Magazinrundschau - Archiv

Harper's Magazine

64 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 7

Magazinrundschau vom 21.02.2017 - Harper's Magazine

In einer Reportage, die mit einiger Verzögerung veröffentlicht wird, berichtet Masha Gessen von einem gruseligen Treffen  des World Congress of Families (WCF) im Mai 2016 in Tiflis, bei dem sich eine ganz ähnliche Allianz aus Schwulenfeinden, Rassisten und Regierungsgegnern wie sie sich inzwischen auch in Donald Trumps Kabinett wiederfindet: "Bei diesem Treffen kommen die schlechten Nachrichten aus dem Westen: Neben mir bedauern sich Allan Carlson, der Gründer des WCF, und der ultrakonservative britische Anwalt Paul Diamond angesichts fortschreitender Transgender-Rechte in den USA und Großbritannien. Die Amerikaner, Briten und Westeuropäer, die hier auftreten, leben unter Belagerung. Sie sind nach Georgien gekommen, um Trost zu finden. Die Russen, Georgier und Polen verströmen Zuversicht. Polen hat erfolgreich die Abtreibung reglementiert und das Wort Gender aus den Schulen verbannt, Russland und Georgien sind dabei, ihren Krieg gegen Schwule und Lesben zu gewinnen. Levan Vasadze, der vermögende georgische Geschäftsmann, der 2016 den WCF nach Tiflis brachte, ist ein früherer Rugby-Spieler. Alexej Komow, ein Russe, der den WCF bei der UNO vertritt, versprüht diese Art gepamperter Gesundheit, die nur Geld kaufen kann. Vater Josiah wartet nicht, bis Komow zu ihm kommt, sondern springt begeistert auf, um ihn zu begrüßen."

Magazinrundschau vom 08.11.2016 - Harper's Magazine

Es gibt auf der Welt sechs Länder, in denen Abtreibung unter allen Umständen verboten ist - selbst wenn das Leben der Mutter auf dem Spiel steht. El Salvador gehört dazu. Rachel Nolan schildert in einer haarsträubenden Reportage, wie hier Frauen von der Justiz selbst nach einer Fehlgeburt gejagt und bedroht werden: "Staatsanwälte gehen in die Krankenhäuser und fordern Gynäkologen und Geburtshelfer auf, Patienten zu entdecken und zu melden, die 'Symptome einer Abtreibung' zeigen. Ärzte sind gesetzlich verpflichtet, die Polizei zu informieren. Salvadorianische Ärzte an staatlichen Krankenhäusern müssen nachträgliche Evaluierungen vornehmen und Frauen, die eine Fehlgeburt erleiden, erwecken sofort Misstrauen, wenn sie medizinische Behandlung suchen." Die Strafe für eine Abtreibung "liegt zwischen zwei und acht Jahren Gefängnis. Aber weil El Salvadors Verfassung ein befruchtetes Ei als Person begreift, erheben Staatsanwälte in vielen Fällen willkürlich Anklage wegen vorsätzlicher Tötung, die mit Gefängnis zwischen 30 und 50 Jahren bestraft wird."

