Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

642 Presseschau-Absätze - Seite 48 von 65

Magazinrundschau vom 22.12.2009 - Elet es Irodalom

Zwanzig Jahre nach der Wende werden für die Fehler und den schlechten Ruf der heutigen Demokratie immer öfter die "Gründerväter" verantwortlich gemacht. Andras Bozoki, Soziologe und Gründungsredakteur der Wochenzeitung Magyar Narancs, sieht das ganz anders: die Ungarn selbst schaden ihrer Demokratie. Das hat, schreibt er, auch historische Gründe. Denn in Ungarn, das jahrhundertelang von unterschiedlichen Großmächten besetzt war, hat sich ein Verhaltensmuster entwickelt, wonach die formalen Regeln nur zum Schein eingehalten werden müssen. Dies sei auch in der Kadar-Ära nicht anders gewesen, und deshalb sei es so schwer, dieses Verhaltensmuster zu überwinden: "Das Kadar-System war eine 'weiche Diktatur', weil es durch Lügen aufgeweicht wurde. Es war erträglicher als andere Diktaturen, weil selbst das System seine eigenen Regeln oft nicht ernst nahm. So entstand ein Geflecht aus formellen und informellen Regeln, durch dass sich die Ungarn vorsichtig hindurch navigieren mussten. Die Korrumpierung der Diktatur versüßte das System, woraus aber nicht folgt, dass jedes System nur dann gut ist, wenn es korrupt ist. Aus der weichen Diktatur führte der Systemwechsel in die Demokratie, deren Verhältnisse die Gesellschaft jetzt mit den alten Methoden aufzuweichen versucht. Demokratie jedoch wird durch Korruption nicht süßer, sondern sauer und bitter."
Stichwörter: Systemwechsel

Magazinrundschau vom 15.12.2009 - Elet es Irodalom

Kürzlich ist in Ungarn "A megfogalmazas kalandja" (Das Abenteuer der Formulierung) erschienen, der neue Essayband von Imre Kertesz, über den der Schriftsteller Csaba Bathori schreibt: Kertesz' "Denken steuert unser Denken in die Richtung von Schlussfolgerungen, an deren geistigen Mut wir uns noch nicht gewöhnt haben. Aufgrund fehlender nationaler Selbstkritik verharrt unser öffentliches Denken bis heute in dem Irrglauben, dass öffentliche Selbstkritik schädlich und unmoralisch ist. Dabei sind es in größeren Kulturkreisen vielleicht gerade die widerspenstigen Autoren, die durch ihr hartnäckiges Zweifeln die Trugbilder ihrer Nation ändern und die Schnörkel des hochmütigen, pathetischen Nationalbewusstseins zurechtstutzen. [...] Wozu uns die Essays von Imre Kertesz vor allem ermahnen: Wir sollten unsere nationale Identität im Lichte der europäischen Erfahrung betrachten und unsere gesamte Wahrnehmung aus dem Aspekt einer breiter gefassten Menschlichkeit abwägen, ändern und vor allem auf eine höhere Stufe heben."

Magazinrundschau vom 08.12.2009 - Elet es Irodalom

"Wir müssen erkennen, dass die Geschichte in unsere Ohren trommelt", schreibt der Politikwissenschaftler Ervin Csizmadia über die heutige ungarische Politikwissenschaft, die ihm zufolge viel zu sehr auf die Gegenwart fixiert ist. Dies wäre nicht weiter schlimm, schließlich habe sich die Politologie vordergründig mit den aktuellen Mechanismen und Prozessen zu befassen. Dennoch kann man die ungarische Politik allein aus ihrer Gegenwart nicht verstehen, meint Csizmadia: "Ich glaube, dass nur jene Politikwissenschaft eine 'Wissenschaft der Demokratie' werden kann, die für die Vergangenheit sehr empfindlich ist und alles konsequent aufzudecken beginnt, was sich in ihrem Land unter dem Stichwort Politik bislang ereignet hat. (...) Natürlich erscheint dieses Programm in etablierten Demokratien als ziemlich armselig, in einem Land aber, das mit dem Systemwechsel die Vergangenheit als abgeschlossen betrachtete, ist es das Maximum. Es hilft nun einmal nichts: In den vergangenen zwanzig Jahren haben wir vom Westen gerade das Wesentliche nicht erlernen können: Das Verständnis für die eigene Vergangenheit und für uns selbst."
Stichwörter: Wissenschaft, Systemwechsel

