Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

642 Presseschau-Absätze - Seite 51 von 65

Magazinrundschau vom 30.12.2008 - Elet es Irodalom

Der ungarische Schriftsteller György Dragoman übersiedelte 1988, im Alter von 15 Jahren mit seinen Eltern aus Marosvasarhely in Rumänien nach Ungarn. Der Kritiker Csaba Karolyi fragte ihn, ob seine Schriften der ungarischen Literatur Siebenbürgens zugeordnet werden können - sofern es diese Kategorie überhaupt gibt: "Ich habe ziemlich früh für mich entschieden, dass diese Kategorie nicht existiert. Solche Schubladen mag ich nicht. Das Schöne ist ja gerade, dass wir auf Ungarisch schreiben - in welchem Land der Autor lebt, bleibt dabei unerheblich. Auf solch einer Grundlage habe ich nie markante Unterschiede zwischen verschiedenen ungarischen Autoren empfunden. Es gibt eine einheitliche ungarische Literatur. Nur weil jemand beispielsweise in Marosvasarhely lebt, wird er noch nicht automatisch über die Welt Siebenbürgens schreiben. Sehr wohl gibt es Autoren, wie Attila Bartis zum Beispiel, die mittlerweile zwar in Budapest leben und arbeiten, deren Grunderlebnisse aber aus Siebenbürgen stammen. Dieser Tradition gehöre ich in der Tat an, ich könnte mich ihr auch kaum entziehen. Aber bin ich deshalb ein Schriftsteller aus Siebenbürgen? Natürlich nicht, weil ich nicht dort lebe."

Magazinrundschau vom 16.12.2008 - Elet es Irodalom

Rückblickend wundert sich Janos Szeky darüber, dass Janos Kadar, der "legendäre" Generalsekretär der ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei, bis zum Ende seiner Macht nicht nur im Westen stets gelobt wurde (ohne seinen Rachefeldzug gegen die Aufständischen von 1956 zu erwähnen) sondern auch in der Heimat als vollwertiger Politiker angesehen wurde - als hätte man nie bemerkt, was für ein geistiges Leichtgewicht er war. Dabei hatte er selbst von sich gesagt, er sei "ein primitiver Mensch". Dazu meint Szeky: "Die Massen waren froh darüber, dass einer die ungarische Sprache genausowenig beherrschte wie sie, dass er die selben Binsenwahrheiten als Lebens- und politische Weisheiten verkaufte wie sie. Dies alles war kein Nachteil, vielmehr hat es der unbestreitbaren Popularität des Diktators (in ziemlich breiten Kreisen) geradezu genützt. Es ist wohl eine goldene Regel, dass die Menschen die offensichtlich intelligenten Politiker nicht mögen. Bedenklich ist aber, welche Wirkung die Primitivität und der mentalen Zerfall des einstigen Generalsekretärs auf die politischen Verhaltensmuster in Ungarn nach der Wende hatten - ein zusammengesetzter und teilweise ironischer Satz gilt bereits als Beweis der Sünde und des Hochmuts. Dies verbindet sich mit dem erschreckenden Antiintellektualismus der meisten Medien, der in einem nicht geringen Maße den Gesetzgebern zu verdanken ist, die wiederum mit dem Kadar-Modell aufgewachsen sind."

Magazinrundschau vom 09.12.2008 - Elet es Irodalom

Vor einigen Monaten ist beim Berliner Verlag für Polizeiwissenschaft der Band "Intelligence-Service Psychology" erschienen. Einer der Autoren ist der Historiker und Mitarbeiter der Birthler-Behörde Helmut Müller-Enbergs. Andras Gervai fragte ihn in einem Email-Interview, ob die Kenntnisse, die er aus den Stasi-Akten und aus den Gesprächen mit IMs und Stasi-Offizieren gewonnen hat, seine Denkweise verändert hätten: "Im Zuge meiner Arbeit habe ich zwei grundsätzliche Erfahrungen gemacht, auf die ich liebend gerne verzichtet hätte. Früher hatte ich eine genaue Vorstellung davon, was normales und was nicht normales menschliches Verhalten ist. Heute kann ich das nicht mehr so genau beurteilen. Für mich wurde das Unnormale zur Normalität. Dies hatte im Alltag ziemlich bedeutende Konsequenzen: ich konnte mich mit niemandem unterhalten, ohne dabei nach seinen Hintergedanken zu forschen. Meine andere grundsätzliche Erfahrung war, dass ich früher geglaubt hatte, dass jeder Mensch ist, wie er ist, und im Großen und Ganzen auch bis zu seinem Lebensende so bleibt, doch ich musste erkennen, dass mit entsprechenden Methoden fast jeder manipuliert werden kann. Mein Bild vom mündigen Bürger löste sich auf. Wer in dieser Behörde, inmitten dieser Akten arbeitet, verändert sich stetig, ohne es zu merken. Schmerzhaft wird dieser Prozess, wenn man sich dessen bewusst wird."

