Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

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Magazinrundschau vom 08.10.2024 - New Statesman

Fintan O'Toole unterhält sich mit der irischen Schriftstellerin Sally Rooney über deren neues Buch "Intermezzo". Es geht um Sex, Trauer, das Patriarchat, die Romanform - und um Religion, ein Thema, das Rooney gerade deshalb interessiert, weil es in der modernen Welt (zumindest in dem Teil, in dem sie selbst lebt) immer mehr an den Rand gedrängt wird: "Mich interessiert, dass die Religion und der Glaube innerhalb weniger Generationen fast vollständig aus der Menschenheitsgeschichte zu verschwinden scheinen. Das ist beispiellos und stellt einen faszinierenden, rapiden kulturellen Wandel dar, mit dem wir institutionell nicht Schritt gehalten haben. Philosophisch und kulturell ist ein großer Teil der schriftlichen Überlieferung, die wir erben, im religiösen Glauben verwurzelt, und wir eignen uns diese Texte nun aus einer ganz anderen kulturellen Perspektive an. In meiner demografischen Gruppe ist religiöser Glaube selten, und ich denke, das spiegelt sich allgemein in den Statistiken wider. Wie und warum ist das passiert? Wie sind wir in diese Situation geraten? Ich bin interessiert an der Art von Abwesenheit, die dadurch geschaffen wurde - in Bezug auf dieses reiche textuelle Erbe, dem manchmal das zu fehlen scheint, was in unserer Tradition vielleicht das zentrale Merkmal war, nämlich Christus, oder allgemeiner, Gott. Diese Figur ist verschwunden, und so vieles, was sich um sie gruppierte, ist jetzt um eine Abwesenheit oder ein Vakuum herum angeordnet."

Wie es im Nahen Osten weitergehen könnte, darüber denkt Robert D. Kaplan nach. Die Hamas hat - allen militärischen Erfolgen Israels zum Trotz - erst mal gewonnen, weil die Palästinensische Frage plötzlich wieder debattiert wird, auch gezwungenermaßen in den arabischen Ländern, die davon eigentlich die Nase voll hatten. "Da Israelis und Palästinenser zum Konflikt verdammt sind, besteht die einzige Möglichkeit für Israel, einen strategischen Sieg zu erringen, in einem innenpolitischen Wandel im Iran, der zum Zusammenbruch des radikalen klerikalen Regimes und dessen Ersetzung durch einen schwächeren, weniger aggressiven, weniger ehrgeizigen und nach innen gerichteten iranischen Staat führt. Diese Aussicht ist nicht aus der Luft gegriffen. Das Regime wird von einer überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung gehasst und befindet sich in einem verkalkten, spät-sowjetischen Zustand. Massenproteste sind zu einem festen Bestandteil seiner Politik geworden, zuletzt in den Jahren 2022 und 2023 wegen des obligatorischen Tragens des Hidschabs. Nichts in der Geopolitik ist von Dauer. Viele haben einst den Fehler gemacht, das System des Schahs für ewig zu halten; man sollte diesen Fehler nicht wiederholen. Der Zusammenbruch des Schahs war ein weltgeschichtliches Ereignis; der Zusammenbruch des klerikalen Systems in Teheran könnte es auch sein."

