Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

196 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 20

Magazinrundschau vom 08.04.2024 - New Statesman

Lawrence Freedman zeichnet die Entwicklung des Ukrainekonflikts aus Sicht Putins nach. Putin hat sich so sehr seinem eigenen Radikalismus verschrieben, argumentiert Freedman, dass es für ihn kein Zurück mehr geben kann. Gleichzeitig wird die innenpolitische Lage schwieriger, insbesondere nach der IS-Attacke auf eine Konzerthalle bei Moskau. Die Reaktion des Regimes, das entgegen aller Evidenz versuchte, die Ukraine mit dem Angriff in Verbindung zu bringen, war alles andere als souverän. Das zunehmend irrationale Verhalten Putins kann auch nicht bloß auf demagogische Taktik reduziert werden: "Für den Kreml sind Lug und Betrug Mittel zum Zweck einer höheren Wahrheit. Sie helfen dabei, die Botschaft zu verbreiten, dass alle Feinde Russlands unter einer Decke stecken, und dass sich eine Nazi-Islamismus-Globalismus-Satanismus-Achse gegen die russische Zivilisation verschworen hat. Wenn das so ist, dann muss alles getan werden, um die Menschen vor der Gefahr zu warnen und sie für den Abwehrkampf zu mobilisieren. Die Ukraine muss einfach von Nazis angeführt werden, ganz egal was die tatsächlichen Hintergründe und Aussagen der entsprechenden Politiker sind, weil jeder, der gegen Russland kämpft, ein Nazi ist, und weil Russland immer dann am besten ist, wenn es gegen Nazis kämpft, wie zwischen 1941 und 1945. Mit Blick auf Putins Statement zum Angriff auf die Konzerthalle, in dem er die Ukraine beschuldigt, schlägt der Historiker Tim Snyder folgende Erklärung vor: 'Das ist nicht mehr der wendige post-truth-Putin, der in der Lage ist, wenn nötig augenzwinkernd eine Lüge durch eine andere auszutauschen. Dies ist ein Putin, der tatsächlich glaubt, was er sagt - oder der zumindest nicht mehr fähig ist, kreativ auf die Ereignisse in der Welt zu reagieren.'"

Lisa Klaassen beschäftigt sich währenddessen mit einem wenig kommentierten Aspekt russischer Machtpolitik: den teilweise durchaus erfolgreichen Versuchen, in Afrika an Einfluss zu gewinnen. Eine Schlüsselrolle kommt dabei ausgerechnet der berüchtigten Gruppe Wagner zu, deren ehemaliger Anführer Jewgeni Wiktorowitsch Prigoschin letztes Jahr den Aufstand gegen Putin geprobt hatte und bei einem Flugzeugabsturz starb. Inzwischen heißt die Gruppe nicht mehr Wagner, sondern Afrikakorps, wird von Prigoschins Sohn Pawel Jewgenjewitsch geleitet und unterstützt eine Reihe von Militärdiktaturen in Zentral- und Westafrika. "Die Entwicklung des Afrikakorps verfolgt zwei strategische Ziele. Zum einen geht es darum, einen Aufstand des jüngeren Prigoschin zu verhindern, zum anderen darum, Russland freie Bahn für seine Sicherheitspolitik in Afrika zu verschaffen. Der neue Name verschafft der Gruppe ein äußerst notwendiges Gegenmittel gegen die Folgen der Untaten, die die Gruppe Wagner im Namen der 'Anti-Terror Einsätze' der Gruppe beging. Aufgrund ihrer Treue zur Maxime Stalins, derzufolge die Menschen das Problem sind, wurde die Gruppe, laut einem Bericht des Economist, der Daten der NGO Armed Conflict Location and Event Data Project aufarbeitete, angeklagt, an Massakern beteiligt gewesen zu sein, die seit 2017 mehr als 1800 afrikanischen Zivilisten das Leben kosteten. Drei russische Zivilisten, die zu den vom Kreml unterstützten Wagner-Aktivitäten in Afrika recherchierten, wurden ermordet. Allein in Mali hat sich die Gewalt gegen Zivilisten verdreifacht, seitdem Wagner begonnen hat, das Vakuum zu füllen, das Frankreich hinterlassen hat."

