Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 12.04.2022 - New York Times

Das New York Times Magazine macht ein Special über Geld, sehr viel Geld, und immer noch sehr viel mehr Geld. Es geht um die Listen mit den reichsten Milliardären der Welt - und sie werden immer mehr, Forbes zählt weltweit über 2.500. Übrigens kann man das Ranking auch live hier beobachten. An der Spitze steht Elon Musk mit zur Zeit 264 Milliarden Dollar Vermögen. Der reichste Deutsche ist ein gewisser Dieter Schwarz (Lidl & Co. Südfrüchtenhandlung, 46 Milliarden). Dass man viele Milliardäre mit ihrer geballten Macht kaum kennt, ist eines der Probleme mit ihnen. Willy Staley fragt Kerry Dolan, die die Forbes-Liste mit Dutzenden von Kollegen erstellt, was der Alptraum eines Milliardärs, den man nicht dingfest machen kann, für sie ist: "Sie sagte mir, das sei jemand, der in den neunziger Jahren still und leise einen Anteil an einem Unternehmen für, sagen wir, 250 Millionen Dollar verkauft und ihn dann gut investiert hat. Heute könnte ein solcher Mann mit seinem Reichtum tun, was er will: Lastwagenladungen von Nazi-Memorabilien kaufen, versuchen, den Bürgermeister zu überreden, die städtische Kanalisation zu privatisieren, oder vielleicht beides, und Sie würden nichts davon mitbekommen. Und eigentlich hätte er nicht einmal besonders klug mit seinem Geld umgehen müssen. Hätte er 1992 250 Millionen Dollar in einem S.&P.-Tracking-Indexfonds geparkt und es dabei belassen, wäre er heute mehr als 4 Milliarden Dollar wert."

Außerdem im Special: Michael Steinberger porträtiert den Milliardär Nicolas Berggruen, der in Berlin in zwiespältiger Erinnerung ist, nun aber gute Taten in Los Angeles verbringt und fortan von sich behaupten kann, dass die New York Times ihn mit den Medici verglichen hat (am 20 November 2010 notierten wir über ihn: "Auf der letzten Seite (des FAZ-Feuilletons) erzählt der Karstadt-Investor und Milliardär Nicolas Berggruen im Interview mit Ingeborg Harms, wie er durch sein Nicola-Berggruen-Institute Einfluss auf die Politik nehmen will. Als Berater dient ihm unter anderem der deutsche Gasmann Gerhard Schröder.")

Magazinrundschau vom 05.04.2022 - New York Times

Wer um 2000 nach New York reiste und sich für Film interessierte, hat wahrscheinlich mehrere Stunden in der legendären, mehrstöckigen Videothek "Kim's Video" verbracht, wo es gefühlt sogar das gab, was es nicht gibt. 2009 musste der Laden schließen - die gigantische Filmsammlung wurde (unter Tränen der New Yorker Cinephilie) nach Italien verschifft, wo sie den Grundstock eines Kulturzentrums bilden sollte, das sich jedoch nie materialisiert hat. Nun ist sie nach New York zurückgekehrt, berichtet Gabe Cohn in einer an skurrilen Anekdoten nicht armen Reportage: Die ursprünglich in Austin gegründete (und wie "Kim's Video" ähnlich legendäre) Kinokette Alamo Drafthouse hat sich die 550 Kartons umfassende Sammlung unter den Nagel gerissen, um damit ihre Dependance in Manhattan um eine Videothek zu erweitern. Dahinter steckt "eine Langzeitstrategie, um die Alamo-Kinos zu Orten umzugestalten, an denen man länger verweilt, die eine physischere Erfahrung bieten als ein Streamingdienst. Schon ursprünglich grenzte sich die Kette von ihren Mitbewerbern mit ähnlichen Formen gehobenen Geektums ab - inklusive Gourmetburgern, loungigen Kipp-Sesseln und Lobbys voller Erinnerungsstücke. Doch nun, da der Gang ins Kino sich in einen Streamingkrieg verwandelt hat, bei dem tausende Filme nur einen Klick weit entfernt liegen - worin könnte da die Bedeutung einer Videothek im Jahr 2022 bestehen? ... Für Skip Elsheimer, der das Videoprojekt von Alamo leitet, besteht der fundamentale Aspekt eines Besuchs in einem Videoladen vielleicht gerade darin, die Cover durchzusehen, deren Gestaltung eingehend zu betrachten und die Texte auf der Rückseite zu lesen. 'Wenn die Leute diese Erfahrung machen und damit die Erfahrung, wie es damals war, zu Kim's zu gehen, dann ist das schon ein Erfolg', sagt er. 'Wenn sie was ausleihen, dann ist das großartig. Wenn sie ein Kim's-T-Shirt oder einen Aufkleber mitnehmen, ebenso.' Aber bei der Videothek im Alamo-Kino in Raleigh fangen die meisten Gäste mit dem Stöbern an und belassen es auch dabei. 'Die schnappen sich ein Bier und klappern einfach die Regale ab', sagt er. 'Irgendwas daran fühlt sich einfach irre gut an. Es kitzelt das Gehirn.' Bei Alamo soll das Verleihgeschäft Teil einer Erfahrung sein, der größeren des Kinobesuchs. Und nun, da die meisten Videotheken verschwunden sind (...) ist dies vielleicht tatsächlich die Art, wie ein moderneres Publikum von heute Videotheken auffassen könnte, insbesondere was jüngere Generationen betrifft, die solche Läden nie selbst besucht haben."