Magazinrundschau vom 10.05.2016 - Harper's Magazine

Elisabeth Zerofsky hat den Front National bei den französischen Regionalwahlen im November beobachtet und eine interessante Beobachtung gemacht: Den FN wählen nicht nur eingesessene Franzosen, sondern auch Einwanderer. Das bestätigt ihr nicht zuletzt Marine Le Pen, die auch in den Banlieues Wahlkampf macht, in denen viele Muslime leben: "'Warum nicht?', sagt sie. Für viele Muslime sei die Religion nicht das 'ausschlaggebende Kriterium' für ihre Identität: 'Viele betrachten sich als Franzosen. Sie haben alltägliche Probleme - Steuern, Schulen für die Kinder, Sicherheit in ihren Vierteln - und auch sie sind Opfer des islamischen Fundamentalismus. Es gibt keinen Grund, warum sie keine Patrioten sein können, nur weil sie Muslime sind. Wissen Sie, es gibt ganze muslimische Staaten, die den Fundamentalismus bekämpfen.'" Etwas später unterhält sich Zerofsky mit dem FN-Unterstützer Ahmed Hamrouni, der Le Pens Auffassung bestätigt: "Hamrouni, Sohn eines algerischen Minenarbeiters, erzählt mir, er kenne mehr und mehr Muslime, die den FN wählen, auch wenn viele es nicht zugeben wollten. 'Alles hat sich seit dem 13. November geändert', sagt er. 'Es gibt ein Unwohlsein.' In Hénin-Beaumont habe es keine Gewalt gegeben, aber, sagt Hamouni, er merke eine Veränderung in der Art, wie die muslimischen Gemeinden betrachtet würden. Es scheine ihm, als sei der französische Sozialvertrag, der Wunsch, ungeachtet der Religion oder Herkunft zusammenzuleben, zerbrochen. 'Wer weiß', sagt er. 'Vielleicht kann der FN das Verhältnis verbessern.'"

Magazinrundschau vom 26.04.2016 - Harper's Magazine

Harper's hat einen sehr persönlichen Text von Hilton Als, Theaterkritiker des New Yorker, über Prince online gestellt. Er ist vom Dezember 2012 und denkt über die sexuellen Masken von Prince nach, die Homo- wie Heterosexuelle, Frauen wie Männer, Weiße wie Schwarze verunsicherten. Als erinnert sich an ein Stand-Up-Special von Jamie Foxx, der sich wiederum an eine Begegnung mit Prince erinnert - wie ein Blick in dessen Augen ihn für zwei Sekunden zum Schwulen machte: "But I wasn't on the bottom of the shit, I was on top, don't get it twisted . . . I'd have fucked the shit out of that motherfucker. That troubled me though, man", referiert Als. Und meint: "Verzaubert sein - oder akkurater: verängstigt und erregt sein durch Prince und das, was seine verschiedenen Looks über einen Aspekt schwarzer männlicher Sexualtät sagen - war das etwas, worüber nur Komiker sprechen konnten? Und wenn sie es taten, musste Princes Andersartigkeit ebenso wie farbige Queerness die Zielscheibe für den Spott sein? Ich interessierte mich nicht für den Prince, der '1999', 'Purple Rain', 'Around the World in a Day' und mindestens die Hälfte von 'Sign of the Times' produziert hatte (alle zwischen 1982 und 1987 veröffentlicht). Sie klangen für mich wie bewusst 'weiße' Popalben. Sie verrieten eine feige Sehnsucht von The Artist nach Zugehörigkeit zu einer Welt außerhalb der farbigen Queens, die ich als Teenager kannte und die Prince 'Miss' nannten. Warum wollte er uns verlassen für diese Nicht-Welt der Konvention, nach der er strebte? Wo 'sie' eine Frau heiratete, die wie sie selbst aussah, und sich dann, um alles noch schlimmer zu machen, wie Miles Davis kleidete auf einer Promotour für sein Rock-Jazz-Fusion-Album 'Bitches Brew'? Warum wollte er den farbige Schwulen in sich verraten?"

Magazinrundschau vom 26.01.2016 - Harper's Magazine

Tanya Gold, eine britische Republikanerin, die eingestandenermaßen eine ungute Faszination für die Queen empfindet, besucht die Sitze der britischen Monarchie, unter anderem Sandringham House, wo sich die Familie sommers aufhält: "Es gibt hier viele Gewehre und Skulpturen von Enten. Die königliche Familie liebt Bilder von sich und Bilder von Enten, denn man fetischisiert auch, was man gerne tötet. Im Stall gibt's ein Museum, das die seltsamen Dinge zeigt, die die Leute der Queen so schenken: ein Straußenei, ihr Gesicht in Glasperlenstickerei, eine polierte Ziege. Es gibt auch eine ganze Wand mit ausgestopften Vögeln: bunt, tot und als Metapher unwiderstehlich."

