Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

642 Presseschau-Absätze - Seite 47 von 65

Magazinrundschau vom 13.04.2010 - Elet es Irodalom

Unter den Gründern, Mitgliedern und Sympathisanten der rechtsextremen Jobbik, die bei den gestrigen Wahlen siebzehn Prozent errungen hat, befinden sich auffallend viele junge Geisteswissenschaftler, Historiker und Juristen. Dem wäre wahrscheinlich nicht so, meint der Historiker Istvan Rev, Direktor des Open Society Archive in Budapest, wäre die ungarischen Universitäten nach 1989 einen anderen Weg gegangen. Denn die jungen Geisteswissenschaftler seien von denselben Historikern ausgebildet worden, die sich vor der Wende noch für die marxistische Geschichtsauffassung stark gemacht hatten: "Wie hätten denn gerade diese Leute die Vergangenheit aufrichtig aufarbeiten und sich den rechtsextremen Lehren widersetzen sollen? Wir haben uns erlaubt, über absolut sinnlose Angelegenheiten zu debattieren, anstatt wirklich wichtige historische Fragen zu klären und es zugelassen, dass an ungarischen Universitäten und Gymnasien eine geschönte Variante der ungarischen Geschichte unterrichtet wird. Aus diesem Grund kennen diese jungen Leute die ungarische Geschichte nicht, die für sie längst der Vergangenheit angehört. 1944 ist lange her, 1956 ist lange her, ja sogar 1989 ist längst vorbei, keiner erinnert sich mehr daran, und jeder sagt, was er will."

Magazinrundschau vom 06.04.2010 - Elet es Irodalom

Der Dokumentarfilm ist, trotz des überraschend starken Wettbewerbsprogramms während des ungarischen Filmfestivals im Februar, immer noch das Stiefkind der ungarischen Filmindustrie, schreibt der Filmkritiker Lorant Stöhr: "Dabei hätte in der ungarischen Kultur durchaus auch der Dokumentarfilm eine Funktion. Die radikalen Reaktionen, die vereinfachenden Argumentationen, die primitive Suche nach dem Sündenbock, die Verbreitung historischer Illusionen weisen darauf hin, dass die ungarische Gesellschaft weder sich selbst noch ihre Nachbarn kennt, und dass sie in ihren hitzigen Meinungsäußerungen von der unterhaltenden und vereinfachenden Rhetorik der Medienindustrie geleitet wird. Wo sonst könnte dem Dokumentarfilm eine wichtigere Rolle zukommen, als im Aufdecken der gesellschaftlichen Prozesse und der historischen Ereignisse, in deren nach Vielseitigkeit strebenden Interpretation und lebendiger Darstellung? Die mangelnde Selbstkenntnis der ungarischen Gesellschaft ist unter anderem auch dem Umstand zu verdanken, dass der Dokumentarfilm an die Peripherie gedrängt wurde."

Magazinrundschau vom 09.03.2010 - Elet es Irodalom

Seit mehreren Jahren befindet sich Ungarn in einer gesellschaftlichen und politischen Krise, die sich vordergründig im Misstrauen gegenüber den Institutionen, den Politikern und damit in der Ablehnung der Wende von 1989 und der damals geschaffenen Republik manifestiert. Daher wird auch bei den Parlamentswahlen im April ein erdrutschartiger Wahlsieg rechtskonservativen Fidesz-Partei erwartet, die eine autoritäre Ordnung verspricht. Der Philosoph und Kommunikationswissenschaftler Mihaly Szilagyi-Gal sieht die Gefahr, dass die Befreiung von 1989 wieder rückgängig gemacht wird. Und das, schreibt er, wäre ein größeres Fiasko als die Unterdrückung in der Diktatur: "Zum ersten Mal seit der Wende steht Ungarn vor einer Situation, in der eine Seite des politischen Angebots praktisch alleinherrschend wird. Das Problem ist nicht nur die Seite selbst, sondern die Einseitigkeit - vielleicht sogar für den Sieger. Diese Situation, die so sehr an den Monotheismus des Einparteienstaates erinnert, ist diesmal nicht das Ergebnis einer - aus der Sicht der Gesellschaft - äußeren Unterdrückung, sondern einer schlecht handelnden Gesellschaft. Das macht diese Niederlage noch schwerer. [...] Die schlecht handelnde Gesellschaft selbst ist zur unterdrückenden Macht geworden. Es gibt kein 'sie' und 'wir' mehr. Wir haben keine Feinde mehr, wir sind es selbst."

