Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

803 Presseschau-Absätze - Seite 80 von 81

Magazinrundschau vom 27.05.2002 - New York Times

"Erschöpfend, streitsüchtig und manchmal unerträglich" findet Rick Moody Jimmy McDonoughs Biografie über Neil Young (Leseprobe "Shakey"). Das Buch befasst sich in der Hauptsache mit Youngs musikalisch produktivster Zeit zwischen dem ersten Buffalo Springfield Album von 1966 und "Rust Never Sleeps" von 1979 und wird unerträglich immer dann, wenn dem Autor die Musik aus dem Blick gerät und er sich in Details oder endlosen Interviews (insgesamt um die 50 Stunden!) verliert. Ebendies mache den Unterschied aus "zwischen der leichten, eingängigen Biografie, die wir hätten haben können, und der langatmigen vorliegenden". Kurzweilig ist dafür das Audiopaket zur Besprechung: Clips von Neil Young, kommentiert vom Rezensenten!

Die NYT bespricht das Buch eines Arabisten und Politikwissenschaftlers, das den Spuren des politischen Islam folgt. "Jihad" von Gilles Kepel, schreibt Robin Wright, "will be a welcome respite for anyone who fears the fury associated with militant Islam. Despite the terrorist attacks of Sept. 11 and the Palestinian suicide bombings in Israel, Gilles Kepel argues that the trend is, in fact, now on its last legs. The violence is merely a reflection of the movement's failure, not its success". Eher schwach findet Wright die Ausrichtung der Arbeit ("in its detail and scope") auf den spezialisierten Leser, zu kurz komme das "größere Bild". Und dass die Bewegung bereits am Ende ist, möchte er auch nicht glauben: "Islam is now just beginning to struggle with its own reformation, a process of reinterpreting the Koran and blending religious traditions with modern society. The past quarter century of militancy is a part of this broader process -- a phase of history that is definitely not over."

Mit einer eher ungewöhnlichen Bemerkung beginnt Gillian Tindall seine Besprechung der Flaubert-Biografie aus der Feder von Geoffrey Wall. "Ich wünschte, das Buch gefiele mir besser", schreibt er. Der Autor habe zwar "Madame Bovary" übersetzt, wisse eine Menge über Flaubert und verehre ihn auch wirklich, aber literarische Sensibilität und die Fähigkeit zu schreiben seien nun mal zwei Paar Schuh. Flauberts Geschichte sei einfach zu außergewöhnlich ("such richness of human themes on the one hand, such emotional anorexia on the other"), als dass man sie derart "spielend und schwatzend" erobern dürfe. Hier ein geschwätziger Auszug aus "Flaubert".

Magazinrundschau vom 21.05.2002 - New York Times

Angesichts eines drohenden neuen Krieges in der Golfregion sicher ein wichtiges Buch, das Fouad Ajami uns in der Times vorstellt: "The Reckoning" von Sandra Mackey - eine, wie Ajami versichert, verständlich geschriebende Geschichte des Irak, die allerdings eine schwerwiegende Schwäche hat: "Mackey has delivered a muddled message because she does not really understand the wellsprings of Arab radicalism. She believes that the radicalism and the anti-Americanism arise from our ties to Israel, when they spring from countless other sources: a deep alienation between ruler and ruled, a rage born of the disappointments of the young, a scapegoating that shifts onto America the blame for the ills of an Arab world unsettled and teased by exposure to a modern civilization it can neither master nor reject."

Im "Close Reader" verteidigt Judith Shulevitz, was sie als das Hans-Castorp-Erlebnis beschreibt: eine Lektüre frei von Weisungen und genährt von reiner Leidenschaft. Was Oprahs Buchclub im US-Fernsehen leisten konnte - "to nurture her fans even after they turned the television off", schreibt Shulevitz, werde durch Lektüreverordnungen wie das ominöse "One Book, One City program" wohl kaum erreicht. "What they have in mind is what economists call social capital, which is the trust between people that lets them get along well enough to build businesses and other useful institutions. One Book, One City people believe that reading as a group will turn us into a unified body of productive citizens." Literatur aber gedeihe auf dem Boden reicher, kritischer Individualität, nicht in irgendwelchen morschen Vorstellungen von gemeinsamer Erbauung.

