Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

643 Presseschau-Absätze - Seite 56 von 65

Magazinrundschau vom 24.04.2007 - Elet es Irodalom

Die Karlsuniversität Prag lehnte den Vorschlag ihrer eigenen Geisteswissenschaftlichen Fakultät ab, die Ehrendoktorwürde für Adam Michnik, dem Chefredakteur der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza zu verleihen. Die Entscheidung wurde nicht begründet. "Michnik wurde von mehreren berühmten Universitäten der USA die Ehrendoktorwürde verliehen, die Ehrendoktorwürde von Prag wird in seiner Sammlung nicht unbedingt fehlen", meint Martin M. Simecka, Chefredakteur der tschechischen Wochenzeitung Respekt in einem Gastkommentar. "Eher verdient die Karlsuniversität Prag unser Mitleid. Mitteleuropa irrt zwischen verschiedenen Werten herum, die Orientierungslosigkeit kommt in einem jeden Land unterschiedlich zum Ausdruck, aber eine Begleiterscheinung haben alle Länder gemeinsam: Misstrauen oder sogar Ablehnung gegenüber den Wortführern der ehemaligen demokratischen Opposition, die 1989 den Weg des friedlichen Wandelns vom kommunistischen Regime zur Demokratie bestimmten. ... Auch in Tschechien will man jetzt die Geschichte der letzten zwanzig Jahre umwerten oder sogar völlig umschreiben."

Magazinrundschau vom 17.04.2007 - Elet es Irodalom

"Unser Hund heißt Umberto", so begann die Laudatio von Peter Esterhazy auf Umberto Eco, der anlässlich der Internationalen Budapester Buchmesse mit dem "Budapest-Preis" ausgezeichnet wurde. Den Namen erhielt der Hund von Esterhazys Tochter. Sie hatte ihn trotz eines väterlichen Verbots gekauft . Um den Vater, einen großen Verehrer Umberto Ecos, versöhnlich zu stimmen, nannte sie ihn Umberto. "Für Das offene Kunstwerk, die größte Buchbegegnung meines Lebens, bin ich ihm heute noch dankbar. Wie alle Schriftsteller lege ich selbst fest, was für mich Literatur, Sprache, Lesen und Leser bedeuten. Da ich Mathematik studiert habe, kannte ich mich in diesem Bereich kaum aus, was mir eigentlich viel half. Ich las alles mit Eco. Sein Denken finde ich heute noch sehr anprechend: er versteht es, mit dem meisten Wissen, das einem Menschen möglich ist, den Zweifel zu bewahren."

Und: In Budapest wurde eine große Ausstellung über den österreichisch-ungarischen Erfinder, Architekten und Schriftsteller Wolfgang von Kempelen (1734-1804) eröffnet. Sein Schachautomat, die Sprechmaschine und andere Erfindungen Kempelens machten ihn europaweit bekannt und waren weit voraus, sagt Jozsef Melyi, Kurator der Ausstellung im Gespräch mit Laszlo J. Györi.

Magazinrundschau vom 27.03.2007 - Elet es Irodalom

"Nicht mal am 15. März, einem der wichtigsten Nationalfeiertage Ungarns, waren die hohen staatlichen Würdenträger dieses Landes und die Parteichefs imstande, ihre gegenseitige Anwesenheit auch nur eine halbe Stunde zu ertragen, um die Einheit unseres Landes zu repräsentieren", klagt Ignac Romsics, einer der bekanntesten ungarischer Historiker im Interview mit Eszter Radai. Die politischen Fronten haben sich laut Romsics inzwischen so verhärtet, dass dies die Entwicklung des Landes insgesamt zurückwirft: "Große Entscheidungen, die im Interesse des ganzen Landes stehen, verzögern sich um Monate. Wenn doch mal eine Reform durchgezogen wird, erklärt die nächste Regierung sie wieder für nichtig ... Als Folge der Identitätspolitik der beiden Lager sind die Konturen von zwei Gefühlsgemeinschaften deutlich zu erkennen: Die Linke beruft sich auf den Rationalismus der Aufklärung und die liberalen und demokratischen Strömungen, die aus ihr geboren wurden. Die Rechte orientiert sich an konservativen und religiösen Ideologien, die gegen die Aufklärung formuliert wurden oder die sie nur eingeschränkt akzeptieren."