Magazinrundschau vom 26.03.2024 - New Statesman

Katie Stallard untersucht, wie Putin den Krieg im Gaza-Streifen ausnützt, um Russlands geopolitische Machtposition zu stärken. Während der Zermürbungskrieg in der Ukraine sich tendenziell zu Russlands Gunsten zu entwickeln scheint, insbesondere auch, weil die Unterstützung des russischen Kriegsgegners durch den Westen nicht mehr gar so enthusiastisch aufrecht erhalten wird, eröffnet Putin eine neue Front im Propagandakrieg: "Putin zögerte nicht, seine Unterstützung für die Palästinenser zu zeigen, indem er Israels Blockade des Gazastreifens mit der Belagerung Leningrads durch die Nazis verglich und sich neun Tage Zeit lies, bevor er Netanjahu sein Bedauern über die Attacke vom 7. Oktober aussprach. In den Wochen nach der Attacke reisten wichtige Hamasmitglieder nach Moskau, wo sie russische Regierungsmitarbeiter trafen und Putins Antwort auf den Krieg lobten. Er sah in der Krise eine Gelegenheit, auf das Scheitern der amerikanischen Politik im Mittleren Osten hinzuweisen, seine Diplomaten arbeiteten UN-Resolutionen aus, die einen Waffenstillstand forderten und die von den USA und ihren Verbündeten abgeschmettert wurden. In Putins Darstellung ist der Krieg im Nahen Osten Teil eines breiteren antikolonialistischen Kampfes, den er gegen den Westen im Allgemeinen und den amerikanischen Imperialismus im Besonderen in der Ukraine zu führen behauptet. Dies ist eine zynische und unehrliche Darstellung. Aber es gibt ein Publikum für die Botschaft des russischen Präsidenten. 'Putin sieht den Krieg als eine Gelegenheit, seinen Pariah-Status loszuwerden und wieder die globale Bühne zu betreten', erzählte mir Izabella Tabarovsky, Berater am Kennan Institute des Wilson Center. Er will als ein Führer des globalen Süden betrachtet werden und die Freundschaft mit den arabischen Staaten erneuern, wo viele sich noch an alte Bindungen an die Sowjetunion erinnern. Es gibt da immer noch jede Menge warme Gefühle für Russland.'"

Außerdem: Hannah Barnes erzählt, wie es zur Schließung des Tavistock Zentrums in London kam, der bis dahin größten und umstrittensten Gender-Klinik für Kinder.

Magazinrundschau vom 27.02.2024 - New Statesman

Caspar David Friedrich: Der Wanderer über dem Nebelmeer 
© SHK/Hamburger Kunsthalle/bpk Foto: Elke Walford

Peter E Gordon ist irritiert über seine eigene negative Reaktion auf Caspar David Friedrichs "Der Wanderer über dem Nebelmeer". Nachdem er die problematische politische Rezeption des Werks Friedrichs vor allem während der NS-Zeit nachgezeichnet hat, stellt er klar, dass damit über den künstlerischen Wert des Bildes noch nichts ausgesagt ist: "Das bringt mich zurück zu meiner allergischen Reaktion auf Friedrichs Werk. Diese Reaktion ist nicht politisch, oder vielleicht ist sie noch nicht politisch. Was mich stört, gehört in den Bereich der Kunst selbst. Man achte auf die Körperhaltung des Wanderers, wie er sich dem Nebelsee stellt, und frage sich: drückt diese Figur auch nur einen Hauch von Bescheidenheit aus? Von Verletzlichkeit? Ironie? Leid? Die einzige ehrliche Antwort, die man geben kann, ist, dass die Gesamtheit der Komposition des Gemäldes den Effekt hat, das Subjekt zu panzern und über die Landschaft zu erheben, auf die es blickt. Alles in seiner Haltung, sogar der Wanderstock, der ihm einen dritten Halt auf der felsigen Anhöhe verschafft, vermittelt den Eindruck stoischer Ataraxie oder Unberührtheit. Er fühlt sich nicht bedroht von der Szene, die sich ihm bietet; er ist nicht einmal ein Teil derselben; seine bürgerliche Kleidung akzentuiert den tiefen Abgrund zwischen seiner zivilisierten Subjektivität und der regellosen Welt."

