Magazinrundschau - Archiv

La vie des idees

181 Presseschau-Absätze - Seite 17 von 19

Magazinrundschau vom 29.06.2010 - La vie des idees

Nora Benkorich stellt das Buch "Les Arabes et la Shoah" des libanesisch-französischen Historikers Gilbert Achcar vor, das sich mit den Gründen für eine Unterstützung oder die Ablehnung des Naziregimes und des Antisemitismus in der arabischen Welt beschäftigt. Es wirft insgesamt einen sehr viel milderen Blick auf das Verhältnis der Araber zu den Nazis als die zeitgleich in Frankreich erschienenen deutschen Veröffentlichungen "Djihad und Judenhass" von Matthias Küntzel und "Halbmond und Hakenkreuz" von Martin Cüppers und Klaus-Michael Mallmann, denen die Rezensentin einen "essentialistischen" Standpunkt vorwirft: Sie würden die Kollaboration des Muftis von Jerusalem mit den Nazis auf die muslimische Welt insgesamt projizieren und andere politische Tendenzen in der arabischen Welt zu dieser Zeit, anders als Achcar, herunterspielen: "Im Ganzen gab es mehr Araber in den alliierten Streitkräften oder den Konzentrationslagern der Nazis als Freiwillige auf Seiten der Achse. Das reicht, um - mit Achcar - zu ermessen, wie groß der Widerwille der arabischen Welt gegen die Nazis war."

Magazinrundschau vom 25.05.2010 - La vie des idees

Der Soziologe Paul Schor erzählt in seinem Buch "Comter et classer" eine Geschichte der amerikanischen Volkszählungen in den USA. Das Sujet mag ein wenig akademisch klingen, aber es wirft laut Daniel Sabbagh Licht auf den Rassismus und sein Fortleben (etwa als Multikulturalismus) bis heute: "Einerseits haben die Volkszählungen zur Institutionalisierung der Rasse als sozialer Kategorie beigetragen, also auch an seiner Nachhaltigkeit als Begriff trotz Verschwindens seiner historischen Matrix (der Sklaverei) und ihrer theoretischen Grundlegung (Rassismus als Pseudowissenschaft mit rechtfertigendem Charakter). Andererseits haben sie zu einer Verinnerlichung gewisser Normen der Klassifizierung geführt. Sie wird vor allem belegt durch den Mangel an Widerstand, nachdem die Bürger 1970 zur Selbstklassifizierung angehalten wurden."

Magazinrundschau vom 01.12.2009 - La vie des idees

Jean-Marc Dreyfus bespricht ein Buch der Historikerin Renee Poznanski, das auf 800 Seiten, offenbar sehr differenziert, ein großes Tabu der französischen Geschichte aufgreift: "Propagandes et persecutions - La Resistance et le 'probleme juif', 1940-1944". Die Resistance, so stellt sich hier heraus, reagierte auf die Judenverfolgung der Nazis ähnlich wie die Öffentlichkeiten der alliierten Länder - abwiegelnd, desinteressiert und opportunistisch. Das gilt auch für die Medien der Resistance: "Von Ausnahmen abgesehen zeigte sich die Untergrundpresse sehr diskret über das Schicksal der Juden, während das von Vichy erlassene 'premier statut' die französischen Behörden schon dazu verpflichtete, für alle ihre Beamten Ariernachweise zu erbringen. Zwar ließ die kommunistische Presse die Juden in den Opferlisten figurieren, und auch die jüdische Widerstandpresse der Kommunisten prangerte die Verfolgungen der Juden früh an, wobei nicht selten in antikapitalistischer Rhetorik jüdische Bankiers angegriffen wurden, aber selbst die radikalsten antijüdischen Maßnahmen wurden allenfalls in Kurzmeldungen abgehandelt." Erst mit dem Holocaust ab 1942, so Dreyfus, geriet das Thema in ein breiteres Bewusstsein, ohne je als zentral wahrgenommen zu werden - und auch nach dem Krieg wurde es noch lange heruntergespielt.