Magazinrundschau vom 10.09.2024 - New Statesman

Schon jetzt sieht sich Keir Starmers Labour-Regierung mit schlechten Umfragewerten und Anfeindungen von Seiten der Presse konfrontiert. Andrew Marr zeichnet die aktuelle Problemlage nach. Er hegt weiterhin Hoffnung für Starmers Reformprojekt, stellt aber klar, dass die Aufgabe auch weiterhin keine leichte ist: "Britische Wähler erwarten nach wie vor einen umfassenden, modernen und spendablen Wohlfahrtsstaat; eine Nationalen Gesundheitsversorgung (NHS), die in der Lage ist, auf die Herausforderungen eine alternden Bevölkerung zu reagieren; ein modernes und inklusives Bildungssystem, das auf eine sich schnell verändernde Wirtschaft ausgerichtet ist; und ein Sozialsystem, das Kinder vor Verelendung schützt. Und zu allem Überfluss wollen wir nun auch noch eine moderne nationale Verteidigungsstrategie für gefährliche Zeiten. Jahrelange rücksichtslose Kürzungen der Staatsausgaben durch die Regierungen haben uns zu dem Punkt gebracht, an dem wir uns nun befinden. (...) Umfragen von Ipsos im Sommer ergaben, dass die Wähler sehr wohl wissen, dass man ohne Bezahlung keine wirksamen öffentlichen Dienstleistungen erhalten kann. ... Zwei von fünf Befragten sprachen sich dafür aus, die Ausgaben für öffentliche Dienstleistungen zu erhöhen, auch wenn sie dafür mehr Steuern zahlen müssten. Hier liegt ein versteckter Vorteil für Labour: Immer mehr Menschen verstehen, was zu tun ist, wenn sie sich umschauen. Das drängendste Problem für die Schatzkanzlerin Rachel Reeves stellt jedoch nicht die Wirtschaftsleistung dar, sondern die Struktur des Staates. Mit anderen Worten: It's not the economy, stupid. Vielmehr geht es darum, dass die Erwartungen an die materielle Bedürfnisse des täglichen Lebens brutal zerstört wurden; es geht um das minderwertige, schlecht funktionierende und zerfallende gesellschaftliche Gefüge. Das 'schwarze Loch' ist real. Dieser soziale Verfall ist um uns herum deutlich sichtbar. Wir können ihn sehen und riechen. Er hat seinen Ort auf den Straßen, nicht auf den Finanzmärkten."

Magazinrundschau vom 27.08.2024 - New Statesman

Shiraz Maher erzählt die Geschichte des Anjem Choudary, der nach jahrzehntelangem prominenten Wirken in schlimmsten islamistischen Organisationen nun endlich von einem britischen Gericht wegen Führens einer Terrororganisation zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. "Als 'bekanntester islamischer Extremist Großbritanniens' war er eine Art Anti-Celebrity. Fast zwei Jahrzehnte lang war er regelmäßig auf unseren Kanälen zu sehen. Nach fast jedem Terroranschlag erschien er, um eine unsensible, empörende oder anderweitig irritierende Botschaft zu verbreiten." Maher konzentriert sich in seinem Artikel mehr auf Choudarys Geschichte selbst, als auf die britischen Institutionen und eine Öffentlichkeit, die ihn gewähren ließen und möglich machten. Eine Episode aus der frühen Zeit seines Wirkens zeigt, welchen Freiraum er und seine Mitstreiter hatten. Damals war er noch an der Seite des ebenso prominenten Omar Bakri Muhammad. Man wollte 1993 im Wembley-Stadion eine Art großes Islamisten-Event veranstalten, zu dem man auch hoffte, Osama bin Laden einladen zu können. Das Wembley-Stadion machte allerdings so teure Sicherheitsauflagen, dass das Festival nicht zu organisieren war. "Für Bakri und Choudary spielte das alles keine Rolle. Die abgesagte Veranstaltung hatte bereits genau das erreicht, was sie wollten - Aufmerksamkeit für ihre Sache auf globaler Ebene. Bemerkenswert ist jedoch, dass es die Wembley-Arena war, die die Absage der Veranstaltung erzwang, nicht die Behörden. Als der damalige Außenminister Malcolm Rifkind zu der Konferenz befragt wurde, stellte er lapidar fest: 'Leute, die Konferenzen abhalten wollen, brauchen natürlich keine Erlaubnis der Regierung einzuholen.' Diese scheinbare Gleichgültigkeit verärgerte Verbündete im Ausland, die glaubten, dass das Vereinigte Königreich gegenüber dem islamistischen Extremismus absichtlich einen weichen Ansatz wählte. Der britische Staat schien zu kalkulieren, dass wir zu Hause sicher seien, solange diese Welle reaktionärer Wut ins Ausland gelenkt würde."