Magazinrundschau vom 02.12.2008 - Elet es Irodalom

Die Warschauer Literaturzeitschrift Zeszyty Literackie, die vor kurzem ihr 25jähriges Bestehen gefeiert hatte, stellte vorletzte Woche ihre neueste Ausgabe in Budapest vor. Die Herausgeberin der Zeitschrift, Barbara Torunczyk, erklärt im Interview mit Andras Palyi, was ihrer Ansicht nach mit Polen nicht stimmt. "Als die westliche Hälfte Europas nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Sturz der Nazidiktatur zu einem demokratischen Wertesystem zurückkehrte, hielten es sowohl die Intellektuellen als auch die Politiker für wichtig hielt, den Respekt für die kulturellen europäischen Tradition wiederherzustellen. Wir haben dies vor zwanzig Jahren in einer ähnlichen Situation versäumt, mit fatalen Folgen. Warum mussten all unsere moralischen und künstlerischen Schätze durch den Dreck gezogen werden? Warum haben wir nicht dafür gesorgt, dass uns Walesa als Symbol der Freiheit Polens, Michnik als Vorkämpfer der reinen Öffentlichkeit, Zagajewski als Dichter der glaubwürdigen Worte erhalten bleiben?"
Stichwörter: Literaturzeitschriften

Magazinrundschau vom 25.11.2008 - Elet es Irodalom

Der Chefredakteur der Wochenzeitung kritisiert ein Argument, das sich die ungarische Seite - auch in Regierungskreisen - zunehmend zu eigen macht: der Rechtsradikalismus, in Ungarn eine Randerscheinung, sei in der Slowakei auf Regierungsebene präsent. Dieses Argument greife nicht. "Die ungarischen Rechtsextremen, sind, wenngleich nicht in der Regierung, aber auf kommunaler Ebene sehr wohl vertreten, und mit ihnen jene Ideologie, deren Teil der Nationalismus bildet. Die ungarische Legislative ist augenscheinlich unfähig, den sich auf nationalistischer Basis organisierenden, halbregularen, uniformierten und bereits die Landesgrenze überquerenden Truppen zu begegnen, in deren Ideologie die Revision der Grenzen eine zentrale Forderung darstellt. Was hat die ungarische Rechtsprechung, die ungarische Verwaltung erfolgreich dagegen unternommen? Praktisch gar nichts... "

Der Historiker und Politologe Daniel Hegedüs versucht, dem slowakisch-ungarischen Konflikt auch etwas Positives abzugewinnen: "Einen Gewinn wird dieser kleine slowakisch-ungarische Kalte Krieg bestimmt noch bringen: Die Erkenntnis, dass es an der Zeit ist, zunächst vor unserer eigenen Haustür zu kehren. Ein Ungarn, in dem der Einfluss der extremen Rechten auch für den internationalen Medienkonsumenten sichtbar zunimmt, in dem rassistische Gewalttaten gegen Roma an der Tagesordnung sind, in dem nationale Symbole anderer Staaten verbrennt und Ortstafeln in Sprachen der Minderheiten umgestürzt werden - solch einem Ungarn fehlt die moralische Grundlage, um gegenüber anderen Länder als Beschützer der Minderheitenrechte aufzutreten. Und ohne moralische Grundlage ist auch der politische Spielraum sehr klein.?

