Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

570 Presseschau-Absätze - Seite 8 von 57

Magazinrundschau vom 26.09.2023 - London Review of Books

Dass kapitalistische und kolonialistische Expansion historisch oft Hand in Hand gingen, ist keine neue Erkenntnis. Der Historiker Philip J. Stern will es in seinem Buch "Empire, Incorporated" genauer wissen und untersucht die Rolle privater Firmen im britischen Imperialismus. Michael Ledger-Lomas zeichnet in seiner Besprechung diese wechselvolle Geschichte nach. Besonders wichtig waren die Firmen in der Frühphase des Kolonialismus, als es darum ging, möglichst schnell möglichst viel Land in Besitz zu nehmen. Inbesondere frühe Aktiengesellschaften spielten dabei eine wichtige, teilweise auch ambivalente Rolle: "Aktiengesellschaften, die passive Investoren anzogen, waren ein Paradies für Betrüger. Schmierfinken, Piraten und Mystiker schrieben ihre Prospekte. Spektakuläre Aktionen waren ihnen wichtiger als Geschäftsberichte, wie etwa der Fall der Virginia Company beweist, die Pokahontas auf eine Tour durch England schickte, um die Rentabilität des Powhatan-Stamms zu beweisen. Francis Drake, Humphrey Gilbert und andere Freibeuter deckten ihre Kosten, indem sie spanische Schiffe ausraubten (und sie dann der Britischen Flotte übergaben, als eine Form verdeckter Kriegsführung); oder sie unternahmen den Versuch, so viel indigenes Land wie möglich in ihren Besitz zu bringen, bevor sie es an ihre Tochtergesellschaften weitergaben. Sie waren besser in dieser Art des Matrjoschkageschäfts als darin, profitable oder gar nützliche Geschäfte aufzubauen. Elisabeth die Erste wollte 1000 Pfund in die Martin Frobisher Company aus Cathay investieren, ein Bergbauunternehmen, dessen Schiffe 1000 Tonnen wertlosen Fels aus der Neuen Welt nach England verschifft hatte und das kollabierte, bevor auch nur eine Urkunde ausgestellt worden war."

Francis Gooding berichtet Erstaunliches aus der Welt der Schwertwale aka Orkas. Seit ein paar Jahren greifen die Tiere bei der Straße von Gibraltar immer wieder Schiffe an - oder wollen sie nur spielen? Wie Gooding darlegt, sind Mensch-Orka-Interaktionen historisch betrachtet keine Seltenheit. Und wenn man in der Erdgeschichte noch etwas weiter zurückgeht, wächst die Bedeutung der Schwertwale ins Unermessliche: "Es ist möglich, dass die Orkas das Meer in ähnlicher Weise beeinflusst haben wie die frühen Menschen das Land, und es ist zumindest denkbar, dass das ökologisch zerstörerische übermäßige Töten anderer Spezies eine weitere Parallele zwischen der Frühgeschichte der Orkas und der Menschen ist. Das Auftauchen der Orkas vor ungefähr zehn Millionen Jahren korreliert mit dem plötzlichen und mysteriösen Verschwinden von mehr als der Hälfte der bekannten Arten an Walen, Robben und Seekühen (Dugongs und Manatees) aus den fossilen Funden. Ähnlich wie im Fall des weit verbreiteten Ausdünnung terrestrischer Fauna in Gegenden, die im Pleistozän von Menschen kolonisiert wurden, könnten die Orkas, das ist eine Hypothese, im Zuge ihrer Verbreitung im maritimen Ökosystem andere Seesäugetiere gejagt und ausgerottet haben." Überraschend fände Gooding das nicht: "Orkas sind ausgesprochen intelligente Wesen. Zu sagen, dass Tiere 'Kultur' besitzen, sorgt hier und da immer noch für Stirnrunzeln, aber das meiste von dem, was das Leben der Orka ausmacht, ist nicht genetisch vorprogrammiert, sondern wird individuell oder in Gruppen gelernt. Anthropologen mögen an die Decke gehen, wenn man so etwas Kultur nennt, aber es fällt schwer, ein Wort zu finden, das besser passt, um lokale Verhaltenstraditionen zu beschreiben, die durch soziales Lernen weitergegeben werden."