In der Titelgeschichte des New Statesman fragt sich Madeleine Davies, wie damit umgegangen werden soll, dass sich auf der einen Seite immer weniger Menschen als Christen bezeichnen, auf der anderen aber Personen wie Elon Musk und Jordan Peterson eine Art Kulturchristentum hochhalten. Vorschläge bietet der Schriftsteller Tom Holland, dessen Buch "Dominion" in England für Furore gesorgt hat: "Sein Vorschlag für die Church of England ist, dass sie die 'seltsame' Natur des Glauben betonen sollte. Er kritisiert die Führung dafür, das nicht zu tun. 'Anstatt mit der Stimme der Prophezeiung zu sprechen, anstatt trauernden und ängstlichen Menschen zu erklären, wie die Toten in das Licht des ewigen Lebens schweben, anstatt Wunder und Geheimnisse zu verkünden, die nur sie verkündet, scheint sich die Kirchenführung entschlossen, wie ein mittleres Management aufzutreten,' schrieb er während der frühen Wochen der Corona-Pandemie. Die Kirche sei 'zu erfolgreich', meinte er. Die Gaben des Christentums an die Kultur, verankert im Glauben an die Gleichheit aller, Bildung, Gesundheits- und Sozialfürsorge, würden nicht mehr als solche anerkannt. 'Die Zukunft der Kirchen liegt darin, die Menschen daran zu erinnern, woher diese Ideen kommen', behauptet Holland. 'Sie kommen daher, an verrückte Dinge zu glauben, daran, dass es einen Gott gibt, der alle Menschen gleichwertig geschaffen hat, der ihnen ihre Würde gegeben hat, weil sie als Abbild Gottes geschaffen wurden. (…) Es sind, objektiv, aus einer rationalen Perspektive, verrückte Dinge. Aber ihre Verrücktheit ist genau der Grund, warum sie so machtvoll sind.'"

Magazinrundschau vom 03.09.2024 - New Statesman

Sohrab Ahmari erkennt im Wahlkampf von Donald Trump eine Identitätskrise. Die populistischen, teilweise dem neoliberalen Mainstream der Republikaner radikal entgegengesetzten Forderungen, die lange einen Grundstein seiner Popularität bildeten, spielen in seinen öffentlichen Äußerungen kaum noch eine Rolle: "Ist der Trumpismus noch ein Aufstand gegen Eliten und den amerikanischen Status quo in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts? Oder fügt sich die Bewegung in vertraute konservative Muster, die 'kommunistische' Phantome bekämpft, sich mit mächtigen Segmenten des amerikanischen Kapitals verbündet und einen post-neoliberalen Trend aufgibt, der erstmals von Trump selbst im Jahr 2016 angekündigt wurde? Die Beweise häufen sich zugunsten der zweiten Annahme: Der Trumpismus 2.0 ist eher konservativ als radikal oder populistisch. Das deutlichste Zeichen dafür ist die Entscheidung, Kamala Harris als 'Kommunistin' darzustellen, weil sie versprochen hat, gegen die Preistreiberei der Unternehmen in der Lebensmittelindustrie vorzugehen. Unabhängig von den Vorzügen ihres Vorschlags steht die Tatsache, dass selbst einige der konservativsten Bundesstaaten Gesetze gegen Preistreiberei eingeführt haben. Richard Nixon, Trumps spiritueller Vorgänger bei den Republikanern, führte umfangreiche Preiskontrollen ein. Solche Maßnahmen als 'kommunistisch' zu charakterisieren, erinnert an die dümmste, langweiligste Version der Post-Reagan-Rechten - an eine Nikki-Haley-Kampagne. Und es fühlt sich an wie eine Abkehr von allem, was Trump für die Wähler der Arbeiter- und unteren Mittelschicht bei seinem Wahlsieg attraktiv machte. Was ist mit dem Trump passiert, der Unternehmenschefs kritisierte und vorschlug, dass der Staat sich um die einfachen Menschen kümmern sollte, selbst wenn das bedeutete, die heiligen Marktorthodoxien der Republikaner zu verletzen?" Warum aber hat Trump seine Strategie gewechselt? Schuld trägt laut Ahmari die finanzielle Abhängigkeit seiner Kampagne von Tech-Größen wie Elon Musk.

