Get ready for the era when collaboration replaces the corporation", prognostizierte Thomas Goetz vor zehn Jahren in Wired. Heute wird im Zusammenhang mit dem Datenleck "Heartbleed" erhitzt über Open Source Programming diskutiert: macht es Software sicherer oder anfälliger für Fehler? Im DradioKultur unterhält sich Philip Banse mit Claudia Rauch, Harald Welte und Leonhard Dobusch über Vor- und Nachteile des offenen Codes. Hier kann man die Sendung online hören und runterladen. (57 Min.)

"Verändert Crowdfunding den Kulturbetrieb", fragt sich beim SWR eine Runde bestehend aus Denis Bartelt von der Plattform Startnext, die Kulturmanagerin Eva-Maria Brück-Neufeld und der Social-Media-Experte Karsten Wenzlaff unter der Leitung von Susanne Kaufmann. Unter anderem geht es um diese Fragen: "Wie verändert diese 'Schwarmfinanzierung' das kulturelle Leben? Wird Kunst dadurch demokratischer? Wenn die Netzgemeinde bezahlt, werden dann die öffentliche Hand und Sponsoren ihre Kulturförderung langfristig herunter fahren? Schon jetzt erscheint es denkbar, dass die Crowd auch über die Vergabe öffentlicher Gelder mit entscheiden könnte." Hier kann man die Sendung online hören. (44 Min.)

Für Sinn und Verstand

In der Ausgabe vom 3. April der New York Review of Books berichtete Helen Epstein unter der Überschrift "Mord in Uganda" über die groteske Korruption in Uganda, die das Gesundheitssystem um Jahrzehnte zurückgeworfen hat. Im zweiten Teil ihrer dreiteiligen Serie erzählt sie am Beispiel des heute in London lebenden Generals David Sejusa, wie Präsident Yoweri Museveni und seine Familie mit Kritikern umspringen. "Er war ein Befehlshaber in der Nationalen Widerstandsarmee, die Musevenin 1986 an die Macht brachte und hatte seitdem verschiedene hohe Posten in der Armee und der Regierung. Als Geheimdienstkoordinator war er verantwortlich dafür, viele Missetaten der Regierung zu vertuschen - durch hartes Durchgreifen gegen die Medien zu zum Beispiel oder einen Militäreinsatz gegen das Oberste Gericht 2005. Doch hat er auch bei zahlreichen Gelegenheiten mit Museveni gestritten und versucht, das Militär zu verlassen. Im Mai 2013 floh er nach Britannien, nachdem er erfahren hatte, sagt er, dass er und andere führende Offiziere, die gegen Musevenis Geheimplan opponierten, seinen 39-jährigen Sohn als Nachfolger einzusetzen, ermordet werden sollten. Als er einige Monate in UK war, erzählte er einem ugandischen Journalisten, dass [die oppositionelle Abgeordnete] Cerinah Nebanda und viele andere prominente Ugander 'im Auftrag von oben' ermordet worden waren. Ich war wollte unbedingt mit ihm sprechen."

Lucas Vogelsang hat für eine Reportage im Tagesspiegel "Ihren Block" besucht, den Block im Märkischen Viertel, den vor zehn Jahren Sido besang. Er beschrieb darin einen Gang durch die Stockwerke seines Hochhauses und erzählte von nichts anderem als Sex, Gewalt, Drogen und Tristesse. Es war ein Riesenhit, weil "es eben auch das Kriminaltheater für die Vorurteile der deutschen Mittelschicht war; die sich in allem bestätigt fühlen durfte, weil da einer im geklauten BMW durch sein Viertel fuhr". Schon damals waren nicht alle glücklich über diese plötzliche Prominenz, die bis heute nachhallt:
"ISABELLE: Ich spreche fünf Sprachen. Ich habe ein englisches Abitur gemacht und studiere Islamwissenschaften. Wenn ich erzähle, dass ich aus'm MV komme, dann sind immer alle erstaunt und glauben es nicht. Es gibt aber auch Leute, die hassen mich dafür.
AYHAN K.: Sido hat das MV als einen Puff dargestellt. Als Nuttenloch. Ich habe mich von diesem Song persönlich beleidigt gefühlt. Er wusste nichts von dem, wie es wirklich ablief.
FRAU GRABOWSKY: Unser Märkisches Viertel ist ein Idyll. Ruhige Ecke. Hören Sie was?
HERR GRABOWSKY: Wir haben hier Luftverhältnisse wie auf Sylt.
MURAT DRAYEF: Dieser Ort hat ganz viel Seele. Mein Herz hängt am MV." (Foto: Lienhard Schulz / Wikipedia. Märkisches Viertel 2005)
Stichwörter: Britannien, Uganda, Wikipedia, Sido