Spätaffäre

Filme für die nächsten 440 Jahre

Vorschläge zum Hören, Sehen, Lesen. Wochentags um 17 Uhr
06.02.2014. Unbedingt sehenswert ist Ashgar Farhadis Drama "Nader und Simin - Eine Trennung", das 2011 den Goldenen Bären gewann. Außerdem: zwei Hörstücke über Alfred Andersch, Myra Cakans Science-Fiction-Hörspiel "Eingeschlossen", Verbesserungsvorschläge zur Filmförderung und verborgene Schätze aus der größten Kloake des Internets.

Für die Augen

Vor drei Jahren sorgte der Goldene Bär für Ashgar Farhadis Drama "Nader und Simin - Eine Trennung" auf der Berlinale für seltene Einigkeit zwischen Jury, Kritikern und Publikum, kurz darauf kam auch noch der verdiente Oscar dazu. Bis zum 12. Februar ist das Meisterwerk über den Alltag in Iran noch in der Mediathek von Arte zu sehen. (118 Min.)

Claus von Wagner und Max Uthoff parodierten zu Beginn ihres ersten Auftritts in der ZDF-Anstalt am 4. Februar im alten Bühnenbild gleich mal ihre Vorgänger Priol & Schramm. Die "Generation Satire" wolle deutlich "weniger Merkel wagen", meint Jörg Michael Seewald in der FAZ und hofft auf mehr "Pointen aus der Wundertüte". Für Irene Helmes in der SZ haben die Neuen jedoch ihren Anspruch noch nicht erfüllt, auch wenn sie mit munteren Sprüchen wie vom "Politikpräservativ aus der Uckermark" über die "Heilige Ursula von der Dauernden Empfängnis" bis hin zum "Joachim-Evangelium" austeilten. (52 Minuten)

Zapp, das Medienmagazin des NDR hat unter anderem die Debatte um Alice Schwarzer aufgegriffen, hier in der Mediathek, etwa 30 Minuten.

Für die Ohren

"Sansibar ist anderswo" - Im Bayerischen Rundfunk würdigt Bernhard Setzwein den Publizisten und Schriftsteller Alfred Andersch, der am 4. Februar 100 Jahre alt geworden wäre. Hier als Download, ca. 30 Minuten. Passend dazu: Ein Radiogespräch in der artmix.galerie mit dem Medienwissenschaftler Hans-Ulrich Wagner über Andersch (ca. 24 Minuten).

Und wer nach dem Ende des Dschungelcamps nicht genug kriegen kann von eingeschlossenen Menschen unter Extrembedingungen, ist mit dem Hörspiel "Eingeschlossen" der Science-Fiction-Autorin Myra Cakan (hier ihr Blog) gut beraten. Hier weitere Informationen und das Hörspiel zum Nachhören (33 Minuten).

Eleonore Büning berichtete gestern in der FAZ Erstaunliches aus den Niederlanden: Jeden Samstagnachmittag würden bis zu zweitausend Musikfreunde ins Amsterdamer Concertgebouw kommen - nicht um klassische, sonder neue Musik zu hören. - Die Konzertreihe wurde von "sozialdemokratischen Rundfunkleuten" 1961 entwickelt, um Arbeiter am Wochenende aus den Kneipen in den Konzertsaal zu locken. Das Konzept war nicht unbedingt an "bildungsbürgerlichen Werten" orientiert. Es wird das gespielt, "was anderswo nicht gespielt wird", zitiert Büning den Kurator der "ZaterdagMatinee"-Konzerte Kees Vlaardingerbroek. - Hier spielt die Zwölfjährige Rangel "Lydische Suite" des holländischen Komponisten Ton de Leeuw (1926 - 1996) im Spiegelsaal des Concertgebouw Amsterdam (6:17 Min.)

Für Sinn und Verstand

Als die "verborgenen Schätze der größten Kloake des Internets" beschreibt Mark Slutsky in Buzzfeed die raren Kommentare unter Youtube-Clips, die in wenigen Worten bewegende Geschichten erzählen. "Wenn man sich tief in die Kommentare, vor allem denen zu Popsongs, eingräbt, stellt man fest, dass unter all den Hasstiraden, schlecht formulierten Beleidigungen und Obama-Verschwörungen zahllose Goldklumpen tiefster Menschlichkeit verborgen liegen. Man findet Geschichten von Liebe und Verlust, perfekt kristallisierte Momente von Nostalgie und saudade (ein portugiesisches Wort, das die unaussprechliche Sehnsucht nach etwas Vergangenem beschreibt). Ein Endlager für Erinnerungen, Geschichten und Träume, eine zufällige mündliche Überlieferung des amerikanischen Lebens der letzten fünfzig Jahre, geschrieben von den täglichen Millionen von Besuchern der Seite." Slutsky hat dem Phänomen mittlerweile ein Blog gewidmet, in dem er seine Entdeckungen dokumentiert.

"Deutschland braucht die Filmförderung", so viel steht für Knut Boeser, Geschäftsführender Vorstand im Verband Deutscher Drehbuchautoren, fest. Dass es allerdings reichlich Raum für Verbesserungen gäbe, macht er in einem engagierten Beitrag im Cicero deutlich. Darin rechnet er beispielsweise vor, dass man für die Rettungssumme der keineswegs systemrelevanten Hypo Real Estate "Filme für die nächsten 440 Jahre" hätte finanzieren können. "Was folgt aus alledem? Ihr, die ihr das Geld verwaltet und verteilt, legt die Gießkanne weg und lasst die wenigen wirklich Kreativen, die Autoren und Regisseure, die Produzenten und Schauspieler, die das Handwerk verstehen, ihre Geschichten erzählen, hindert sie nicht, bevormundet sie nicht, gebt ihnen Raum, mischt euch in die kreativen Prozesse nur maieutisch ein - so wie die Hebamme der Mutter hilft, ihr Kind zur Welt zu bringen. Keine Hebamme glaubt, es sei ihr Kind, das sie da zur Welt gebracht hat. Aber ohne sie, das weiß sie und daraus schöpft sie zu Recht ihr Selbstbewusstsein, würden viele Kinder nicht auf die Welt kommen. Probieren wir es doch aus: Lasst die Kreativen machen. Es kann nur besser werden."