Ferner freut sich Holland Cotter über die erste vollständige Biografie der Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven alias Else Hildegard Plotz aus Germany, die im New York der zehner Jahre sexuelle Feldforschung betrieb und der Dada-Bewegung frische Impulse verlieh (zum Beispiel schenkte sie Marcel Duchamp ein Urinal, die spätere "Fountain"). Und ein Kulturwissenschaftler legt eine Apologie des Graffitos vor, das er als artikulierten "sozialen Aufschrei" verstanden wissen will. Ja, als was den sonst!

Magazinrundschau vom 13.05.2002 - New York Times

Die Rezensentin ist baff: Dieser Mann hatte Knochenkrebs, seine Lebenserwartung schien gering, er aber lehnte die Chemotherapie ab, zog es vor, weiter zu leben und ein Buch über seinen Fall zu schreiben, "in a spare, wry, backhanded style reminiscent of the great English novelist Penelope Fitzgerald", und für Natalie Angier "the most persuasive case for alternative medicine that this skeptical, generally dismissive reader has yet come across". "I don't know", schreibt Angier, "what I'd do if I were to come down with myeloma, and who knows whether the author's extended survival can be attributed to anything he ate, breathed or expelled; maybe he was one of the statistical outliers found in every patient population. Nevertheless, there is something to be said for challenging the use of toxic chemotherapy regimens when a cure is out of the question." Hier ein Auszug aus Michael Gearin-Toshs "Living Proof".

Ein gleichfalls ganz außergewöhnliches Buch stellt Mia Bay in der Review vor: "The Bondwoman's Narrative" (Leseprobe), entstanden um 1850, ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht nur der allererste Roman einer schwarzen Autorin, sondern auch der einzige, der je von einer entflohenen Sklavin geschrieben wurde. Ein Erfahrungsbericht über die Sklavenzeit aus erster Hand! Dass das Buch der Hannah Crafts darüber hinaus auch noch "immens unterhaltend" geschrieben ist, wie Bay erklärt, macht die Überraschung perfekt: "Its distinctive charms lie in its unusual combination of genres. A slave narrative rich in insight, 'The Bondwoman's Narrative' is also enlivened by conventions drawn from both Gothic and sentimental novels. Always interesting, if only intermittently well written, it uses its various genres to mobilize the dramatic potential inherent in its setting in the slave South."

Zu lesen gibt es außerdem (und zu hören) neue Lyrik von Peter Sacks, ferner über die Biografie, die Sue Graham Mingus über ihren Mann, die Jazzlegende Charles Mingus verfasst hat (Auszug "Tonight at Noon"), Susannah Meadows zeigt sich enttäuscht von Hari Kunzrus so hoch dotiertem Debütroman "The Impressionist", und Margo Jefferson schwärmt von den Essays des Kunstkritikers John Berger.

Magazinrundschau vom 06.05.2002 - New York Times

"A timely, thoughtful and well-argued contribution to an important subject" nennt der Philosoph Colin McGinn in einer Besprechung von Francis Fukuyamas Buch "Our Posthuman Future" (Auszug), das die von den neuen Biotechnologien ausgehende Gefährdung des Menschen analysiert. Von einigen Einwänden gegen Fukuyamas Konzeption einer universellen "menschlichen Natur" abgesehen ("brauchen wir so etwas, um die kommenden Technologien zu bewerten?"), scheint McGinn d'accord. Nicht zuletzt mit Fukuyamas aristotelischem Verständnis vom menschlichen Wohlergehen als oberstem Ziel der Politik: "There is no alternative to figuring out what allows human beings to prosper in deciding what policies to pursue. Freedom unconstrained by a substantive conception of that which makes life worthwhile is a recipe for meaninglessness. And this is where we need our philosophers. As Fukuyama rightly insists, the standard mix of utilitarianism and scientific materialism is not an adequate basis for evaluating the new technologies."

