Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

642 Presseschau-Absätze - Seite 50 von 65

Magazinrundschau vom 09.06.2009 - Elet es Irodalom

Der Historiker Ignac Romsics hat kürzlich ein Sammelband über die unterschiedlichen Traditionen und Erscheinungsformen der ungarischen Rechten, von den Konservativen bis hin zu den Rechtsradikalen vorgelegt ("A magyar jobboldali hagyomany, 1900-1948" Budapest, Osiris 2009). Im Interview mit Eszter Radai erklärt er, warum in Osteuropa nicht der demokratische Konservatismus, sondern der Rechtsextremismus einen Aufschwung erfährt. "Nach dem Zweiten Weltkrieg geht die Geschichte in West- bzw. Osteuropa vollkommen getrennte Wege. In der Tat verhält es sich westlich der Elbe so, dass innerhalb des rechten Spektrums die christlich-demokratischen und andere konservative Richtungen entstanden und zu maßgeblichen Faktoren wurden, die die demokratischen Institutionen akzeptierten. In Osteuropa konnte es dazu nicht kommen, da hier nach einer kurzen Übergangsphase eine monolithische Diktatur entstand, in der kein Raum für den politischen Pluralismus blieb. (...) Man könnte denken, dass die alten Strukturen während des Rakosi-, bzw. Kadar-Systems völlig zerstört wurden. Dies stimmt vielleicht sogar, doch die Netzwerke, Gefühle, Attitüden und Nostalgien in der Gesellschaft sind erhalten geblieben. Die Rechte - und in gewisser Hinsicht auch die Linke - muss sich heute, nach einem vierzigjährigen Zustand des Eingefrorenseins wieder neu definieren. Dazu gab und gibt es Bestrebungen, es sind aber weitere Diskussionen nötig. Nicht nur die Grenze zwischen den Rechten und den Rechtsextremen ist undeutlich, sondern auch die Beziehung der Linken zur Räterepublik oder zum Kadar-System."

Der ehemalige tschechische Außenminister Karel Schwarzenberg beklagt in seiner Rede (gehalten am Europa-Forum im österreichischen Wachau am 17. Mai 2009) den Schwund der Europa-Begeisterung der EU-Gründergeneration. Der Grund dafür sei, so Schwarzenberg, dass sich die EU mit Kompetenzen regelrecht zudeckt, also alles "europäisiert" und sich damit vom Bürger entfernt: "Ich habe nie verstanden, warum wir unsere Energien und unsere verbliebene europapolitische Begeisterung verschwenden, indem wir uns mit Bestimmungen befassen, wie unser Käse aussehen und welcher Frosch in welcher Lache geschützt werden soll, anstatt uns den wesentlichen Dingen, nämlich einer gemeinsamen Außen-, Sicherheits- und Energiepolitik zuzuwenden; und warum wir nicht überlegen, was wir tun können, um Europa wieder zum Bürger zurückbringen. Das sind die großen Fragen dieser Europa-Generation. Lösen wir sie nicht, können wir nur sagen, dass unsere Generation in der Politik versagt hat. Wir müssen die Erneuerung der Union und die Vervollständigung Europas erreichen, damit ganz Europa Teil der Europäischen Union wird. Wenn uns weder das eine noch das andere gelingt, dann müssen wir eingestehen, dass wir zwar große Vorgänger, großartige europäische Ahnen gehabt haben, als Europapolitiker aber zu jenen Erdapfelsorten gehören, von denen der beste Teil unter der Erde liegt."

Magazinrundschau vom 26.05.2009 - Elet es Irodalom

Der Literaturwissenschaftler Laszlo Szilasi rezensiert die neue ungarische Vierteljahreszeitschrift Pluralica (demnächst hier) für Literatur, Kunst und Kultur, deren erste Ausgabe den Titel "Zeitgenössisch estnisch" trägt und stellt überrascht fest, dass die estnische Kultur mindestens so reich ist wie die ungarische. Szilasi würdigt die Zeitschrift dafür, scheinbar marginale Kulturen und Themen zu vermitteln und fragt sich zugleich, ob es wirklich das ist, was wir jetzt brauchen: "Bekanntermaßen schaut die ungarische Kultur nach Paris, New York, London, Rom, horribile dictu nach Wien und vor allem nach Berlin - weil wir, so sagt man, im Vergleich mit den zentralen Kulturen und Themen so rückständig sind; wenn wir uns erst die Erfolge der Zentren angeeignet haben - dann können wir uns der Peripherie zuwenden. Pluralica aber (das ist schon anhand der ersten Nummer klar zu erkennen) hat hier einen ganz anderen Ansatz. Sie schert sich nicht um das Projekt 'Schließt auf! Schließt auf!', das ja am ehesten an den vor lauter Anstrengung nach Furz riechenden Sportunterricht der Grundschule erinnert. Vielmehr beschäftigt sie sich damit, dass letztendlich auch die ungarische eine Kultur der Peripherie ist, weshalb sie vielleicht nicht ausschließlich durch den frustrierten Vergleich mit den Kulturgütern des Zentrums zur Selbsterkenntnis gelangen sollte, sondern durch die geduldige Erschließung jener Gemeinsamkeiten und Unterschiede, die sie, ob es uns gefällt oder nicht, mit den anderen, ärmeren Kulturen der Peripherie verbindet, von denen in der Tat nur selten Initiativen ausgehen."
Stichwörter: Kulturgüter, Wien

