Spätaffäre

Vom Fernsehen schon weitgehend verabschiedet

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
05.02.2014. Zur Einstimmung auf die Berlinale gibt es Kurzfilme aus dem Festivalprogramm der letzten Jahre. Außerdem: Hörbeiträge über die Zivilgesellschaft in Russland und William S. Burroughs, eine fundierte Resignation über die Lage der deutschen Fernsehserie und eine Reportage über Polio in Syrien.

Für die Augen

Morgen beginnt die Berlinale. Aus dem Programm der letzten Jahre sind im Internet bis November wechselnde Kurzfilme zu sehen, hier gibt es einen Überblick und die ersten beiden Filme: "Traumfrau" von Oliver Schwarz (Schweiz 2012, 20 Min.) und "Whaled Women" von Ewa Einhorn und Jeuno JE Kim (Schweden 2012, 9 Min.).

Seit einem Vierteljahrhundert ist das alternative Hamburger Kulturzentrum Rote Flora umkämpft; eine Trutzburg der autonomen Szene. Rein kommen Sympathisanten, Politiker oder die Presse - wenn überhaupt - nur ganz selten. Nun durfte ein Kamerateam der 3sat-Kulturzeit hinein und interviewte einige der Besetzer (7 Min.).

Ein Klassiker des Neuen Deutschen Films beim VoD-Anbieter netzkino.de: Peter Fleischmanns "Jagdszenen aus Niederbayern" brüskierte seinerzeit die bayerische Landbevölkerung - heute gilt er als Klassiker des kontroversen Kinos.

Für die Ohren

"Putin kaputt" - Für den SWR bringt Pauline Tillmann ein Feature über die erwachende Zivilgesellschaft in Russland. Hier weitere Informationen, hier die mp3-Datei zum Download (54 Min.)

Das Nachtstudio vom Bayerischen Rundfunk widmet sich in seiner aktuellen Sendung von Barbara Schäfer ganz dem Beat- und Drogenautor William S. Burroughs, der heute vor hundert Jahren geboren wurde. Im Mittelpunkt stehen dabei die transatlantischen Beziehungen und Austauschprozesse. Zu Wort kommen unter anderem auch der Autor Jürgen Ploog und sein Kollege Wolf Wondraschek. Hier zum Download (57 Min.)

Ein wunderbares einstündiges BBC-Feature über den "Amen-Break", das berühmteste Schlagzeug-Break der Popgeschichte, das in Dutzenden Pophits imitiert oder gesampelt wurde. (60 Min.)



Es stammt von der B-Seite eine Gospel-Single der Winston Brothers, wie Open Culture in einem Dossier zum "Amen Break" berichtet. Hier in ganzer Pracht:


Für Sinn und Verstand

(via Dietrich Brüggemann) Seit Jahren besteht weitgehend Einigkeit, dass in Fernsehserien aus den USA, aus England, Skandinavien und Frankreich eine Qualität und Komplexität zu finden ist, von der das deutsche Fernsehpublikum nur träumen kann. Warum das so ist und sich auch nicht ändern wird, erörtert ein anonymer Autor aus der Fernsehbranche in der fundierten Studie "Die ausbleibende Revolution", die der Regisseur Dietrich Brüggemann auf seinem Blog zur Diskussion stellt: "Nicht nur sind die Öffentlich-Rechtlichen nicht in der Lage, qualitativ hochwertige Serien zu drehen, sie haben der deutschen Fernsehkultur auch mit den teilweise erbärmlichen Versuchen, Qualitätsware aus den USA an das deutschen Publikum heranzuführen, einen echten Bärendienst erwiesen... Die Generation unter 35 und die höheren Bildungsschichten haben sich vom Fernsehen als Medium schon so weitgehend verabschiedet (die neue Quotenauswertung in Milieus zeigt praktisch alle deutschen Programme im 'linken unteren Eck', wo sich relativ geringes Einkommen und relativ geringer Bildungsstand treffen), daß selbst eine öffentliche Empörung über das schlechte Programm nicht mehr den Ärger wert scheint." (32 Seiten.)

Die Ärztin und Menschenrechtlerin Annie Sparrow berichtet in der New York Review of Books mit Entsetzen, dass sich in Syrien wieder die Kinderlähmung ausbreitet: "Seit Mai haben syrische Ärzte und internationale Gesundheitsorganisationen mehr als 90 Polio-Fälle in sieben von vierzehn Verwaltungsbezirken festgestellt, in Deir Ezzor, Aleppo, Idlib, Hama, Damaskus, al-Hasakeh und Ar-Raqqa. Mit einem durchschnittlichen Alter von unter zwei sind - oder waren - die meisten Opfer buchstäblich Krabbelkinder. Nur wenige wurden geimpft. Kein Kind bekam eine Behandlung, um zu verhindern, dass die Lähmung eine permanente wird. Alle stammen aus Gegenden, die lange in Opposition zum Assad-Regime standen, was die politische Dimension des Ausbruchs widerspiegelt. In dem von der Regierung kontrollierten Gebiet ist kein einziger Fall aufgetreten." Und falls neunzig nicht viel erscheinen, erklärt Sparrow: "Auf jedes verkrüppelte Kind kommen eintausend Infizierte. Polio ist so ansteckend, dass jeder einzelne Fall als Katastrophenfall betrachtet wird. Neunzig Fälle könnten 90.000 Infizierte bedeuten, jeder von ihnen ein Träger, der die Krankheit weiter ausbreitet."

Außerdem erinnert Avishai Margalit in einem Nachruf in der NY Review an Ariel Sharon, seinen "dunklen Charme", seine Verachtung für Araber und seinen Abscheu gegenüber abstraktem Denken.