Magazinrundschau vom 11.08.2015 - Harper's Magazine

Masha Gessen, hochbeeindruckt von einem Auftritt der finnisch-estnischen Autorin Sofia Oksanen beim Pen Festival in New York, versteht jetzt, warum nicht nur die baltischen Staaten, sondern auch die Finnen Angst haben vor der neuen Aggressivität Russlands, wie sie in einer langen Reportage aus Finnland schreibt: "Seit Russlands Einzug in die Ukraine widmet sie sich dem Protest gegen die Zerstörung der Welt wie wir sie kennen - und gegen die schnelle und leichte Art des Westens diesen alarmierenden Status quo zu akzeptieren. Oksanen fürchtet, dass ihr Land kurz davor steht, in die stille Panik und allgegenwärtige Selbstzensur zurückzufallen, die das Kennzeichen der Finnlandisierung im Kalten Krieg war. Diesmal jedoch könnte das Land als Russlands Agent dienen, als glattzüngiger Ringer innerhalb der Europäischen Union, der Finnland 1995 zögernd beitrat."

Magazinrundschau vom 06.10.2015 - Harper's Magazine

Am 22. Mai 2014 brachte ein Militärputsch die Regierung von Premierministerin Yingluck Shinawatra in Thailand zu Fall. Shinawatra und ihrem Bruder Thaksin wurde Korruption vorgeworfen, dies vor allem von der Elite in Bangkok - den Militärs, Royalisten und dem gehobenen Bürgertum - die Shinawatra beschuldigte, ihre Wähler unter den Armen im Norden gekauft zu haben. Es ist nicht der erste Putsch in Thailand. Ian Buruma sucht nach Gründen, warum das Land nicht zur Ruhe kommt, und besucht den Fotografen Manit Sriwanichpoom in dessen Galerie in Bangkok. Dessen berühmteste Kunstfigur ist der Pink Man, der im Supermarkt seinen pinkfarbenen Einkaufswagen durch die Straßen schiebt, eine Satire auf die moderne Konsumgesellschaft. ""Alles was die Thais machen", sagt er, "ist einkaufen, bis zum Exzess essen, fett werden und sterben." Thaksin, sagt er, hatte jedem ein Auto versprochen. "Und jetzt sehen Sie sich unseren Verkehr an." Thaksin "will nur immer reicher und reicher werden und lockt die Menschen mit Geld." Diesen Vorwurf hört man häufig: die Landbevölkerung wähle Thaksin, weil er sie dafür bezahle. Ich erinnerte mich an General Prayuths zwölf Kernwerte, einer handelte davon, "eine Philosophie der selbstgenügsamen Wirtschaft zu praktizieren". Thailands Militär und die royalistischen Propaganda forderten dies immer wieder: das gewöhnliche Volk solle bescheiden sein und sich vor gierigen Geschäftsleuten in Acht nehmen, die es korrumpieren wollten. Als ich Manit zuhört, verstand ich, wie diese Botschaft sich mit seinem linken Antikapitalismus vertragen konnte: Thaksim war der Pink Man."