Magazinrundschau vom 24.11.2009 - La vie des idees

In einem ausführlichen Artikel stellt Pauline Peretz die jungen jüdischen Verband J Street vor, die den etablierten jüdisch-amerikanischen Interessengruppen ihr Monopol als Meinungsmacher für die Sache Israels abspricht. Die liberale, unter anderem etwa von Jimmy Carter und in Israel vom Schriftsteller Amos Oz unterstützte Organisation setzt sich in den USA für den sofortigen Stopp des israelischen Siedlungsbaus und die Verhandlung einer Zwei-Staaten-Lösung ein und nimmt sich im Gegensatz zur einflussreichen konservativen Gruppe Aipac das Recht heraus, Israel und seine Politik scharf zu kritisieren. "Für ihre in Washington seit mehreren Jahrzehnten etablierten Rivalen sind sie eine radikale Organisation, die die Einheit der Gemeinschaft bedroht und die Positionen der israelischen Regierung diskreditiert; aus diesen beiden Gründen müsse man ihren Einfluss bekämpfen. Für die liberalen Juden dagegen steht J Street für eine Chance, endlich in Washington Gehör zu finden. Und für die Regierung Obama ist J Street ein geschätzter Bündnispartner, weil man dort fähig ist, seine kritischen Positionen zu Israel einem Gemeinwesen gegenüber zu behaupten, das dazu neigte, sich neuen Kursen zu widersetzen. Die Medien ihrerseits sind fasziniert vom Aufschlagen dieses Meteoriten in der jüdischen Welt."

Magazinrundschau vom 22.09.2009 - La vie des idees

Trotz seines gesegneten Alters von 92 Jahren interessiert sich Eric Hobsbawm im Gespräch mit der Internetzeitschrift La vie des idees immer noch für die Möglichkeit einer Revolte. Die Krux damit: Die Probleme sind international, der Rahmen der Politik ist aber immer noch national. Also braucht es für die Revolte internationale Akteure. "Hier ist der Aufstieg der NGOs wesentlich, denn sie sind so ausgelegt, dass sie weltweit agieren können. " Als erstes Beispiel einer internationalen Revolte sieht Hobsbawm das ganz und gar nicht organisierte Jahr 1968, als die modernen Kommunikationsmittel zum ersten mal eine Rolle spielten. "In den letzten Jahrzehnten sind diese Techniken genutzt worden, um weltweite Kampagnen zu lancieren, vor allem den Kampf gegen die Globalisierung, der selbst erst durch die Globalisierung entsteht. Wie erfolgreich diese Kämpfe sein werden - wir wissen es nicht."

Zu lesen ist außerdem die Besprechung einer Kulturgeschichte der modernen Privatheit in Gestalt des (eigenen) Zimmers: "Histoire de chambres" von Michelle Perrot (Seuil).

Magazinrundschau vom 15.09.2009 - La vie des idees

Warum sind uns vom 11. September, dem meistfotografierten Ereignis der Welt, lediglich ein paar Bilder beziehungsweise Motive geblieben, die endlos wiederholt werden? Dieses Paradox untersucht der Fotografiehistoriker Clement Cheroux in seinem von Gerome Truc rezensierten Buch "Diplopie - L'image photographique a l'ere des medias globalises : essai sur le 11 septembre 2001" (Cherbourg-Octeville). Seine Erklärung: Man suchte einen historischen Vergleichspunkt und fand ihn in einer Bildikone, die den 11. September mit seinem "historischen Doppelgänger" verknüpfte: Pearl Harbor. "Die Bilder vom 11. September wiederholen sich, sie wiederholen zugleich aber auch etwas anderes. Dieses Deja-vu-Gefühl ist der Schlüssel für den Erfolg des Fotos 'Ground Zero Spirit' von Thomas Franklin, das drei Feuerwehrleute beim Hissen der amerikanischen Flagge auf den rauchenden Trümmern von Ground Zero zeigt. Es wiederholt unverkennbar eine der berühmtesten Ikonen der amerikanischen Geschichte: 'Flags of our fathers' von Joe Rosenthal, worauf sechs Marines die gleiche Flagge auf der Insel Iwo Ima auf dem Gipfel des Bergs Suribachi aufstellen, zu Beginn jenes Krieges, den der Überfall auf Port Harbor ausgelöst hatte."
Stichwörter: Ground Zero, Ikonen

Magazinrundschau vom 19.05.2009 - La vie des idees

Wie kommt es, dass manche Länder ihre Filme exportieren, während andere sich damit begnügen, die Importware zu sehen? Monique Dagnaud untersucht in einem Essay, weshalb gerade Frankreich, Indien und die USA, nachweislich die cinephilsten Nationen der Welt, mit völlig unterschiedlichen künstlerischen und wirtschaftlichen Modellen so erfolgreich auf dem Weltmarkt sind. Zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen, wie Nationen es anstellen, mittels einer Bild-Industrie die eigene Identität zu schaffen und zu behaupten, macht sie ihre Unterscheidung von drei Grundmustern: "Indiens Kino pflegt mit Glück seine Traditionen und seine Romantik für ein inbrünstiges einheimisches Publikum: Der Erfolg dieser Industrie wurzelt in der kulturellen Geschichte dieses Landes. Die USA verbinden die Kultur des Massenkinos mit ökonomischer Effektivität: Sie gehorchen mittels Megaproduktionen und Genrevielfalt einer Logik der Sättigung heimischer und fremder Märkte, aber indem sie auch Talente aus aller Welt aufnehmen, führen sie damit die Werte des Melting-Pot weiter. Frankreich beweihräuchert das Kino als eigene Kunstgattung und stützt dessen Betrieb eifrig mittels einer staatlich gelenkten Politik."