Magazinrundschau vom 05.09.2023 - London Review of Books

Laleh Khalili beschäftigt sich, entlang einiger Neuerscheinungen mit dem Phänomen "woke capitalism". Er zeichnet dessen Kontinuität mit der britischen und französischen Kolonialpolitik nach, die, so die These, in der Gegenwart vom Fantasma eines Kapitalismus ersetzt wurde, der auf der Ansicht basiere, Erfolg zu haben und Gutes zu tun sein praktisch dasselbe. Ein Ergebnis ist der Rückbau öffentlicher zugunsten privatwirtschaftlicher Infrastruktur: "Heute ist die Debatte über eine Balance zwischen privaten und öffentlichen Investitionen im Globalen Süden beigelegt. Durchgesetzt hat sich das Privatkapital. Mobilfunk und Internet, Wasser und Abwasser, Dienstleistungsbetriebe, mobiles Banking, Finanzinfrastruktur, Krankenhäuser und Arztpraxen: In all diesen Feldern existieren private Initiativen neben öffentlichen und immer öfter verdrängen sie letztere. Viele dieser Firmen erhalten Sicherheiten und internationale Bürgschaften mithilfe von Entwicklungshilfeorganisationen, und in den wenigen Fällen, in denen die Profite nicht außerhalb des Landes realisiert werden, bereichern sich lokale Geschäftsleute mit Verbindungen zu internationalen Netzwerken. Viele dieser Geschäftsleute haben Masterabschlüsse von Europäischen oder Amerikanischen Wirtschaftsunis und haben in den Zentren der internationalen Finanzwelt für Consultingfirmen oder Investmentbanken gearbeitet. Wo die Not am größten ist, ist Privatkapital durchweg am dominantesten: 73 Prozent der Infrastrukturprojekte in Afrika werden von ausländischen Investoren gestützt."

Weiteres: Geoff Mann übt sich angesichts des Klimawandels im Katastrophendenken. Colm Toibin meditiert über James Joyces Irrtümer. Und Liam Shaw stellt uns Pflanzendetektive vor.

Magazinrundschau vom 12.09.2023 - London Review of Books

Rosemary Hill besucht die Ausstellung "Art and Artifice: Fakes from the Collection" in der Courtauld Gallery und macht sich Gedanken über die Geschichte der Kunstfälschung. Dabei begegnet sie jeder Menge eigenwilliger Charaktere, wie etwa dem Niederländer Han van Meegeren: "Van Meegeren's Karriere zeigt vortrefflich, auf welch gewunden Pfaden diese Künstler der Kunstfälschung oft unterwegs waren. Er wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Kollaborateur angeklagt, weil er einen Vermeer an Hermann Göring verkauft hatte, wurde aber freigesprochen, nachdem er ausgeführt hatte, dass es sich um eine Fälschung gehandelt und er den Verkauf nur getätigt habe, um Hollands echtes kulturelles Erbe zu beschützen. Daraufhin wurde er zu einer Art Nationalheld, weil es ihm gelungen war, den deutschen Minister übers Ohr zu hauen. Mehr Schwierigkeiten bereitete es ihm, zu erklären, warum eines seiner Bücher in der Reichskanzlei gefunden wurde, und zwar mit folgender Widmung: 'Für meinen geliebten Führer, von H. van Meegeren, Laren, Nordholland, 1942'. Mit erstaunlicher Frechheit behauptete van Meegeren, dass es sich bei der Widmung um eine Fälschung handele; hier und da wurde ihm sogar geglaubt." Eher selten haben Fälscher finanzielle Motive, so Hill: "Fälscher haben zumeist andere, kompliziertere Gründe, manche hoffen fast schon darauf, enttarnt zu werden. Ein besonders schamloses Beispiel aus den 1890ern ist Icilio Federico Joni. Eine in die Ausstellung aufgenommene sepiafarbene Porträtfotografie zeigt ihn als einnehmenden Mann, in Wams und Kniehose. Joni führte die Gothic-Mode seiner Zeit zum logischen Endpunkt mit seiner 'frühitalienischen' religiösen Malerei. Eines seiner Werke, ein recht glaubwürdig anmutendes kleines Triptych, ist in der Ausstellung enthalten. Fälscher haben oft etwas von Exhibitionisten. In gewisser Weise sind sie selbst ihre elaboriertesten Kreationen."