Magazinrundschau vom 06.08.2024 - New Statesman

Wie Lily Lynch berichtet, ist die amerikanische Tech-Branche in politischer Hinsicht gespaltener denn je. Hatten in Silicon Valley früher die Demokraten die Überhand, sind inzwischen viele Tech-Unternehmer ins Trump-Lager gewechselt. Ein Grund dafür: Trump macht sich für eine weitgehende Deregulierung der KI- und Krypto-Märkte stark, während Biden und vermutlich auf Kamala Harris für eine stärker interventionistische Politik stehen. Manche haben noch radikalere Visionen: "Bedenken hinsichtlich KI, Kryptowährungen und Steuern sind sicherlich die Hauptgründe für die (Tech-)Unterstützung von Trump, aber es gibt inzwischen andere, wildere Ideen, die ebenfalls mit im Spiel sind. Tech-Barone aus dem Silicon Valley haben begonnen, mit neuen Formen des Staatswesens zu experimentieren. Der Unternehmer und Investor Balaji Srinivasan, der während Trumps Amtszeit als Kandidat für die Leitung der Food and Drug Administration gehandelt wurde, schrieb ein Buch mit dem Titel 'The Network State: How to Start a New Country' (2022), in dem er über die Möglichkeit nachdenkt, neue Länder zu schaffen, die frei von den liberalen Pathologien sind, die seiner Meinung nach Städte wie San Francisco prägen. Srinivasans 'Network State' würde darauf basieren, dass Online-Gemeinschaften von der 'Cloud'-Welt in die materielle Welt erweitert werden: Mit anderen Worten, neue Staaten würden online gegründet werden, in Gemeinschaften, die nach gemeinsamen Interessen und Werten geformt sind, und schließlich offline gehen, indem sie über Crowdfunding Territorien erwerben, in denen sie ein libertäres Xanadu schaffen. Die Idee mag nach Science-Fiction klingen, aber es gibt bereits experimentelle Gemeinschaften, die in Betrieb sind; die am weitesten fortgeschrittene unter ihnen ist das von Thiel unterstützte Prospera auf der Insel Roatán vor der Küste von Honduras. Das Gebiet umfasst bereits einen 18-Loch-Golfplatz, ein Bitcoin Education Center und eine experimentelle Biotech-Klinik."

