Magazinrundschau - Archiv

La vie des idees

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Magazinrundschau vom 27.01.2009 - La vie des idees

In einem sehr differenzierten Gespräch stellt der französische Historiker und Amerikanist Pap Ndiaye sein Buch "La Condition noire - Essai sur une minorite francaise" (Calmann-Levy) vor. Darin geht es um Schwarzsein als soziale Erfahrung im Allgemeinen und in der französischen Gesellschaft im Besonderen. Ndiayes Kernanliegen: "Es erschiene mir nicht unbedingt vernünftig zu erwarten, dass die schwarze Hautfarbe völlig verschwindet (obwohl man natürlich auch von einer reinen Mischlingsgesellschaft träumen kann) oder dass die Hautfarbe eine Art Rudiment einer Vergangenheit ist, das unbedingt unterdrückt werden sollte. Vernünftig erscheint mir, nicht die Tatsache der schwarzen Hautfarbe abzuschaffen, sondern die Sorge, die sich damit verbindet, den Kampf gegen die Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben. Das Ziel ist das Verschwinden des Rassenbegriffs: Schwarz zu sein soll nicht mehr zählen als die Farbe der Haare oder Augen. Die Last, die auf den Leuten liegt, soll leicht werden."

Magazinrundschau vom 13.01.2009 - La vie des idees

In einem Interview spricht der aus dem Senegal stammende und in New York lehrende Historiker Mamadou Diouf, der zahlreiche Studien zur Politik- und Kulturgeschichte Afrikas veröffentlicht hat, über postkoloniale Demokratisierungsprozesse des Kontinents und eine notwendige Erneuerung der wissenschaftlichen Forschung. So sollten die unterschiedlichen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen in einen Dialog treten und zu "wechselseitigen Vergleichen" beitragen, vor allem aber nicht länger in einem europäischen Universalismus gefangen bleiben. "Das Universale sollte sich, glaube ich, durch Addition bilden, nicht durch Gewalt oder den Erfolg, den man mit moralischen, religiösen oder technischen Begriffen misst. In allen nicht-westlichen Gesellschaften wurden der Universalismus und die Moderne von einer Sache begleitet: von Gewalt. Aus diesem Grund werden dieser Universalismus und diese Moderne in Frage gestellt, ihrem Wesen nach - nicht als Praxis. Europa macht heute eine Übergangsphase durch und es findet keinen klaren Umgang damit."

Vorgestellt wird außerdem eine Kulturgeschichte des Theaters, die sich mit der Entstehung des europäischen "Theatermarkts" in den Hauptstädten beschäftigt: "Theatres en capitales. Naissance de la societe du spectacle a Paris, Berlin, Londres et Vienne, 1860-1914" (Albin Miche) von Christophe Charle.
Stichwörter: Universalismus, Senegal

Magazinrundschau vom 06.01.2009 - La vie des idees

"Höllische Paradise" heißt eine Studie, die der amerikanische Soziologe Mike Davis gemeinsam mit dem Politologen Daniel Bertrand Monk herausgegeben hat. Gemeint sind damit die urbanen und architektonischen Phantasmen, die der Neokapitalismus hervorgebracht hat ("Paradis infernaux. Les villes hallucinees du neo-capitalisme"; die Originalausgabe erschien unter dem Titel "Evil Paradises. Dreamworlds of Neoliberalism"). Am Beispiel von elf Städten untersuchen 15 Autoren städtische Ausgeburten in Form gewaltiger Einkaufszentren oder Privatsiedlungen mitten in der Wüste und im Meer. Ein spannendes Thema, findet Rezensentin Cynthia Ghorra-Gobin, allerdings lasse das wissenschaftliche Niveau des Sammelbands mehr als zu wünschen übrig und komme als eine "simple Parodie sozialwissenschaftlicher Arbeiten daher. Die Texte beruhen auf Informationen, die sich jeder Internetbenutzer leicht selbst beschaffen kann. Die Autoren bedienen sich einiger gelehrter Quellen und zitieren häufig Adam Smith, Karl Marx oder auch Pierre Bourdieu ('der einzige Forscher, der den Neokapitalismus eloquent kritisiert hat') und führen Filmklassiker wie Fritz Langs 'Metropolis' oder 'Blade Runner' an, doch das nur, um den Kapiteln einen Hauch marxistischen Glanzes zu verleihen. Den Leser befällt deshalb der seltsame Eindruck, sich einmal mehr im Universum des Scheins und des Konsums wiederzufinden, das man andererseits anprangern will. Welch ein Unterschied zu den auf marxistischer Analyse beruhenden sozialwissenschaftlichen Arbeiten, welche die sechziger und siebziger Jahre kennzeichneten!"