Seating Female Nude, Fälschung im Stil Auguste Rodins, The Courtauld London (Samuel Courtauld Trust)


Magazinrundschau vom 08.08.2023 - London Review of Books

Der britische Autor und Journalist James Meek kehrt zurück nach Kiew. Er beobachtet, wie der Krieg die Stadt, in der er lange Zeit lebte, verändert und sich in den Alltag der Menschen eingeschlichen hat: "Er zeigt sich jenseits der Nachrichten von der Front, der Leichenzüge, der Fahnen über den frischen Grabsteinen, der Trauer der Freunde und Verwandten der Gefallenen, obwohl es davon reichlich gibt." Fester Teil des Stadtbildes sind die Soldaten geworden, überall sieht man sie, schreibt Meek, mit ihren Krücken, Schlingen und Prothesen. Unter ihnen sind auch "Sunny" und sein Freund: "Eines Nachmittags sah ich auf Chreschtschatyk einen schmächtigen, blassen, bärtigen Soldaten in Kammgarn vor einem Restaurant namens Mafia rauchen. Er trug einen Union-Jack-Aufnäher am Ärmel. Ich fragte ihn, ob er Brite sei. Er sagte, er stamme aus Scunthorpe. Er war früher Schiffsbauer, aber, so sagte er, der Krieg habe ihn 'angezogen'. Er hatte in Syrien gekämpft. Jetzt diente er bei einer ukrainischen Einheit in Kramatorsk im Donbas, etwa vierzehn Meilen von der Front entfernt. Er nannte mir nicht seinen richtigen Namen, sondern nur seinen nom de guerre, den Namen, den Soldaten auf beiden Seiten zu tragen pflegen: seiner lautete Sunny. Wir tauschten Nummern aus. Ich wollte an diesem Abend abreisen, hoffte aber, dass ich vorher noch mit ihm sprechen könnte. Er ging zurück ins Restaurant, um zu Ende zu essen, und ein paar Minuten später folgte ich ihm hinein. Er aß mit einem anderen Soldaten, der bis zum Kinn wie jeder andere junge Mann aussah. Aber nicht, wenn man weiter hochschaute. Alles in dem Restaurant war in gewisser Weise vertraut, aber das nicht. Der Kamerad hatte eine Wunde in der Mitte seines Gesichts überlebt, um ein Leben zu führen, das nun ein anderes sein würde. Ich wollte starren; ich wollte nicht hinsehen; ich wollte vermeiden, dass es so aussah, als ob ich starrte oder als ob ich versuchte, nicht hinzusehen. Ich sagte Sunny, dass ich hoffte, ihn später zu sehen, und schüttelte die Hand seines Kameraden. 'Schön, Sie kennenzulernen', sagte ich."

Magazinrundschau vom 15.08.2023 - London Review of Books

Einen schweren Fehler nennt Randall Kennedy die Entscheidung des amerikanischen Supreme Courts, amerikanischen Universitäten die Praxis der Affirmative Action zu verbieten, die es Angehörigen historisch benachteiligter ethnischer Minderheiten erleichtern sollte, an prestigeträchtigen Universitäten zu studieren. Die rein legalistische Argumentation der von John Roberts verfassten Mehrheitsmeinung setze den Universitäten zu enge Grenzen und weigere sich, die laut Kennedy notwendige Unterscheidung zwischen negativer und positiver Diskriminierung zu treffen. Dennoch warnt er die Verteidiger der Politik davor, die Probleme von Affirmative Action zu leugnen: "Affirmative Action führt zu Problemen, denen man nur durch Selbstbetrug entkommt. Barack Obama, einer der wichtigsten Befürworter der Regelung, meinte einmal, dass diese 'solange sie korrekt organisiert ist, Möglichkeiten für Minderheiten eröffnet, ohne Möglichkeiten für weiße Studenten zu mindern'. Wie soll das funktionieren? Im Fall von Universitäten mit Zugangsbeschränkungen werden Vorteile zugunsten Schwarzer und Latinos notwendigerweise Nachteile für Andere mit sich bringen. Das bedeutet nicht, dass Affirmative Action böswillig diskriminiert in dem Sinne, dass einzelne Gruppen absichtlich aufgrund ihrer Ethnizität ausgeschlossen werden. Aber es bedeutet, dass das Verfolgen eines ehrenwerten Ziels dazu führt, dass Menschen, die keine Schwarzen oder Latinos sind, Nachteile erleiden."