Magazinrundschau vom 12.05.2009 - Elet es Irodalom

Immer wieder wird in Ungarn über die Integration der Roma debattiert – bislang ohne nennenswerte Ergebnisse. Den Grund dafür sieht der Ethnologe Peter Niedermüller – neben der weit verbreiteten Romafeindlichkeit – darin, dass diese Integration meistens als "Einbahnstraße" aufgefasst wird - als müssten sich ausschließlich die Roma um eine Aufnahme in die Gesellschaft bemühen. Für Niedermüller aber ist in dieser Frage auch die Mehrheitsgesellschaft gefragt: "Solange wir nicht erkennen, dass die Integration der Roma nicht ausschließlich an die Bildung und die Beschäftigung der Roma geknüpft werden kann, solange wir nicht verstehen, dass Integration auch mit stetiger, sozialer Fürsorge, mit der Aktivierung der Gesellschaft, mit einer sich auf alle Bereiche des Lebens erstreckenden Desegregation, mit interkultureller Bildung und mit der Schaffung eines gesellschaftlichen Konsenses gegen Hass und Vorurteile verbunden ist, werden wir keinen Schritt vorankommen."
Stichwörter: Integration, Roma

Magazinrundschau vom 31.03.2009 - Elet es Irodalom

Der ungarische Schriftsteller Gergely Peterfy muss 2008 ein gutes Jahr gehabt haben: Nach vier Prosabänden und einem Märchenroman ist sein erster "richtiger" - und hervorragender! - Roman ("Tod in Buda") erschienen, und sein Buch "Baggersee" wurde auf Deutsch veröffentlicht - mit 144 Seiten vielleicht eher eine Erzählung als ein Roman. Auf die Frage, warum Romane im allgemeinen höher eingeschätzt werden als Erzählungen, antwortet Peterfy: Es sei schon so, "dass auch ich die gründlich erzählten, reich orchestrierten Geschichten bevorzuge, dass auch ich das Großorchester mag - die unterschiedlichen Instrumentengruppen, die separaten kleinen Soli, die schlauen Konstruktionen und die beeindruckenden Wechsel im Tempo. Das Großorchesterhafte, die reiche Orchestrierung eines gründlich zu Ende erzählten Textes - dies erweckt beim Leser den Eindruck, dass es sich um eine große Einheit handelt. Beethovens 7. Sinfonie macht einen anderen Eindruck auf mich als die Appassionata. Lang sind sie zwar beide, aber aufgrund der reichen Orchestrierung, der Vielfalt der Themen, der Ansprüche und des schöpferischen Kampfes betrachte ich die Siebte eher als einen Roman."

Vor kurzem ist in Ungarn ein Rat installiert worden, der das Land Ungarn als Marke bewerben soll. Janos Szeky zweifelt an dem Erfolg dieser Initiative: "So eine Propaganda haben große, reiche Staaten, die als Maß der Entwicklung gelten, nicht nötig. Vielmehr wollen sich auf diese Weise Staaten beliebter machen, die mehr oder weniger an der Peripherie leben, nicht ausreichend anerkannt sind und mehr ins Zentrum dringen wollen. Dafür müssen sie beweisen, dass sie in irgendeiner Sache, die auch das Zentrum hoch schätzt, hervorragend sind - entweder mit einer Sache, die auch für das Zentrum charakteristisch ist (z.B. die Kunst), oder mit einer Eigenart (romantische Landschaften, billige, kunterbunte Märkte mit seltsam gekleideten Onkelchen und Tantchen). Was hat Ungarn auf diesem Feld zu bieten? [...] Hass, Angst, Paranoia, Unbeholfenheit und die allgemeine Idiotie, die in den letzten Jahren an die Oberfläche getreten sind, sind für unser Land zwar charakteristisch, machen es aber noch lange nicht beliebt. Weshalb sollte man denn ein Land mögen, das so derb zu sich selbst ist?"
Stichwörter: Paranoia

