Magazinrundschau - Archiv

The Times Literary Supplement

327 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 33

Magazinrundschau vom 09.12.2008 - Times Literary Supplement

George Brock hat eine vierbändige Anthologie mit Reportagen seit Herodot gelesen - Robert Fox' "Eyewitness to History" - und macht sich Gedanken über die Zukunft des professionellen Journalismus. Das Internet, schreibt er, bereichert den Journalismus, auch wenn er den Professionellen das Leben schwer macht. Zeitungen werden überleben, wenn sie ihre Arbeit mit etwas mehr Selbstkritik betrachten. "Viele Medienkritiker glauben, dass die Aufhebung der Trennung von Fakten und Kommentar die Ursünde ist und dies erklärt, was schief läuft. Aber Zeitungen und verstärkt Radios haben dem Journalismus eine dritte Funktion hinzugefügt: Seriöser Journalismus enthält Informationen (Neuigkeiten) und Sinnstiftung (Kontext, Erklärung und, entscheidend, Auswahl). Jetzt halten es Reporter - und nicht nur Kolumnisten - außerdem für ihre Aufgabe, uns zu erzählen, was akzeptabel ist und was nicht. Analyse muss jetzt eine Moral haben. Wenn Reporter praktizieren, was Martin Bell so beschrieb: 'ein Journalismus der sich ebenso kümmert wie informiert', dann geht das über Sinnstiftung hinaus. Bell mag sparsam sein mit seinem Kümmern, aber nicht alle seine Nachahmer sind es. Was viele Leser, Zuschauer und Hörer ärgert, ist, dass moralisches Urteilen zur Routine geworden ist. Verachtung ist zur Gewohnheit geworden."
Stichwörter: Medienkritik

Magazinrundschau vom 25.11.2008 - Times Literary Supplement

Angus Trumble, Kurator am Yale Center for British Art in New Haven, Connecticut, hat mit großem Vergnügen den informationsreichen Parfümführer von Luca Turin und Tania Sanchez gelesen. Sein Text beginnt jedoch mit einer Klage. "Warum werden große Parfüme nicht ernst genommen? Während der Kulturbetrieb sich durchaus ernsthaft mit Zweigen der Literatur, Architektur und Musik auseinandersetzt, muss ich erst noch einen Kurator finden, der sich einen Weg zum Parfümverkaufsstand bahnt, weil er zum Beispiel Joy sucht, Henri Almeras Meisterwerk für Jean Patou, das, wenn es ein Gemälde wäre, neben Matisses fast zeitgleich enstandener 'Gelben Odaliske' in Philadelphia hängen würde."

Außerdem: Der Labor-Politiker Denis MacShane hat ein Buch über den neuen Antisemitismus geschrieben, "Globalising Hatred", das Christopher Hitchens ziemlich überzeugend findet: "Es gibt ein Gefühl, dass jede Infragestellung dessen was man als jüdische Macht bezeichnet, aufregender und möglicherweise tabubrechender ist" als zum Beispiel eine Kritik an Pakistan.

Magazinrundschau vom 11.11.2008 - Times Literary Supplement

Benjamin Britten war offenbar kein sehr inspirierter Briefeschreiber. Faszinierend fand der Tenor Ian Bostridge jedoch den Mangel an Selbsterkenntnis, der sich in den Briefen des Komponisten offenbart und der in krassem Gegensatz zum fertigen Werk steht. Das betrifft auch Brittens Oper "The Turn of the Screw", die auf dem gleichnamigen Roman von Henry James basiert: "Einer der Furcht einflößendsten Momente in der ganzen Oper, zweiter Akt, Szene zwei, wenn die Kinder wie Chorsänger hereinkommen und ein finster parodistisches Benediktum singen, wird von Britten in einem Brief an den Direktor Basil Coleman in dem harmlosesten Licht beschrieben: 'Ich fühle sehr stark, sowohl für Form & Drama des Werks als auch für die Musik selbst, dass wir hier etwas helles und fröhliches haben müssen, etwas, dass es den Kindern erlaubt, jung und charmant zu sein (praktisch das letzte mal in diesem Werk) - & ich denke eine Hymne (eine Art "Chorprozession) ist die bis jetzt beste Idee dazu.' Doch als das Werk fertig war, sorgten die traumwandlerische Sicherheit von Britten als musikalischer Dramatiker und sein bewusster analytischer Verstand dafür, dass er den Kern der Sache auf eine Art ausdrückte, die er sich während des Komponierens nicht erlaubt hatte: ihm war klar, dass in punkto Realität oder - andersrum - der Geister in der Oper, 'Myfanwy Piper [die Librettistin] und ich die gleiche Ambiguität erreicht haben wie Henry James'."