Magazinrundschau vom 25.07.2023 - London Review of Books

Florence Sutcliffe-Braithwaite begibt sich in das Britannien des Kalten Kriegs und zeichnet die gesellschaftlichen Reaktionen auf die atomare Bedrohung nach. Entlang eines Sachbuchs der Journalistin Julie McDowall, "Attack Warning Red!", legt sie dar, dass die Angst vor dem nuklearen Holocaust in der britischen Öffentlichkeit seit den 1950er Jahren präsent war und in den 1980ern einen Höhepunkt erreichte. Verschiedene Gruppierungen versuchten auf diese Stimmung zu reagieren oder auch daraus Profit zu schlagen. Nicht alle Initiativen erwiesen sich dabei als zielführend: "Im Jahr 1981 erhielt die Branche sogar eine eigene Zeitschrift: Project and Survive Monthly bestand hauptsächlich aus Anzeigen für Geigerzähler und Bunker mit Namen wie 'The Mole and the Egg'. Es gab definitiv einige Leute, die sich vorbereiten wollten: Eine 'Hausfrau und Mutter' schrieb 1980 an die Sunday Times und fragte, ob 'es hilfreich ist, den Bunker mit Plastik zu umhüllen, um ihn vor Strahlung zu schützen'. Project and Survive Monthly hatte 1981 12000 Abonnenten, wurde allerdings 1986 wieder eingestellt. Vermutlich kaufte nur eine kleine Minderheit Bunker. Tatsächlich fand eine Reportage des Guardian heraus, dass einige der angebtenen Schutzräume 'regelrecht tödlich' waren: Sie waren aus leicht entflammbaren Material gefertigt oder von Blei umhüllt, sodass sie bei hohen Temperaturen geschmolzen wären."

Magazinrundschau vom 11.07.2023 - London Review of Books

Gefesselt, aber auch sehr bewegt verfolgt Rachel Nolan, wie Alexa Hagerty in "Still Life with Bones" die Geschichte der anthropologischen Forensik erzählt, die vor allem in Argentinien und Guatemala bedeutend wurde, um die Verbrechen der Militärdiktaturen nachzuweisen. Zentrale Gestalt war, wie Nolan lernt, der texanische Anthropologe Clyde Snow, der bereits die Überreste von Josef Mengele und John F. Kennedy analysiert hatte: "1984 wurde Snow, ein Kettenraucher in Cowboystiefeln, von der Wahrheitskommission nach Argentinien eingeladen, die der nach dem Sturz der Diktatur gewählte Präsident Raúl Alfonsin zusammen mit Menschenrechtsorganisationen wie den Müttern der Plaza de Mayo eingesetzt hatte. Im Jahr zuvor, nach dem Sturz der Junta, hatten Richter die Ausgrabung eines städtischen Friedhofs in Buenos Aires angeordnet, auf dem einige der Verschwundenen begraben sein sollten. Doch die Ermittler verwüsteten den Ort, zertrümmerten die Knochen mit schweren Maschinen und vermengten die menschlichen Überreste zu einem nicht identifizierbaren Haufen. Lokale Medien nannte es eine 'Horrorshow'. Menschenrechtlerinnen appellierten an die Wissenschaftler, bei der Erhaltung dieser und weiterer Stätten zu helfen und neue genetische und forensische Forschungsmethoden einzusetzen, in der Hoffnung, Überreste der Toten zu finden. Sie luden ausländische Experten ein, darunter auch Snow. Er war entsetzt über den Zustand der Beweise auf dem Friedhof: Plastiktüten mit durcheinander geschütteten Knochen, Hunderte von exhumierten Leichen ohne Identifizierung. Sie ließen die Beweise verloren gehen', sagte er, 'das ist genauso schlimm, wie Komplize des Verbrechens zu sein'… Wie in vielen lateinamerikanischen Ländern sind die Gerichtsmediziner in Argentinien nicht unabhängig, sondern bei der Polizei und der Justiz angestellt. Einige von ihnen hatten an staatlichen Verbrechen mitgewirkt, indem sie beispielsweise Totenscheine fälschten. In einem Autopsiebericht aus der Zeit der Diktatur, so Hagerty, wurde die Todesursache einer Person, deren Körper 'von Kugeln durchlöchert' war, vom Gerichtsmediziner als 'akute Anämie' angegeben. Ein Medizinstudent, der für Snow übersetzte, wusste, dass die örtlichen Behörden ihm nicht helfen würden, und rekrutierte daher Studenten Anthropologie und Archäologie. Sie hatten keine Erfahrung und ihre einzige Qualifikation bestand darin, dass sie keine Angst hatten, nach den Verschwundenen zu suchen."

