Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

802 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 81

Magazinrundschau vom 09.08.2022 - New York Times

In Afghanistan droht die größte humanitäre Krise auf der ganzen Welt. Die Hälfte der Bevölkerung ist von Hunger bedroht, schreibt Matthieu Aikins. Grund sind die Sanktionen gegen das Land. Dabei hätten Milliarden Dollar bereitgestanden. Sie fließen nicht, weil den Mädchen zumindest offiziell der Zugang zu Schulbildung versperrt wurde. Die Lage im Land sei kompliziert, so Aikins. Der Erziehungminister möchte ja gern, aber es gibt noch die Schura in Kandahar, eine Art religiöse Parallelregierung. "Am ersten Unterrichtstag verkündete das Bildungsministerium plötzlich, dass die Mädchenschulen nun doch nicht wieder öffnen würden. Da die Meldung so spät kam, waren viele Schulen überhaupt nicht darauf vorbereitet. Die Mädchen kamen zu Schule, nur um gleich wieder herausgeworfen zu werden. Andere Mädchen erschienen und fanden die Türen ihrer Schule verschlossen vor. Diese Szenen wurden von der ausländischen Presse aufgegriffen, die über diesen Tag, der eigentlich ein hoffnungsvoller Tag für das Land sein sollte, berichten wollte und stattdessen Bilder von weinenden Mädchen im Teenageralter veröffentlichte."

Magazinrundschau vom 26.07.2022 - New York Times

Etwa 80 Tage lang wurde um das Asow-Stahlwerk in Mariupol gekämpft. Offenbar ohne voneinander zu wissen, hatten Zivilisten und Militärs den Industriekomplex für sich als Schutzraum auserkoren und wurden in einer gnadenlosen Belagerung von russischen Truppen aufgerieben. In einer üppig bebilderten Reportage beschreibt Michael Schwirtz etwas sehr stilisiert, aber nichtsdestotrotz beeindruckend, den aussichtslosen Kampf um das Stahlwerk: "Die Welt konnte sehen, was sich im Stahlwerk zutrug. Es war apokalyptisch. Die Soldaten im Feldlazarett von Asowstal erschienen blass und dem Tode nahe. Im dunklen und staubigen Bunker zusammengepfercht lagen sie auf dem nackten Betonboden. Ihre Verwundungen bluteten und eiterten, und wenn Wundbrand eingesetzt hatte, sah das Fleisch grün und verfault aus. Hauptmann Palamar schickte Ende April Fotos und Videos aus dem Lazarett. in der Hoffnung, das Mitgefühl der Welt mit den leidenden Soldaten zu wecken. Schwarzer Pilz überzog das Essen, die verschlissenen alten Matratzen und sogar die Waffen. Medizin war so knapp, dass Chirurgen ohne Anästhesie amputierten. Tag und Nacht beschossen russische Schiffe und Artillerie das Werk, während russische Flugzeuge Raketen und bunkerbrechende Bomben abwarfen, die den Schutzraum nach und nach vernichteten. Tage, nachdem Hauptmann Palamar sein Video verschickt hatte, wurde das Lazarett direkt getroffen, die Wände kollabierten und begruben unter sich eine unbekannte Zahl von Kämpfern und Sanitätern. Sogar als die Soldaten versuchten, ihre Kameraden aus den Trümmern zu bergen, gingen die Kämpfe weiter. 'Wir waren dem Wahnsinn nahe', sagt Dmytro Kosatzky, ein Soldat des Asow-Regiments."