Der Naipaul- und Rushdie-Kenner Michael Gorra bespricht eine Kipling-Biografie David Gilmours (Auszug "The Long Recessional"), die ihm ganz im Kipling-Trend zu liegen scheint, mit dem wichtigen Unterschied allerdings, dass Gilmour sich nicht auf den Künstler, sondern auf den politischen Kipling, Kipling "als Apostel des Empires", konzentriert und dadurch einiges auslässt. "Yet in emphasizing Kipling's 'public role', Gilmour risks forgetting that he had a private one as well, and that the border between them was never quite distinct ... Other things have been left out, too; I missed, for example, any substantive account of Kipling's finances or of the rhythms and routines of his daily life. Nor does Gilmour offer any but the most scattered reference to the picaresque wonders of 'Kim', that infectious and irreplaceable book to which all later descriptions of India in English remain indebted."

Ferner in der Review: Joseph Roths "Gesammelte Erzählungen", von denen der Rezensent ganze zwei für meisterhaft hält, dann ein Buch, das die Geschichte des Panzers aufrollt, ein anderes, das die Essgewohnheiten italienischer, jüdischer und irischer Immigranten in Amerika auf ihre kulturelle Bedeutung abklopft, neue und ausgewählte Gedichte des polnischen Dichters Adam Zagajewski (Leseprobe "Without End"), und Judith Shulevitz führt ein in die Welt der "blogs" - "the diminutive of 'Weblog', an online news commentary written, usually, by an ordinary citizen, thick with links to articles and other blogs and studded with non sequiturs and ripostes in sometimes hard-to-parse squabbles."

Magazinrundschau vom 29.04.2002 - New York Times

Isabel Hilton bespricht drei im Exil geschriebene, sehr persönliche Bücher über Afghanistan. Alle drei - "Zoya's Story" (Auszug), ''My Forbidden Face'' (Auszug) und ''West of Kabul, East of New York'' (Auszug) -, schreibt sie, illustrierten viele derjenigen Fragen, die der Westen beantworten müsse, wenn Afghanistan aus dem jetzigen Krieg in einem besseren Zustand hervorgehen soll als zuvor. "Afghanistan remains a long way from those happy images of Afghan women shedding their burkas that we enjoyed last November." Die in den Büchern erzählten Geschichten selbst scheinen Hilton einem "populären Genre" zuzugehören: "the personal account that illustrates the wider political context. It does not diminish their particularity to say that they are illustrative rather than revelatory, reinforcing what we feel we understand rather than shedding new light or bringing new understanding."

Anthony Lewis hat sich geistreich amüsiert mit dem dritten Band von Robert A. Caros Biografie über Lyndon B. Johnson. "The book reads like a Trollope novel, but not even Trollope explored the ambitions and the gullibilities of men as deliciously as Robert Caro does. I laughed often as I read. And even though I knew what the outcome of a particular episode would be, I followed Caro's account of it with excitement. I went back over chapters to make sure I had not missed a word." Hier eine Leseprobe und ein Audio-Interview mit Caro.

Außerdem in der Review: Eine kurzweilige indisch-amerikanische Familiengeschichte unserer Tage (Leseprobe Bharati Mukherjees "Desirable Daughters"), zwei Erzählbände (beides Debüts), die das Leben nach der Adoleszenz in den Blick nehmen, Martha Serpas liest aus ihrer neuen Gedichtsammlung "Cote Blanche", Gerald Jonas bespricht Science-Fiction von Kim Stanley Robinson, Sheri S. Tepper u.a., und der Boox-Comic entdeckt ein Subgenre der Autobiographie: die "ME-moir".

Magazinrundschau vom 22.04.2002 - New York Times

Die 81-jährige Autorin im Lehnstuhl - nicht gerade das aufregendste Coverfoto, das sich David Orr denken kann. Und dann auch noch Lyrik, "this snotty, boring, passe art form"! Marie Ponsots neuen Gedichtband "Springing" (Leseprobe und Audiolesung mit der Autorin, noch mehr hier) aber will uns der Rezensent unbedingt schmackhaft machen. Ältere Dichter, insbesondre Dichterinnen schrieben "lebens-bejahend"? Von wegen. "Ponsot is a love poet, a metaphysician and a formalist, but she is neither sappy nor tedious nor predictable. And she isn't cozy ... (her) best work has a dry bite that would make lunch meat out of Oprah, to say nothing of Dr. Phil."