Magazinrundschau vom 18.07.2023 - London Review of Books

Rachel Nolan liest zwei Bücher, die sich mit der Arbeit von forensischen Anthropologen beschäftigen: Es handelt sich um ein relativ junges Tätigkeitsfeld, lernen wir, und seine Entstehung hat viel mit der Arbeit Clyde Snows zu tun, eines texanischen Wissenschaftlers, der in mehreren mittel- und südamerikanischen Ländern Menschenrechtsaktivisten und andere Interessierte zu Experten im Ausgraben und Ausdeuten von Skeletten ausbildete, erfährt Nolan aus Alexa Hagertys "Still Life With Bones: Genocide, Forensics and What Remains". Victoria Sanfords Band "Textures of Terror: The Murder of Claudina Isabel Velásquez and Her Father's Quest for Justice" wiederum belegt an einem konkreten Beispiel die Gewalt gegen Frauen in Guatemala: "Es gibt immer noch weitere Gräber. Vermisste Menschen sind schwer zu finden, das war ja die Absicht, aber man lernt ein paar Tricks. Schau immer im Brunnen nach. Grabe dort, wo die Erde zwei verschiedene Farben zu haben scheint, und zwar auf der Grenze zwischen beiden. Die EAAF hat Gruppen in der ganzen Welt und eine neue Generation in der Heimat ausgebildet, darunter Kinder von Vermissten. Aber nur relativ wenige Vermisste sind gefunden worden. In Argentinien hat es vierzig Jahre gedauert, bis etwa 1400 Leichen gefunden wurden. In Guatemala - wo während des Bürgerkriegs 200.000 Menschen starben, 93 Prozent von ihnen Opfer staatlicher Gewalt, und 45.000 gewaltsam verschwanden - wurden 3781 Leichen identifiziert." Staatlichen Behörden ist diese Arbeit oft ein Dorn im Auge. Aber auch die Hinterbliebenen, vertreten etwa von den sogenannten Madres und Abuelas, Mütter und Großmütter von Opfern politischer Gewalt, sind nicht durchweg auf der Seite der Aufklärer, lernt Nolan bei Hagerty: "An einem Exhumierungsort im Jahr 1985 wurden die EAAF (Gemeinschaft forensischer Anthropologen Argentiniens) von fünfzehn Abuelas mit Geschrei und Steinwürfen empfangen. Das Team war erschüttert vom Widerstand der Frauen, die sie als Heldinnen betrachteten. Ein Jahr später trennten sich die Madres, was zum Teil auf Meinungsverschiedenheiten über Exhumierungen zurückzuführen war. Hebe de Bonafini, eine der Gegnerinnen, sah in ihnen, wie Hagerty treffend zusammenfasst, 'einen verdeckten Versuch, Massengräuel in private Trauer zu verwandeln'. 'Viele wollen, dass die Wunde austrocknet, damit wir vergessen', sagte de Bonafini. 'Wir wollen, dass sie weiter blutet.'"