Magazinrundschau vom 05.07.2022 - New York Times

Jason Zengerle fragt sich in einem epischen Artikel (eine Stunde Lesezeit), warum es nicht mehr "gemäßigte" Demokraten gibt, obwohl die Wähler dankbar für solche Kandidaten wären - aber unter den Funktionären und bestimmenden Parteimitgliedern dominieren die Linken. Im Artikel zeigt sich, wie komplex die politischen Prozesse in der Partei sind, und wie sehr die Partei aufs Prozedurale fixiert ist. Beim "Gerrymandering" also dem Zuschneiden von Wahlkreisen, ist man inzwischen übrigens genauso skrupellos wie die Republikaner. Zengerle erzählt auch nochmal die Geschichte des Meinungsforschers David Shor, der aus einem parteinahen Thinktank rausgeschmissen wurde, weil er die Daten des schwarzen Politologen Omar Wasow wiedergegeben hatte. Dieser hatte herausgefunden, dass die demokratische Partei nach "Black Riots" regelmäßig Stimmen verlor. "Jetzt kann er seine Meinung frei äußern. Shor gründete das Datenanalyseunternehmen Blue Rose Research mit und begann, mehr zu twittern und Interviews zu geben, in denen er seine Theorie erläuterte. 'Ich denke, das Kernproblem der Demokratischen Partei ist, dass die Leute, die die Demokratische Partei leiten und als Funktionäre arbeiten, viel gebildeter und ideologisch liberaler sind und häufiger in Städten leben, und das spiegelt sich letztendlich in unserem Kandidatenpool wider', sagte er im Oktober letzten Jahres im Times-Podcast von Ezra Klein. 'Wenn man sich innerhalb der Gesamtmitgliedschaft der Demokratischen Partei umschaut, gibt es dreimal so viele gemäßigte oder konservative Nicht-Weiße wie linke Weiße, aber linke Weiße sind unendlich viel stärker vertreten. Das ist nicht nur moralisch problematisch, es führt auch zu einem Mitgliederschwund."

Magazinrundschau vom 28.06.2022 - New York Times

Viele der hippsten Positionen im amerikanischen Verlagswesen werden jetzt mit schwarzen Frauen besetzt. Jüngstes Beispiel ist Lisa Lucas, die neue Chefin von Pantheon. Das hat auch ganz nüchterne Gründe, schreibt Marcela Valdes: "Eine Umfrage nach der anderen zeigt, dass die beiden Gruppen von Amerikanern, die am ehesten Bücher lesen, jene sind, die einen Bachelor-Abschluss haben, und jene, die mehr als 75.000 Dollar im Jahr verdienen. Für die Verleger sollte diese Nachricht Champagnerkorken knallen lassen. Immerhin hat sich der Anteil der Amerikaner über 25, die einen Bachelor-Abschluss haben, seit 1970 mehr als verdoppelt. Demografisch gesehen sehen diese Absolventen jedoch anders aus als in den 1970er Jahren - sie sind häufiger Frauen und gehören zu den Schwarzen, Asiaten oder Latinos - aber da die Verlage keine Zielgruppe unter ihnen aufbauten, haben sie sie möglicherweise Millionen von Kunden verloren." Valdes gibt in ihrem ellenlangen Artikel (eine Stunde Lesezeit) auch einen sehr guten Überblick über die Geschichte des schwarzen Verlagswesens in den USA.
Stichwörter: 1970er, Verlagswesen, Pantheon

Magazinrundschau vom 21.06.2022 - New York Times

Der nächste Krieg könnte im ehemaligen Jugolsawien losgehen. Joshua Hammer porträtiert den Politiker Milorad Dodik, der die gemeinschaftliche Regierung von Bosnien und Herzegowina boykottiert, seit er die serbischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht mehr leugnen darf. Und in einer Atmosphäre der Leugnung und der Verschwörungstheorien gedeiht dieser Politiker: "Seit er die Macht in der Republika Srpska übernommen hat, hat er sie nach Ansicht seiner Kritiker in sein persönliches Lehen verwandelt. 'Er kontrolliert jetzt alles,' sagt mir Leila Bičakčić. "Öffentliche Ausschreibungen, Auftragsvergaben, Infrastrukturarbeiten, alles führt zu ihm zurück.' Drasko Stanivuković, der Bürgermeister von Banja Luka, hat in den sozialen Medien behauptet, dass Dodik und seine unmittelbare Familie versteckte Anteile an siebzig Unternehmen angehäuft haben - viele davon im Besitz von Verwandten, Freunden und Geschäftsfreunden. Dodik weist die Korruptionsvorwürfe mit einem Lachen zurück. 'Die Leute in Amerika mögen Kriminelle wählen, aber hier passiert das nicht', sagt er."