Magazinrundschau vom 01.12.2009 - Elet es Irodalom

Während die Debatte um das Welt-Interview mit Imre Kertesz in Ungarn durch zu einem riesigen Konvolut angeschwollen ist, vermisst der Schriftsteller Laszlo Darvasi eine "elementare Einsicht" in dieser Diskussion: "Natürlich muss ein mit dem Nobelpreis gekrönte Schriftsteller damit rechnen, dass seine Äußerungen zahlreiche Interpretationen, Kommentare und Fußnoten generieren. Doch ist das eine normale Reaktion? Ist es denn normal, dass solche Äußerungen die emotionale Reaktion der 'gesamten Gemeinschaft' hervorrufen? Ist es denn normal, dass die Worte eines Nobelpreisträgers die gesamte Schriftstellergesellschaft, ja sogar die gesamte Gesellschaft, Lehrer, Schaffner, Angler und Parkplatzwärter betreffen, nur, weil ein Nobelpreisträger ein 'repräsentatives Gebilde' ist und das Land und darin wir selbst durch den Blick eines Nobelpreisträgers als bedeutender erscheinen? Im Ernst? […] Das Wesentliche von Kertesz' Verhalten ist doch, den repräsentativen Erwartungen nicht zu entsprechen. Und er entspricht ihnen auch jetzt nicht. Geht es nicht vielmehr darum, Kertesz trotz seiner Worte als freien, für sich selbst verantwortlichen Schriftsteller zu betrachten und ihm jene, auf normalisierten Verhältnissen basierende schriftstellerische Existenz zuzugestehen, die sonst jeder Künstler für sich in Anspruch nehmen kann? Ihn also nicht als unverrückbaren Fixpunkt, sondern als lebendige, mit uns lebende und folglich problematische Erscheinung zu betrachten?"

Magazinrundschau vom 24.11.2009 - Elet es Irodalom

Janosz Szeky kommentiert die Aufregung in Ungarn um Imre Kertesz, der in einem Interview mit der Welt den Antisemitismus der Ungarn, ihre "Verlogenheit" und ihren "Hang zur Verdrängung" kritisiert hatte. Warum kann man dieses Interview, so Szeky, nicht "als die Äußerung eines Schriftstellers in einem individuellen Ton und mit individueller Aussage lesen - in manchen Dingen bin ich zutiefst mit ihm einverstanden (ich; wie andere dazu stehen, interessiert mich nicht), und manch andere Dinge machen mich stutzig (mich; wie andere dazu stehen usw.). Man könnte dieses Interview lesen, als besäße es ein genau so großes politisches Gewicht, wie jede andere politische Äußerung eines weltberühmten Schriftstellers auch. Und als wäre man frei, diese Äußerungen zu mögen oder nicht. Ich möchte in einem Land leben, in dem man dieses Interview auf diese Art liest. Das hier ist kein solches Land."

Der Wirtschaftswissenschaftler Tamas Bauer meint, dass es in der Beurteilung des Interviews nur auf eines ankommt: "Ist es rechtens, dass Kertesz sein Urteil auf das ganze Land ausweitet, und nicht nur auf einige politische Kräfte? Gibt es denn in Ungarn nichts außer der von der Fidesz angeführten Rechten? Schon, nur steht dem Nationalismus der Fidesz keine selbstbewusste politische Kraft gegenüber. [?] In der ungarischen Öffentlichkeit und in der Politik ist die weiter westlich so klare Grenze zwischen demokratischen und extremistischen Äußerungen völlig unklar geworden. Kertesz sagt daher zu Recht, dass in Ungarn heute die Rechtsextremen das Sagen haben. Vorerst ist nicht absehbar, ob eine politische Kraft in den kommenden Jahren oder gar Jahrzehnten erscheinen wird, die sich ihnen widersetzen könnte."
Stichwörter: Kertesz, Imre, Fidesz

Magazinrundschau vom 17.11.2009 - Elet es Irodalom

Der Journalist Ivan Lipovecz kritisiert seine Kollegen: Es fehle ihnen an Handwerk und Mut. Die Presse sei auf dem besten Weg, wieder die Rolle als "Dienstmagd der Macht" zu übernehmen, ganz wie in kommunistischen Zeiten: "In diesem Jahrzehnt (vor allem in dessen zweiten Hälfte) wurde - parallel zur totalen Spaltung der Gesellschaft und damit der Medien - das Primat der Fakten aufgehoben, der Verkündigungsjournalismus kehrte zurück. Dass die faktischen Wahrheiten zunehmend von den verbalen abgelöst werden (wie dies zu Zeiten des Parteistaates typisch war), liegt zum großen Teil daran, dass die Presse ihre Rolle als Kontrolleur zu verlieren beginnt und sich damit begnügt, (weitgehend unkontrollierte) Informationen weiterzureichen."

Magazinrundschau vom 10.11.2009 - Elet es Irodalom

Der Medienwissenschaftler Peter György besucht die von Gerald Matt kuratierte Ausstellung "1989 - Ende der Geschichte oder Beginn der Zukunft?"in Wien, die recht provokativ ausgefallen zu sein scheint: "Die Aufgabe des Museums liegt nach Matt nicht in der getreuen Darstellung der damaligen Ereignisse, sondern darin, das Thema als Ausgangspunkt zu verwenden und damit den Kindern von 1989 zu zeigen, wo die Welt, in der sie leben, ihren Anfang nahm, und den Zeitgenossen die Möglichkeit zu geben, mit ihrer Nostalgie und ihrem verletzten Gerechtigkeitsgefühl fertig zu werden. Die ungarischen Besucher der Ausstellung 1989... können sich in Wien mit einer Reihe von bildpolitischen Provokationen konfrontieren, die sie nicht nur zu einer floskelhaften Stellungnahme, sondern vielmehr zu einer schonungslosen Introspektion zwingen. Die Bilder üben einen Zwang aus, dem man nicht widerstehen kann. Zwanzig Jahre nach 1989 verschwindet jener Universalismus, in dessen Geist und Hoffnung wir einst lebten, langsam aus dem Blickfeld. Die Selbstprüfung ist darum nötiger geworden denn je."