Magazinrundschau vom 24.03.2009 - Elet es Irodalom

Wie versucht unsere europäische Kultur mit den kulturellen Differenzen, mit dem Anderssein umzugehen? Mit dieser Frage befasst sich die Ausstellung "Der Andere" im Budapester Ethnografischen Museum. Parallel zur Ausstellung gab es auch eine Vortragsreihe. Eine der Dozenten war die Anthropologin Anna Losonczy, Professorin an der Pariser Ecole Pratique des Hautes Etudes, die, nachdem sie Ungarn 1972 verlassen hatte, fast zwanzig Jahre lang die ethnischen Beziehungen zwischen Schwarzen und Indios in Kolumbien untersuchte. Istvan Harangozo fragte sie, wie es um die Akzeptanz des Anderen im heutigen Ungarn bestellt sei - vor allem in Bezug auf die Roma. Die Ungarn mussten sich seit 1989 mit so viel neuem auseinandersetzen, meint Losonczy, "dass sich die einzelnen Gruppen dabei tatsächlich entfremdeten und dann in dieser Fremdheit, wie eine Karikatur, erstarrten. Alle Nuancen sind verloren gegangen. [...] In einer Gesellschaft, in der neue Legitimationen aufgebaut werden - und daher jede Beziehung zur Außenwelt neu definiert werden muss - wird der innere Andere, der zuvor intim war und zur eigenen Identität gehörte, zum Außenseiter. Der bekannte Andere hatte uns dabei geholfen, die eigene Identität zu konstruieren, doch dieser Konstruktionsprozess ist nun unterbrochen, nicht nur bei uns, sondern auch in den anderen Ländern der Region. Deshalb sind alle Minderheiten in der Umgebung sehr empfindlich von dieser Erscheinung betroffen."
Stichwörter: Fremdheit, Kolumbien, Roma

Magazinrundschau vom 17.03.2009 - Elet es Irodalom

Angesichts der Krise wollen immer mehr Ungarn den Kapitalismus zu Grabe tragen. Und wenn die Demokratie dabei mit in die Grube fährt?, fragen der Psychologe und Kampagnenexperte Gabor Bruck und der Historiker Zoltan Vagi: "Kapitalismus und Demokratie gehen Hand in Hand. Jede Wohlstandsdemokratie, die wir beneiden, verfügt über eine Marktwirtschaft, und die Freiheit der Unternehmen und der Wirtschaft stärkt überall die Demokratie und schwächt die Willkürherrschaft. Aus diesem Grund ist die Verbreitung des Antikapitalismus in Ungarn nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht bedenklich. Bevor wir also den Kapitalismus zu Grabe tragen, lohnt es sich, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung für einen Moment zu vergegenwärtigen: der Sinn von Regierungen sei, heißt es da, die 'unveräußerlichen' Rechte jedes einzelnen Bürgers zu garantieren – Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. Bevor wir also den Kapitalismus in der Hoffnung auf eine wundervolle Zukunft in den Sarg schubsen, sollten wir daran denken, dass wir mit ihm möglicherweise auch die Demokratie beerdigen würden."

Nach dem erfolglosen Versuch von Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany während des EU-Wirtschaftsgipfels in Brüssel, einen Hilfsfonds in Höhe von 190 Milliarden Euro für die ostmitteleuropäischen Länder einzurichten, nimmt der Chefredakteur von Elet es irodalom diese althergebrachte ungarische Strategie aufs Korn: Immer wenn sich Ungarn in einer schwierigen Lage befindet, kreiert man daraus zunächst ein regionales Problem, indem man den ungarischen Kummer in ganz Ost- und Mitteleuropa ausbreitet, und präsentiert dann das gesamte Problembündel den EU-Institutionen. Früher hat das ja funktioniert, sogar unter Kadar. "Nun, jetzt funktioniert es nicht mehr. Einerseits, weil wir längst keine progressive Rolle mehr in Osteuropa spielen, wie vor der Wende – die Situation ist sogar viel schlimmer: wir sind das faule und bequeme Land Osteuropas geworden. Während die anderen Staaten der Region Strukturreformen durchgeführt haben, [...] haben wir Ungarn uns die damit verbundenen Unannehmlichkeiten erspart und handeln nun überstürzt. Das Antichambrieren ist umso schwieriger als die anderen Länder, die sich bereits weiter vorn befinden und ernsthafte Opfer gebracht haben, offensichtlich nichts davon wissen wollen. Weder die Slowakei, noch Polen oder Tschechien. Auch zeigen sie keine regionale Solidarität mit Ungarn, und diese Haltung ist nur zu verständlich: Wenn jemand für etwas gelitten hat, sieht er es nicht gern, wenn der andere sich dieses etwas in den Vorzimmern der Diplomatie verschaffen will."