Nach Ansicht des Soziologen Peter Kende wird die gesellschaftliche Krise, die nun in der starken Sehnsucht nach Law and Order gipfelt, durch drei Faktoren besonders schwerwiegend: die Legitimitätskrise der demokratischen Institutionen, das Realitätsdefizit der Ungarn (die Furcht vor der Konfrontation mit der Realität und den realen Verhältnissen, von Elemer Hankiss auch als "Morbus Hungaricus" bezeichnet) und die Existenzangst, die manche mit der Marktwirtschaft, andere wiederum mit der schwachen Leistung der jetzigen Regierung als Ordnungshüter verbinden: "Es ist tragisch, dass das Land, das von den Versprechungen der Wende von 1989 enttäuscht ist, eine Chance zu verspielen im Begriff ist, die in seiner neuzeitlichen Geschichte einmalig war. Denn wann sonst konnten wir Ungarn frei über die Gestaltung unser eigenen Angelegenheiten bestimmen, wenn nicht 1989/90? Wenn wir auf diese Errungenschaften auch nur teilweise verzichten, ist es gut möglich, dass wir keine ähnliche Chance mehr bekommen werden. Zu unseren Lebzeiten ganz sicher nicht."
Stichwörter: Monotheismus, Fidesz

Magazinrundschau vom 23.02.2010 - Elet es Irodalom

Holocaust-Überlebende in den USA haben kürzlich am Bundesgericht in Chicago eine Sammelklage gegen die staatliche ungarische Bahngesellschaft MAV eingereicht, weil diese während des Holocausts das an den Bahnhöfen zurückgelassene Eigentum deportierter Juden eingesackt hat. Der ungarische Rechtsanwalt und Publizist Andras Hanak reagiert zwiespältig: Die Anwälte, meint er, hätten ihre Mandanten erstens darauf aufmerksam machen sollen, dass die Klage einem Versöhnungsprozess eher abträglich ist. Und zweitens hätte sie darauf hinweisen können, dass "der Angeklagte nicht mehr derselbe ist, wie jener, der vor 65 Jahren die schrecklichen Taten begangen hat, dass auch der Staat hinter diesem Angeklagten nicht mehr derselbe ungarische Staat ist, der seine jüdischen Bürger im Stich gelassen hat. [?] Gleichzeitig ist mir auch bewusst, dass Überlebende und ihre Angehörigen, die außerhalb Ungarns leben, bislang die Erfahrung machen mussten, vom ungarischen Staat in weitaus geringerem Maße entschädigt zu werden als von den Nachbarländern. Dabei ist im Pariser Friedensvertrag eine angemessene Entschädigung für die geraubten Güter vorgeschrieben - dazu ist es aber, aus zahlreichen Gründen, bislang nicht gekommen. Aufgrund dieser Umstände würde ich mich hüten, die Kläger aus moralischer Sicht zu verurteilen - wenngleich ich, hätte es an mir gelegen, diesen Prozess nicht eingeleitet hätte."

Magazinrundschau vom 16.02.2010 - Elet es Irodalom

In Ungarn scheint sich - im Gegensatz zu anderen ehemaligen sozialistischen Ländern - kaum jemand für die Veröffentlichung der sogenannten "Spitzel-Listen" (also der Namen aller ehemaligen Stasi-Mitarbeiter) zu interessieren. In anderen Ländern hätten Journalisten die Listen schon längst vom Staatsschutz geklaut, meinte zumindest der Historiker Stefano Bottoni im November 2008 auf einer Budapester Konferenz. Der Journalist Janos Szeky geht einen Schritt weiter und ist der Meinung, dass die Medien in Ungarn gar so tun, als ob es diese Frage gar nicht gäbe: "Im Schweigen und Duckmäusertum um die Stasi-Thematik hat man es durchaus geschafft, eine große Koalition zu bilden. Die letzte Hoffnung bleibt wie im Iran: die sogenannten social media, die zum Partisanentum neigenden Journalisten und ein paar konsequente Politiker. Es ist größtenteils der Hartnäckigkeit einer Facebook-Gruppe namens 'Ich will wissen, was auf den Magnetbändern ist' zu verdanken, dass die 'Open Society Archives' und das 'Institut 1956' nach dem November 2008 eine zweite Konferenz zum Thema veranstaltet haben. Hier durfte sich das Publikum über die genaue Situation in der Slowakei, in Polen und Rumänien informieren und darüber nachdenken, in welch dumpfem und verlogenem Land es selbst lebt."

