Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

570 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 57

Magazinrundschau vom 09.07.2024 - London Review of Books

James Meek widmet sich in einem längeren Essay dem grassierenden Problem der Obdachlosigkeit in Manchester und Umgebung. Es geht um Wohnungsknappheit, gestiegene Mieten, fehlende Sozialprogramme und vieles mehr. Das Problem wird dadurch verstärkt, dass sein Umfang nicht auf den ersten Blick sichtbar ist. Zwar gibt es auch immer mehr Menschen, die unter Brücken und in Hauseingängen nächtigen, aber: "Leute, die im Freien schlafen, sind bei weitem in der Minderheit im Vergleich zu anderen Menschen ohne Wohnsitz. Eine bei Weitem größere Anzahl von Menschen sind 'statutorisch obdachlos', worunter Leute fallen, für die die Stadtverwaltung gesetzlich verpflichtet ist, Unterkünfte bereitzustellen. Sie landen in vorübergehender Unterkunft, Hotels, Bed & Breakfasts und Herbergen. Bis zum Ende des Jahres 2023 war die Zahl solcher Haushalte auf 112.660 gestiegen, 145.800 Kinder sind betroffen, das sind die höchsten Zahlen seit Inkrafttreten des modernen Obdachlosengesetzes im 20. Jahrhundert. In Wirklichkeit ist die Zahl viel höher. Es ist nicht einfach, als statutorisch obdachlos anerkannt zu werden, selbst wenn man sich der Stadtverwaltung als jemand präsentiert, der nirgendwohin gehen kann. Man muss nachweisen, dass man buchstäblich kein Dach über dem Kopf hat - eine Kündigung ist nicht genug. Man muss nachweisen, dass man Verbindungen vor Ort hat, sonst wird einem gesagt, man solle sich an seine Heimatstadtverwaltung wenden. Man muss nachweisen, dass man gefährdet ist, dass man kleine Kinder hat oder schwer krank oder behindert ist. Und man darf nichts getan haben, was die Stadtverwaltung dazu bringen würde zu sagen, man sei selbst Schuld daran, obdachlos geworden zu sein: zum Beispiel darf man keine Wohnung aufgegeben haben, weil sie ein schrecklicher Ort zum Leben war."
Stichwörter: Manchester, Obdachlosigkeit

Magazinrundschau vom 18.06.2024 - London Review of Books

Thomas James Wise war einer der erfolgreichsten Fälscher literarischer Werke des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Gill Partington rekonstruiert sein Leben und Werk entlang einer neuen Buchveröffentlichung: "Wise fälschte nicht nur Bücher: Er stellte auch deren Provenienz her. Sie wurden sorgfältig gealtert und in den Markt für seltene Bücher eingespeist, sodass alle Zweifel an ihrem plötzlichen Auftauchen Jahrzehnte nach ihrer angeblichen Veröffentlichung zerstreut wurden. Jeder, der das Veröffentlichungsdatum eines seiner seltenen Pamphlete überprüfen wollte, musste lediglich die höchste bibliographische Autorität des British Library-Katalogs konsultieren, um sich von deren Echtheit zu überzeugen. (Er sorgte dafür, dass Kopien die Bibliothekare erreichten, zusammen mit seinen eigenen Anmerkungen zur Herkunft.) Manchmal überzeugte er sogar die Autoren selbst, dass Fälschungen ihrer Werke echt seien. In einem Schritt, der gleichermaßen Wagemut und Kaltschnäuzigkeit demonstriert, lies er sich Swinburne vorstellen, um den alternden Dichter auf eines seiner Werke aufmerksam zu machen. Es handelte sich um eine Pamphletausgabe von 'Cleopatra', einem Gedicht, das nur einmal, 1866, im Cornhill Magazine veröffentlicht worden war. Der verwunderte Swinburne ließ sich davon überzeugen, dass Wises Fassung das unerlaubte Werk seines Druckers gewesen war. Wise schenkte dem Dichter ein Exemplar dieser unerwarteten Erstausgabe und sorgte dafür, dass es eine schriftliche Korrespondenz gab, die deren Echtheit bestätigte."

