Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

642 Presseschau-Absätze - Seite 49 von 65

Magazinrundschau vom 13.10.2009 - Elet es Irodalom

Chefredakteur Zoltan Kovacs versteht nicht, warum man Roman Polanski verteidigen soll. Wegen seiner Filme? "Der Filmregisseur büßt durch seine eigenen Filme, hieß es vor einigen Jahren, als Istvan Szabos Stasi-Vergangenheit bekannt wurde – womit auch der, der diese Vergangenheit öffentlich gemacht hatte, gedemütigt wurde. Das ist natürlich sehr ungerecht, weist aber in einem breiteren Kontext auf die Überlegenheit der Intellektuellen hin, wenn es um die Durchsetzung der eigenen Interessen geht. Ein Tischler kann sich von seiner seelischen Last auch durch unzählige, gut gelungene Schrankwände nicht befreien, wünschte er dies noch so sehr. Diese Schrankwand ist wahrlich schön, sagt die Familie mit einem leisen Seufzen, schade nur, dass der Franz vor zehn Jahren geklaut hat. Und der Franz hofft auch auf keine Barmherzigkeit, er wird in Sünden verrecken."

Magazinrundschau vom 06.10.2009 - Elet es Irodalom

Die Beziehung zwischen Demokratie und Kapitalismus ist zerstört, schrieb kürzlich der slowenische Philosoph Slavoj Zizek in der London Review of Books. Eine "postdemokratische" Ära komme auf uns zu – dabei schienen Demokratie und Kapitalismus Jahrzehntelang untrennbar zu sein. Zizek zufolge besteht diese "Krise der Demokratie" nicht darin, dass die Normalbürger an ihrer eigenen Macht zweifeln würden, sondern vielmehr darin, dass sie der politischen Elite nicht mehr trauten. Der Ethnologe Peter Niedermüller ist der Meinung, dass dies auch für Ungarn zutrifft. Dabei hat vor 20 Jahren alles so schön und vielversprechend angefangen, und nun wünscht sich die Mehrheit der Ungarn eine neue, eine andere Wende: "In dieser Hinsicht befindet sich die Demokratie auch in Ungarn in der Krise. Deshalb sollten wir im weiteren darüber nachdenken, wie wir dieser Krise, dieser Sackgasse, in die wir uns in den vergangenen zwei Jahrzehnten gemeinsam hineinmanövriert haben, wieder entkommen können."

Magazinrundschau vom 29.09.2009 - Elet es Irodalom

Die institutionelle Kontinuität zwischen der späten Kadar-Ära und der Gegenwart erstreckt sich auf viel größere Bereiche als in der Öffentlichkeit zugegeben wird, meint der Soziologe Attila Melegh. Ihm zufolge leben die "freie Marktwirtschaft" und der Staat in Ungarn in einer parasitärer Symbiose, die auch für den Großteil der Strukturprobleme des Landes sorgt – worüber man aber nicht rational und neutral sprechen könne, weil in irgendeiner Form fast jeder davon betroffen sei und weil jede Äußerung von den politischen Gruppierungen missbraucht werde. Tibor Berczes fragte den Soziologen, worin sich diese Kontinuität am meisten bemerkbar macht: "Anstatt die wirtschaftliche Anpassungsfähigkeit des Landes und deren Bedeutung für die Gesellschaft zu analysieren, begnügte man sich [nach der Wende] damit, den Sozialismus als das Problem selbst zu identifizieren, das durch ein 'westliches' System abgelöst werden müsse – als würde eine bloße Kopie des westlichen Musters ausreichen. Alle bekundeten laut, dass das Staatseigentum abgeschafft werden müsse. Ob und wie sich aber die ungarische Wirtschaft und deren Akteure den neuen Herausforderungen anpassen werden, wurde außer Acht gelassen. Darüber hat man zu keinem Zeitpunkt gemeinsam nachgedacht, weder damals, noch heute."
Stichwörter: Attila, Freie Marktwirtschaft