Magazinrundschau vom 29.03.2022 - New York Times

Wie anfällig sind demokratische Gesellschaften für das Appeasement gegenüber Autokratien und Diktaturen, vor allem, wenn diese etwas zu bieten haben? Wie manipulierbar sind die Öffentlichkeiten in Demokratien? Warum bewundern gewählte Politiker Finsterlinge wie Wladimir Putin, von denen erwiesen ist, dass sie Giftmörder und Kriegsverbrecher sind, oder behaupten zumindest, sie einhegen zu können? Eliot Cohen erzählt in seinem ausführlichen Putin-Porträt eigentlich nicht viel Neues über Putin, aber spricht mit einigen, die mit ihm umgingen, und sie sagen immer wieder über Putin: "Something is definitely different." Als hätte sich Putin geändert und nicht ihre Wahrnehmung Putins, der ihnen nur näher auf die Pelle rückt. Kann man es fassen, was man Cohen etwa von einem hohen diplomatischen Berater Frank-Walter Steinmeiers, Thomas Bagger, zitieren hört? "'Im Nachhinein betrachtet, hätten wir schon vor langer Zeit mit dem beginnen sollen, was wir jetzt in aller Schnelle tun müssen', sagt der ranghöchste deutsche Diplomat Bagger, 'unser Militär zu stärken und die Energieversorgung zu diversifizieren. Stattdessen haben wir mitgemacht und die Ressourcenströme aus Russland noch verstärkt. Und wir haben eine ausgehöhlte Armee mitgeschleppt.' Und er fügt hinzu: 'Wir haben nicht erkannt, dass Putin sich in eine historische Mythologie hineingesponnen hat und in Kategorien eines tausendjährigen Reiches denkt. So jemanden kann man nicht mit Sanktionen abschrecken.'"

Die Oscars haben nicht erst durch die Entgleisung bei ihrer Verleihung am Sonntag ihre Relevanz verloren, das Hollywood-Kino befindet sich schon seit Jahren im Niedergang. Bereits vor der peinlichen Oscar-Nacht schrieb Ross Douthat: "Statt Filme für Erwachsene zu produzieren, bediente die Traumfabrik nur noch die Bedürfnisse von Teenagern: "Die Globalisierung erweiterte den Markt für Hollywood Produktionen, doch das globale Publikum erforderte einen schlichteren Erzählstil, der besser zwischen Sprachen und Kulturen übertragbar war, mit weniger Komplexität, Eigenheiten und kulturellen Spezifika. Das Internet, der Laptop und das Iphone personalisierten die Unterhaltung und machten sie unmittelbar verfügbar, auf eine Weise, die gleichfalls Hollywoods potentielles Publikum erweiterte, aber die Menschen auch an kleinere Bildschirme gewöhnte, an privates und unterbrochenes Schauen, das Gegenteil vom gemeinschaftlichen Kino. Spezialeffekte eröffneten spektakuläre (wenn auch manchmal antiseptisch wirkende) Blick und machten es möglich, Geschichten zu verfilmen, die lange nicht für die große Leinwand tauglich waren. Die Kassenschlager, die mehr noch als ihre Vorgänger der 1980er Jahre auf Effekte zielten, bestärkten eine Fan-Kultur, die den Studios ein kalkulierbares Publikum einbrachten, allerdings zu dem Preis, dass traditionelle Aspekte des Kinos der Jedi-Religion oder dem Marvel-Kult untergeordnet wurden. All diese Verschiebungen begünstigten und wurden begünstigt durch eine weitgreifende 'Verteenagerung' der westlichen Kultur, die Ausweitung des Geschmacks und der Unterhaltungsgewohnheiten der Jugendlichen auf all das, was man heute unter Erwachsensein versteht."