Magazinrundschau vom 04.06.2024 - London Review of Books

Owen Hatherley setzt sich angesichts der englischen Erstübersetzung von Adornos Essaysammlung "Ohne Leitbild" mit einigen Aspekten des Denkens und Schreibens des deutschen Philosophen und Soziologen auseinander. Adorno gilt zwar als Verfechter modernistischer Kunst, so Hatherley, aber einige Texte der Sammlung zeigen auf, dass er sich auch vermeintlich niederen, populären Formen analytisch zu nähern wusste. Unter anderem geht er auf "Zweimal Chaplin" ein, einen dem berühmten Filmkomiker gewidmeten Kurzessay: "Adorno lobt Chaplin nicht, wie es damals üblich war, als jemanden, der den Slapstick zur 'hohen Kunst' erhoben hat. Er geht höflich über die späteren 'ernsten' Filme hinweg, die ohne die Tramp-Figur auskommen, und argumentiert, dass 'Interpretationen' von Chaplin diesem 'umso umso mehr Unrecht antun, je höher sie ihn erheben'. Er findet eine Aggression in Chaplins Werk und der Art und Weise, wie er sanft, aber unerbittlich die Gesten anderer verspottet und nachahmt. Der wahre Chaplin, so argumentiert Adorno, wirkt gelegentlich, als wäre er 'kein Opfer, sondern suche solche, spränge sie an, zerrisse sie'; er ist 'ein Königstiger als Vegetarier'. Der Text endet mit einem spektakulären Hinweis auf eine Begebenheit, bei der er selbst das Privileg hatte, von Chaplin imitiert zu werden. Auf einer Party in Los Angeles wurde Adorno einem Schauspieler vorgestellt, der im Krieg seine Hand verloren hatte. Als er in die Verlegenheit kam, die Metallklaue des Schauspielers zu schütteln, verwandelte sich sein 'Schreckgesicht' in 'eine verbindliche Grimasse, die weit schrecklicher gewesen sein muss'. Chaplin, der dort war, bemerkte sofort sein Unbehagen und spielte die gesamte Szene in Pantomime nach."

David Kaiser hofft, dass die Wissenschaft bald herausfinden wird, wo die großen Mengen an Masse abgeblieben sind, die im Weltall aufgrund diverser astronomischer Berechnungen existieren müssten, aber mit der aktuell zur Verfügung stehenden Technik nicht auffindbar sind. Manche vermuten, dass die sogenannte dunkle Materie in Partikelformen gebunden ist, die bislang noch nicht sichtbar gemacht warden können. Kaiser setzt, im Anschluss an Hypothesen unter anderem J. Robert Oppenheimers, Yakov Zeldovichs und Stephen Hawkings, auf eine andere Hypothese: schwarze Löcher. Insbesondere Hawkings Überlegungen sind für den Stand der Diskussion laut Kaiser außerordentlich relevant: "Er stellte zunächst fest, dass 'gewöhnliche' Schwarze Löcher, wie sie Oppenheimer betrachtet hatte, aus dem Kollaps eines Sterns resultieren würden und dass ihre Masse ungefähr der Masse der Sonne entsprechen müsste. Im Gegensatz dazu würden primordiale Schwarze Löcher - eine eigene Art, die unmittelbar nach dem Urknall entstanden sein könnte - die stellare Entwicklung vollständig umgehen und direkt aus dem gravitativen Kollaps einer lokalen Unregelmäßigkeit in der frühen Materieverteilung entstehen. Wie Hawking betonte, könnte ein solcher direkter Kollaps bedeuten, dass primordiale Schwarze Löcher mit einer enormen Bandbreite an Masse entstehen könnten, entweder viel kleiner oder viel größer als die Masse der Sonne. Hawking schlug sogar vor, dass primordiale Schwarze Löcher - die lange vor den ersten Sternen oder Galaxien entstanden sind - die Rolle der dunklen Materie spielen könnten."