Magazinrundschau vom 09.02.2010 - Elet es Irodalom

Im August haben neun Kunsthistoriker in der Zeitschrift Magyar Szemle ein Manifest veröffentlicht, in dem sie die "Benutzerfreundlichkeit" und die "Massenunterhaltung" kritisieren, die die ungarischen Museen in den vergangenen Jahren angeboten haben. Das Konzept "Museum als wissenschaftliche Werkstatt" lehnen sie ab. Für den Medienwissenschaftler Peter György beschreibt das Konzept dagegen treffend die Rolle von Museen heute. Museen müssen heute gewährleisten, schreibt er, "dass jeder Zugang zu jener niemals definierbaren und ständig neugeschriebenen Tradition erhält, die als kulturelles Erbe einer Epoche bezeichnet wird. Das Museum ist also ein Labor und eine Werkstatt, ein öffentlicher kultureller Raum, der nicht einfach nur einen statischen Traditionsbegriff garantieren soll. Vielmehr ist es ein Ort des kulturellen Dialogs, wo die Bedeutung der Kunstwerke immer gemeinsam - und nur gemeinsam - mit den Künstlerin, den Kuratoren, den Museologen und den Besuchern ausgearbeitet werden kann. Ohne seine Besucher würde das Museum gerade sein philosophisches Wesen verlieren."

Der Publizist Gusztav Megyesi kommentiert die wachsende (und angeblich unbeabsichtigte) Porträtierungslust lokaler Politiker, die ihn allmählich an das Florenz der Medicis erinnern: "Ich bin mir ganz sicher, dass die betroffenen Gemeindevorsteher weder mit ihrer Apotheose noch mit ihrem Einzug in die Kunstgeschichte etwas zu tun haben. Schließlich ist unser Land in den vergangenen zwanzig Jahren dermaßen verblödet, dass treue Parteigenossen, ergebene Beamte und wohlwollende Neureiche die jeweiligen Notabilitäten ganz aus freien Stücken verewigen lassen, während sie darauf warten, dass man auch sie für würdig hält, auf einem Gemälde präsentiert zu werden."

Magazinrundschau vom 02.02.2010 - Elet es Irodalom

Auf der Korruptions-Rangliste von Transparency International liegt Ungarn meistens um den 40. Platz, ganz unabhängig von der politischen Färbung der jeweiligen Regierung. Das bedeutet auch, dass das Land von besonders schwerwiegenden Fällen der Korruption (mit Verwicklung eines amtierenden Ministerpräsidenten wie in Kroatien oder Verstrickung führender Politiker mit der Mafia wie in Bulgarien oder der Verquickung von Sex und Geld wie in Nordirland) bislang verschont geblieben ist. Was dem Journalisten Ivan Lipovecz bei den großen europäischen Korruptionsgeschichten jedoch auffällt, ist, dass sie zumeist von der Presse entdeckt und aufgeklärt werden - und nicht vom politischen Rivalen. Das wünscht sich Lipovecz - angesichts der Ankündigung der ungarischen Opposition, nach den Wahlen ordentlich "aufzuräumen" - auch für sein eigenes Land: "Das hätten wir auch hierzulande nötig: Anstatt dass nämlich die rivalisierenden politischen Kräfte sich gegenseitig den Inhalt des Nachttopfs auf den Kopf des jeweils anderen kippen (während sie einen schützenden Helm über den eigenen stülpen), sollte vielmehr die Presse die nötige Zivilcourage und berufliche Ambitionen an den Tag legen und ähnliche Fälle aufklären."