Magazinrundschau vom 10.03.2009 - Elet es Irodalom

Die Angst vor dem Anderssein ist so alt wie die menschliche Zivilisation selbst. Versteht man unter Zivilisation eine vom Menschen geschaffene Welt, die ihn vor den Gefahren beschützen soll, die in der Natur, außerhalb seiner Zivilisation auf ihn lauern, so gehört auch das Anderssein zu diesen potentiellen Gefahren. Ein Umdenken setzt erst in der Zeit der Aufklärung ein, als der "Barbar" - in einem neuen Kontext und auf der Suche nach einer neuen Zivilisation - interessant wird. Allerdings macht der Theaterwissenschaftler Laszlo Limpek auf das Paradoxon dieser Wende aufmerksam: Das Anderssein war im 18. Jahrhundert nicht an sich interessant, sondern nur insofern, als es für die "neue" europäische Ideologie wertvoll, um nicht zu sagen, brauchbar war: "Dies ist das Beispiel eines Anderssein-Kults, in dem der Diskurs über das Anderssein viel wichtiger ist, als die tatsächliche Emanzipation des Andersseins. Das (Nach-)Denken über das Anderssein ist nämlich vor allem eine Identitätssuche (boshaft formuliert: Selbstbestätigung), und nicht die Akzeptanz des Andersseins als solchen, weshalb die Rede darüber völlig ausreicht, eine praktische Verwirklichung der theoretischen Deklarationen ist nicht nötig."
Stichwörter: Emanzipation, Zivilisation

Magazinrundschau vom 03.02.2009 - Elet es Irodalom

Die ungarische Literatur ist populär in Holland, seit dem Krieg sind etwa 100 Bücher übersetzt worden, im Vergleich mit anderen "kleinen" Sprachen - wie dem Tschechischen oder Polnischen - ist diese Zahl der Übersetzungen ziemlich hoch. Allerdings machen die Holländer Unterschiede: Sandor Marais wird sehr gern gelesen, Peter Esterhazy weniger. Warum das so ist, erklärt im Interview Agnes Kerekjarto, Dozentin für ungarische Literatur an der Universität Groningen. "Die sprachliche Virtuosität, wie sie Esterhazy betreibt, hat in Holland keine Tradition, sie ist dem puritanischen holländischen Sprachgebrauch fremd, weshalb Esterhazys Texte auch in der Übersetzung ungarische Texte bleiben. Er ist sozusagen ein Katholik in einer protestantischen Welt. Einem Holländer erscheint sein Stil als zu barock, zu übermäßig verziert, weil er an eine klare Linienführung, an eine direkte Rationalität und an eine Moral gewöhnt ist, und diese bevorzugt er auch. Zudem ist die holländische keine verspielte Kultur, weshalb dem Leser Esterhazys Ironie entgeht. Die Ironie ist ja im Grunde eine Frucht der Ohnmacht, sie blüht vor allem in Ländern, in denen die Menschen ihre Geschichte nicht selbst gestalten, sondern nur erleiden. In den Augen der Holländer aber sind Probleme dazu da, gelöst zu werden. Sie verstehen nicht, warum einer ironisiert, statt zu handeln."

Istvan Vancsa kommentiert die Begeisterung der Amerikaner während der Vereidigungszeremonie von Barack Obama: "Sie (die Amerikaner) haben etwas, was uns (Mitteleuropäern) fehlt, was uns schon immer gefehlt hat und was wir in absehbarer Zeit auch nicht haben werden. Sie vertrauen der Gesellschaft, in der sie leben, sie vertrauen den Grundprinzipien, den Einrichtungen und der Rechtsordnung ihrer Gesellschaft. Sie sind der Meinung, dass ihr Land, mit all seinen Fehlern, das Beste aller existierenden Länder ist, dass die Struktur der Föderation auf weisen Ideen basiert, dass ihre Gesetze der Gerechtigkeit, ihre Institutionen dem Gemeinwohl dienen. Wir halten diese Art von staatsbürgerlichen Gefühlen für ein wenig pathologisch, wenngleich alle funktionierenden Kulturen gerade darauf basieren, also auf dem Glauben an die ... - zumindest prinzipielle - Lauterkeit der Macht. Wenn all das vorhanden ist, ist es nicht ausgeschlossen, dass die eleganten Damen und Herren sich selbst vor die Karren spannen und die Steine für den Bau der Kathedrale zu Chartres höchstpersönlich herbeitransportieren".