Magazinrundschau vom 13.03.2007 - Elet es Irodalom

Nach neuesten Umfrageergebnissen lehnen immer mehr Ungarn die Einwanderung der Piresen ab. Nie gehört? Das ist eine Volksgruppe, die extra für eine Umfrage erfunden wurde, um die Stimmung in der Bevölkerung gegenüber realen Minderheitengruppen - Roma, Deutsche, Slowaken, Serben - mit Gefühlen gegenüber einer fiktiven Ethnie vergleichen zu können. Gusztav Megyesi kommentiert sarkastisch: "Überraschenderweise werden die Piresen ausgerechnet von Linken und den wohlhabenden Bewohnern Westungarns gehasst. Sie hassen die Piresen in erster Linie, weil sie keinen einzigen Piresen kennen. Persönliche Begegnungen würden ihnen vielleicht helfen, Vorurteile abzubauen. ... Wieso fühlt sich eigentlich kein Politiker berufen, gegen die Interessen der Piresen aufzutreten, wenn sie hierzulande so unbeliebt sind? Wenn eine fiktive Volksgruppe gehasst wird, dann kann man sie doch ziemlich einfach besiegen. Wieso ist es noch keinem Politikern eingefallen, seine Karriere auf der Rettung unseres Landes vor den Piresen zu bauen. 'Ich habe alle Piresen aus dem Land abschieben lassen, ich bin die Hoffnung des ungarischen Volkes, ich will an die Macht', könnte derjenige rufen. Und seine politischen Gegner könnten keinen einzigen Piresen als Wiederlegung vorweisen."

Der Historiker Janos Sebök fordert, die historische Rolle von Miklos Horthy, des umstrittenen Staatsoberhauptes von Ungarn 1920-1944, endlich ohne alle ideologischen Manipulationen zu analysieren. "Weil Horthy vor der Wende zu negativ dargestellt wurde, wird er heute von der Rechte um so mehr verehrt, idealisiert und mit propagandistischen Gesten zum Helden verklärt. ... In Wahrheit trug Horthy als Staatsoberhaupt und oberster Befehlshaber des Heeres während des Zweiten Weltkriegs eine außerordentliche politische und moralische Schuld: an Millionen Kriegsopfern, die vermeidbar gewesen wären, an den ungarischen Judengesetzen, am Massaker von Kamenetz-Podolski, an der Kriegserklärung der Sowjetunion gegen Jugoslawien, am Tod der sogenannter Arbeitsdienstler, an der Deportation des ländlichen Judentums. Die Rechte behauptet, dass Horthy von all dem nichts wusste. Die Ministerpräsidenten, die Regierung, die Beamten, die Institutionen, die deutschen Besatzer wären für alles verantwortlich gewesen. Viele Maßnahmen, Verordnungen, blutige Entscheidungen wurden getroffen, und Horthy wusste nichts davon?

Magazinrundschau vom 06.03.2007 - Elet es Irodalom

Seit den Ausschreitungen in Budapest im vergangenen Herbst wurde der Vorwurf immer wieder laut, ein Systemwechsel habe gar nicht stattgefunden, die "alte Garde" sei immer noch am Ruder und die Verbrechen des kommunistischen Regimes nicht gesühnt. Der Wirtschaftswissenschaftler Janos Kornai hält das für Unsinn und empfiehlt seinen Landsleuten, die Demokratie mit Respekt, aber ohne Illusionen zu betrachten. "Auch wenn die Moral eine Bestrafung der Schuldigen erfordern würde - weder die kapitalistische Wirtschaftsordnung noch die parlamentarische Demokratie sind ein Triumph der reinen Moral. Mit dem Systemwechsel und dem gleichzeitigen Wechsel der Regierungsform sind bei uns die Mindestvoraussetzungen für ein kapitalistisches System und eine demokratischen Regierungsform entstanden. Dies allein ist schon eine historische Errungenschaft. Doch ist sie ist auch nicht mehr - ein Minimum, ein Ausgangspunkt. Wohin von hier aus die Politiker und Bürger des Landes gelangen, liegt nunmehr ganz bei ihnen."