Magazinrundschau vom 26.01.2010 - Elet es Irodalom

Angesichts des Minarettentscheids in der Schweiz erinnert der Schriftsteller Attila Sausic an ähnliche Konflikte in Deutschland wie das Kopftuch-Urteil oder den Streit um den Bau der Kölner Moschee, gegen sich etwa der Publizist Ralph Giordano mit grundsätzlich islamkritischen Argumenten ausgesprochen hatte. Sausic rekapituliert die Ansichten Giordanos und kritisiert sie als stellenweise überzogen und "nicht gerade glücklich": "Die Ausführungen Giordanos zeigen, auf welch schmalen und wackeligen Steg sich die liberalen Menschenrechtler hinauswagen, wenn sie eine Minderheit nicht beschützen, sondern kritisieren wollen. Dennoch können sie auf diesem Weg weiter gelangen als der Linksliberalismus, der es sich im politisch Korrekten bequem gemacht hat und der die Ausbreitung der Rechtspopulisten in Europa zwar nervös beobachtet, der aber, außer deren modernisierten Rassismus' bloßzustellen, nicht bereit ist, sich im Wesentlichen und ganz konkret damit auseinander zu setzen, weshalb die Popularität des neuen Rechtsextremismus zunimmt."

Magazinrundschau vom 19.01.2010 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller Krisztian Grecso fragt sich in seiner Kritik der ungarischen Castingshow "Ein Star wird geboren", weshalb Intellektuelle so selten VOR den Kameras der kommerziellen Fernsehsender zu sehen sind. Es habe zwar einige Versuche gegeben, gestandene Kritiker in die Jury von Castingshows zu setzen, doch das hätte nicht richtig funktioniert, weil diese Intellektuellen nur selten die von den Machern der Sendung ausgedachte Figur "bringen" konnten: "Das Problem mit dem Intellektuellen ist, dass er nicht glaubt, was er da auf dem Bildschirm tut, könne eine Bedeutung haben. Dass es ein Spiel ist, ein Theaterstück, eine Rolle, und dass er, eine wirkliche Person, mit all seiner Glaubwürdigkeit, seiner Vergangenheit und mit all seinen Kritiken und sonstigen Schriften im Rücken diese Figur zum Leben erwecken muss. Er ist keine andere Person, die nun endlich einmal Geld verdient, sondern er ist er selbst. (...) Der Intellektuelle sitzt in der Sendung und tut so, als wäre er gar nicht anwesend. Aber er ist eben kein buckliger Türsteher, sondern der König von Dänemark. Claudius kann sich nicht selbst verabscheuen, obwohl der Schauspieler doch sicherlich weiß, dass Claudius ein hinterhältiger Mistkerl ist."
Stichwörter: Dänemark, Geld

Magazinrundschau vom 29.12.2009 - Elet es Irodalom

Die bedeutendste literarische Neuerscheinung 2009 ist für den Literaturkritikerer Csaba Karolyi Laszlo Darvasis Roman "Viragzabalok" (Blumenfresser). Karolyi sprach mit dem Autor und fragte ihn, ob und wie er beim Schreiben an den Leser denkt: "Zumindest ein Roman sollte sich nicht um den Leser scheren, er soll nicht über dessen Reaktionen und Erwartungen nachdenken, er soll nicht abwägen, das wäre dem Metier gegenüber unehrlich. Wer glaubt, man können lernen, einen Roman zu schreiben, hat zwar recht, doch hilft ihm das nichts. Nichts. Wer glaubt, einen Roman zu schreiben, könne man erlernen, der glaubt auch, dass er den Leser kennt. Einerseits gibt es aber den Leser nicht. Wenn es ihn andererseits gibt, kennen wir ihn nicht. [...] Ein wirklich gutes Buch ist ein extrem egoistisches Wesen, es interessiert sich nur für sich selbst. Und plötzlich tut es etwas, was nicht erlernt und berechnet werden kann, weil das nicht in der Gebrauchsanweisung enthalten ist. Eine Schöpfung dieser Art ist eine einsame Handlung, und der Roman nährt sich, während er entsteht, von dieser unantastbaren Erfahrung der Einsamkeit."
Stichwörter: Einsamkeit