Magazinrundschau vom 22.09.2009 - Elet es Irodalom

Es ist erschreckend, wie wenig die Ungarn über ihre Geschichte wissen, meint die Soziologin Maria Vasarhelyi, die der Frage nachgeht, inwieweit Ungarn gut sechs Jahrzehnte nach Kriegsende und fünf Jahre nach dem EU-Beitritt dieses "Eintrittsbillett in die moralische und politische Gemeinschaft der Europäer" (Tony Judt) gelöst hat. Zwei Drittel der Ungarn sind überzeugt, dass Ungarn von Nazi-Deutschland zum Kriegseintritt und zum Judenmord "gezwungen" wurde. "Von dieser Selbsttäuschung und dem Wunsch, sich freizusprechen, sind die Erinnerungen an die Geschichte des ganzen 20. Jahrhunderts geprägt. Dazu passt auch die Verklärung des Kadar-Systems und die vollkommene Abkehr von der Wende. Es ist kaum möglich, dieses tiefe ideologische Chaos, das die Beziehung der erwachsenen Bevölkerung zu den vergangenen Jahrzehnten kennzeichnet, rational wiederzugeben. Im Denken der Mehrheit findet die Idealisierung und die nostalgische Aufwertung des Kadar-Systems genauso ihren Platz, wie der unkontrollierte Hass gegen die Kommunisten und der Wunsch nach Abrechnung. [...] Die von Lügen und Verzerrungen belastete Erinnerung schließt das öffentliche Denken in eine eigenartige Zeitkapsel. Eine kohärente und ausgeglichene Erzählung über die Vergangenheit fehlt ebenso wie eine Zukunftsvision. Und so werden die Menschen zu Gefangenen der Gegenwart. Da wir weder hinsichtlich unserer Vergangenheit, noch hinsichtlich unserer Zukunft über ein realistisches Bild verfügen, wird ein rationales Nachdenken über die Probleme der Gegenwart immer hoffnungsloser."

Magazinrundschau vom 15.09.2009 - Elet es Irodalom

Zum 70. Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts wurde im staatlichen russischen Fernsehsender Rossija ein "Dokumentarfilm" ausgestrahlt, in dem russische Historiker Polen für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verantwortlich machen: Polen habe die "helfende Hand" der Sowjetunion abgelehnt, die dann, mit ihrem Vorhaben einer antifaschistischen Koalition allein gelassen, zu diesem "genialen diplomatischen Schritt" (dem Pakt) "gezwungen" gewesen sei. Der Historiker Miklos Mitrovits sieht diese neuerliche Haltung im Kontext jenes Russlands, das in den Klub der Großmächte zurückgekehrt ist und nun das imperiale Bewusstsein wiederbeleben will: "Laut Polen ist es unabdingbar, dass die polnisch-russischen Beziehungen auf der vollen historischen Wahrheit und dem Eingestehen vergangener Fehler basieren. Die andere Seite sieht es genau umgekehrt. Die derzeitige russische Politik und die 'Geschichte-Macher' sprechen die einstige sowjetische Führung von fast jeder Verantwortung hinsichtlich des Krieges frei. Sie haben recht, wenn sie sagen, dass die Ereignisse in einem breiteren Kontext interpretiert werden können und müssen – dies kann aber nicht bedeuten, dass wir uns aus der historischen Verantwortung stehlen, indem wir die Verbrechen anderer hervorheben. [...] Wir sind hier Zeugen sowohl der imperialen Machtdemonstration als auch von Positionskämpfen, während die Geschichte weiterhin die Magd der Politik bleibt."