Magazinrundschau vom 22.03.2022 - New York Times

Lange nichts von William Langewiesche gehört, einem der großartigsten Reporter Amerikas. Seine Art, Geschichten zu erzählen, die nicht permanent "Ich ich ich" sagt, ist fast altmodisch geworden. Und er ist auch in seiner jüngsten Reportage ein mutiger Autor, nicht so sehr, weil er sich in den brasilianischen Regenwald begibt, sondern weil jeder von Anfang ahnt, dass seine Geschichte kein gutes Ende haben wird. Er porträtiert den freien Anthropologen Edward Luz, der für wirtschaftliche Interessenten gegen Schutzgebiete für unberührte Völker kämpft - nicht gerade ein sympathischer Job. Aber Langewiesche ist auch ehrlich genug darzulegen, dass die Utopie der Unberührtheit selbst in der Ethnologie umstritten ist. Luz ist Sohn eines evangelikalen Priesters, und wie man heute auch an anderer Stelle erfährt, ist nichts zerstörerischer als ideologischer Wahn: "Der Vater von Edward Luz, dessen Name ebenfalls Edward Luz lautet, leitet heute den brasilianischen Ableger der 'New Tribes Mission'. Die Mutterorganisation in den Vereinigten Staaten und die ihr angeschlossenen Organisationen entsenden weltweit etwa 3.000 Missionare. Sie lebt von reichlichen Spenden evangelikaler Kirchen in ganz Nordamerika. Im Jahr 2017 änderte sie ihren Namen in Ethnos 360, einige Jahre nach einem Skandal um Kindesmissbrauch in ihren Internaten im Senegal und auf den Philippinen. Die Gruppe wurde 1942 von einem bekehrten Kalifornier namens Paul Fleming gegründet, der als junger Mann eines Nachts in Los Angeles aufwachte und seine Mutter sah, die neben seinem Bett kniete und für sein Seelenheil betete. Dieses Erlebnis scheint ihn geprägt zu haben. Er wurde Missionar, wurde nach Britisch-Malaya geschickt, um Seelen zu retten, erkrankte an Malaria und kehrte nach Kalifornien zurück, um sich zu erholen. Später half er mit, die New Tribes Mission zu gründen, um das Evangelium zu allen 'unberührten' Völkern der Welt zu bringen, wie es seiner Meinung nach in der Bibel gefordert wird, um die Wiederkunft Christi einzuleiten." Langewiesches Reportage spielt in einem der abgelegensten Teile des Dschungels - und auch hier zeigt sich, dass seine Zerstörung nicht mehr aufzuhalten ist.