Magazinrundschau vom 27.01.2009 - Elet es Irodalom

Das ungarische Theater ist in der Krise. Die Theaterelite behauptet, die Knappheit Subventionen sei Schuld daran. Aber das stimmt nur zum Teil, findet der Theaterkritiker Tamas Koltai - das eigentliche Problem sei die Feigheit des ungarischen Theaters von heute. "Das ungarische Theater fürchtet drei Dinge am meisten: Existenzfragen, Realität und Gedanken. Folglich reagiert man darauf auch besonders empfindlich, im negativen Sinne: Nichts auf der Welt ruft so viel Abneigung hervor - die schlechte Qualität nicht, die Bluffs nicht, das Primitive nicht -, wie jenes Theater, das von uns handelt, das die Ruhe unseres Alltags stört, und das einen Intelligenzquotienten verlangt, der über dem Minimum liegt. Nicht die Niveaulosigkeit wird zum Kulturskandal, ... sondern das, was Qualität schafft, Gedanken inspiriert und Fragen stellt. Warum aber wundern wir uns darüber? Warum sind wir von der Feigheit unseres Theaters überrascht, wenn die gesamte Gesellschaft feige ist?"

Magazinrundschau vom 20.01.2009 - Elet es Irodalom

Der Medienwissenschaftler Peter György ist schockiert über die "Skandal-Verleihung" des von der Deutschen Bank gesponserten Kandinsky-Preises an den nationalistischen Künstler Alexej Beljaew-Gintowt (ob er nun links- oder rechtsnationalistisch ist, da scheiden sich die Geister). György findet, dass - wenngleich sich hier zunächst so mancher Kurator im Irrgarten jener Kunst verlaufen haben mag, die ihr postmodernistisches Spiel mit der sozialistischen Vergangenheit treibt - an solchen Preisen grundsätzlich etwas faul ist: "Wenn die heutige Avantgarde nunmehr nicht im Gegenwind, sondern mit den Geldern der Deutschen Bank und im Milieu der Oligarchen und der Milliardäre agiert, müssen Begriff, Taktiken und Bedeutung des Freiheitskampfes neu formuliert werden... Es ist peinlich, aber es hat sich herausgestellt, dass der Kandinsky-Preis lediglich ein Spielzeug der neuen Elite und damit nur ein Teil des Systems ist".

Eine lebhafte Schilderung (auf Englisch) der Proteste gegen die Preisverleihung an Beljaew-Gintowt findet man bei den Links-Internationalisten von Chto Delat (Was tun), ebenso einen Offenen Brief der Gruppe Vpered (Forward!) Socialist Movement, die die Indifferenz der Sponsoren, der Jury (Kunsthistorikerin Ekaterina Bobrinskaja, Valerie Hillings vom Guggenheim Museum, Andrej Jerofejew, damals noch Leiter der Tretjakow-Galerie, Friedhelm Hütte von der Deutsche Bank Kunst, Jean-Hubert Martin von den Französischen Nationalmuseen und Alexander Borovsky vom Russischen Museum in St. Petersburg) und den Autoritarismus des russischen Magazins ArtKronika aufs Korn nimmt. Das englische Kunstmagazin Frieze fand die Auszeichnung Beljaew-Gintowts in Ordnung: Der Mann sei zwar kein besonderer Künstler und Faschist sei er auch, aber als Botschafter der Putinära sei er perfekt. Neben Beljaew-Gintowt wurde auch die PG Group mit einem Preis ausgezeichnet. Sie hatte laut Bloomberg einen besonders aparten Auftritt bei der Galaveranstaltung: "To receive the award, the three young men that comprise the group came on stage wearing ski masks, announcing themselves to be the Moscow representatives of Somali pirates. 'The future belongs to people in masks,' one member of the group said, to a stunned audience. 'Your fat-cat lifestyle will soon end and then you'll all be hung up high.' 'We're not joking,' he added. Silence descended on the room, followed by meek applause."

In ihrem Internetmagazin lehnt die Deutsche Bank Kunst jedoch alle revolutionären Gesten ab: der Bericht über die Veranstaltung erwähnt weder die Proteste noch den politischen Hintergrund der ausgezeichneten Künstler. Friedhelm Hütte hat inzwischen erklärt, er bedauere, dass er für Beljaew-Gintowt gestimmt habe.