Magazinrundschau vom 28.05.2024 - London Review of Books

Pakistan ist ein Land, das von zwei Familiendynastien - Sharif und Bhutto-Zardari - angeführt wird, die sich je eine Parteienfassade zugelegt haben, um dahinter ungeniert und unbehelligt ihre korrupten Geschäfte weiterführen zu können. Dafür tasten sie das Militär, den eigentlichen Herrscher Pakistans, nicht an. "Dieses altbackene Arrangement wurde durch den Aufstieg von Imran Khan ernsthaft in Frage gestellt", schreibt Tom Stevenson in seiner Reportage aus Pakistan. Doch auch dieser wurde schon der Korruption beschuldigt. Dass er zur Zeit im Gefängnis sitzt, hat allerdings wohl mehr damit zu tun, dass er das Militär verärgerte und die Wirtschaft nicht verbessern konnte. Derzeit liegt das Pro-Kopf-BIP Pakistans "nur noch knapp über der Hälfte von Bangladeschs Niveau", erfahren wir. "Die Armee hat die nationale Politik seit den 1950er Jahren, dem Jahrzehnt nach der Teilung, kontrolliert. Jeder zivile Führer, der versucht hat, sich in ihre Pläne oder ihre Nachfolge einzumischen, von Benazir Bhutto bis Imran Khan, hat dafür einen Preis bezahlt..." Könnte Khan daran etwas ändern, wenn er aus dem Gefängnis entlassen würde? Stevenson glaubt nicht, dass er das auch nur wollte: "Khan könnte versprechen, die Soldaten aus dem Palast zu vertreiben, die Armut zu verringern, die Reichen zu besteuern, aus der Schuldenfalle auszubrechen und Militärausgaben durch Sozialausgaben zu ersetzen. Er hat sich dagegen entschieden. Es wäre tröstlich zu sagen, dass das pakistanische Staatsmodell ein dysfunktionaler Anachronismus ist, der auf seinen unvermeidlichen Sturz wartet. Aber als Instrument zur Bewältigung von Konflikten innerhalb einer vermeintlichen Oligarchie und zur Aufrechterhaltung eines furchtbar ausbeuterischen und ungleichen Status quo hat es sich als dauerhaft erwiesen."
Stichwörter: Pakistan, Khan, Imran

Magazinrundschau vom 07.05.2024 - London Review of Books

Sheila Fitzpatrick stellt ein Buch des Oxford-Historikers Dan Healey über die Ärzte vor, die im sowjetischen Gulag-System eingesetzt wurden - und dort teilweise Karriere machten: "The Gulag Doctors: Life, Death and Medicine in Stalin's Labour Camps". Eine Auseinandersetzung mit den Gulag-Ärzten verkompliziert Fitzpatrick zufolge das vor allem durch Alexander Solschenizyns Literatur geprägte Bild der sowjetischen Arbeitslager: "Solschenizyn beschrieb den Gulag als eine Welt, die in der restlichen Sowjetunion unsichtbar war, parallel zu ihr existierte. Der Gulag brachte seine eigene Moral und seine eigenen Muster hervor, die sich vom restlichen Russland unterschieden. Aber an seinen privilegierten Rändern behielt der Gulag eindeutig sowjetische Charakteristiken. Patronage- und Klientelverhältnissen bildeten einen wichtigen Teil der sozialen Struktur. Bildung wurde wertgeschätzt, Wissenschaft respektiert. Die Geheimpolizei betrieb ihre eigene Forschungsinstitution, die von qualifiziertem Personal betrieben wurde, das aus der Gesamtheit der Gefangenen ausgewählt wurde (für eine kleine Gruppe, zu der Solschenizyn zählte, öffnete sich hier ein alternativer Fluchtweg vor der harten Arbeit). Aber auch in den Lagern wurden Ärzte, darunter inhaftierte Ärzte, dazu ermutigt, Forschung zu betreiben und ihre Resultate auf Konferenzen vorzustellen (auf Gulag-Konferenzen - die wissenschaftlichen Konferenzen im Kernland waren ihnen nicht zugänglich), die als wichtige Orte für den sozialen Austausch erinnert warden."

