
Tom Stevenson
beschäftigt sich anlässlich von Martin Plauts und Sarah Vaughans Buch "Understanding Ethiopia's Tigray War" mit einem
vergessenen Krieg der jüngsten Vergangenheit. Und zwar mit einem unfassbar grausamen. Schätzungen zufolge starben zwischen 2020 und 2022 zwischen 385000 und 600000 Menschen im Zuge des
Konflikts in der äthiopischen Region Tigray, viele davon aufgrund einer durch eine Militärblockade in der Gegend ausgelösten Hungersnot. Äthiopien und Eritrea bekämpften gemeinsam Truppen der
Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF), die Äthiopien zwischen 1991 und 2018 zusammen mit anderen Gruppen regiert hatte. Für den Krieg, den der 2018 regierende äthiopische Ministerpräsidenten
Abiy Ahmed mit unnachgiebiger Härte führte, interessierte sich im Westen kaum jemand. "Im Dezember 2021 entsandte die UN ein Team, bestehend aus Kaari Betty Murungi, Steven Ratner und Radhika Coomaraswamy, das die Kriegsverbrechen während des Konflikts untersuchen sollte. Die äthiopische Regierung verbot ihnen Zugang zu allen Orten außer Addis Abeba, die eritreische Regierung ermöglichte überhaupt keinen Zugang. Es gab eine Kommunikationsblockade, was sogar Inverviews aus der Ferne erschwerte. Dennoch fand das Team Hinweise auf
Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. In Amhara hatten Tigray-Truppen Zivilisten hingerichtet (Human Rights Watch fand heraus, dass die mit der Regierung verbündeten Amhara-Milizen systematisch
Hunderttausende im Westen Tigrays vertrieben oder getötet hatten). Nach einem äthiopischen Luftangriff auf dem Markt von Togoga im Juni 2021, hatte die Armee verhindert, dass Krankenwagen den Ort erreichen. Die Einwohner Humeras und Umgebung wurden vertrieben und in ein Flüchtlingslager in Dedebit verfrachtet. Im Januar 2022
tötete ein Drohnenangriff 60 Flüchtlinge und hinterließ 'zerrissene Körper und menschliches Fleisch, das von Bäumen hing'. Das sind nur einige der Gräueltaten, die die begrenzte Untersuchung dokumentierte."
Zu Unrecht aus dem Amt gejagt wurde die
Harvard-Präsidentin Claudine Gay, und zwar von rechten Politikern und Israelfreunden,
findet Randall Kennedy, selbst Professor an der
Harvard Law School. Kennedy schreibt über die Hearings im amerikanischen Parlament und die Plagiatsvorwürfe gegen Gay, die schließlich zu ihrem Rücktritt führten. Er selbst ist, lesen wir erstaunt, der Meinung, dass
weder Antisemitismus noch Rassismus auf dem Harvard-Campus, bedauerlichen Einzelfällen zum Trotz, zu ernsthaften Problemen führen. Und auch die Plagiatsvorwürfe wischt er weg. Der aktuelle Konflikt hat nach Kennedy ganz andere Hintergründe: "Was in Harvard passiert, ist Teil eines langanhaltenden kulturellen Kampfes, dessen Ende nicht in Sicht ist. Die
Demagogen im Parlament, die die Antisemitismus-Hearings organisierten, verlangen jetzt, dass die Universität alle Unterlagen, die die interne Untersuchung der Plagiatsvorwürfe gegen Gay betreffen, herausgibt. Dass es ihnen gelungen ist, ihre Entlassung zu erzwingen, bestärkt sie darin, die Autonomie der Universität weiter zu untergraben. Zum Beispiel hinterfragen sie ihren Status hinsichtlich Steuerbefragung und der Möglichkeit, staatliche Zuschüsse zu erhalten. Momentan haben sie nicht die politischen Möglichkeiten, diese Drohungen in die Tat umzusetzen. Aber wir befinden uns in einem Wahljahr, und die republikanischen Präsidentschaftskandidaten haben klargemacht, dass sie sich liebend gern an der
Ausweidung Harvards beteiligen würden."
Weitere Artikel: Sheila Fitzpatrick
liest fasziniert
Anna Reids Buch
"A Nasty Little War: The West's Fight to Reverse the Russian Revolution" über westliche militärische
Intervention (vor allem der Briten) während der
russischen Revolution, ukrainischen Nationalismus und die Pogrome an der jüdischen Bevölkerung Osteuropas. Die Schriftstellerin Patricia Lockwood
erinnert sich in einem sehr persönlichen Text an die
Dichterin Molly Brodak, die sich 2020 das Leben nahm. Susan Eilenberg
liest zwei
Keats-
Biografien von Lucasta Miller ("Keats: A Brief Life in Nine Poems and One Epitaph") und Anahid Nersessian ("Keats's Odes: A Lover's Discourse"). Liam Shaw
lernt aus Dale E. Greenwalts Band "Remnants of Ancient Life: The New Science of Old Fossils" einiges über den korrekten Umgang mit
Fossilien. Paul Keegan
besucht die
Philip-
Guston-Ausstellung in der Tate Modern. Michael Woods
sah im Kino
Yorgos Lanthimos' "Poor Things".