Magazinrundschau vom 30.07.2024 - New Statesman

Gerry Hassan macht sich, nach dem katastrophalen Wahlergebnis der Scottish National Party (SNP) bei den jüngsten britischen Parlamentswahlen, Gedanken über die Gegenwart und Zukunft der schottischen Unabhängigkeitsbewegung. Klar ist: es muss sich einiges tun. "Das moralische Selbstvertrauen (der schottischen Nationalisten), demzufolge Nationalismus etwas von Natur aus Erleuchtetes und Fortschrittliches darstellt, hat sich in eine Art Selbstbeweihräucherung verwandelt. Schottische Nationalisten sehen sich selbst als Hüter der progressiven Tradition Schottlands. Die Verbindung von Sozialdemokratie und Nationalismus durch die SNP wird stolz zur Schau gestellt. Doch diese Sicht übergeht unbequeme Wahrheiten über die tatsächliche Regierungsbilanz: die skandalöse Anzahl von Drogentoten, gesundheitliche Ungleichheit und Kinderarmut, all das hat sich in 17 Jahren SNP-Herrschaft nicht verändert. All das wird zugunsten der Vorstellung eines tugendhaften Schottlands verdrängt, das von einem verrotteten, fremden Großbritannien zurückgehalten wird - eine geschönte Vision. Die Realitäten der britischen Politik, der Labour- und Tory-Regierungen und ihrer Unterschiede, spielen in dieser Erzählung keine Rolle. Alles Britische wird im gleichen Licht dargestellt und verurteilt. Solche intellektuelle Mängel haben die nationalistische Bewegung geschwächt. Das bedeutet nicht, dass die SNP am Ende ist oder dass die Aussicht auf Unabhängigkeit zum Scheitern verurteilt ist. Aber es bedeutet, dass die aktuelle Erzählung der SNP - und eines Großteils der Unabhängigkeitsbewegung - über die offizielle Geschichte Schottlands durch das Prisma des schottischen Nationalismus unzureichend ist. Sie wird das Land nicht gestalten oder erneuern. Stattdessen braucht Schottland neue Geschichten, Perspektiven und Ideen darüber, wohin man gehen will, was man sein will und was die kollektive Zukunft beinhalten könnte."

Magazinrundschau vom 28.05.2024 - New Statesman

Shruti Kapila blickt auf Indien, die größte Demokratie der Welt, die unter Narendra Modi freilich mehr und mehr zu einem Ein-Parteien-Staat zu werden droht. Tatsächlich ist laut Kapila weniger Modi selbst als seine Partei, die Bharatiya Janata Party (BJP), die alles bestimmende Kraft im Land: "Als eine Kaderpartei, die doppelt so groß ist wie die Kommunistische Partei Chinas, ist die BJP nicht nur die weltweit größte politische Partei mit 180 Millionen Mitgliedern, sondern auch eine der reichsten Parteien der Welt mit fast 6 Milliarden Dollar in ihren Kassen. Mit einer Reihe anderer Verbündeter - insbesondere der 1925 gegründeten paramilitärischen Gruppierung Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), die sich mit ihren über fünf Millionen Freiwilligen der Verwirklichung des politischem Hinduismus verschrieben hat - lenkt Modi eine massive und effiziente politische Maschinerie. Von Spitzeln, die gewaltsam interreligiöse Liebesbeziehungen überwachen, bis hin zu Nachbarschaftsvereinigungen, die hinduistische Ernährungspraktiken durchsetzen, verschwimmt die Grenze zwischen Kultur und Politik, Partei und Staat. Obwohl hinduistisch-muslimische Unruhen im letzten Jahrzehnt zurückgegangen sind, haben sich Massenlynchmorde - insbesondere gegen Indiens Muslime und Dalits (die Kaste der 'Unberührbaren') - als neuer, gewalttätiger Trend herauskristallisiert." Dennoch ist die Lage für die Opposition um Rahul Gandhi laut Kapila nicht so hoffnungslos, wie die Überschrift des Essays - "India's last election?" - nahelegt.