Magazinrundschau vom 15.02.2022 - New York Times

Der Investor Peter Thiel (Paypal, Facebook Palantir) - sich selbst als libertär bezeichnender Rechts-Außen und nebenbei Träger des Frank-Schirrmacher-Preises mit Laudator Sebastian Kurz (der inzwischen in seinen Diensten steht) - ist jetzt einer der zwei oder drei Hauptfinanziers all jener Republikaner, die gegen die wenigen verbliebenen republikanischen Trump-Gegner antreten. Dafür gibt Thiel 20 Millionen Dollar aus und gehört damit zu den zwei oder drei größten Finanziers der Trump-Fraktion. Ryan Mac und Lisa Lerer schreiben ein alles in allem recht braves Porträt dieser modernen Inkarnation des Hasses auf Demokratie. Aber er ist verheiratet mit seinem langjährigen Boyfriend, erfährt man nebenbei, mit dem er zwei Kinder hat. "Was Thiels Parteispenden von anderen abhebt, ist die Konzentration auf Kandidaten der extremen Rechten, die mit den von Trump vertretenen Verschwörungstheorien hantieren und sich selbst als Rebellen darstellen, die entschlossen sind, das republikanische Establishment und sogar die breitere amerikanische politische Ordnung zu stürzen. Diese Kampagnen haben Millionen an Kleinspenden gesammelt, aber Thiels Reichtum könnte die Verlagerung von Ansichten, die einst als marginal galten, in den Mainstream noch beschleunigen - und ihn selbst zu einem neuen Makler der Macht auf der Rechten in Amerika machen."

FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube hat laut Deutschlandfunk betont, dass der Schirrmacher-Preis an Thiel für Schirrmacher selbst d'accord gegangen wäre. Sebastian Kurz war zum Zeitpunkt der Preisverleihung noch österreichischer Bundeskanzler. Laut Thiel-Biograf Max Chafkin schätzt Thiel seinen neuen Angestellten Sebastian Kurz, weil dieser den Brückenschlag von der extremen Rechten zum Mainstream geschafft habe, heißt es in einem Bericht des ORF.

Aufatmen kann man in dem Porträt, das Jonah Weiner über Bob Odenkirk schreibt: jenem genialen Darsteller eines kleinen Ganoven in "Better Call Saul", dem vielleicht auch gegen Thiel ein Rezept einfallen würde.

Magazinrundschau vom 18.01.2022 - New York Times

James Verini schildert in einer langen Reportage die komplexe, oft paradoxe Situation auf der ukrainischen Seite der Front zu den abgespaltenen Gebieten am Donbass. Die Bevölkerung fühlt sich oft Russland verbunden, die ukrainischen Soldaten der Ukraine. Sie blicken mit Misstrauen auf die Bewohner, die sie zugleich gegen die Russen verteidigen. Verini erzählt auch über Maryna und ihre Schwägerin Valia, die er in ihrem schönen Garten an der Front besucht: "Der Krieg verschlimmerte eine schlechte Situation noch. Monatelang lebten sie im Keller. Marynas Vater war behindert, und sie trugen ihn jeden Tag unter die Erde. 'Wir wussten nicht, wer die Sezessionisten waren', sagt Maryna. 'Wir waren alle gleich, und dann wachten wir eines Morgens auf, und plötzlich waren die Leute unten an der Straße Sezessionisten. Und wir waren Gott weiß wer.' Jetzt waren sie der Feind. 'Die Soldaten sagten: 'Ihr seid hier alle Sezessionisten.'' Sie hatten nicht die Mittel fortzugehen. Und selbst wenn, wohin? Und Maryna spricht einen Satz aus, den ich immer wieder von Menschen im Donbass hörte: 'Wer braucht uns?'"