In einem epischen Artikel (die New York Times schätzt ihn auf 1 Stunde 20 Lesezeit) erzählt Emily Bazelon von der steinigen Arbeit der "World Professional Association for Transgender Health (WPATH)" die angesichts eines Booms von geschlechtsumwandlungswilligen Teenagern neue Standards entwickeln soll. In Amerika sind die Mediziner umstellt von extrem populistischen Politikern der Rechten, die das Thema mit Häme ausbeuten und hintertreiben, und Aktivisten aus der Szene: "Deren Reaktion traf sie noch härter, wie es die Kritik von Kollegen und Verbündeten oft tut. Sie bezog sich auf zwei der Bedingungen, die der Entwurf für die Einnahme von Pubertätshemmern und Hormonen für Jugendliche vorsah. Erstens, so der Entwurf, sollten Kinder und Teenager nachweisen, dass sie sich 'mehrere Jahre' durchgehend als ein anderes Geschlecht identifizieren oder sich typischerweise wie ein anderes Geschlecht verhalten, um Kinder mit einer langen Vorgeschichte von denen zu unterscheiden, deren Identifizierung erst seit kurzem besteht. Und zweitens sollten sie sich einer umfassenden diagnostischen Untersuchung unterziehen, um den psychologischen und sozialen Kontext ihrer Geschlechtsidentität zu verstehen und um herauszufinden, wie sie sich mit anderen psychischen Erkrankungen überschneiden könnte." Aktivisten empfinden das als eine diskriminierende Zumutung, während republikanische Politiker in Staaten wie Florida diesen Bereich der Medizin ganz aus allen Programmen medizinischer Hilfe herausnehmen wollen.

Magazinrundschau vom 14.06.2022 - New York Times

Im Magazine widmet Samanth Subramanian einen ausführlichen Artikel den Kuratoren der diesjährigen Documenta, der indonesische Gruppe Ruangrupa und ihrer Arbeit: "In ihrer 22-jährigen Geschichte hat sich die Gruppe von dem Ideal der Kunst als Objekt verabschiedet. Im Indonesischen bedeuten die Wörter ruang und rupa 'Raum' und 'Form', und so preist der zusammengewürfelte Name der Gruppe nicht das Produkt, sondern den Prozess: den physischen Raum, in dem Menschen zusammenarbeiten, Dinge Gestalt annehmen und Kunst gemacht wird. Ruangrupa als 'Künstlerkollektiv' zu bezeichnen, ist eine gängige, aber vielleicht irreführende Kurzformel. Nicht jeder Ruangrupan ist ein herkömmlicher Künstler; einer hat als Journalist gearbeitet, ein anderer hat eine Ausbildung als Ökologe gemacht, ein dritter ist Akademiker. Das Kollektiv hat keine definierte Mitgliedschaft, die über einen Kern von zehn Personen hinausgeht, und diese zehn - Architekten, Grafiker, ein Performance-Künstler - arbeiten nicht miteinander, um das zu schaffen, was wir normalerweise als Kunst bezeichnen. ... Statt dessen propagiert Ruangrupa die Kunst der Zusammenarbeit. Es ist ein Kollektiv, das Kollektivität lehrt. Für seine Projekte wirbt Ruangrupa um Komplizen: Künstler natürlich, aber auch Menschen, die sonst am Rande der Kunstwelt gestrandet sind, wie Slumbewohner oder Fabrikarbeiter. Diesen sozialen Beziehungen und dem Gemeinschaftsgefühl entlockt Ruangrupa eine Ästhetik. Der künstlerische Wert des Bedruckens von T-Shirts, der Verkleidung eines Viertels mit Wandmalereien oder der Herausgabe von Zines liegt in den kollektiven Entscheidungen, die getroffen werden - in dem Prozess, in dem festgelegt wird, welches Design auf welchem Stoff am besten funktioniert, wie hoch die Wandmalereien sein sollen, welche Texte veröffentlicht werden sollen." Bedeutet das nicht, dass die Kunst schon vorbei ist, wenn die Documenta eröffnet? Immerhin: Ab Samstag kann man es selbst überprüfen.