Auch in Südafrika wird demnächst gewählt, und die Dauerregierungspartei ANC könnte diesmal tatsächlich ihre Mehrheit verlieren. Laut Benjamin Vogel ist das freilich kein Zeichen für eine funktionierende Demokratie. Im Gegenteil steht es in Südafrika nicht nur um die demokratischen Institutionen schlecht, Staatlichkeit an sich ist in eine schwere Krise geraten. Vogel bringt dies in Beziehung zu dem Begriff der "Rückentwicklung", also ein Zurückrollen liberaler Modernisierungsprozesse. Ein Phänomen, das nicht nur in Südafrika zu beobachten ist: "Dies ist die Politik der neuen Rechten in Europa - es geht darum, die Reste der sozialen Demokratie durch den Ausschluss anderer zu sichern, wobei die Ausweitung von Rechten für einige als Verlust von Privilegien für andere wahrgenommen wird. In einer Zeit, in der die Politik energie- und ideenlos und außerdem zunehmend zynisch geworden ist, neigen lautstarke Minderheiten dazu, sich um bestimmte Themen herum zu mobilisieren, während die Mehrheit der desillusionierten Wähler ihre Stimme mit einer Haltung der Resignation abgibt, wenn überhaupt. Rückentwicklung erzeugt eine hobbesianische Welt, einen Krieg aller gegen alle um schwindende Chancen und Ressourcen. ... Neue politische Akteure - evangelikale Kirchen, die Wohlstand durch Anbetung versprechen, Betrüger und politische Bewegungen, die eine Rückkehr zu einer imaginierten Vergangenheit versprechen - treten auf, um den Trend zum Zynismus auszunutzen. All dies ist bei den Wahlen in Südafrika zu beobachten."

Magazinrundschau vom 14.05.2024 - New Statesman

Noch regieren die Tories in Großbritannien, aber die Zukunftsaussichten der Partei sind finster. Ein Sieg der Labour-Opposition bei den nächsten Parlamentswahlen gilt als ausgemacht, vor allem jedoch fehlt es der Partei, wie Rachel Cunliffe analysiert, an Visionen für die Zukunft. "'Die Konservative Partei ist nicht wie eine fehlerhafte Maschine', sagte mir der konservative Kommentator und ehemalige Redenschreiber Tim Montgomerie. 'Sie ist eher wie ein verfaulender Organismus. Ein Gift ist in den Boden eingedrungen, aus dem die Konservative Partei gewachsen ist. Es ist nicht nur die Haupternte des Wahlerfolgs, die abstirbt; es ist das Blätterdach, es sind die Samen der nächsten Generation. Es ist, als ob alles in einem gewaltigen Maßstab stirbt, weil der Lebensraum zusammengebrochen ist.' Was Montgomerie als das 'politische Äquivalent der Ulmensterbens' bezeichnet, ist nicht einzigartig für die Tories. Andere lang etablierte Parteien - in den USA, in ganz Europa, die britische Labour Party miteingeschlossen - stehen ebenfalls vor der Herausforderung, sich in einem Zeitalter der sozialen Medien, zunehmender Polarisierung, sich verändernder geopolitischer Trends und demografischer Veränderungen anzupassen. (Die Labour-Partei hat in muslimischen Gemeinschaften massiv an Unterstützung verloren, wie mir ein Tory-Abgeordneter mitteilte, obwohl dies wahrscheinlich bei der nächsten Wahl nicht viel ausmachen wird.) Aber, wie die Kommunalwahlen gezeigt haben, ist der Niedergang der Tories weiter fortgeschritten. 'Es sind nicht nur die Umfragewerte; es ist wie ein vollständiger Zerfall einer Institution', warnt Montgomerie. 'Wir sind wie eine Monokultur, ausgebildet für ein politisches Klima. Dann ändert sich das politische Klima und wir stellen fest, dass wir isoliert sind: In einem bestimmten Temperaturbereich, einem Bereich von Niederschlägen geht es uns gut, aber dann ändert sich das Wetter, das Klima ändert sich und wir brechen zusammen.'"