Der Historiker Hew Strachan fragt sich nach der Lektüre eines Buchs über den Ersten Weltkrieg, wann britische Historiker diesen Krieg endlich mal nicht nur unter nationalen Gesichtspunkten untersuchen werden. "Die Franzosen, zusammen mit den Amerikanern (nicht den Briten), führten den Gegenangriff an der Marne am 18. Juli 1918, der den Wendepunkt an der westlichen Front markierte. Dies ist nicht die Version, die britische Historiker bevorzugen. Sie klagen Petain fälschlicherweise an, [den britischen Oberbefehlshaber Douglas] Haig nach der deutschen Attacke am 21. März 1918 nicht unterstützt zu haben und behaupten, Haig, nicht Petain, habe den entscheidenden Schlag gegen die deutsche Armee am 8. August 1918 in Amiens geführt."

Magazinrundschau vom 28.10.2008 - Times Literary Supplement

David Hawkes stellt das Buch eines militanten prokapitalistischen Literaturkritikers vor: Russell A. Bermans "Fiction Sets You Free". "Wie der doktrinärste dialektische Materialist besteht er darauf, dass kulturelle Trends epiphenomenal Reflektionen ökonomischer Interessen sind. Antiamerikanismus ist 'in Wahrheit' Antikapitalismus, und in 'Fiction Sets You Free' weist Berman darauf hin, dass Antikapitalismus die wahre Quelle eines intellektuellen Antihumanismus ist, der der Vorstellungskraft, Unternehmen, ja der Literatur selbst widerspricht. Seine Argumentation basiert auf der These, dass Literatur im Leser eine kapitalistische Mentalität vermutet und diese damit zu erschaffen hilft. Er ist überzeugt davon, dass Literatur ganz natürlich 'zu den Wertstrukturen und Tugenden einer kapitalistischen Ökonomie' und zur 'Verbreitung von kapitalistischem Verhalten beiträgt', denn alles Schreiben von Literatur 'pflegt die erfindungsreiche Tapferkeit unternehmerischer Visionen'. Literatur tut das, so Berman, einfach weil sie erfunden ist." Als Gewährsmann für diese Thesen nimmt Berman Adorno in Anspruch, so Hawkes, der diese These ebenso wie die anderen Thesen Bermans ablehnt.

Magazinrundschau vom 14.10.2008 - Times Literary Supplement

Total hin und weg ist Nicholas Stargardt vom "meisterhaften" dritten Band der "Geschichte des Dritten Reichs" von Richard J. Evans. Anders als etwa Joachim Fest unterstellt habe, zeige Evans, dass der Krieg nicht wegen Hitlers inkompetenter Einmischung in militärische Angelegenheiten verloren wurde, nein, die deutschen Generäle waren einfach nicht auf Zack. "Professor Evans ist kein Bewunderer von Hitlers Intelligenz, aber er zeigt doch sorgfältig auf, dass dessen militärische Interventionen nicht besonders irrational waren. Zwei viel diskutierte waren die Verschiebung des Angriffs auf Moskau und der Rückzug aus der Schlacht um Kursk zwei Jahre später. Evans zeigt, dass die deutschen Generäle keine besseren Pläne hatten: Auch sie dachten, dass die Sowjetunion viel leichter zu besiegen sein würde als Frankreich. Und über allem hingen sie der preußischen Tradition an, nach der entscheidenden Schlacht zu suchen, die jede Gegenwehr zerstören würde. Auch sie trieben rücksichtslos an, statt zu verlangsamen und Vorbereitungen für den Winter in Russland zu treffen."

Magazinrundschau vom 30.09.2008 - Times Literary Supplement

Der 1895 geborene Erzherzog Wilhelm Franz von Habsburg-Lothringen, ein Enkel des Kaisers Franz Joseph, war in jeder Hinsicht ein bunter Hund, aber er war auch ein Held der ukrainischen Freiheitsbewegung, für die er aktiv kämpfte. Timothy Snyder beschreibt den Mann in seinem Buch "The Red Prince" auf ziemlich ungewöhnlich Weise, erklärt Christopher Clark. "Der durchtriebene Ton ist ungewöhnlich für eine historische Biografie, aber durchaus typisch für die Welt der Fabeln, in der Charaktere schwierige Situationen erleuchten und generelle Einblicke gewähren sollen. Der wahre inhaltliche und moralische Gehalt dieses Buches, der sich hinter dem durchlässigen Strang der Lebenserzählung auftut, handelt von der unbeständigen Natur des nation-building im modernen Europa. In Ost-und Zentraleuropa war die Nation die kompakte, monokulturelle Antwort auf die multikulturellen Regierungsformen des alten Reichs. Die Geschichte der Nationalstaaten ist von Blut gezeichnet. Heutzutage, so deutet Snyder an, wurde das multiethnische Gemeinwesen der Habsburger Dynastie in der Form der Europäischen Union wiedergeboren, während die absolutistischen Experimente des Ultranationalismus am Straßenrand gelassen wurden. ... Wilhelm lebte für eine verlorene Sache, aber seine Fehler waren instruktiv und manchmal haben die Verlierer das letzte Wort."