Magazinrundschau vom 21.10.2008 - Elet es Irodalom

Seit der Wende ziehen immer mehr Ausländer nach Ungarn. Dennoch hat der ungarische Staat keine Strategie, wie diese Einwanderer in ihre neue Umgebung eingebunden werden könnten. Auch die Bevölkerung ist nicht immer offen für Neuankömmlinge, erklärt Gabor Michalko, Mitabeiter am Geografischen Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA), im Interview: "Die Ungarn sind im Umgang mit Fremden ziemlich vorsichtig, manchmal sogar misstrauisch und ablehnend, sie öffnen und befreunden sich nur langsam. Das ist leider ein ererbtes Muster. Zwar hat man in den vergangenen zwei Jahrzehnten seit der Wende in dieser Hinsicht zahlreiche positive Veränderungen feststellen können, da ja eine neue Generation aufgewachsen ist, die trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten viel einfacher ins Ausland gehen und andere Muster kennenlernen kann, dennoch dauert dieser Prozess unheimlich lange. Hinsichtlich der Sprachkenntnisse ist keine deutliche Verbesserung eingetreten, und die Ungarn sind - sowohl im wortwörtlichen Sinne als auch in ihrer Mentalität - weiterhin immobil."

Magazinrundschau vom 14.10.2008 - Elet es Irodalom

Vor einigen Wochen hat die sogenannte Kenedi-Kommission (um den Soziologen Janos Kenedi), die ein Jahr lang das Schicksal der Stasi-Akten in Ungarn nach der Wende untersucht hat, ihren Bericht vorgelegt. Der Historiker und Kommissionsmitglied Laszlo Varga findet das Ergebnis ernüchternd: Viele Akten sind in der ersten Hälfte der 90er Jahre verschwunden - viel mehr, als ursprünglich angenommen. "Unter 'normalen Umständen' hätte jede einzelne Behauptung des Kenedi-Berichts für einen Skandal gesorgt. In ihrer Gesamtheit spiegeln sie jedoch einen verblüffenden Vorgang wider, der kein Komplott ist, sondern vielmehr der Beweis für das ununterbrochene Weiterleben der alten Reflexe. Bis zum heutigen Tag. Die Kenedi-Studie macht einen Historiker wie mich stutzig. ... Man müsste 'die Wende' neu interpretieren. Sie kann nicht mit einem bestimmten Augenblick verknüpft werden. Ihre Quelle (oder ihr erster Schritt?) ist die niedergeschlagene Revolution von 1956, ihr entscheidendes Vorspiel die jeweiligen 'Reformen', deren Scheitern und Weiterleben. Nähert man sich ihr jedoch vom anderen Ende, kann man überhaupt nicht von einem plötzlichen Wechsel von der Diktatur in die Demokratie sprechen, so dass wir also nicht einmal nach 20 Jahren am 'Ende' der Wende angelangt sind. Wir befinden uns immer noch mitten drin. Inklusive der Kenedi-Kommission."
Stichwörter: Stasi, Stasi-Akten, 1956, Komplott, 1990er, 90er

Magazinrundschau vom 23.09.2008 - Elet es Irodalom

Angesichts der russischen Offensive in Georgien befürchten manche Veteranen des Kalten Krieges, dass bald russische Panzer auch vor den Toren Budapests oder Prags stehen könnten, wenn man nicht auf der Hut sei. Betrachtet man aber die Reaktionen der internationalen Gemeinschaft auf die Georgien-Krise, gibt es ganz andere Gründe, die einem Sorgen machen könnten, meint der Soziologe Pal Tamas: "Das eigentliche Übel ist, dass es sich erneut erwiesen hat, dass das Verhalten der internationalen Organisationen - trotz unzähliger Abkommen, Foren und eifrig eingezahlter Mitgliedsbeiträge - äußerst unberechenbar und hochgradig verletzbar ist. Nirgendwo ist ein neuer Kissinger oder Talleyrand auf die Bühne getreten, der wüsste, was nun getan werden sollte. In der Innenpolitik haben wir uns schon längst damit abgefunden, dass wirkliche Fachleute des Regierens nicht mehr vorhanden sind, und dass sie von bloßen Kommunikatoren abgelöst wurden. Wir haben aber gehofft, dass wenigstens in der Außenpolitik noch Visionen und handwerkliches Können existieren. Die Welt sollte ja im Prinzip dennoch in Gleichgewicht gehalten werden. Und nun musten wir erfahren, dass auch hier ein enormer Fachkräftemangel herrscht."