Magazinrundschau vom 20.02.2024 - New Statesman

Will Dunn schreibt über die nach wie vor stabile russische Kriegswirtschaft und britische Unternehmen, die dabei helfen, sie am Laufen zu halten. Es geht vor allem um Putins "dunkle Flotte", die dafür sorgt, dass Russlands Ölexporte steigen anstatt zu fallen. Mitbeteiligt sind bekannte Anwaltskanzleien und Versicherungsuntnehmen: "Anwälte gründen Single-Purpose-Firmen, die nur existieren, um einen Tanker zu kaufen. Die Besitzverhältnisse werden durch 'bearer shares' (wer die Aktienzertifikate besitzt, besitzt die Firma) verschleiert, was es den Anwälten oder anderen Strohmännern ermöglicht, die wahren Besitzer im Verborgenen zu belassen. Finanzielle Regularien würden rigorose 'know your customer'-Prüfungen verlangen, bevor sie ein Konto eröffnen können, deshalb behalten die Anwälte die Gelder in einem Treuhandkonto - das die Käufer und Verkäufer gemeinsam nutzen können. Die Anwaltskanzlei überprüft anschließend die Firma, die sie, wie Fulford-Smith es ausdrückt, 'eine halbe Stunde vorher gegründet habt', und deren Finanzen die Kanzlei selbst verwaltet, und findet - was für eine Überraschung - heraus, dass alles mit rechten Dingen zugeht."

Magazinrundschau vom 06.02.2024 - New Statesman

Der englische Philosoph Thomas Robert Malthus hat nicht den besten Ruf, gilt weithin als Fatalist, dessen These von einer Übervölkerung der Erde und dem anschließenden Niedergang der Menschheit vielen durch die Entwicklung neuer Technologien widerlegt schien. Robert D. Kaplan ist sich da nicht so sicher: "Es besteht kein Widerspruch zwischen der Idee eines Malthusianische Zeitalters und schwindenden Wachstumsraten der Bevölkerung. In absoluten Zahlen wird die Weltbevölkerung von derzeit acht Milliarden Menschen sich weiter vergrößern, bis sie sich irgendwann bei gut zehn Milliarden einpendelt. Irgendwann gegen Ende des 21. Jahrhunderts wird die Menschheit sich zu verkleinern beginnen, was eigene Herausforderungen mit sich bringen wird. All das steht nicht im Zweifel. Die Jahrzehnte, die unmittelbar vor uns liegen, werfen freilich ganz andere Fragen auf. Tatsächlich altern Populationen nicht im Gleichschritt. Der Prozess ist deutlicher sichtbar in Nordamerika, Europa und Ostasien. In Afrika und einem Großteil des globalen Südens ist der Trend längst nicht so ausgeprägt, Jugendüberschuss wird die dortigen Gesellschaften noch für viele Jahre vor Probleme stellen. Nie gab es so viele Menschen auf der Erde, und so viele junge Menschen in den ärmsten Orten. In diesem Malthusianischen Zeitalter entstehen Kettenreaktionen aus Bevölkerungswachstum und Klimawandel, die Erde wird durch jene Fossilen Brennstoffe verschmutzt, die notwendig sind, um den Lebensstandard eines immer größeren Teils der Menschheit anzuheben."