Magazinrundschau vom 14.04.2009 - La vie des idees

Christine Bard, Zeit- und Modehistorikerin, thematisiert in einem faszinierenden Essay die Schwierigkeiten französischer Mädchen, Rock zu tragen. Hiervon handelte bereits Isabelle Adjanis letzter Film "La journee de la jupe" (mehr hier), in dem Adjani als Lehrerin mit brachialen Mitteln einen "Tag des Rocks" an der Schule durchsetzen will: Die Mädchen sollen im Rock in die Schule kommen sollen, ohne von den Jungen als "Huren" beschimpft zu werden. Die Idee der "journee de la jupe" wurde vorher von einem Gymnasium in der Bretagne ins Leben gerufen. Hier offenbart sich laut Bard ein Feminismus mit umgekehrten Vorzeichen. Die Diskussion geht bis in höchste politische Kreise: "In Frankreich forderten die Mitarbeiter von der Erziehungsministerin Valerie Pecresse in einer Petition, dass sie aufhört, immer nur Hosen zu tragen. Die Ministerin versprach, einen Versuch zu machen. Dieser Vorfall, der sich wie ein Aprilscherz anhört, ist bezeichnend: Die Hose ist ein unglaublicher Indikator für die Analyse der Beziehung zwischen den Geschlechtern, denn sie ist ein Machtsymbol. Heißt es nicht 'die Hosen anhaben'?" Am Ende plädiert auch Bard für einen "Tag des Rocks" - aber für beide Geschlechter!

Magazinrundschau vom 10.03.2009 - La vie des idees

1818 fand in New York ein Prozess statt, der sich mit einer seltsamen Frage befasste: Ist der Wal ein Fisch oder nicht? Alexandre Brunet bespricht ein Buch des amerikanischen Historikers Graham Burnett, der aus dieser Auseinandersetzung zwischen Wissenschaftlern, Walfängern und Kaufleuten eine faszinierende Studie über die Geschichte der Naturwissenschaften vor dem Darwinismus gemacht habe ("Trying Leviathan"). Die Kontroverse sei ideal, um zum Zeitpunkt der Entstehung der Naturwissenschaften die Verflechtung ökonomischer, religiöser und wissenschaftlicher Argumente zu beobachten. "Für Burnett ist dieser Prozess eine traumhafte Gelegenheit, erneut zu beweisen – wenn es denn nötig wäre –, dass die Vorstellung einer ungehindert triumphierenden Naturwissenschaft in den ersten Jahren der amerikanischen Republik äußerst übertrieben ist: Weit davon entfernt ein Goldenes Zeitalter der Wissenschaft zu sein, zeichnet sich das frühe 19. Jahrhundert vielmehr durch eine tiefe epistemologische Unsicherheit aus. Diese Periode ist schlicht jene, in welcher die entscheidende Kontroverse zwischen Volksglaube, religiösen Überzeugungen und sich formenden wissenschaftlichen Kenntnissen stattfindet."

Magazinrundschau vom 03.03.2009 - La vie des idees

Unter der Überschrift „Das Grummeln des weißen Mannes“ lotet Sylvie Laurent in einem weit ausholenden Essay die Wandlung der Figuren von Clint Eastwood aus. Früher für deren "Brutalität" kritisiert, beweihräuchere man heute seine (und deren) "Erlösung". Dabei geht Laurent neben Exkursen in die amerikanische Identitätsgeschichte besonders auf die Rolle des Walt Kowalski in Eastwoods neuem Film "Gran Torino" ein, der nicht mehr an den Mythos eines post-rassistischen Amerika glaube. "Er weiß nicht einmal mehr, welche Strategie ihm seinen Platz in der Mitte der amerikanischen Gesellschaft erhalten soll, die unerschütterlich weiß ist. Sein Rassismus ist daher vielleicht, wie Obama und Eastwood meinen, die Frucht einer langen sozialen und ökonomischen Ausgrenzung, übertriebener Ausdruck legitimer Ängste. Aber was, wenn die beiden sich irren? Wenn der Rassismus, wie der Prediger Wright wettert und Akademiker feststellen, nicht zufällig, sondern zutiefst im amerikanischen Bewusstsein verwurzelt wäre?"