Magazinrundschau vom 04.08.2014 - Harper's Magazine

Hatte James Joyce nun Syphilis oder nicht? Mit umwerfender Detailkenntnis nicht nur von Joyce" Korrespondenz, sondern auch der akademischen Forschung, die sich seit den 70ern mit fast schon befremdlichem Eifer auf die legendär angeschlagene Gesundheit des irischen Autors stürzte, bekundet Kevin Birmingham unter Verweis auf die chemische VerbindungGalyl, die Joyce in Form von Phosphor auf für damalige medizinische Verhältnisse wohl sehr einschlägige Weise verabreicht wurde, fast schon lapidar: "James Joyce wurde wegen Syphilis behandelt." Eine Tatsache, meint Birmingham, die den Akademikern auch früher schon hätte dämmern können, wenn sie weniger die Menge zahlreicher Gebrechen des Autors, sondern dessen Behandlung im medizinhistorisch informierten Blick gehabt hätten: "Die Auseinandersetzungen rund um Joyce" Verfassung unterstreichen die Tatsache, dass Lektüre immer ein vorurteilsbehafteter Prozess ist. Leser sind keine neutralen Beobachter. Wir lesen mit Bedenken, Motiven und Filtern, die uns dabei behilflich sind, eine Ordnung in komplizierten Texten zu finden. ... Wie jede akademische Forschung hat auch die Forschung rund um Joyce" Biografie aus dieser selektiven Blindheit eine Methode gemacht. Lyons und Ferris haben zwar gegensätzliche Motive, doch beide fokussieren in Joyce" Berichten über verabreichtes Arsen und Phosphor vor allem das Arsen. ... Den Phosphor komplett zu ignorieren, kam beiden Autoren zupass."

Magazinrundschau vom 21.02.2014 - Harper's Magazine

Aaron Gilbreath ist ein großer Jazzfreund und ein großer Freund der Romane von Haruki Murakami, der ebenfalls ein großer Jazzfreund ist und über Jahre in Tokio einen Jazzclub betrieb. Vor einer Tokio-Reise hat Gilbreath die Adresse dieses Clubs gesucht, die nicht einfach zu finden war! "Leider schien niemand die Adresse zu kennen", erzählt er, "weder Murakamis Übersetzer noch der Fan, der das Blog Haruki Murakami Stuff betreibt. Ich verglich die Google-Map-Bilder von Zentral-Tokio mit einem Satellitenbild einer japanischen Website. Ich klickte zu Street View und suchte Block für Block ab, um das Gebäude zu finden, dessen Foto ich in dem Blog A Geek in Japan gesehen hatte. Endlich war es da - ein düsteres dreistöckiges Gebäude..."


Zum Jazz bekehrt wurde Murakami durch ein Konzert Art Blakeys und seiner Jazz Messengers in Tokio - und zwar in jenem Line Up, in dem die Band auch in San Remo auftrat:


Magazinrundschau vom 03.09.2013 - Harper's Magazine

In Japan gibt es nun die Möglichkeit, Kuschelnickerchen mit weiblicher Begleitung zu buchen. Gideon Lewis-Kraus hat sich die Sache einmal genauer angesehen und dabei Yukiko, eine Soziologie- und Kulturwissenschaftsstudentin, kennengelernt, die am liebsten in Belgien leben möchte. Dass es sich hierbei keineswegs um ein unmoralisches Gewerbe handelt, erfahren wir auch: "Für 3000 Yen, oder knapp 30 Dollar, habe ich die Mitgliedschaft in Tokios erstem Co-Schlaf-Café erworben, dann zahlte ich weitere 3000 Yen für 40 Schlafminuten; normalerweise sind es 5000, doch als Einsteiger qualifizierte ich mich für den Promo-Tarif (Das 10-Stunden-Gesamtpaket kostet 50000 Yen, ganze 20 Prozent Discount). Ein Video erklärte mir dann, dass alle sexuellen Angebote, ganz unabhängig von finanziellen Anreizen, verweigert würden. Dafür gibt es Bonus-Angebote gegen Aufpreis: Ich wählte 'einander in die Augen schauen' (1000 Yen pro Minute) und 'den Kopf getätschelt bekommen' (1000 Yen pro Minute). Andere Optionen beinhalteten den einmaligen Wechsel ihres Schlafanzugs, Schlafen in Löffelchenstellung oder mit dem Kopf in ihrem Schoß. So verlockend diese auch wirkten, schien es mir doch, als würde hier eine Art Grenze überschritten."