Magazinrundschau vom 31.05.2022 - New York Times

Moises Velasquez-Manoff verfolgt im New York Times Magazine den anwachsenden Trend der Impfgegnerschaft. Dazu tragen auch verzerrte Informationen bei, wie er von Kolina Koltai erfährt, die die Thematik an der University of Washington erforscht: Eine wahre Aussage wird aufgegriffen aus dem Zusammenhang gerissen, erklärt sie. "Eine dieser Wahrheiten ist, dass Impfungen gelegentlich furchtbare Reaktionen auslösen. Jene 'unerwünschten Ereignisse', wie sie euphemistisch genannt werden, sind äußerst selten. Auch wenn der Zusammenhang nicht vollständig belegt ist, gibt es Hinweise darauf, dass eins von einer Million Kinder, das beispielsweise die Dreifachimpfung gegen Mumps, Masern und Röteln erhält, Enzephalitis entwickelt, eine potenziell gefährliche Entzündung des Gehirns. Zwischen drei und vier von einer Million Geimpfter gegen die Grippe werden von einer Lähmung namens Guillain-Barré befallen. Peter Hotez (Dekan der National School of Tropical Medicine am Baylor College of Medicine) weist allerdings darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit von einem Blitz getroffen zu werden - 1 zu 500000, laut dem Center for Disease Control - größer ist, als von einer dieser Nebenwirkungen betroffen zu sein. Außerdem sind diese Erscheinungen behandelbar. Wichtiger aber ist, dass die Krankheiten selbst sehr viel wahrscheinlicher zu jenen Nebenwirkungen führen als die Impfungen. Die Grippe kann Guillain-Barré und zahlreiche andere Krankheiten auslösen. Eine Masern-Infektion führt in einem von 1000 Fällen zu Enzephalitis, übersteigt also um ein Vielfaches das entsprechende Risiko der Masern-Impfung. Das gilt ebenso für die Covid-19 Impfung: Die Gerinnungsstörung und Herzentzündung im Zusammenhang mit einer Covid-19 Impfung, treten genauso, sogar sehr viel häufiger, bei einer tatsächlichen Covid-19 Infektion auf."

Magazinrundschau vom 24.05.2022 - New York Times

Im New York Times Magazine berichtet James Verini, begleitet von erschütternden Bildern Paolo Pellegrins, aus dem zerstörten ukrainischen Charkiw, wo die Absurdität der Geschichte den Ukrainern trotz aller Verzweiflung nicht entging: "So sehr Putin auch von der Wiedergutmachung der Geschichte sprach, seine Truppen bombardierten ohne Rücksicht auf die Geschichte - ohne Rücksicht auf Russlands eigene Geschichte. Diese Heuchelei stand in den Gesprächen der Charkiwer über den Krieg immer im Hintergrund, wenn nicht im Vordergrund. Schlimmer als heuchlerisch, schlimmer als ironisch, wie sie betonten, war die Belagerung sadomasochistisch. Selbstmörderisch. Russland behauptete, die Ukraine sei Russland, hat sich Russland mit der Invasion der Ukraine dann nicht selbst überfallen? Wollte es sich selbst umbringen? Was könnte man sonst daraus schließen? Den Russen war ihr eigenes Leben ebenso gleichgültig wie das ihrer Opfer. Schauen Sie sich nur an, wie sie ihre Truppen behandelten: Sie schickten sie unausgebildet, unterernährt und ohne Kommando in die Schlacht und ließen ihre Leichen auf dem Schlachtfeld verrotten - um 'von Hunden gefressen zu werden', wie es hieß."