Magazinrundschau vom 04.01.2022 - New York Times

Rafil Kroll-Zaidi erzählt die sehr amerikanische Geschichte der CeCe Moore, die ihre Karriere als Musical-Sängerin und Barbie-Darstellerin begann und dann autodidaktisch zur führenden Expertin für die Identifizierung von Menschen per DNA rekonvertierte. "Roots" sind bekanntlich eine amerikanische Obsession, und Moore hat eine Menge Eltern adoptierter Kinder und verschollene Geschwister ausfindig machen können. Sie hat aber auch als erste einen Mörder durch DNA-Checks entfernter Verwandter identifiziert, die sie in Datenbänken mit DNA-Informationen gefunden hatte. Gesucht wurde der Mörder einer Frau namens Barbara Tucker - ein Fall aus dem Jahr 1987. "Der Verdächtige musste zu den sieben Enkeln eines alleinstehenden Paares gehören, und sie stellte fest, dass einer von ihnen eine schwierige Kindheit hinter sich und wegen Entführung im Gefängnis gesessen hatte. Es handelte sich um Robert Plympton, einen Wildführer, der Angelausflüge am Sandy River in Oregon leitete. Plympton, der inzwischen verheiratet war und einen Sohn hatte, war zum Zeitpunkt von Tuckers Tod ein athletisch gebauter 16-Jähriger und lebte weniger als zwei Meilen von der Stelle entfernt, an der sie getötet wurde." Der Prozess, der zu einer solchen Identifizierung führte, ist komplex: "Eine einzelne Übereinstimmung ist im Grunde unbrauchbar (es sei denn, sie steht dem Verdächtigen genetisch sehr nahe); zwei Übereinstimmungen, die nicht auf einander bezogen sind, ermöglichen die notwendige Triangulation; ein besseres, aber komplexeres Szenario, so Moore, ist es, mehrere Übereinstimmungen zu haben, die eine Verwandtschaft indizieren, aber nicht mit den anderen Übereinstimmungen - nur mit der Zielperson. Dann dienen alle Beziehungen als Gegenkontrollen." Diese neuen Methoden werfen natürlich auch neue datenschutzrechtliche Fragen auf, die Kroll-Zaidi in ihrem epischen Artikel ebenfalls erläutert.
Stichwörter: DNA, Dna-Analysen, Barbie, Der Prozess

Magazinrundschau vom 21.12.2021 - New York Times

Das ist mal wieder eine dieser Recherchen, die geeignet sind, den lädierten Ruf der New York Times doch wieder zu retten. Die ReporterInnen der Zeitung sind Tausende Dokumente durchgegangen, die das Pentagon freigeben musste, und sie sind auch nach Irak und Syrien gereist, um die Tatbestände zu verifizieren und mit Opfern zu sprechen. Der von Barack Obama eingeleitete und von Donald Trump und Joe Biden fortgesetzte Rückzug Amerikas aus Kriegsgebieten hat auch eine technologische Seite, den Drohnenkrieg, der von Obama forciert eingeleitet wurde. Die Dokumente des Pentagon zeigen, dass bei diesem Krieg geschludert wird, dass die zivilen Opferzahlen in die Tausende gehen und dass bei weitem nicht genug Transparenz bei der Aufklärung herrscht - die Prosa der Armee ist in ihren Dokumenten vor allem darauf aus, die Beteiligten von lästigen Fragen fernzuhalten. Einer der Grüne für die vielen zivilen Toten ist mangelhafte Verifikation der Verhältnisse vor Ort vor den Drohnenschlägen, schreibt Azmat Khan im zweiten Teil der gigantischen Reportage: "Die Dokumente zeigen, wie unzuverlässig diese Informationen oft waren. 'Weiße Säcke' mit 'Ammoniumnitrat' in einer 'selbstgebauten Sprengstofffabrik' entpuppten sich als Baumwollsäcke in einer Baumwoll-Entkörnungsanlage. Ein angebliches ISIS-Hauptquartier war das langjährige Zuhause von zwei Brüdern und deren Frauen und Kindern. Ein 'erwachsener Mann, der mit ISIS in Verbindung steht', war in Wirklichkeit eine 'ältere Frau'. Ein Mann mit einer Waffe 'auf seiner linken Schulter' hatte in Wirklichkeit keine Waffe. Männer auf fünf Motorrädern, die 'schnell' und 'in Formation' fuhren und die 'Signatur' eines bevorstehenden Angriffs zeigten, waren schlichte Motorradfahrer. Ein 'schwerer Gegenstand', der in ein Gebäude geschleppt wurde, war in Wirklichkeit ein Kind." Sie alle sind tot.

Mehr über den Drohnenkrieg der Amerikaner findet man in The Intercept bei Jeremy Scahill, der feststellt, dass Joe Biden die Regeln für Drohnenangriffe, die Obama irgendwann aufgestellt hat und die von Trump weitesgehend abgeschafft wurden, von Biden nicht wieder installiert wurden.