Magazinrundschau vom 12.12.2023 - New Statesman

Bruno Maçães bereist Taiwan und China und unterhält sich mit diversen Politikern und Beobachtern über den Stand des Konflikts zwischen den beiden Lagern. Offensichtlich befindet sich insbesondere Taiwan in einem andauernden Balanceakt: Die faktische Unabhängigkeit von China ist nur solange gesichert, wie sie nicht zu direkt proklamiert wird. Die USA unterstützen die Unabhängigkeitsbemühungen hinter den Kulissen zwar stärker als früher, ein komplett verlässlicher Partner sind sie jedoch nicht. China wiederum drängt rhetorisch immer stärker auf eine Wiedervereinigung. Selbst wie das Land bezeichnet wird, ist Teil der Auseinandersetzung: "Als ich in dieser Woche am Präsidentenpalast in Taipei ankam, bemerkte ich Schilder mit der Aufschrift 'Taiwan National Day'. Laut Verfassung ist der Name des Landes 'Republik China'. So steht es auch auf meinen Visum, und in China wird gemeinhin angenommen, dass eine Namensänderung einer Unabhängigkeitserklärung gleichkommen würde. Wurde ich Zeuge eines entscheidenden Wandels? Vermutlich nicht. Ein Beamter des Außenministerums versicherte mir, dass der Name nicht offiziell ist, sondern lediglich ein branding darstellt. Eine andere Rechtfertigung, die man in Taipei hört, ist, dass 'Republik China' schlicht zu lang ist, 'Taiwan' hingegen ist praktisch und kurz. Als ich Wissenschaftlern und Journalisten in Beijing einige Tage später von diesen Schildern erzählte, waren die Reaktionen ganz anders. Einige waren empört, andere alarmiert. Einige beides. Wieder andere erklärten empört, dass die Schilder nicht verfassungskonform seien, was vermutlich nicht ganz korrekt ist, da es sich schließlich lediglich um Straßenschilder handelt. Noch am verständnisvollsten reagierte ein Wissenschaftler, der die informelle Namensänderung als 'die übliche taiwanesische Salamitaktik' bezeichnete: es gehe darum, die Grenzen langsam und unmerklich zu verschieben, um ja keine Reaktion Chinas zu provozieren."
Stichwörter: Taiwan, China, Wiedervereinigung

Magazinrundschau vom 28.11.2023 - New Statesman

Brendan Simms und Charlie Laderman zeichnen die Geschichte des "längsten Hasses" nach - des Antisemitismus. Seine Wurzeln liegen in der Unterdrückung der Juden als einer religiösen Minderheit sowohl in der christlichen als auch in der muslimischen Welt der Vormoderne. Der moderne, verschwörungstheoretisch grundierte Antisemitismus, der im 19. Jahrhundert in Europa entstand, wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts auch zu einem zentralen ideologischen Bestandteil der islamistischen Bewegung. Besonders deutlich wird das in den Gründungsdokumenten der Hamas: "Als die Hamas in den 1980ern entstand, war die Verbindung von europäischem und islamistischem Antisemitismus voll etabliert. Die Gründungscharta zitierte die 'Protokolle der Weisen von Zion' als Beleg für jüdische Weltherrschaftspläne. 'Der weltweite Zionismus' strebt, so die Behauptung der Hamas, 'gemeinsam mit den imperialistischen Mächten' nach einer 'grenzenlosen' Expansion, vom Nil bis zum Euphrat und darüber hinaus. Wie sehr der europäische Verschwörungsantisemitismus die Weltsicht der Hamas prägt, wird in Artikel 22 der Charta ausgeführt. Die 'Feinde' - kurz: die Juden - werden beschuldigt, 'die Medien zu kontrollieren' und 'Revolutionen in verschiedenen Teilen der Welt' angezettelt zu haben, unter anderem in Frankreich und in Russland. Die Juden stecken angeblich hinter dem Ersten Weltkrieg und den Vereinten Nationen, und sie bedienen sich noch anderer Mittel, um 'die Welt zu regieren'. 'Mit ihrem Geld kontrollieren sie die imperialistischen Länder,' behauptet die Hamas, 'und sie stiften sie dazu an, andere Länder zu kolonisieren, um deren Resourcen auszubeuten und Korruption zu verbreiten.' All das hätte 50 Jahre zuvor auch von Hitler und anderen Antisemiten gesagt werden können."