Können Nonnen fliegen? Diese Frage steht am Ausgangspunkt eines Essays, in dem sich Malcolm Gaskill entlang zweier Buchveröffentlichungen mit der Rolle der Magie vor allem in der Frühmoderne beschäftigt. Keineswegs, lernen wir, kann man die Grenzen zwischen Aberglaube und Wissenschaft im historischen Rückblick eindeutig ziehen: "Bereits im Jahr 1500 wurde der Begriff 'magie' - oder 'magique', 'magico', 'magic' - abwertend benutzt. Die Magi bemühten sich, ihren Berufsstand mit Bezeichnungen wie 'okkulte Philosophie' oder 'Naturmagie' zu adeln, und sich damit von diabolischen Einflüssen abzugrenzen. Sie stellten ihr Feld als eine neue Entwicklung dar, die im späten 15. Jahrhundert ihren Ausgang genommen hatte, eine punkartige Reaktion auf die verstaubte Zauberei des Mittelalters. Die Hochrenaissance hatte begonnen und die Schranken fielen. Zu den Verfechtern der Naturmagie zählten Schausteller und Wissenschaftler, Apostaten und Propheten, umherziehende Wahrsager und Berater am Hof, allesamt waren sie auf die eine oder andere Art mit intellektuellen Bestrebungen beschäftigt. In ähnlicher Manier war die Dämonologie, ein naher Verwandter der Magie, keine eindeutig definierbare akademische Disziplin, sondern ein Ausgangspunkt für Entwicklungen in der Geschichtswissenschaft, der Medizin, dem Recht und so weiter. Die Magie beschäftigten sich mit allem, was in ihr Blickfeld geriet. Der neapolitanische Polymath Giambattista della Porta schrieb komische Bühnenstücke, aber auch Abhandlungen über Naturphilosophie, außerdem entwickelte er ein Experiment zur Herstellung künstlichen Donners. Das Ergebnis knallte eindrucksvoll und blieb harmlos."

Weitere Artikel: Stefanos Geroulanos besucht die Ausstellung "Prehistomania" im Pariser Musée de l'Homme und richtet dabei sein Augenmerk vor allem auf die Arbeiten der Kopistinnen Katharina Marr, Elisabeth Pauli, Agnes Schulz, Maria Weyersberg oder Elisabeth Mannsfeld, die unter teils schwierigsten Bedingungen die in Stein geritzten Zeichnungen und Kunstwerke aus der Frühgeschichte kopierten. Azadeh Moaveni wendet viel Zeit und Zeilen auf, um die Zahl der vergewaltigten Israelinnen durch die Hamas in Frage zu stellen, um dann den Israelis sexuelle und nicht sexuelle Gewalt gegenüber Palästinenserinnen zu unterstellen. Rosemary Hill stellt Avril Horners Biografie der britischen Autorin und Künstlerin Barbara Comyns vor.