Magazinrundschau vom 09.11.2021 - New York Times

Ohne Sun Myung Moon, den Gründer der Moon-Bewegung, gäbe es kein Sushi in Amerika. Jedenfalls nicht in dem Umfang und bis in den letzten Winkel des Landes hinein. Sushi in Amerika war gewissermaßen Moons Idee, erzählt Daniel Fromson in einer riesigen, schmuck aufgemachten Geschichte. Das liegt unter anderem daran, dass seine Moon-Bewegung besonders in Japan populär war, dass er seine japanischen Anhänger ausschwärmen ließ und durch die arrangierten Ehen der Bewegung schnell zu amerikanischen Bürgern machen konnte. Und billige Arbeitskräfte waren sie als Anhänger seiner Religion sowieso. Und so entstand die bis heute mächtige Firma True World Foods, die Tausende amerikanischer Sushi-Restaurants mit frischem und tiefgekühltem Fisch bester Qualität beliefert und die die wichtigste Geldquelle der Bewegung ist: "Nach Angaben von Robert Bleu, dem Präsidenten des Mutterkonzerns True World Group, hat True World Foods im laufenden Geschäftsjahr mehr als 8.300 Kunden in den Vereinigten Staaten und Kanada beliefert, bei denen es sich überwiegend um Sushi-Restaurants handelt. Die japanische Tochtergesellschaft ist auf dem besten Weg, im Jahr 2021 mehr als eine Million Kilogramm frischen Fisch in die Vereinigten Staaten zu exportieren. Laut Bleu beliefert True World in vielen Städten zwischen 70 und 80 Prozent der mittleren und gehobenen Sushi-Restaurants; der Jahresumsatz der Gruppe liegt in der Regel bei über 500 Millionen Dollar. Die Pandemie war natürlich nicht typisch, aber 'Sushi war ein großer Gewinner in der Coronakrise, weil Sushi ein großartiges Essen zum Mitnehmen und Liefern ist, wenn es richtig gemacht wird' sagt Bleu. 'Wir machen gerade den besten Umsatz in unserer Geschichte.'"

Halb versteht es Marc Tracy, halb bedauert er es in einem längeren Essay: Immer mehr junge jüdische Amerikaner wenden sich von Israel als Bezugspunkt ab, oder sehen es gar als Apartheidsstaat. Selbst Studenten an Rabbinerseminaren unterzeichnen offene Briefe solchen Inhalts. Tracy bittet um Verständnis für ihre Perspektive. Wer heute 26 ist, wisse nichts mehr über das Abkommen von Oslo oder die erste und zweite Intifada: "Für sie wird Israel nicht durch Rabin oder den Staatsmann Schimon Peres oder wenigstens den Falken Ariel Scharon verkörpert, sondern durch Netanjahu, der nicht nur den Siedlungsbau im Westjordanland vorangetrieben hat, sondern sich auch in religiösen und zivilen Fragen auf die Seite des ultraorthodoxen Rabbinats gestellt hat, der versucht hat, linke NGOs zu behindern, der rassistische Demagogie gegen die Palästinenser betrieben hat und der mit den Republikanern, einschließlich und insbesondere Donald J. Trump, gemeinsame Sache gemacht hat."

Magazinrundschau vom 19.10.2021 - New York Times

Koga Harue's Umi (The Sea) (1929) The National Museum of Modern Art, Tokyo


Der Surrealismus war nicht eine weitere, in Frankreich entstandene Kunstbewegung mit Plagiatoren im In- und Ausland, sondern eine Pandemie, schreibt der Kritiker Jason Farago in der großen Besprechung der Ausstellung "Surrealism Beyond Borders" im Metropolitan Museum. Und der Surrealismus trifft auch die Sensibilitäten der heutigen Zeit, weil er "eine zutiefst antikoloniale Bewegung war - lange nachdem er in der französischen Metropole erlahmt war, fand seine oppositionelle Sprache in der Karibik ihren höchsten Ausdruck. 'Ich lecke dich mit meinen Algenzungen / Und segle dich aus der Piraterie heraus", erklärt der Erzähler von Aimé Césaires klassischem 'Zurück ins Land der Geburt', das die surrealistische Poetik mit den Formen der 'Black Atlantic'-Kultur zu einer neuen Philosophie namens Négritude verschmolz. Breton schrieb die Einleitung zur französischen Ausgabe, aber das in der Ausstellung gezeigte Exemplar ist auf Spanisch, mit Illustrationen des kubanischen Malers Wifredo Lam: hybride, mehrköpfige Bestien, schön, aber furchterregend und vor nichts zurückschreckend."