Magazinrundschau vom 21.10.2008 - La vie des idees

Man spricht angesichts der Finanzkrise so gern von der Rückkehr des Staates, notiert der Philosoph und Theoretiker der Civil Society Bruno Bernardi, aber ganz so einfach sei es nicht: "Die Verstaatlichungen, ob teilweise oder vollständig, offen oder bemäntelt, die wir gerade erleben, erstrecken sich alle auf Finanzunternehmen. Sie stellen also nach Lage der Dinge weder die Rückkehr einer staatlichen Wirtschaft dar, noch die Rückkehr des Staat als Unternehmer, sondern etwas grundlegend Neues: die Institution des Staats, der einen Finanzmarkt leitet, was folglich den Umbau des Markts in eine staatliche Institution bedeutet oder den des Staats in eine Einrichtung des Markts."

Magazinrundschau vom 07.10.2008 - La vie des idees

Wie verändert die Digitalisierung das Buch und wie hat sich das Lesen im Laufe der Jahrhunderte entwickelt? Über diese Fragen, die sich im Internetzeitalter neu stellen, denkt Roger Chartier, Historiker und Experte für die Geschichte des Buchs und der Lektüre, in einem ebenso gelehrten wie spannenden Gespräch nach. Darin zeigt er unter anderem, das das Buch keineswegs ein so strikt in sich abgeschlossenes Objekt war wie es heute erscheint. Die Texte wurden auch früher fortgeschrieben: "So war auch die handgeschriebene Kopie (die bis ins 18. und 19. Jahrhundert existierte) offen für diese Mobilität des Textes von Kopie zu Kopie. Außer für sehr sakrale Texte, wo jeder Buchstabe respektiert werden muss, waren alle Texte offen für Interpretationen, Hinzufügungen, Veränderungen. In der frühen Zeit des Buchdrucks, vom 15. bis zum frühen 19. Jahrhunderts, waren die Auflagen aus verschiedenen Gründen sehr klein. Sie lagen bei 1.000 bis 1.500 Exemplaren. Der Erfolg eines Werks zeigte sich in der Zahl der Wiederauflagen. Und jede Wiederauflage war eine Neuinterpretation."

Magazinrundschau vom 08.07.2008 - La vie des idees

Blaise Wilfert-Portal stellt das Manifest "Pour une litterature-monde" (Gallimard) vor, in dem unter der Ägide der Herausgeber Michel Le Bris und Jean Rouaud zwölf Autoren der Frage nach Rolle und Bedeutung der französischen Sprache beziehungsweise Literatur in der globalisierten Welt nachgehen. "Die Autoren führen eine Reihe von Anekdoten an, die zeigen, dass ein entscheidender Teil ihrer Rolle in der Welt der französischen Literatur darin besteht, als mehr oder weniger exotische freundliche Aushilfskräfte zu figurieren, die möglicherweise für das Widerstandsprogramm gegen die Dominanz des Englischen brauchbar sind. Worin man den Ursprüngen des Begriffs Frankophonie wiederbegegnet, der Ende des 19. Jahrhunderts von Onesime Reclus ersonnen wurde, um der französischen Republik ein neues schlagkräftiges Instrument im Konkurrenzkampf der Imperien zu verschaffen: Sprache und Literatur sollten die schwache Geburtenrate und wirtschaftlichen Expansionsgrenzen Frankreichs kompensieren und den Kampf gegen die englische oder deutsche Machtstellung ermöglichen."

Magazinrundschau vom 01.07.2008 - La vie des idees

Ethnische Kategorien sind in französischen Statistiken tabu. Denn die Republik ist "une et undivisible", eins und unteilbar. Mirna Safi stellt die erste Ausgabe 2008 der Revue Francaise de Sociologie vor, die in einem Dossier die Verwendung ethnischer und rassischer Kategorien als wissenschaftliche demografische Werkzeuge diskutiert. Auch wenn die Beiträge im Ergebnis letztlich eher Konvergenz statt Opposition zeigten, bestehe diese Übereinstimmung doch in der Einsicht in deren unumgängliche Notwendigkeit. Die Soziologin Dominique Schnapper jedenfalls konstatiert: "Die schrittweise Einführung ethnischer Statistiken ist Teil der demokratischen Dynamik." Safi schließt: "Letzten Endes sollte man aber, wenn dieses Dossier von manchen vielleicht als eine offene Tribüne für die Verteidiger ethnischer Statistiken wahrgenommen wird, daran erinnern, dass der Koordinator Georges Felouzis den Rahmen eingangs genau abgesteckt hat: Es geht nicht um eine 'Bilanz der Streitpositionen, die die Disziplin spalten', sondern vielmehr darum, gemeinsam über die Praktiken und Anwendungen ethnischer Kategorien in einem Kontext nachzudenken und zu diskutieren, in dem deren Legitimitätszuwachs in den wissenschaftlichen und politischen Kreisen Frankreichs schwerlich zu bestreiten ist."
Stichwörter: Schnapper, Dominique

