
Seit mehreren Jahren befindet sich Ungarn in einer gesellschaftlichen und politischen Krise, die sich vordergründig im Misstrauen gegenüber den Institutionen, den Politikern und damit in der Ablehnung der Wende von 1989 und der damals geschaffenen Republik manifestiert. Daher wird auch bei den
Parlamentswahlen im April ein erdrutschartiger Wahlsieg rechtskonservativen
Fidesz-Partei erwartet, die eine autoritäre Ordnung verspricht. Der Philosoph und Kommunikationswissenschaftler
Mihaly Szilagyi-Gal sieht die Gefahr, dass die Befreiung von 1989 wieder rückgängig gemacht wird. Und das, schreibt er, wäre ein größeres Fiasko als die Unterdrückung in der Diktatur: "Zum ersten Mal seit der Wende steht Ungarn vor einer Situation, in der eine Seite des politischen Angebots praktisch alleinherrschend wird. Das Problem ist nicht nur die Seite selbst, sondern die
Einseitigkeit - vielleicht sogar für den Sieger. Diese Situation, die so sehr an den Monotheismus des Einparteienstaates erinnert, ist diesmal nicht das Ergebnis einer - aus der Sicht der Gesellschaft - äußeren Unterdrückung, sondern einer
schlecht handelnden Gesellschaft. Das macht diese Niederlage noch schwerer. [...] Die schlecht handelnde Gesellschaft selbst ist zur
unterdrückenden Macht geworden. Es gibt kein 'sie' und 'wir' mehr. Wir haben keine Feinde mehr, wir sind es selbst."
Nach Ansicht des Soziologen
Peter Kende wird die gesellschaftliche Krise, die nun in der starken Sehnsucht nach Law and Order gipfelt, durch drei Faktoren besonders schwerwiegend: die
Legitimitätskrise der demokratischen Institutionen, das
Realitätsdefizit der Ungarn (die Furcht vor der Konfrontation mit der Realität und den realen Verhältnissen, von Elemer Hankiss auch als "Morbus Hungaricus" bezeichnet) und die
Existenzangst, die manche mit der Marktwirtschaft, andere wiederum mit der schwachen Leistung der jetzigen Regierung als Ordnungshüter verbinden: "Es ist tragisch, dass das Land, das von den Versprechungen der Wende von 1989 enttäuscht ist, eine Chance zu verspielen im Begriff ist, die in seiner neuzeitlichen Geschichte einmalig war. Denn wann sonst konnten wir
Ungarn frei über die Gestaltung unser eigenen Angelegenheiten bestimmen, wenn nicht 1989/90? Wenn wir auf diese Errungenschaften auch nur teilweise verzichten, ist es gut möglich, dass wir keine ähnliche Chance mehr bekommen werden. Zu
unseren Lebzeiten ganz sicher nicht."