Von der Generation der ältesten zu derjenigen der ganz jungen Autoren. Bewundernd äußert sich Melanie Rehak über Judith Hermanns (mehr hier) Erzählband "Sommerhaus, später" (im Original erschienen 1998) in der englischen Übersetzung von Margot Bettauer Dembo (hier ein Auszug). Besonders fasziniert haben Rehak die Subtilität und das Spiel mit Absenzen in diesem Buch. "In spite of all this emptiness, Hermann's writing, which is spare and literal ... achieves a fullness that seems almost magically spun out of the dead air of her settings; she's a master at capturing what teems beneath placid surfaces -- what Wallace Stevens once referred to as 'the nothing that is.' It's a good thing, too, because there is an awful lot of nothing under examination."

Vorgestellt werden auch Carole Seymour-Jones' Biografie über Vivienne Eliot, die den Einfluss der ersten Frau T. S. Eliots auf dessen Arbeit verdeutlicht (Auszug "Painted Shadow"), ein Buch auf den Spuren von Aussteigern jeder Art (chinesischen Eremiten etwa oder indischen Mystikern), ferner neue Krimis von Michael Connelly, Elizabeth Peters und Robert Barnard sowie ein illustriertes Kinderbuch (ab 6) nach Tolstois Erzählung "Die drei Fragen".

Magazinrundschau vom 15.04.2002 - New York Times

Schwer hat's die Rezensentin gehabt mit Jonathan Safran Foers Debütroman "Everything Is Illuminated" (hier eine Leseprobe nebst Audiolesung des Autos). Erst hat sie vor lauter Lachen über die Abenteuer eines amerikanophilen Ukrainers als Reiseführer für amerikanische Juden auf den Spuren ihrer russischen Vorfahrem ständig den Faden verloren, dann musste sie unbedingt ihre Freunde anrufen und ihnen aus diesem großartigen Buch vorlesen. "Not since Anthony Burgess's novel 'A Clockwork Orange' has the English language been simultaneously mauled and energized with such brilliance and such brio." Was für ein Lob! Und Francine Prose hat noch mehr davon: "Indeed, one of the book's attractions is its writer's unusually high degree of faith in the reader's intelligence ... The humor ranges from jokes that are, alas, too dirty to be quoted here to the loftiest literary allusions; Foer has so much energy that he doesn't care if we get all the jokes, whether we know that he is paraphrasing Heinrich von Kleist or if we pause to follow the zany logic of a rabbi's bawdy sermon comparing the glass partition separating his male and female congregants to the division between heaven and hell."

Walter Kirn hat einen neuen Band (Leseprobe "Everything's Eventual") mit größtenteils bereits im New Yorker und in anderen Publikationen erschienenen Stories von Stephen King als Chance gelesen, den Autor neu zu sehen. Nachdem Kirn notiert hat, King teile seine Geschichten auf in "the literary stories and the all-out screamers", erklärt er, "the screamers are better". Satz für Satz sei aber der Künstler am Werk, und es sei "womöglich wahr, dass Kings Prosa unterbewertet werde". Allerdings hat Kirn mitunter das Gefühl, King fülle seine Seiten in einem Parforceritt. Ist das also Literatur? "It's best not to ask that question. The moment you think you know the answer, you don't."

Ferner in der Review: Das Buch einer Menschenrechtsexpertin über US-Politik im Zeitalter des Genozids (hier ein Audiointerview mit der Autorin), ein dicker Essayband, der philosophische, theologische und wissenschaftliche Perspektiven auf den Neo-Kreationismus versammelt, und ein kurzer, kenntnisreicher Traktat über die Zukunft der Robotik (Auszug "Flesh and Machines"). Margo Jefferson schließlich stellt schwedische Krimis vor, in denen die "cops" so schön stoisch und melancholisch sind.