"Kein Drama, keine Pointen" - mit diesen Worten würdigt die Literaturwissenschaftlerin Sarolta Deczki den Erzählband "Solche Geschenke" von Franziska Gerstenberg, der nun in der Übersetzung von Hanna Győri auch in Ungarisch vorliegt (erschienen bei Jozsef Attila Kör - L'Harmattan): "Empfindlichkeit, Klugheit und Geduld zeichnen die Prosa von Gerstenberg aus. Mit einer ganz besonderen Feinheit hält sie Lebenssituationen, Stimmungen und Gefühle fest, und ihre Geschichten bestehen weniger aus Geschehnissen, sondern sind vielmehr Beschreibungen: Was wir bekommen, sind minuziös ausgearbeitete Fresken einer Lebenssituation, eines Ereignisses."

Magazinrundschau vom 03.11.2009 - Elet es Irodalom

Der Journalist Janos Szeky kritisiert den Begriff des Systemwechsels der in Ungarn für die Wende und die Folgen gebraucht wird. Er beschreibe nur den Übergang zur Demokratie, aber nicht zum Kapitalismus. Die Risiken des Kapitalismus hätten die Politiker beim Wechsel verschwiegen, mit der Folge eines irrationalen Antikapitalismus: "Dabei handelt es sich nicht um einen normal linksgerichteten Antikapitalismus, sondern um eine ungarische Spielart: Viele Ungarn sind überzeugt, dass der Kapitalismus eine kommunistische und darum unungarische Erfindung sei. Dies ist insofern nicht verwunderlich, da der Übergang zum Kapitalismus (im Gegensatz zu den anderen Staaten der Region) maßgeblich unter der Beteiligung der Staatspartei stattgefunden hat. (...) Der Mangel an Reflexion über diesen Übergang führte dazu, dass die Ungarn, inklusve der Intellektuellen, ihn nur erlitten haben, statt ihn mitzugestalten. Der Kapitalismus, das sind für sie die 'Anderen' (Ausländer, Juden, Kommunisten). Nicht Geschäftsinteresse, sondern Verschwörung sehen sie als seine Triebkraft. Er bringt nicht Freiheit, sondern Sklaverei. Nicht Wohlstand, sondern Verarmung der Massen. Nicht Anschluss an die Welt durch Globalisierung, sondern Betrug durch die 'Anderen'."

Magazinrundschau vom 27.10.2009 - Elet es Irodalom

In seinem Porträt Herta Müllers würdigt der (ebenfalls aus Rumänien stammende) ungarische Schriftsteller György Dragoman die "durchdachte Poetik" mit der die Literaturnobelpreisträgerin immer wieder die Diktatur in Rumänien beschrieben hat: "Ihre Sichtweise ist sehr genau, und aus diesen genauen Beobachtungen entsteht eine unendlich bedrückende, manchmal als kafkaesk surreal erscheinende, dennoch sehr reale Welt, die einen in sich aufsaugt, um ihn danach nie mehr zu entlassen und ihm die sich fast bis in den Wahnsinn steigernde Angst von innen zu zeigen. Denn Angst haben ist ein Zwang, die Angst ist wie der Hunger; man kann ihr nicht gebieten, sie zu bezwingen ist fast unmöglich, man muss mit ihr zusammenleben, über Tage, Wochen, Monate und Jahre, für immer."
Stichwörter: Dragoman, György, Rumänien

Magazinrundschau vom 20.10.2009 - Elet es Irodalom

Seit 13 Jahren untersucht der Jurist und Soziologe Bela Revesz die Dokumente der ungarischen Staatssicherheit. Bela Kurcz fragte ihn, ob Ungarns größte Oppositionspartei Fidesz ihre Ankündigung, nach einem Wahlsieg im kommenden Jahr alle Akten zu öffnen, wird durchsetzen können - schließlich halte Ungarns Staatsschutz immer noch 27 Prozent der Akten zurück. Revesz verweist auf Habermas, der betonte, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eine gesellschaftliche Angelegenheit sei und deshalb öffentlich geführt werden müsse: "Die grundsätzliche Frage ist allerdings, was die Gemeinschaft mit ihrer gemeinsamen Vergangenheit anfangen will und kann... Aber am wichtigsten ist meiner Ansicht nach, dass diese Problematik endlich befreit wird: Einerseits aus den Fängen einer hysterischen Politik, der von ihren kurzfristigen Interessen geleiteten Politiker sowie der Medien, die diesen entgegenkommen, und andererseits aus dem Käfig des einseitigen Interesses der Fachleute."
Stichwörter: Fidesz, Staatssicherheit