Besprochen werden außerdem Karl Schlögels Buch über das "Sowjetische Jahrhundert", Kamila Shamsies Roman "Best of Friends" und Pnina Lahavs Golda-Meir-Biografie "The Only Woman in the Room".

Magazinrundschau vom 27.06.2023 - London Review of Books

Wenn der in Britannien kultisch verehrte Popkritiker Ian Penman in "Fassbinder. Thousands of Mirrors" über Rainer Werner Fassbinder schreibt, kann Owen Hatherley nur staunen, wie gut Penmans Mischung aus Post-Punk und französischer Theorie zu Fassbinders Mix aus radikalem Denken und schlechtem Geschmack passt. Stichwort: Kunst und Ware. "Es gab keinen logischen und schon gar keinen finanziellen Zwang, drei oder vier abendfüllende Filme pro Jahr zu drehen: Fassbinder tat es, weil es ihm Spaß machte, und vermutlich, um eine Art Trieb zu befriedigen. Wenn man in einen Fassbinder-Rausch verfällt - Penman erzählt hier von einigen - fällt oft auf, wie gut die Filme sind, und zwar nicht trotz, sondern wegen dieser Überproduktion. Selten wünscht man sich, er hätte das Tempo gedrosselt, gelernt, seine Filme 'handwerklich' zu gestalten, über ihnen geschwitzt. Ein Teil des Vergnügens liegt in der Art, wie gut ihre stachelige Unfertigkeit, ihre rohen Darbietungen und Folgefehler neben der üppigen Kinematografie, den extravaganten Kleidern und der großartigen Musik funktionieren. Die zahllosen kitschig-modernistischen Interieurs sind ebenso Stars wie die Schauspieler. Alles ist schnell, aber nichts zufällig. Die Schauspieler in den Melodramen von Mitte der 1970er Jahre, schreibt Penman, sehen aus 'wie ganz normale (müde, zerstreute, unbedeutende, träge, zurückgebliebene) Menschen: die Dinge, die sie tragen, die Art, wie sie lümmeln, rauchen, trinken, essen, ins Leere starren'; sie sind umgeben von Siebzigerjahre-Ramsch, den 'grellen, knalligen Farben der neuen Konsumgesellschaft', die einen halluzinatorischen Effekt erzeugen, 'als wäre der Alltag selbst eine Droge'. Kitsch ist für Fassbinder von entscheidender Bedeutung, sowohl in seinem persönlichen Geschmack (der Mann war kein Minimalist) als auch in seiner konventionelleren modernistischen Überzeugung, dass Kitsch immer dazu da ist, etwas zu verbergen. Penman behauptet, Fassbinder sei von den 1930er Jahren besessen, aber da bin ich mir nicht sicher... Fassbinders eigentliche Obsession waren die fünfziger Jahre und das von den USA finanzierte Wirtschaftswunder in Westdeutschland. In seinen Filmen ging es nicht darum, wie eine Gesellschaft faschistisch wird, sondern darum, wie eine eben noch faschistische Gesellschaft Kleider, Autos, Wohlstand und Reichtum, Sex und Macht als Mittel gebraucht, um zu vermeiden, dass sie über ihren Aufstieg aus rauchenden Ruinen nachdenkt - ganz zu schweigen von ihrer eigenen Duldung (oder noch schlimmer) des Völkermords. Fassbinders Wut auf das deutsche Bürgertum war nicht die übliche Verachtung für Bequemlichkeit und Heuchelei; es war eine glühend heiße Wut darüber, dass ein Volk, das für solche Schrecken verantwortlich war, so selbstgefällig sein konnte." Heute, meint Penman übrigens, würde sich Rainer Werner Fassbinder in der neuen Medienwelt tummeln, ach was, er wäre der König dieses "wilden zerfetzten Reiches", er würde TikTok-Videos drehen und einen Podcast über Schlager und Sexpolitik moderieren. Warum nur interessiert sich Social Medien kein bisschen für RWF?