Magazinrundschau vom 08.04.2002 - New York Times

"Im Gegensatz zur westlichen Unterstellung, dass Kreativität Freiheit braucht, scheint die russische Wissenschaft am besten funktioniert zu haben, als die Bedingungen am schlechtesten waren", konstatiert Loren Graham in seiner Rezension von Richard Louries Buch "Sakharov - A biography" (mehr hier). "Subtil und aufschlussreich", nennt Graham das Buch, in dem er lernte, das es für Sacharow "extrem schwer war, den Stalinismus abzuwerfen, und dass er wie viele seiner Kollegen seine größten wissenschaftlichen Leistungen vollbrachte, als er noch in Stalins Knechtschaft stand." In der New York Times darf man das erste Kapitel dieser Biografie lesen.

Voll des Lobes ist auch F. Gonzalez-Crussi, ein Pathologe, über das Buch eines Arztes (und Medizin-Journalisten für den New Yorker): Atul Gawandes "Complications - A Surgeons's Notes on an Imperfect Science". "Fehlbarkeit", "Rätsel" (Mystery) und "Ungewissheit" sind die Klippen, die Ärzte demnach umschiffen müssen, und Gonzalez-Crussi ist begeistert, mit welcher Genauigkeit und Bescheidenheit Gawande diese Klippen beschreibt: "Am meisten genoss ich als Pathologe das Kapitel 'Final Cut', indem Gawande mit bewunderungswürdiger Ehrlichkeit erklärt, dass menschliche Hybris für den Niedergang der Autopsie-Ergebnisse verantwortlich sei. Ärzte glauben heute mit ihrer High-Tech-Medizin, dass ihnen keine Diagnose fehl gehen kann - dabei zeigen neue Studien, dass 40 Prozent der in einer Autopsie erkannten Anomalien beim lebenden Patienten gar nicht entdeckt wurden. Ein Drittel davon sind so bedeutend, dass sie die Therapie verändert hätten, wenn man sie rechtzeitig erkannt hätte." Scheint wirklich ein ehrlicher Arzt zu sein. Hier darf man einen Auszug lesen - und man muss sagen, er lohnt sich, wirklich seltsame Geschichte, die Gawande da erzählt.

Weiteres: Von aktuellem Interesse ist gewiss das Buch "Revenge - A Story of Hope" von Laura Blumenfeld. Es erzählt, wie sie mit ihren Rachegefühlen fertig wurde, nachdem ihr Vater von einem palästinensischen Terroristen angeschossen worden war - sie hat unter anderem auch Kontakt zur Familie des Terroristen aufgenommen: Blake Eskin (der selbst übrigens ein Buch über die Wilkomirski-Affäre publiziert hat) ist in seiner Rezension interessiert, aber auch skeptisch: "Individuelles Mitleid lässt sich nicht in politische Annäherung verwandeln. Und dass die Blumenfelds und die Khatibs zusammen weinen, wird Jahrzehnte des Hasses im Nahen Osten nicht beenden." Ein Interview mit Blumenfeld haben wir in Salon gefunden. Das erste Kapital darf man in der NY Times lesen.

Besprochen werden außerdem Edna O'Briens neuer Roman "In the Forest", ein Band mit Briefen von Gershom Scholem, der Krimi "Looking for Chet Baker" von Bill Moody und Andy Bellins Buch "Poker Nation", das nicht nur die Geschichte dieses Kartenspiels erzählt, sondern auch handfeste Tipps zu geben scheint.

Magazinrundschau vom 02.04.2002 - New York Times

David Davidar, Chef von Penguin India, hat einen Roman geschrieben, den jetzt HarperCollins herausbringt. Akash Kapur nennt "The House of Blue Mangoes" (hier eine Leseprobe) "a polished and accomplished book that shows little of the typical hesitancy or overwriting of first novels ... an ambitious effort that represents something of a throwback to an earlier movement in Indian literature, before the minimalism that has been fashionable of late, when authors like Salman Rushdie and Vikram Seth painted vast tableaus that portrayed the stories of individuals even as they allegorized the nation." Fein, meint Kapur, verrät uns aber auch, woran das Buch krankt: Beim Versuch, dem westlichen Leser schwergewichtige indische Themen - "The struggle between family and society, the often violent obligations of tradition, the dislocations of history" - nahezubringen, werde der Autor allzu oft zum Fremdenführer - "the narrative is drowned by a surfeit of explanation aspirations."