Magazinrundschau vom 14.11.2023 - New Statesman

Lawrence Friedman vergleicht die aktuellen Kriege in Gaza und in der Ukraine und kommt zu dem Schluss, dass im Fall des ersteren ein baldiges Ende eher in Sicht ist. Die Hamas erhält kaum militärische Unterstützung von ihren Verbündeten, während der Druck auf Israel, einem Waffenstillstand zuzustimmen, wächst: "Obwohl Netanjahu monatelange Militäroperationen in Gaza angekündigt hat, wird er auf die Bitten der internationalen Unterstützer Israels nach einem Aussetzen der Operationen eingehen müssen, sobald sie sich in Forderungen verwandeln. Was danach passiert wird davon abhängen, ob die zentralen nicht-Konflikt-Parteien im Westen und in der arabischen Welt bereit sind, nicht nur einen Hilfs-, sondern auch einen Friedensplan auszuarbeiten." In der Ukraine hingegen gibt es an der Front kaum noch Bewegung. Russland hat höhere Verluste, aber auch mehr Nachschub, die ukrainischen Offensiven dieses Jahres waren erfolglos, man hofft höchstens noch auf modernere Waffensysteme. "Ukraine hat kaum eine andere Option als weiterzukämpfen, solange ein Teil des Landes besetzt ist. Russland hat eine andere Option, aber einem Rückzug zuzustimmen würde wie eine Niederlage wirken. Diese Option steht dennoch im Raum. Falls es nicht dazu kommt, ist die beste Hoffnung weder ein militärischer noch ein diplomatischer Durchbruch, sondern eine Situation, in der die beiden Parteien in einen Zustand übergehen, der weder Krieg noch Frieden ist, mit kleinen Schussgefechten und Spannungen und einer Rückkehr zum Alltagsleben abseits der Front. (...) Das ist der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Konflikten: Putin scheint nicht aufgeben zu wollen, aber es ist möglich, sich eine Situation vorzustellen, in der Gaza sich weder unter der Kontrolle der Hamas, noch unter der Israels befindet."

Magazinrundschau vom 07.11.2023 - New Statesman

Die militante islamistische Bewegung ist intern zutiefst verstritten, weiß Shiraz Maher. Auf eines können sich jedoch alle Bewegungen und Fraktionen, von Al-Quaeda über die Hizbollah bis zum IS, einigen - auf ihre Feindschaft mit Israel. Auch die Hamas war von Anfang an in die Geschichte des militanten Islamismus integriert: "Die palästinensische Frage hat schon lange eine wichtige Stelle in der Vorstellungswelt der jihadistischen Bewegung. Die erste Intifada begann nur wenige Monate, nachdem Michail Gorbatschow verkündet hatte, dass sich die Sowjetunion aus Afghanistan zurückziehen wird, was einem überraschenden Sieg für die Mudschahidin gleichkam. Viele der arabischen Kämpfer, die nach Afghanistan gereist waren, um sich dem Kampf anzuschließen, waren von dem charismatischen palästinensischen Gelehrten Abdullah Azzam angeführt worden, der seine Aufmerksamkeit anschließend wieder dem Israel-Palästina-Konflikt zuwandte. Eine ausführliche Studie des Politikwissenschaftlers Thomas Hegghammer (Oxford), hat gezeigt, dass es nicht ganz weit hergeholt ist zu behaupten, dass diese legendäre Figur der modernen Dschihad-Bewegung dem militärische Flügel der Hamas, den Izz al-Din al-Qassam-Brigaden, dabei geholfen hatte, ihre Taktiken zu entwickeln. (...) Auch für Osama bin Laden war Palästina eine Obsession. 1996 veröffentlichte er eine Fatwa, die 'den Amerikanern, die zwei heilige Stätten besetzen', den Krieg erklärte. Das bezog sich auf die beiden heiligsten Stätten des Islams in Saudi Arabien. Eine weitere Fatwa, veröffentlicht zwei Jahre später, verkündete 'eine weltweite islamische Front für einen Jihad gegen Juden und Kreuzfahrer.' Zusammengenommen geben diese beiden Fatwas Aufschluss über die zutiefst verschwörungsideologische Weltsicht der Jihadisten, derzufolge Israel die Vorhut eines umfassenderen jüdisch-christlichen Plans ist, die muslimische Welt zu unterwerfen und zu kontrollieren."