Magazinrundschau vom 23.04.2024 - London Review of Books

Alexander Clapp schickt eine lange, zugleich aufregende und deprimierende Reportage aus Montenegro, das sich seit dem Zerfall Jugoslawiens in der Hand von zwei Mafiabanden, den Kavačis und den Škaljaris befindet, die, unterstützt vom Premierminister Milo Dukanović in dessen 32-jähriger Regierungszeit, den Staat vollständig korrumpiert haben. "Montenegro ist kein Beispiel für die Vereinnahmung des Staates durch das organisierte Verbrechen. Vielmehr sind die Kartelle ein verlängerter Arm des Staates. Sie stehen in Kontakt mit dem Staat, werden von ihm geschützt und bereichern die Leute, die ihn leiten." Es ist vor allem der Drogenhandel, der die Mafia so immens reich gemacht hat. Rauschgift wird mit größter Finesse über die Adria gen Westen geschifft, und auch hier hat der Staat jahrzehntelang geholfen: "Montenegriner bildeten den Großteil der staatlichen jugoslawischen Handelsmarine. Die Schifffahrtsakademien in Bar und Kotor bildeten Zehntausende von Seeleuten aus, die auf mehr als 350 staatlichen Schiffen alles Mögliche transportierten, von Holz bis hin zu Waffen für afrikanische Antikolonialbewegungen. Nach dem Zerfall Jugoslawiens gingen einige dieser Seeleute in den Ruhestand, andere begannen mit dem Schmuggel, wieder andere traten in private Reedereien ein. In den 2000er Jahren boten montenegrinische Offiziere und Ingenieure den adriatischen Kartellen eine Chance, ins Kokaingeschäft einzusteigen. Heute arbeiten siebentausend Montenegriner auf Frachtschiffen. Fast ein Drittel davon ist bei der Mediterranean Shipping Company (in bestimmten Kreisen als Montenegrinische Schifffahrtsgesellschaft bekannt) beschäftigt. Im Jahr 2019 gingen mehr als hundert FBI-Agenten im Hafen von Philadelphia an Bord eines MSC-Schiffs, der Gayane, und entdeckten achtzehn Tonnen Kokain - eine milliardenschwere Beute -, die in Schiffscontainer eingeschweißt und mit Nüssen und Wein gefüllt waren. Es war die größte Drogenrazzia auf See in der Geschichte der USA." Seit Dukanović abgewählt wurde, versuchen neue Leute, den Staat zu entkriminalisieren. Ob es klappt? Steht in den Sternen.

Greg Afinogenov liest zwei Bücher über den russischen Imperialismus, "The Russian Conquest of Central Asia: A Study in Imperial Expansion, 1814-1914" von Alexander Morrison und "Iran at War: Interactions with the Modern World and the Struggle with Imperial Russia" von Maziar Behrooz. Morrison hat seine eigene These dazu entwickelt, warum Russland zwischen 1853 und 1885 die muslimischen Khanate Chiwa und Chochand, das Emirat Buchara und viele Turkmenenstämme unterwarf und ihr Land annektierte: Er "zeichnet das Bild eines ungeschickten, allmählichen Prozesses, der typischerweise durch die von den Russen selbst geschaffenen Sicherheitsdilemmata vorangetrieben wurde", so Afinogenov: "Nachdem sie eine befestigte Grenze in der trockenen, landwirtschaftlich unproduktiven südlichen Steppe errichtet hatten, stellten sie fest, dass es unmöglich war, ihre neuen Festungen aufrechtzuerhalten oder zu versorgen - ein Problem, das lösbar schien, wenn nur eine stabilere Reihe von Festungen errichtet werden könnte. Da diese Expansion immer mehr gefährlichen Widerstand seitens der Khanate hervorrief, erforderte das Streben nach Sicherheit die Unterwerfung ihrer Kerngebiete und die Niederschlagung der damit verbundenen Aufstände." So führte eine Eroberung zur anderen, aber auch das Streben nach Ruhm und Reichtum der russischen Offiziere trug zum russischen Imperialismus bei, zum Beispiel mit Strafexpeditionen, die denen der Briten an Grausamkeit nicht nachstanden, wie Afinogenov bemerkt.

Weitere Artikel: Terry Eagleton fragt: Woher kommt Kultur? Alexandra Walsham liest Michael Hunters Band "Atheists and Atheism before the Enlightenment: The English and Scottish Experience" und Michael Woods sah im Kino Rodrigo Morenos "The Delinquents".

