
Man sagt,
Solschenizyn sei nur ein mittelmäßiger Schriftsteller gewesen; man sagt, sein Stil sei banal, er habe keinen Humor; man sagt, er sei dem russischen Großmachtswahn verfallen, er sei ein konservativer Monarchist und russischer Nationalist geworden; man sagt, seine unablässige Moralpredigten seien schrecklich langweilig. Das mag zum Teil stimmen,
schreibt der Philosoph
Miklos Tamas Gaspar, ist aber vollkommen egal: "Alexander Issajewitsch Solschenizyn hat die heiligen Bücher des 20. Jahrhunderts geschrieben. Heilige Bücher sind oft einfach, ihre Elemente etwas konfus, ihre Autoren manchmal unwissend, manchmal sogar nicht ganz dicht. ... Die vulkanischen, manchmal die Stilmittel des billigen russischen Romans anwendenden, wortreichen und aufgeregten Bücher Solschenizyns sind keine Klassiker. Das ist keine Literatur. Das ist die Heilige Schrift. ... Alexander Solschenizyn hat eine Sache hartnäckig wiederholt: Dass nämlich das
Leiden nicht edel macht, dass nicht die Tugend der Leidenden zählt, sondern die
Bösartigkeit des Systems, die nicht verjährt. Aus dem Gulag kann nichts abgeleitet werden, was relevant wäre für die menschliche Natur. ... Und Alexander Solschenizyn hat uns davon überzeugt, dass wir die Dinge aus der Perspektive der Leidensgeschichte betrachten müssen. Wo es einen Willen gibt, da ist auch das
moralische Urteil angebracht. Dieses Urteil ist eindeutig und einfach. Nicht raffiniert, nicht klug, nicht 'relevativ' im intellektuellen oder geistigen Sinne. Aber
gültig."
"Hätte man Zeit gehabt, die Reformen weiterzuentwickeln, hätte es vielleicht zu jenem freien gesellschaftlichen System kommen können, das den
Sozialismus wettbewerbsfähig gemacht hätte - aber mit den damaligen Reformen wäre das auch nicht gelungen. ... Heute bin ich davon überzeugt, dass demokratische Wohlstandsgesellschaften nur durch marktwirtschaftliche Reformen zustande gebracht werden können. Es gibt
keinen '
dritten Weg', der Wirtschaftssysteme ohne Privateigentum betreiben könnte",
sagt der
Ökonom Jiri Kosta, der sich nach 1962 an der Ausarbeitung jener Wirtschaftsreformen beteiligt hatte, die dem
Prager Frühling vorausgingen. Nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts musste Kosta emigrieren und erhielt später einen Lehrstuhl an der J.W. Goethe Universität in Frankfurt am Main.