Magazinrundschau vom 24.10.2023 - New Statesman

Der Westen hat die demokratische Standfestigkeit Polens unterschätzt, analysiert David Broder nach der Abwahl der rechtspopulistischen PiS-Regierung. Die hatte sich, führt er aus, zwar tatsächlich daran gemacht, demokratische Institutionen zu demolieren. Aber "das düstere Bild der demokratischen Standards in Polen muss auch die allgemeine Stärke der Zivilgesellschaft und der demokratischen Mobilisierung berücksichtigen. Deren Vitalität zeigte sich an den Wahlurnen: Während in den 1990ern und 2000ern oft weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten ihre Stimme abgaben (der Tiefpunkt kam im Jahr 2005 mit 40.6 Prozent, und das war auch die Wahl, durch die die PiS erstmals Teil der Regierung wurde), lag die Wahlbeteiligung am 15. Oktober bei über 74 Prozent. Und war damit höher als bei der ersten kompetitiven Wahl 1989, und auch höher als zuletzt etwa in Großbritannien, Frankreich und Italien." Überhaupt ist Polen möglicherweise nicht gar so weit entfernt von den politischen Trends im restlichen Europa, denkt sich Broder. "Das mediale Narrativ, das rechtsautoritäre Tendenzen 'orientalisiert', indem sie der unvollständigen demokratischen Entwicklung des ehemaligen Ostblocks zugeschrieben wird, betrifft nicht nur Polen allein. Im Deutschland werden derzeit die vermeintlich unterentwickelten demokratischen Sitten der früheren DDR-Bürger für den Aufstieg der AfD verantwortlich gemacht. Eine weniger voreilige Analyse würde fragen, warum junge Ostdeutsche deutlich häufiger die AfD wählen als diejenigen, die 1989 bereits erwachsen waren, und auch warum die AfD sogar in den wohlhabendsten westlichen Bundesländern zunehmend erfolgreich ist."

Warum sprechen alle über die Rolle Irans als Unterstützer der Hamas, und niemand über die Rolle Katars, fragt John Jenkins. Selbst Israel hatte die Verbindungen zwischen Doha und Gaza gestärkt, indem Zahlungen aus Katar an die Hamas genehmigt und dadurch die Kontrolle der Terrororganisation über das Gebiet gestärkt wurden - auch in der Hoffnung, dass die politische Spaltung der Palästinenser zwischen Fatah und Hamas deren politische Position insgesamt schwächt. Diese Taktik hatte nun offensichtlich fatale Konsequenzen: "Die Hamas hat sich nicht verändert. Sie steht nicht für die Möglichkeit einer politischen Lösung, sondern für die endlose Fortsetzung des Konflikts. Das wirft die Frage auf, was Katar sich von der Unterstützung der Gruppe erhofft hatte. (...) Israel hätte fragen können, warum Katar derart große Geldbeträge ausgegeben hat, um diverse extrem konservative, oft separatistische und hochgradig spaltende Islamismen in Europa aufzubauen. Es hätte überprüfen können, was genau die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft an Katar durch die Fifa über die Redlichkeit des Regimes aussagt, und was die Cyberattacken auf Katars Kritiker darüber aussagen, wie Doha mit allen umzugehen gedenkt, die die Motive Katars in Frage stellen."