Magazinrundschau vom 19.03.2024 - London Review of Books

Paul Taylor macht sich im Anschluss an zwei Buchveröffentlichungen zum Thema Gedanken über die Zukunft von KI. Er listet einige Meilensteine auf dem Weg zu Chat GPT & Co auf und kommt auf einige mögliche Chancen und vor allem Gefahren der Technologie zu sprechen. Klar scheint momentan nur zu sein: Die Zukunft bleibt offen. "Niemand weiß, was als nächstes passieren wird. Möglicherweise werden die immer größer werdenden Large Language Models (LLM) niemals die menschliche Intelligenz übertreffen. Die Technik wird voranschreiten, aber vielleicht in eine andere Richtung. Nach der Veröffentlichung von GPT-4 sagte Sam Altman, CEO von OpenAI, dass die Firma derzeit nicht GPT-5 trainiere, und deutete damit an, dass die Grenzen der Skalierungseffekte [größere Modelle bringen mehr Leistung] ihrer Meinung nach bereits erreicht sein könnten. Sie arbeiten derzeit wohl an einem neuen Produkt, aber wie genau es funktionieren wird, ist noch nicht bekannt. Die Versuche des OpenAI-Board, Altman zu entlassen, haben Gerüchte befeuert, die besagen, dass der Firma ein weiterer, noch radikalerer Durchbruch gelungen sein könnte, und dass sie nun KI in anderen Branchen für Problemlösungen einzusetzen versuchen. An der UCL redete [Demis] Hassabi letzter Jahr darüber, dass seiner Meinung nach die Skalierungseffekte noch eine Zeit lang zu Fortschritten führen werden, aber dass wachsende Modellgröße vermutlich nur eine notwendige, keine hinreichende Bedingung für generelle Intelligenz darstellt. Die jüngsten Modelle, darunter Googles Gemini, sind nicht nur Sprachmodelle, sondern arbeiten multimodal, sie verarbeiten Audio, Bilder und Videos gemeinsam mit Text. Möglicherweise benötigt generelle Intelligenz Zugang zu einer Art aktiver Erfahrung, die über den Input von immer mehr Daten hinaus geht."

Magazinrundschau vom 05.03.2024 - London Review of Books

Pankaj Mishra rekonstruiert die Geschichte der Erinnerung an die Shoah, die aus seiner Sicht vor allem durch eine zunehmende ideologische Indienstnahme durch israelisches Regierungshandeln bestimmt ist. Im Zuge des Gaza-Kriegs droht nun, meint er, die Fähigkeit, Geschichte darzustellen, selbst zerstört zu werden. "All diese universalistischen Referenzpunkte - die Shoah als Maßstab aller Verbrechen, Antisemitismus als die tödlichste Form der Bigotterie - drohen zu verschwinden, während das israelische Militär die Palästinenser massakriert und aushungert, ihre Häuser, Schulen, Krankenhäuser, Moscheen, Kirchen stürmt, in immer kleinere Bestandteile zerbombt, während das Land alle, die um Zurückhaltung bitten, von den Vereinten Nationen, Amnesty International und Human Rights Watch über die Regierungen Spaniens, Irlands, Brasiliens und Südafrikas bis zum Vatikan, als Antisemiten und Hamas-Unterstützer verunglimpft. Israel legt derzeit die Grundlagen der globalen Normen, die nach 1945 entstanden sind, in Schutt und Asche, nachdem diese schon durch den immer noch ungesühnten War on Terror und Wladimir Putins revanchistischen Krieg in der Ukraine beschädigt worden waren. Der heftige Bruch, den wir heute zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart fühlen, ist ein Bruch in der moralischen Geschichte der Welt nach ihrem Ground Zero im Jahr 1945 - eine Geschichte, in der die Shoah viele Jahre lang ein zentraler Referenzpunkt war." Was Mishra in den 7498 Worten seines Aufsatzes nicht unterbringt: einen einzigen Satz, der den Palästinensern oder ihren arabischen, türkischen und iranischen Unterstützern auch nur irgendeine Form von Handlungsmacht zugesteht.