Außerdem hat die NYT ein ganzes Dossier der Geschichte Haitis seit seiner Befreiung von der Sklaverei gewidmet. Mehrere Artikel behandeln die Geschichte der Reparationen, die Haiti nach seiner - durch eigene Kräfte erfolgten! - Befreiung an Frankreich zahlen musste, die Banken in Frankreich und den USA, die Haiti auch nach Abbezahlung seiner "Schulden" aussaugten, und die Forderungen nach Reparation, die zuletzt der ehemalige Staatspräsident Jean-Bertrand Aristide gestellt hatte - dessen Privatvermögen laut Wikipedia auf 40 Millionen Dollar geschätzt wird. Und eben das fehlt leider: ein Artikel, der auch die Kollaboration und Korruption haitianischer Machthaber (die teilweise durchaus angerissen wird) beschreibt. Nicht um das Unrecht, das Haiti angetan wurde, zu relativieren. Sondern weil er verdeutlichen würde, dass in der Forderung nach Reparationen sehr ungemütliche Fallstricke lauern: Etwa die Frage, an wen diese ausgezahlt werden sollten. Dass Haiti aber schon im 19. Jahrhundert, direkt nach der Befreiung, unter Androhung von Gewalt von den Franzosen buchstäblich ausgeblutet wurde, steht außer Frage, liest man den ersten Artikel: "Es wird oft als 'Unabhängigkeitsschuld' bezeichnet. Aber das ist eine falsche Bezeichnung. Es war ein Lösegeld. Der Betrag überstieg bei weitem die mageren Mittel Haitis. Allein die erste Rate war etwa sechsmal so hoch wie das Einkommen der Regierung in jenem Jahr, basierend auf den offiziellen Einnahmen, die der haitianische Historiker aus dem 19. Jahrhundert, Beaubrun Ardouin, dokumentiert hat. Aber das war der Sinn der Sache und Teil des Plans. Der französische König hatte dem Baron einen zweiten Auftrag erteilt: Er sollte dafür sorgen, dass die ehemalige Kolonie einen Kredit bei jungen französischen Banken aufnahm, um die Zahlungen zu leisten. Dies wurde als Haitis 'doppelte Schuld' bekannt - das Lösegeld und der Kredit, um es zu bezahlen - eine überwältigende Last, die das junge Pariser internationale Bankensystem ankurbelte und dazu beitrug, Haitis Weg in die Armut und Unterentwicklung zu zementieren. Den Aufzeichnungen Ardouins zufolge überstiegen allein die Provisionen der Bankiers die Gesamteinnahmen der haitianischen Regierung in jenem Jahr. Und das war nur der Anfang. Die doppelte Verschuldung trug dazu bei, dass Haiti in einen Schuldenkreislauf geriet, der das Land mehr als 100 Jahre lang lähmte, ihm einen Großteil seiner Einnahmen entzog und seine Fähigkeit beeinträchtigte, die für eine unabhängige Nation unerlässlichen Institutionen und Infrastrukturen aufzubauen. Generationen, nachdem versklavte Menschen rebelliert und die erste freie schwarze Nation in Amerika gegründet hatten, wurden ihre Kinder gezwungen, für andere zu arbeiten, manchmal für wenig oder gar keinen Lohn, zuerst für die Franzosen, dann für die Amerikaner, dann für ihre eigenen Diktatoren."