Magazinrundschau vom 16.09.2008 - Times Literary Supplement

Sehr begrüßen kann der Bio-Ethiker Peter Singer das Buch "Ethics and the Environment", in dem sich sein Kollege Dale Jamieson gründliche und überfällige Gedanken zum Thema macht. "Ein Beispiel: Biodiversität wird oft als ein Wert an sich angesehen - aber ein kleines Abwasserrohr, das in einen zuvor unberührten Bach verlegt wird, kann in Sachen Vielfalt Wunder wirken, wenn wir die Mikroorganismen in der Gesamtsumme mitzählen. Ist also nur natürliche Biodiversität gut? Das wiederum führt uns zu John Stuart Mills Warnung in seinem Essay 'On Nature', dass die Verwendung des Begriffs 'natürlich' die reichhaltigste Quelle für falschen Geschmack, falsche Philosophie, falsche Moral und sogar schlechte Gesetze ist'."

Magazinrundschau vom 09.09.2008 - Times Literary Supplement

Paul Auster kann auch Spaß machen! Stephen Abell ist erst überrascht, wie flockig sich der neue Roman "Man in the Dark" liest und genießt es dann in vollen Zügen "Postmodern mit Herzschlag", schwärmt er: "Die Hauptgeschichte dreht sich um Owen Brick, der eines Morgens erwacht und feststellt, dass er sich in einem parallelen Amerika befindet, in dem die Wahl des Jahres 2000 zur Teilung und zur Gründung der Unabhängigen Staaten von Amerika geführt hat, die jetzt mit den restlichen Vereinigten Staate Krieg führen. Ihm wird gesagt, dass er den Krieg beenden muss, indem er den Mann umbringt, der ihn verursacht hat. Vielleicht nicht überraschend heißt dieser Mann August Brill, der im 'anderen Amerika' lebt. 'Alles was passiert oder passieren wird befindet sich in seinem Kopf. Eliminiert man diesen Kopf, dann hört der Krieg auf. So einfach ist das.'"

Weiteres: Germaine de Stael and Benjamin Constant kamen intellektuell besser miteinander aus als in romantischer Hinsicht, erfährt Biancamaria Fontana aus Renee Winegardens großer Doppelbiografie der beiden Geistesgrößen. Und Paula Marantz Cohen begutachtet gleich drei neue Hitchcock-Biografien.
Stichwörter: Auster, Paul, Herzschlag

Magazinrundschau vom 02.09.2008 - Times Literary Supplement

"Stellen Sie sich vor, wie Balanchine ein paar Cheerleader beobachtet. Das ist dieses Buch in einem Satz", schreibt Clive James in seiner Besprechung von Joseph Horowitz' Untersuchung über den Aufprall europäischer Exilkünstler auf amerikanischen Kulturboden, "Artists in Exile". Schönberg, der Ping Pong mit seinem Nachbar Gershwin spielte, ist ein Paradebeispiel: "Er musste sich ziemlich anstrengen, um unpopulär zu bleiben. Er verfluchte sich jedesmal, wenn er vom Atonalen abkam und etwas schuf, was ein Laienpublikum hätte mögen können. Nicht einmal die harten Fälle konnten behaupten, dass sie in den USA unter die Philister geraten waren. Sie waren nur auf einem Markt gelandet, der größer und wettbewerbsorientierter war als jener, aus dem sie vertrieben worden waren. Und auch jene, die keinen Erfolg hatten, hätten ihn gerne gehabt. Korngolds Erfolg erschien vielleicht albern, und Weills trügerisch, aber die Möglichkeiten waren da: mehr Möglichkeiten, als die meisten vertrugen."
Stichwörter: Exilkünstler

Magazinrundschau vom 19.08.2008 - Times Literary Supplement

Zum richtigen Zeitpunkt fertig geworden ist Charles Kings Geschichte des Kaukasus "The Ghost of Freedom", Donald Rayfield kann sie sehr empfehlen, vermisst aber ein entscheidendes Kapitel: "In einem Buch, das den 'Geist der Freiheit' behandelt, würde man einen etwas gründlicheren Blick auf die 'kleinen Kosovos' im Kaukasus erwarten, in denen sich ethnische Gruppen wie die Abchasen und Südosseten vom neuen unabhängigen Georgien abzuspalten versuchten, nur um sich selbst als internationale Parias wiederzufinden, deren einzige Möglichkeit es war, in Russlands Schoß zurückzukehren. Hier trifft Putins Salamitaktik, sich verlorenes Sowjet-Territorium wieder einzuverleiben, leider auf keinerlei angemessene oder auch nur intelligente Antwort der Betroffenen, zuvorderst der Georgier, oder der Europäischen Union und der USA, die sich schon im Gewirr des früheren Jugoslawien verheddert haben. Sie können nur die Hände ringen, wenn sie sehen, wie Russland mit Hilfe seiner schwerbewaffneten Friedenstruppe Abchasien wieder in sein eigenes privates Erholungsgebiet verwandelt."

Beglückt hält Toby Barnard den "Oxford Guide to Literary Britain and Ireland" in Händen, der sehr anschaulich mache, wie bestimmte Orte die Literatur verändert haben - und die Literatur Städte: "An einigen Städte haben sich Schriftsteller zu unrecht gerächt. Slough allerdings war nicht ganz schuldlos daran, dass John Betjeman es für seinen Bombenhagel auswählt hat."