Magazinrundschau vom 20.02.2024 - London Review of Books

James Vincent beschäftigt sich im Anschluss an eine Buchbesprechung mit der Geschichte von Automaten. Ausgerechnet in religiösen Kontexten wurden diese auf weltlich-wissenschaftlicher "Magie" beruhenden Apparaturen schon früh eingesetzt und weiterentwicklt. Manche waren technologisch eher simpel, wie etwa Heiligenfiguren mit passiv beweglichen Armen. Aber: "Andere Vorrichtungen waren komplexer und verfügten über eine eigene Antriebskraft, was sie zu echten Automaten machte. Engelsfiguren wurden oft an Orgeln befestigt (ein weiterer Sitz mechanischer Expertise in der Kirche), wo sie Hymnen sangen und Trompeten in die Höhe streckten, angetrieben von derselben Pneumatik, die auch die Pfeifen des Instruments speiste, während andere in Nischen aufgestellt werden konnten wie Statuen. In 'The Restless Clock' (2016) erwähnt Riskin einen aus dem 16. Jahrhundert stammenden, aus Holz geschnitzten Teufel, der aus einem Käfig auszubrechen schien: 'schrecklich, verdreht, gehörnt, die wütenden Augen rollend, eine blutrote Zunge herausstreckend, schien er sich auf den Betrachter zu stürzen, ihm ins Gesicht zu spucken und Schreie auszustoßen'. Im Inneren befand sich ein versteckter Blasebalg, der von einem hängenden Gewicht angetrieben wurde: Der Teufel muss wie eine amerikanische Halloween-Animatronic funktioniert haben, die den Unvorsichtigen mit einem plötzlichen Ausbruch von Geräuschen und Bewegungen erschreckte. Eines der berühmtesten Beispiele kirchlicher mechanischer Geräte ist auch eines der komplexesten: das Gnadenkreuz, eine bewegliche Christus-Skulptur, die seit dem 15. Jahrhundert in der Abtei von Boxley in Kent untergebracht war. Das Gnadenkreuz sollte den Pilgern das Leiden des Erlösers vor Augen führen, indem es sich über ihnen auf dem Kruzifix windet und Grimassen schneidet. Es ist nicht gänzlich klar, wie die Figur angetrieben wurde, aber nach einem Bericht des Antiquars William Lambarde aus dem 16. Jahrhundert war sie in der Lage, 'sich zu beugen und aufzurichten, die Hände und Füße zu schütteln und zu bewegen, mit dem Kopf zu nicken, die Augen zu rollen, mit den Lippen zu wackeln, und die Augenbrauen zu senken'."

Noch hält die Front, aber allzu rosig sind die Aussichten für die Ukraine momentan nicht in ihrem Kampf gegen die russische Aggression. James Meek fasst die Lage zusammen und weist vor allem auf ein zentrales Problem hin: Munitionsknappheit. Und die ist nur in zweiter Linie eine Frage des Geldes: "Die meisten westlichen Verbündeten der Ukraine, unter anderem die USA, Deutschland, Frankreich und Großbritannien, versuchen mehr Granaten zu produzieren, aber sie schaffen es nicht schnell genug, und es ist schwierig, die Kapazitäten zu erhöhen. Die Dynamiken des Kalten Kriegs und die beschämenden Verheerungen der assymetrischen Kriegsführung in Vietnam, Irak und Afghanistan führten dazu, dass die Euro-Atlantischen Generäle bezweifelten, ob sie jemals wieder Produktionsmethoden wie im Zweiten Weltkrieg benötigen wurden, die Geschosse und Raketenantriebe massenweise hervorbrachten. Waffenhersteller bewarben die Idee, eine kleine Anzahl teurer, präziser High-Tech-Waffen zu nutzen, die zu entwickeln und produzieren Jahrzehnte dauerte: eine Handvoll Stealth-Kampfflugzeuge, ein paar extrem hochgerüstete Panzer, ein Haufen Raketen, die zu ersetzen Jahre dauern würde, falls sie je eingesetzt würden. Das Ergebnis war, dass komplexe Waffen zusammengesetzt wurden wie handgefertigte Luxusautos, während basale Artilleriemunition in kleinen Margen auf handwerklicher Basis hergestellt wurde. Die frühen Erfolge der Ukraine wurden im Licht dieser Entwicklung beurteilt: Wenn es dem Land gelungen war, den russischen Riesen zurückzuschlagen, dann müsse das einer kleinen Anzahl komplexer westlicher panzerbrechender Raketen zu verdanken gewesen sein, die die USA und Großbritannien zur Verfügung gestellt hatten. Aber die zentrale High-Tech-Innovation, die den Ukrainern in ihrem Abwehrkampf geholfen hatte, war Elon Musks Starlink-Satellitennetzt, das nicht für eine militärische Nutzung geplant worden war. Und die Waffen, die mithilfe von Starlink koordiniert wurden, waren hauptsächlich altmodische Artilleriesysteme."