Magazinrundschau vom 27.02.2007 - Elet es Irodalom

In Ungarn werden im Zuge der seit dem Herbst vergangenen Jahres andauernden innenpolitischen Krise immer wieder Stimmen laut, die vor einer "bolschewistischen Wende" warnen. Der Schriftsteller Rudolf Ungvary ist davon überzeugt, dass es dazu nicht kommen kann: "In der ehemals totalitären Hälfte Europas ist mindestens ein Drittel der Gesellschaft aufgrund seiner wirtschaftlichen und kulturellen Benachteiligung nicht in der Lage, die Möglichkeiten der Modernität wahrzunehmen. Das ist die Reserve, die man gegen die Demokratie mobilisieren kann. Die Linke ist schwach, sie fühlt sich durch den Untergang des Staatssozialismus verunsichert. Das politische System des Kapitalismus, die bürgerliche Demokratie wird im heutigen Europa von keiner ernstzunehmenden linksgerichteten Revolutionsbewegung bedroht, die diese Benachteiligten mobilisieren könnte. Und auch in Ungarn herrscht eine Demokratie, wenngleich sie sowohl von den Linksextremen als auch von den Rechtsextremen in Frage gestellt oder außer Acht gelassen wird. In einer Demokratie kann und muss man mit diesem Umstand leben können. Auf keiner der beiden Seiten gibt es Freikorps bzw. organisierte Bolschewisten, und wenn es sie auch gebe, müsste man ihnen im Einklang mit dem Gesetz begegnen. Das leidtragende Drittel der Gesellschaft gibt es aber: Diese müssen wir vor den Sirenentönen der Rechtsextremen beschützen. Denn die Rechtsextremen alleine sind es, die den Kapitalismus in Ungarn auf revolutionärem Wege stürzen wollen."

Magazinrundschau vom 30.01.2007 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller György Szerbhorvath betrachtet resigniert, wie sich die serbische Regierung sogar in die Qualifikationsspiele der Handball-WM einmischt, um die Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovo zu hintertreiben: "Im Wahlkampf beschloss die Regierung, dass die Frauenmannschaft von Kikinda nicht gegen die Kosovarinnen spielen darf. Das war der Regierung auch eine Strafe in Höhe von 7.500 Euro wert. (...) Der Internationale Handballbund betrachtet den Kosovo de facto als unabhängigen Staat, aber die serbische Regierung denkt rückwärtsgewandt und verwechselt Politik immer noch mit Sport."

Der Schriftsteller und Essayist Andras Cserna-Szabo findet, dass der liebe Gott den Gebeten der Ungarn zur Abwechslung mal zuhören könnte. Das bekannteste ist die ungarische Nationalhymne, deren Text Ferenc Kölcsey 1823 dichtete. Knapp zweihundert Jahre später zieht Cserna-Szabo eine negative Bilanz: "Wir baten den Herrn damals um gute Laune und Wohlstand. Damit hat es leider nicht geklappt. Wenn wir ehrlich sind: auch damals waren wir eine pessimistische, melancholische, zum Selbstmord neigende, heulend feiernde, neidische und selbstherrliche Nation und so sind wir geblieben. Das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts ausgenommen, haben wir auch vom Wohlstand nicht viel gesehen. Dann baten wir den lieben Gott, uns vor Feinden zu schützen. Davon haben wir nun reichlich bekommen, Feinde, meine ich."