Magazinrundschau vom 02.09.2008 - Elet es Irodalom

Der niederländische Kulturattache und Organisator des holländischen LOW-Kulturfestivals in Ungarn, Jan Kennis, stellt fest, dass die ungarische Kulturszene im Vergleich mit der niederländischen kaum vom Fleck kommt. Dies liege vor allem daran, dass die Kultur in Ungarn zu sehr im eigenen Saft schmore und die innovativen Initiativen nicht den Weg zueinander fänden. Was Ungarn fehle, sei eine "Operation Paprika", ähnlich der "Aktion Tomate", mit der Studenten 1969 in Amsterdam eine Neuaufstellung des Theaters verlangt hätten: "Verglichen mit jener stickigen Atmosphäre, in der sich die Niederlande gegen Ende der 60er Jahre befand, ist Budapest viel besser gestellt. Der internationalen kulturellen Elite müsste aber die Stadt ihre Tore öffnen. Für die ungarischen Institutionen müsste es eine Selbstverständlichkeit sein, mit ähnlich gearteten ausländischen Institutionen zu kooperieren... Mich als Außenstehenden würde interessieren, wie diese Situation entstanden ist. Ist sie ein Ergebnis bewusst gewählter Politik? Oder des schlichten Desinteresses?"

Magazinrundschau vom 12.08.2008 - Elet es Irodalom

Man sagt, Solschenizyn sei nur ein mittelmäßiger Schriftsteller gewesen; man sagt, sein Stil sei banal, er habe keinen Humor; man sagt, er sei dem russischen Großmachtswahn verfallen, er sei ein konservativer Monarchist und russischer Nationalist geworden; man sagt, seine unablässige Moralpredigten seien schrecklich langweilig. Das mag zum Teil stimmen, schreibt der Philosoph Miklos Tamas Gaspar, ist aber vollkommen egal: "Alexander Issajewitsch Solschenizyn hat die heiligen Bücher des 20. Jahrhunderts geschrieben. Heilige Bücher sind oft einfach, ihre Elemente etwas konfus, ihre Autoren manchmal unwissend, manchmal sogar nicht ganz dicht. ... Die vulkanischen, manchmal die Stilmittel des billigen russischen Romans anwendenden, wortreichen und aufgeregten Bücher Solschenizyns sind keine Klassiker. Das ist keine Literatur. Das ist die Heilige Schrift. ... Alexander Solschenizyn hat eine Sache hartnäckig wiederholt: Dass nämlich das Leiden nicht edel macht, dass nicht die Tugend der Leidenden zählt, sondern die Bösartigkeit des Systems, die nicht verjährt. Aus dem Gulag kann nichts abgeleitet werden, was relevant wäre für die menschliche Natur. ... Und Alexander Solschenizyn hat uns davon überzeugt, dass wir die Dinge aus der Perspektive der Leidensgeschichte betrachten müssen. Wo es einen Willen gibt, da ist auch das moralische Urteil angebracht. Dieses Urteil ist eindeutig und einfach. Nicht raffiniert, nicht klug, nicht 'relevativ' im intellektuellen oder geistigen Sinne. Aber gültig."

"Hätte man Zeit gehabt, die Reformen weiterzuentwickeln, hätte es vielleicht zu jenem freien gesellschaftlichen System kommen können, das den Sozialismus wettbewerbsfähig gemacht hätte - aber mit den damaligen Reformen wäre das auch nicht gelungen. ... Heute bin ich davon überzeugt, dass demokratische Wohlstandsgesellschaften nur durch marktwirtschaftliche Reformen zustande gebracht werden können. Es gibt keinen 'dritten Weg', der Wirtschaftssysteme ohne Privateigentum betreiben könnte", sagt der Ökonom Jiri Kosta, der sich nach 1962 an der Ausarbeitung jener Wirtschaftsreformen beteiligt hatte, die dem Prager Frühling vorausgingen. Nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts musste Kosta emigrieren und erhielt später einen Lehrstuhl an der J.W. Goethe Universität in Frankfurt am Main.