Dem australischen Medienmogul Rupert Murdoch, der die Internet-Seiten seiner News Corporation nicht mehr unentgeltlich anbieten will, wird vorgeworfen, den freien Fluss der Information weitestgehend kontrollieren zu wollen. Dabei könnten seine Kritiker in diesem Fall im Unrecht sein, findet Janos Szeky: "Wenn die Presse vom Staat kontrolliert wird und sich eine Vielzahl von Amateuren am Markt beteiligt, kann eine offene oder verdeckte politische Beeinflussung durch nichts mehr verhindert werden. Man kann Murdoch für seine Raubtier-Strategie zwar beschimpfen, aber es gibt einen Fall, in dem es ihm zu verdanken war, dass die Meinungsfreiheit auch unter autoritären Verhältnissen zu einem gewissen Grad erhalten blieb. [Der Fall des Imedi-Fernsehens in Georgien.] Es kann sein, dass das Vorhaben, Nachrichtenangebote nur noch kostenpflichtig anzubieten, für die News Corp. nach hinten losgehen wird. Doch dass die öffentlich-rechtlichen Medien Garanten der Qualität seien, ist ebenfalls nicht in Stein gemeißelt – wie auch der im Internet rumhängende und seine Text- oder Multimedia-Funde hochladende Amateur nicht der Garant der Wahrheit ist. Der aufrichtig funktionierende Markt ist immer noch die zuverlässigste Quelle der Wahrheit und der Freiheit."

Magazinrundschau vom 25.08.2009 - Elet es Irodalom

Die Mehrheit der Ungarn betrachtet die im Land lebenden Roma nicht als Teil der Gesellschaft, weil ihr Verhalten, so der Tenor, nicht der "Moral" der Mehrheit entspricht. Der ungarische, im rumänischen Siebenbürgen lebende Journalist Bela Biro stellt allerdings fest, dass viele Roma ebenfalls voreingenommen sind und alle Nicht-Roma von vornherein als Rassisten betrachten - und sich aus diesem Grund erst recht nicht an die Regeln der Mehrheitsgesellschaft halten wollen. Was tun? "Die Disziplinlosigkeit der Roma, ihre Aggressivität, also alles, was die Mehrheit als 'Zigeunertum' abstempelt, hat ohne Zweifel damit zu tun, dass die Mehrheitsgesellschaft ihnen keine Möglichkeit bietet, sich selbst zu organisieren. Zugleich ist es nicht gelungen, die Romagemeinschaften in die [nach der Wende] neu geschaffenen Institutionen einzugliedern. Ihre Interessen müssen sie als Einzelne vertreten. So gesehen ist der Roma als Staatsbürger das Paradebeispiel einer radikalen Vereinzelung. Als der richtige Weg erscheint mir aber nicht die Assimilation, sondern die gemeinschaftliche Integration. Die Romagemeinschaften können sich selbst nur von innen wieder aufbauen, nach ihren eigenen Gesetzen [...] Es scheint, dass für die Roma dieselbe gesellschaftliche und Gruppenautonomie eine Lösung sein könnte, die wir, die Mitglieder der ungarischen Minderheiten, für uns selbst fordern."

Magazinrundschau vom 04.08.2009 - Elet es Irodalom

Die Oppositionspartei Fidesz hatte Ende Juni den Gesetzesvorschlag der Regierung zur Sanktionierung der Holocaust-Leugnung abgelehnt und statt dessen einen eigenen Vorschlag eingebracht, in dem NS- und kommunistische Verbrechen betont zusammen behandelt werden. "Die Erinnerung an den Holocaust, die so manches über die politische Kultur eines Landes verrät und von den zivilisierten politischen Kräften der westlichen Länder einhellig beurteilt wird, steht in Ungarn im Brennpunkt der ideologischen Konfrontation beider politischer Lager", stellt der Soziologe Janos Gado fest und steht einer baldigen Lösung dieser Frage skeptisch gegenüber: "Lohnt es sich, die Leugnung des Holocausts zu bestrafen? Was können wir damit erreichen? Bringt es etwas, die Verbreiter vergleichbarer Mythen über die jüdische Weltverschwörung oder den Christusmord zu bestrafen? Wie kann man gegen einen Mythos kämpfen? ... Ängste und Projektionen können weder mit nüchternen Argumenten, noch mit Verboten zerstreut werden."
Stichwörter: Fidesz