Magazinrundschau vom 16.01.2007 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller Peter Esterhazy ist über den antisemitischen Zeitungsartikel des Schriftstellers Tibor Gyurkovics schockiert und kritisiert die zweitgrößte Tageszeitung Ungarns Magyar Nemzet, dass sie ihn am 6. Januar druckte. Gyurkovics behauptete dort, dass die ungarischen Juden keine Identität hätten und stellt ihren Beitrag zum historischen Fortschritt in Ungarn in Frage. "Vor zehn oder fünfzehn Jahren hätte ich geschrieen, wenn ich so etwas in einer Zeitung erblickt hätte, ich hätte meinen Augen nicht getraut, ich hätte geschrieen, in der Hoffnung... egal, in welcher Hoffnung. Heute scheint dieser Ton akzeptabel zu sein, denn keine konservative Dame und kein konservativer Herr hat öffentlich gegen den Artikel protestiert."
Stichwörter: Esterhazy, Peter

Magazinrundschau vom 01.02.2007 - Elet es Irodalom

Beim Festival "European Dream", dem ersten gemeinsamen Festival europäischer Kulturinstitute in New York dachte der ungarische Schriftsteller Peter Nadas über die europäische Identität nach: "Nicht alle neuen EU-Mitgliedschaften werden es gleich schwer haben, sich dem Kern anzuschließen: Malta hat es beispielsweise leichter als Ungarn. Die verschiedenen Mentalitäten werden ein viel größeres Hindernis für die europäische Integration sein als die unterschiedlich entwickelten Volkswirtschaften und Technologien. Der protestantisch geprägte Nordeuropäer wird gegenüber dem katholischen Südeuropäer Nachsicht haben, aber orthodox geprägte Menschen aus dem Balkan fast immer missverstehen. Was kann das von der Idee der Republik immer noch siegestrunkene, von zahlreichen islamischen Gemeinden mitgeprägte Frankreich mit den aggressiv bekehren wollenden, in die Ohnmacht einer nationalkatholischen Perversion gefallenen Polen anfangen?"

"Eine neue Zeitrechnung beginnt, alle Traditionen und Regeln haben ausgedient", behaupten der Filmregisseur Kornel Mundruczo und der Theatermacher Arpad Schilling in einem gemeinsamen Text, in dem sie Europa vor "einer neuen Detonation" sehen: "Was jetzt ist, das existiert eigentlich nicht mehr. Das Leben geht erstmal weiter, weil man ja essen und ficken muss, nur die Technik macht echte Fortschritte, die Rahmen der Existenz bleiben unverändert. Die Geschichte wiederholt sich, deshalb fragt man sich, welchem Zeitalter unsere Zeit ähnlich ist. Dem Zeitalter der Agonie um 1800? Oder dem Mittelalter?"

Magazinrundschau vom 19.12.2006 - Elet es Irodalom

Wohltätigkeit, ehrenamtliches Engagement und weitere Zeichen von gesellschaftlichem Zusammenhalt gibt es zwar in Ungarn, werden aber von der Gesellschaft nicht gewürdigt, klagt der Autor Peter Esterhazy: "Von der Politik aus gesehen: die Linke, beziehungsweise die ungarische Parodie der Linken, zeigt eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber Traditionen: Die Vergangenheit sollte überwunden werden, immer nach vorne schauen, vor Angst erstarrt 'Fortschritt' als Zauberwort murmeln. Die Rechte, beziehungsweise die Parodie der Rechten, belügt sich selbst, wenn sie meint, dass es keine Probleme mit der Vergangenheit gebe: Wir - und nur wir - seien ihre glorreichen Besitzer, alles wäre in Ordnung, wenn die Linke nicht ständig dagegen anstinken würde. Verantwortung können wir nur alle gemeinsam übernehmen, aber mit dem Gemeinsamen haben wir in der Neuzeit fast nur schlechte Erfahrungen gemacht."

Verleger aufgepasst! Der Schriftsteller Miklos Vamos feiert Ernö Szep, einen der bekanntesten ungarischen Schriftsteller der Vorkriegszeit, der 1919 durch den Liebesroman "Lila Akazien" bekannt wurde, dessen Feuilletons und Chansons zu den wichtigsten Zeitdokumenten und dessen "Drei Wochen in 1944" zu den schockierendsten Berichten über den Holocaust gehören. "Als Holocaust-Überlebender stellte er sich nach dem Zweiten Weltkrieg immer so vor: 'Ich war einmal Ernö Szep.' Nach zeitgenössischen Darstellungen wirkte er wie ein kleiner Junge, als er nach zwei Weltkriegen Abschied von sich selbst nahm." (Hier und hier zwei feuilletonistische Texte von Ernö Szep in deutscher Übersetzung)