Dass die Koexistenz von Journalisten und Politikern durchaus eine friedliche sein kann, findet Ben Macintyre in einem Buch Frank Brunis bestätigt (Auszug "Ambling Into History"). Für die N.Y. Times begleitete Bruni die Präsidentschaftskampagne George W. Bushs und entdeckte den Menschen im Kandidaten. Andere Bücher mögen Bushs politische Philosophie, seinen Platz in der Geschichte analysieren, schreibt Macintyre. "This, by contrast, is a book about what America's president is like: his personality and predilections, manners and mannerisms, temper and tastes. This is history as anecdotage - a collection of the 'small moments' that parallel the larger events - and seeks to make human sense of Bush ... it forms a fascinating if unfinished portrait of a complicated and in some ways elusive man."

Außerdem in der Review: Eine Sammlung mit Short-Stories der 85-jährigen Edith Templeton (Auszug "The Darts of Cupid"), gleich drei Bücher über Baseball, darunter eine literarische Anthologie mit Texten u.a. von Richard Ford, Robert Frost und William Carlos Williams (dazu gibt es auch eine Audio-Diskussion zu Thema "Mein liebstes Baseballbuch"), und der Boox-Comic warnt vor der Gruppendenken-Herdenmentalität des "One City, One Book"-Projekts.

Magazinrundschau vom 25.03.2002 - New York Times

Ein Romandebüt, und was für eins! staunt Kent Tucker über Marc Estrins "Insect Dreams" (hier das erste Kapitel). Jeder kennt Kafkas "Verwandlung", aber wer weiß schon, was aus Gregor Samsa wirklich geworden ist. Eine Popstar nämlich: "Estrin propels the wriggly, six-legged Samsa through the first half of the 20th century, where he has vigorous verbal encounters with, among many others, Ludwig Wittgenstein, Robert Musil, Charles Ives and Albert Einstein. Samsa becomes a pop-culture sensation - 1920's flappers bend their limbs to a new dance, 'the Gregor.'" Tucker bewundert den Witz, mit dem Estrin schließlich die gesamte Weltgeschichte um seinen gepeinigten Helden herum konstruiert: "(Samsa) contributes to the World War II effort, for which he is given an appropriately small, dank office in the basement of the White House by Franklin D. Roosevelt." Welch ein Schabenleben! Oder etwas in der Art jedenfalls. Eleanor Roosevelt, so erfahren wir, "presaging the concept of political correctness, refers gently to Gregor as a 'roach person'".

Die erste wirklich kluge Darstellung der Clinton-Ära hat William Kennedy entdeckt. Dabei ist, was Joe Klein in "The Natural" (hier die Leseprobe und ein Audio-Interview mit dem Autor) zusammenträgt, eigentlich gar nichts Neues. Das Buch sei bloß lesbarer als alles, was bisher zu Clinton erschienen sei, schreibt Kennedy, "dense but tight, funny, adroitly written". Und obgleich Kennedy in dem Autor unschwer einen enttäuschten "Clintonian" ausmacht, spürt er doch auch die Ehrfurcht Kleins vor diesem Menschen, "for unlike the haters, he sees past the negatives". Deutlich zu erkennen etwa in der Darstellung der Lewinsky-Affäre: "Klein suggests Clinton was a scapegoat, personifying pathologies of his society to relieve guilt so that change could happen."

Außerdem in der Review: Politische und literarische Essays (u.a. zu Rilke und Handke) des amerikanischen Schriftstellers und Philosophen William H. Gass (Auszug "Tests of Time"), drei Benimmbücher, die uns Etikette lehren wollen, allerdings eher von dieser Art: "In live theater, it is ... unacceptable to attempt to speak to the actors, even though they can hear you." Im Close Reader schließlich plädiert Judith Shulevitz für religiöse Ellbogenfreiheit und findet, Religion muss absolut nichts Steriles sein.