Magazinrundschau vom 30.04.2024 - New Statesman

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass Thomas Piketty mit seinem Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" den Begriff der Ungleichheit zum Schlagwort machte. Zeit, darüber nachzudenken, was damit gewonnen wurde, meint der Historiker Quinn Slobodian. Und welche Lösungen angeboten werden. Interessant an Pikettys Vorschlägen findet Slobodian "unter anderem, dass sie den Gedanken der Sichtbarkeit in den Vordergrund stellen. Wir brauchen ein globales Finanzregister, in dem alle Unternehmenstransaktionen leicht zu sehen, nachzuverfolgen und somit zu besteuern sind. Zusammen mit seinen Mitarbeitern am World Inequality Lab, das an der Pariser School of Economics angesiedelt ist, an der er lehrt, hat Piketty dazu beigetragen, eine Art globale Schatzsuche in Archiven zu starten, bei der Postdocs, Professoren und Doktoranden in alle Ecken der Welt ausschwärmen, um Haushaltserhebungen und Daten aus oft schlecht gepflegten Aktenordnern und bröckelnden Manila-Ordnern auszugraben. Diese Idee ist aufregend modern", meint Slobodian. Was sie allerdings nicht bietet, sind "Tränengas und die erhabenen Erfahrungen der aufständischen Menge", die die Abschaffung des Privateigentums fordert. "Piketty kann sich in Bezug auf dieses Ziel bedeckt halten, indem er provokante Ideen von 'temporärem Eigentum' und andere Versuche vorstellt, das zu untergraben, was er 'Eigentum' nennt."

Erica Wagner befragt Salman Rushdie über dessen neues Buch "Knife", in dem sich der Schriftsteller mit dem Anschlag auf sein Leben am 12. August 2022 auseinandersetzt. Unter anderem möchte Wagner wissen, warum Rushdie den Namen seines Angreifers nicht nennt. "Nun, in gewisser Weise verdanke ich die Idee Margaret Thatcher. Als sie Premierministerin war, gab es eine Zeit, in der die IRA im ganzen Land Anschläge verübte, und ich erinnere mich daran, dass sie etwas in die Richtung sagte, sie wolle den Terroristen den Sauerstoff der Öffentlichkeit entziehen. Diese Wortwahl war mir aus irgend einem Grund im Gedächtnis haften geblieben, und ich dachte mir: 'Okay, der Typ hatte also seine 27 Sekunden Ruhm, jetzt aber sollte er wieder zu einem Niemand werden - Ich will seinen Namen nicht in meinem Buch.' Deshalb nannte ich ihn 'A', denn in meinen Augen ist er viele Dinge auf einmal. Ein verhinderter Attentäter, ein Angreifer, ein Antagonist, ein Arsch - aber ich wollte diskret sein, deshalb habe ich ihn einfach 'A' genannt.'"

Magazinrundschau vom 16.04.2024 - New Statesman

Ziemlich schwarz sieht John Gray für die Zukunft des akademischen Betriebs. Seine Klage über gleichgeschalteten "progressive doublespeak" ist geläufig und nicht allzu originell. Interessanter ist, dass er seine Kritik nicht auf eine ideologische, sondern auf eine ökonomische These hin zuspitzt: "Die aufgeblähte und in ideologische Geiselhaft genommene akademische Sphäre mag sich nicht für die Realität interessieren, aber die Realität interessiert sich für sie. Die finanziellen Grundlagen des Hochschulwesens sind zunehmend unsolide. Ein Teil der Branche steht vor dem finanziellen Kollaps und große Teile könnten von geopolitischen Krisen getroffen werden. Wenn der Konflikt mit China eskaliert und Beijing den Zufluss an Studenten rapide drosselt, werden zweitrangige Universitäten zusammenbrechen, genau wie es der Immobilienbranche während der globalen Finanzkrise erging. Da die finanziellen Mittel der Staaten des Westens bis aufs Äußerste ausgereizt sind, wird es kein Bailout geben, ganz egal welche Partei an der Macht ist. Die Universität hat sich am Modell des Marktes ausgerichtet, aber es gibt immer weniger Märkte für die Studenten, die sie rekrutiert. Altmodische Humanities-Studiengänge der Art, die nun nicht mehr erwünscht ist, haben kognitive Fähigkeiten trainiert, die in einer großen Anzahl von Tätigkeiten nützlich sein könnten. Belehrung in progressive doublespeak bereiten hochverschuldete Studenten auf Jobs als Baristas und Kuriere vor, Arbeiten, die bald von KI-geleiteten Robotern übernommen werden könnten."