Magazinrundschau vom 13.02.2024 - London Review of Books

Nicht nur Autokratien, auch Demokratien schränken das Demonstrationsrecht zunehmend ein, befürchtet der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller, der in die USA, nach Großbritannien und Deutschland blickt: "In Deutschland wurden in den Wochen nach den Terroranschlägen vom 7. Oktober viele pro-palästinensische Demonstrationen verboten, selbst in Fällen, in denen es keine Anzeichen für eine unmittelbare Gefahr für die Gefährdung der öffentlichen Sicherheit oder Hinweise auf antisemitische Äußerungen gab. Die Verbote scheinen einen beunruhigenden Trend zur Einschränkung des Gedenkens an die Nakba in Berlin fortzusetzen. Nachdem das Innenministerium Anfang November alle Aktivitäten mit Bezug zur Hamas Anfang November verboten hatte, rätselten Juristen, ob die Worte 'From the river to the Sea' unter allen Umständen eine Straftat darstellen. In einer schlampig verfassten Mitteilung des Ministeriums ass der Satz eindeutig mit der Hamas verbunden sei; die Berliner Polizei schloss sich dieser Lesart an, ebenso wie die Staatsanwaltschaften in anderen Bundesländern. Bei bestimmten Kundgebungen wurde die Anzahl palästinensischer Flaggen begrenzt; Sprechchöre waren nur erlaubt, wenn sie von einer Bühne aus begonnen wurden. Demonstranten berichteten, dass sie allein wegen des Tragens des Kufiya festgenommen wurden. Ein Landesminister schlug vor, dass nur deutsche Staatsbürger das Recht haben sollten, Proteste zu organisieren (die Verfassung nennt 'Deutsche', das entsprechende Bundesgesetz bezieht sich jedoch auf 'jeden'). Ein anderer Minister fragte sich, ob das Sprechen der deutschen Sprache bei Demonstrationen zur Pflicht gemacht werden könne. Suella Bravermans Versuch, die Polizei zu veranlassen, alle pro-palästinensische Märsche im Vereinigten Königreich als 'Hassmärsche' zu behandeln, könnte in Deutschland Realität werden."

Tom Crewe beschäftigt sich mit den Anfängen schwuler Literatur. Eine wichtige Rolle in seinem Essay spielt "The Novel of an Invert", eine "Fallstudie", die auf Briefen basiert, die ein junger italienischer Adeliger an Emile Zola geschickt hatte. Obwohl die Briefe auf Selbsterlebtem basierten, wurden sie, wie Crewe ausführt, in der Folge zu einer Art Blaupause literarischer Darstellung von Homosexualität, insbesondere was den individualistischen Zugang mit einem Fokus auf dem Erkunden der eigenen Sexualität angeht. Anschließend an eine Einschätzung Zolas schreibt Crewe: "Sexualität hängt eng damit zusammen, wie gesellschaftliches Leben funktioniert, und wenn die Gesellschaft nach heterosexullen Mustern konstruiert ist, können Homosexuelle jedes ihrer Elemente in Unruhe versetzen. Die queere und schwule Literatur ist jedoch nie aus dem individualisierenden Schatten der Fallstudie herausgetreten und hat große Teile des sozialen Lebens nie voll behandelt. Die Forderung, den Blick zu weiten - und schwule Menschen, um mit Zola zu sprechen, mit Familie, Nation und Menschheit interagieren zu sehen -, ist besonders wichtig, wenn wir uns der Vergangenheit zuwenden, also einer Zeit, als die Gesellscahft kulturell und juristisch so stark von Heterosexualität geprägt war, wie es heute nicht mehr möglich ist (wobei das in vielen nichteuropäischen Ländern immer noch der Fall ist). Über schwule Männer im Großbritannien der 19. Jahrhunderts zu schreiben, sollte bedeuten, über sie als Söhne, Brüder, Freunde, Liebhaber, Ehemänner, Väter, Großväter, Mitglieder einer sozialen Klasse, Angestellte, Arbeitgeber, Denker, Leser, Politiker, Imperialisten und so weiter zu schreiben."