Magazinrundschau vom 28.07.2009 - Elet es Irodalom

In Ungarn ist eine Diskussion über die Legalisierung der Prostitution entbrannt. Für Anna Betlen, Ökonomin, Regierungsberaterin und Mitarbeiterin der ungarischen Frauenstiftung MONA, ist Prostitution grundsätzlich nicht von Menschenhandel und Gewalt zu trennen. Schließlich wolle der Freier eine Form von Sex, bei dem sich die Frau zu einem Gegenstand degradiert. Das gehe nicht ohne Gewalt (ob körperlich oder seelisch, und in welcher Phase der 'Prostituisierung' auch immer). Der Zusammenhang zwischen Menschenhandel und Prostitution wird einem klar, so Betlen, wenn man den Anteil der überwiegend ausländischen und minderjährigen Prostituierten in westlichen Ländern mit legalisierter Prostitution betrachtet: "Kürzlich rief mich ein Reporter des Schweizer Fernsehsenders TV2 an und fragte mich, welch eine eigenartige patriarchale Subkultur in den nordostungarischen Ortschaften Püspökladany und Berettyoujfalu herrschen möge, von wo so viele Kinderprostituierte an Zürcher Bordelle verkaufen werden? Ich fragte zurück: Welch eine eigenartige patriarchale Subkultur mag denn in Zürich herrschen, dass es dort ausgerechnet eine Nachfrage für Frauen und Mädchen aus Ostungarn gibt und nicht nach – sagen wir mal – Jonagold-Äpfeln?"

Magazinrundschau vom 21.07.2009 - Elet es Irodalom

Janos Szeky versucht diese Woche jene Zuneigung zu ergründen, die die ungarischen Boulevard-Medien der plastischen Chirurgie entgegenbringen. Zunehmend halten nämlich im Fernsehen Promis Einzug, deren Celebrity-Dasein einzig auf irgendwelchen Schönheitsoperationen beruht. Die Sendungen sind auch ein perfektes Beispiel für Nachhaltigkeit: "Der ungarische Boulevard ist bekanntermaßen ein geschlossenes, zyklisches und sich recycelndes System, vollkommen umweltfreundlich: was einmal reingekommen ist, wird immer wieder verwendet, nichts geht verloren. Und es ist geschlossen, weil der nationale Boulevard nicht von irgend etwas, sondern nur von sich selbst handelt."
Stichwörter: Nachhaltigkeit

Magazinrundschau vom 16.06.2009 - Elet es Irodalom

Das ungarische Theater ist im Ausland viel angesehener als daheim. Tamas Aschers Inszenierung von Tschechows "Iwanow" oder Arpad Schillings Inszenierung der "Möwe" waren international erfolgreich, nur in Ungarn wollte sie kaum jemand sehen. Nicht mal die Intellektuellen gehen ins Theater. Das ist sehr ungerecht, findet der Theaterkritiker Tamas Koltai: "Ein mittelmäßiger Roman sorgt für einen viel größeren Medienrummel, als eine hervorragende Inszenierung. [...] Dabei würde es viel bedeuten, wenn die Persönlichkeiten der anderen Künste wenigstens moralisch Lobbyarbeit für das Theater leisten würden. [...] Ich halte es für unerfreulich, wenn Intellektuelle, Menschen des Geistes sich in Interviews damit brüsten, nicht ins Theater zu gehen. Das Theater ist ein Forum der Gemeinschaft, in dem die öffentliche Kommunikation an Disziplin, Form und Gedanken gebunden ist. Es ist beinahe das einzige Forum dieser Art. Darauf können wir nicht verzichten."