Magazinrundschau vom 17.05.2022 - New York Times

Das neue New York Times Magazine befasst sich mit Körpermodifikationen. Und so woke man hier inzwischen auch ist: Besteht die Wahl fürs Coverbild zwischen einem Hirnimplantat, dem neuen Penis eines Transmannes oder einem aufgespritzten weiblichen Hintern wählt die Redaktion... Ganz genau. Ferris Jabr besucht für seine Reportage Menschen, die durch eine Krankheit oder einen Unfall körperlich so schwer beeinträchtigt sind, dass sie technische Hilfsmittel nur übers Gehirn steuern können. Die Forschung zur Verbindung menschlicher Gehirne mit Technik beschränkt sich allerdings bisher auf einige Freiwillige. Einer von ihnen ist Dennis DeGray, der seit einem Unfall gelähmt ist und sich für ein Projekt der Stanford University zwei 4 mal 4 Millimeter große Elektroden in den Cortex implementieren ließ, die die Impulse hunderter Neuronen in ein elektrisches Signal umwandeln: "Die Algorithmen wurden von David Brandman entwickelt, der damals als Doktorand der Neurowissenschaften mit dem Team aus Stanford im Rahmen der Gruppe 'BrainGate' zusammenarbeitete. Er entwickelte sie so, dass sie schnell verschiedene Muster neuronaler Aktivität mit verschiedenen beabsichtigten Handbewegungen verknüpfen und sich alle zwei bis drei Sekunden aktualisieren, wobei sie theoretisch jedes Mal genauer werden. Wären die Neuronen in DeGrays Schädel Klaviernoten, dann wären seine unterschiedlichen Absichten mit einzigartigen Kompositionen vergleichbar. Der Versuch, seine Hand zu heben, entspräche beispielsweise einer neuronalen Melodie, während der Versuch, die Hand nach rechts zu bewegen, mit einer anderen übereinstimmte. Wenn der Decoder lernte, DeGrays Bewegungen zu erkennen, würde er Befehle senden, um den Cursor in die jeweilige Richtung zu bewegen. Brandman bat DeGray, sich eine Bewegung vorzustellen, mit der er den Cursor intuitiv kontrollieren könnte. Während er auf den Computerbildschirm starrte und seine Gedanken nach einem möglichen Beginn absuchte, erinnerte sich DeGray an eine Szene aus 'Ghost', in der der verstorbene Sam Wheat (gespielt von Patrick Swayze) unsichtbar einen Penny an der Tür entlang gleiten lässt, um seiner Freundin zu beweisen, dass er noch immer in spektraler Form existiert. DeGray stellte sich vor, wie er den Cursor genauso zum Ziel bewegte wie diesen Penny. Auch wenn er physisch unfähig war, seine Hand zu bewegen, versuchte er es trotzdem mit aller Kraft. Brandman war begeistert, als er sah, dass der Dekoder genauso schnell funktionierte, wie er erhofft hatte. In 37 Sekunden erlangte DeGray Kontrolle über den Kursor und erreichte den ersten leuchtenden Punkt. Innerhalb weniger Minuten erreichte er dutzende Ziele hintereinander."
Stichwörter: Woke, Algorithmen, Gehirne

Magazinrundschau vom 26.04.2022 - New York Times

Mit Interesse könnten einige Thalia- und Hugendubel-Manager Elizabeth A. Harris' Artikel über Barnes & Noble lesen. Die größte amerikanische Buchhandelskette schaffte unter dem neuen Manager James Daunt die Rekonversion vom Bösen in der Branche zu einem Akteur, den sogar unabhängige Verlage und Buchhändler schätzen. Denn Barnes & Noble ist in der amerikanischen Provinz meist der einzige, der überhaupt noch an die Existenz physischer Bücher erinnert. Und gleichzeitig heißt der Hauptfeind heute natürlich Amazon. Daunt renovierte die Kette vor allem, indem er sie dezentralisierte und lokalen Managern weit mehr Einkaufs- und Präsentationsbefugnisse gab. "Barnes & Noble hat auch aufgehört, von Verlegern Gebühren für die Platzierung bestimmter Bücher an gut sichtbaren Stellen wie am Eingang oder im Schaufenster zu verlangen. Das war wie Geld für nichts, sagt Daunt, aber es verursachte eine Kaskade von Problemen: Bücher, die niemand kaufen wollte, wurden an prominenter Stelle präsentiert, und große Bestellungen, die sich nicht verkauften, mussten zurückgeschickt werden. (Eine Besonderheit im Buchgeschäft ist, dass unverkaufte Bücher gegen volle Gutschrift an die Verlage zurückgegeben werden können, eine Praxis, die noch aus der Zeit der Depression stammt. Die Versand- und Bearbeitungskosten können erheblich sein.) Jetzt können die Filialleiter selbst entscheiden, welche Bücher sie bewerben wollen."