Magazinrundschau vom 03.06.2008 - La vie des idees

Annie Jourdan stellt eine Studie über Napoleons Staatsstreich am 9. November 1799 vor: "Le Dix-huit Brumaire. L?epilogue de la Revolution francaise" (Gallimard). Ihr Autor wird dabei als Nachfolger von Francois Furet gefeiert, dem Historiker, der die Geschichte der französischen Revolution aus prokommunistischen Mustern gelöst und die Geschichte der Linken in Frankreich reflektiert hat. "Patrice Gueniffey, der ehemalige Schüler von Francois Furet, ist heute dessen Erbe und war für die Aufgabe höchst geeignet. Er arbeitet seit mehreren Jahren über Napoleon und setzt fort, was Furet leider nicht mehr zu Ende führen konnte: Überlegungen zur Epoche des Konsulats und des Empire. Gueniffey interessiert sich dabei insbesondere für die Frage der Legitimität, für das Funktionieren der Institutionen, das Phänomen ,Staatsstreich?, die Beziehung zwischen Macht und Autorität sowie das Wesen von Napoleons Regime."

Magazinrundschau vom 08.04.2008 - La vie des idees

Anlässlich des Erscheinens des zweiten Bandes seiner 1997 begonnenen Studie über Nazideutschland ("Die Jahre der Vernichtung 1939 - 1945") in Frankreich, unterhalten sich der Historiker Saul Friedländer und sein französischer Übersetzer Pierre-Emmanuel Dauzat in einem ausführlichen Gespräch über die Sprache der Henker und die Sprache der Opfer. Über letztere, Jiddisch, sagt er: "Es gibt heutzutage Ansätze, es wiederzubeleben, es wird an Universitäten in den USA gelehrt und es gibt Jiddisch-Kurse und nicht mal wenige Studenten, die es lernen wollen. Doch diese Bestrebung ist ein wenig artifiziell, denn diese Sprache ist im Wortsinn eine tote Sprache geworden. Man vergisst immer, dass die Nazis nicht nur Millionen Menschen umgebracht haben, sondern auch eine Kultur vernichtet haben, eine Kultur und die Worte, um diese zu sprechen. Sie haben alles zusammengerafft, was sich in jüdischen Museen und Archiven finden ließ, um es an einem bestimmten Ort zu versammeln - was ein weiteres Beispiel für ihren Wahnwitz ist -, um also etwas von einem Volk zu bewahren, das sie selbst vernichtet haben, vorsätzlich vernichtet, mit den Menschen, der Lebensform, der Kultur. Anschließend gründen sie in Prag ein Museum für das, was zusammengetragen werden sollte. Man verstehe die krankhafte Logik dieses Systems! Aber Jiddisch als Kultur, als Lebensweise, ich kann es nur wiederholen, ist von Nazideutschland vernichtet worden."

Magazinrundschau vom 01.04.2008 - La vie des idees

In einem kundig recherchierten und fußnotenreichen Artikel untersucht der Philosoph Philippe Lacour die Rolle der wissenschaftlichen Bewertung bei Wikipedia. Die Entwicklung der Internet-Enzyklopädie bejahe eine Logik der Fragmentierung und Wiederzusammensetzung von Wissen und digitalen Inhalten, die zweifellos eine neue Form des intellektuellen Lebens ankündige. "Deshalb ist die Enzyklopädie Wikipedia als solche weniger bedeutsam als die Prinzipien, die sie veranschaulicht: simultane Bearbeitung, einfache Sprache, Modellierbarkeit und Weiterentwickelbarkeit des produzierten Objekts. (...) Trotz der Banalität vieler spontaner virtueller Erzeugnisse im Netz begreift man die Originalität der hier entstehenden Figur des Intellektuellen: zugleich kritisch und engagiert (Sartre), spezifisch (Foucault), kollektiv (Bourdieu) und virtuell - ein wahrer DJ des digitalen Wissens."
Stichwörter: Wikipedia, Einfache Sprache