Weiteres: In einem schier endlosen Essay befasst sich Amia Srinavasan mit der Rede- und Wissenschaftsfreiheit an britischen und amerikanischen Universitäten und kommt zu dem Ergebnis, dass die Linken viel Radau machen, die Rechten dagegen die Gesetze verschärfen.

Magazinrundschau vom 13.06.2023 - London Review of Books

Kevin Okoth resümiert zwei interessante Bücher über den Kalten Krieg, der nach der Unabhängigkeit der afrikanischen Länder ein unüberschaubares Geflecht an politischen Morden, ideologischer Zersplitterung und Geheimdienstaktionen von CIA und KGB zur Folge hatte: Während Susan William mit "White Malice. The CIA and the Neocolonisation of Afrika" auf den Einfluss Washingtons blickt, schildert Natalia Telepneva in "Cold War Liberation", wie sich Moskau den Zusammenbruch des portugiesischen Kolonialreichs zunutze machen - zumindest bis einige Befreiungsbewegungen nach Moskaus Bruch mit Peking ins maoistische Lager wechselten. Beide Historiker verfolgen mit Bitterkeit, wie der Ruf nach Freiheit und Unabhängigkeit in neokolonial autoritären Regimes endete: "Zum Beispiel in Mosambik, wo die von Eduardo Mondlane gegründete Frelimo bis 1975 gegen die Kolonialmacht Portugal kämpfte: "Die diplomatische Lage wurde immer schwieriger: Moskau beschloss, der Partei wegen Mondlanes mutmaßlicher CIA-Verbindungen die Finanzierung zu entziehen, und Peking verhandelte mit der Frelimo nur über Tansanias Präsidenten Julius Nyerere. Ghanas Kwame Nkrumah, der Hilfe hätte anbieten können, war 1966 durch einen von der CIA unterstützten Putsch abgesetzt worden. Washington hatte daraufhin jegliche Unterstützung eingestellt. Amilcar Cabral aus Guinea-Bissau sah sich auch mit einer Revolte in seiner Partei, der PAIGC, konfrontiert. Wie Telepneva erklärt, waren viele afrikanische Studenten vom Kommunismus desillusioniert, nachdem sie während ihres Studiums im Ostblock rassistische Übergriffe erlebt hatten. Mehrere Studenten mit PAIGC-Stipendien schlossen sich 1963 einer Welle antirassistischer Proteste an, die Moskau (und Cabral) überraschten. Ihre Kritik richtete sich jedoch nicht so sehr gegen die Sowjets, sondern - wieder einmal - gegen die eigene mestizisch-assimilierte Führung. Sowohl die Frelimo als auch die PAIGC reagierten darauf, indem sie die Stipendien der Studenten aussetzten und eine Kampagne gegen sie starteten. Unterdessen schien Chinas antisowjetische Taktik aufzugehen. In Tansania verbreitete die Jugendliga TANU nach dem Vorbild der Roten Garde antisowjetische Propaganda. Selbst Nkrumah hatte sich auf eine pro-chinesische Position verlegt. Cabral weigerte sich jedoch, die Sowjets ins Abseits zu stellen, was zu einem Abbruch der Beziehungen zwischen China und der PAIGC führte."

James Butler preist zudem einen Band mit den quecksilbrigen Essays von Italo Calvino, in denen der italienische Schriftsteller mit Hingabe eher abseitige Phänomene erkundete, wie etwa die Binarität im I Ging und bei Leibniz oder die Ökonomie der Tränen bei Homer und Darwin: "Die Wirklichkeit stellt sich ihm 'als vielfältig, stachelig und als dicht übereinanderliegende Schichten' dar; die Literatur ermöglicht, 'sie wie eine unendliche Artischocke immer weiter zu entblättern'. Diese Metapher taucht in einem Essay über Carlo Emilio Gadda auf, einem Schriftsteller, der sich der unendlichen Welt durch kurvenreiche Abschweifungen nähert; Calvino nähert sich der gleichen Welt durch Kürze und Präzision."