Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

642 Presseschau-Absätze - Seite 43 von 65

Magazinrundschau vom 24.05.2011 - Elet es Irodalom

Rumäniens Staatspräsident Traian Basescu lobte kürzlich das ungarische Mediengesetz und deutete an, dass auch Rumänien bald eine neue Verfassung bekommen könnte. Allerdings tat er das nur im kleinen Kreis. Hat ihn die Reaktion der internationalen Öffentlichkeit auf die Entwicklung in Ungarn abgeschreckt? Vor diesem Hintergrund ist die jüngste Kritik an der Orban-Verfassung in der deutschen Tageszeitung Die Welt (hier) oder in der britischen Economist Intelligence Unit - denen eine linksgerichtete Gesinnung kaum unterstellt werden kann - auch als Warnung an potenzielle Weggefährten des ungarischen Regierungschefs zu werten, meint der Philosoph und außenpolitische Experte Attila Ara-Kovacs: "Die politischen Tete-a-tetes Orbans und Basescus eröffnen Perspektiven, die nicht nur jene ablehnen sollten, die die Demokratie ernst nehmen, sondern auch all die, die von einigen praktischen Überlegungen geleitet werden. Die genannten Politiker stehen nämlich nicht allein in unserer Region; hier sind noch zahlreiche andere potenzielle Führer unterwegs, deren Macht nicht durch ihre Ziele legitimiert werden, sondern deren Ziele allein ihre Macht legitimiert. [...] Wozu aber diese starken Worte der genannten westlichen Zeitungen, könnte man sich fragen - schließlich ist Orban nur ein lokaler Führer eines kleinen und unbedeutenden Landes. Nun, allein um all jene abzuschrecken, die sich zwar in Orbans Achterwasser gerne immer weiter von der westlichen Demokratie entfernen würden, sich gleichzeitig aber den Preis sparen wollen, den die Regierungspartei Fidesz, ihr Chef Orban und nicht zuletzt auch Ungarn bereits jetzt für diese seltsame Reise bezahlen."
Stichwörter: Rumänien, Fidesz, Attila

Magazinrundschau vom 17.05.2011 - Elet es Irodalom

Kürzlich ist in Budapest die 42. Ungarische Filmschau zu Ende gegangen, der die Show aber gestohlen wurde: Wenige Tage davor hatte Andy Vajna, einst Filmproduzent in Hollywood und heute allmächtiger Regierungsbeauftragter für Filmangelegenheiten, angekündigt, dass die ungarische Filmförderungsstiftung MMKA - aufgrund angeblicher Unregelmäßigkeiten - abgeschafft wird und künftig weniger ungarische Filme produziert werden. Zwar bezweifelt der Filmkritiker György Baron nicht, dass auch die MMKA, wie jeder autonomer Branchenverband, oft schwergängig und nicht transparent genug war und daher reformiert werden müsse. Aber sie sei immer noch das bestmögliche System der Filmförderung: "Die MMKA wurde vor zwei Jahrzehnten mit dem Ziel gegründet, dass über die Verteilung der Film-Fördergelder eine von fachlichen Organisationen gewählte Jury entscheidet. In diesen knapp zwanzig Jahren erlangte der ungarische Film sein internationales Ansehen zurück, es trat eine spannende, junge Generation auf und auch die Produktion der so genannten 'Publikumsfilme' erlebte einen Aufschwung, wenngleich letztere beim Publikum nicht ganz als solche ankamen. Die nun mit einem Federstrich abgeschaffte Organisation hatte also im Grunde erfolgreich funktioniert und ihre Aufgabe erfüllt. Nach zwanzig Jahren war sie reif für eine Änderung, aber eben nicht dafür, komplett wegradiert zu werden: Mit dem Bade wurde nun auch das Kind ausgeschüttet."

Magazinrundschau vom 10.05.2011 - Elet es Irodalom

Mag sein, dass Osama bin Laden nicht mehr die alles entscheidende Figur des islamistischen Terrorismus war, doch die symbolische Bedeutung seines Todes ist nicht weniger wichtig, findet der Journalist Mihaly Rege - auch wenn die Wucht der Terrorakte in letzter Zeit nachgelassen hat und die Menschen des "arabischen Frühlings" offenbar ihr Interesse an der nihilistischen Ideologie von Al Qaidaund Konsorten verloren haben: "Weshalb der Tod von Osama bin Laden dennoch ein Ereignis von historischer Bedeutung ist, liegt daran, dass er das Ende eines Symbols markiert. Nicht nur für uns, bei denen dieses Symbol Angst auslöste, sondern auch für jene, die mit seiner Ideologie sympathisierten und sogar bereit gewesen wären, im Namen dieser Ideologie zur Tat zu schreiten. Bin Laden war die Verkörperung einer zerstörerischen Ideologie und erschien zudem als unbesiegbar. Bis jetzt."

Magazinrundschau vom 03.05.2011 - Elet es Irodalom

Normalerweise bezieht sich eine Verfassung auf die Gemeinschaft der Staatsbürger des betreffenden Staates. Umso bedauerlicher findet es die Historikerin Maria Ormos in ihrem Beitrag über die grundlegenden Zusammenhänge von Nation und Staatsbürgerschaft, dass in der neuen ungarischen Verfassung nur die Nation der Ungarn erwähnt und damit offenbar der Ausschluss von Randgruppen - wie den Roma - suggeriert wird: "Die heutige Gesellschaft kann man mitsamt der Nichtungarn (der nicht-ganz-Ungarn), der vom Unglück Getroffenen, der Armen und Alten akzeptieren - man muss es sogar, weil das Ganze nur mit ihnen zusammen ein Ganzes ist. Natürlich ist die menschliche Gesellschaft kein biologisches Lebewesen, dennoch ist sie auf ihre Art ein organisches Gebilde. [...] Aus diesem Grund meine ich, dass das System nicht durch die Begünstigung der einen oder anderen Gruppe auf Kosten einer anderen verbessert werden kann, einfach deshalb nicht, weil auch diese anderen - wir sind."

Am vergangenen Sonntag wurde Johannes Paul II. von seinem Nachfolger Papst Benedikt XVI. selig gesprochen. Der Journalist (und ehemalige langjährige Mitarbeiter von Radio Freies Europa in München) Laszlo Kasza hätte sich anstelle dieses Akts lieber eine Reform der Katholischen Kirche gewünscht. Und er sieht sich damit nicht allein: Millionen von Katholiken "haben das Gefühl, dass solche Feierlichkeiten von den eigentlichen Problemen der mit einer moralischen Krise kämpfenden Katholischen Kirche ablenken sollen: vom Priestermangel und von der massenhaften Abwanderung. [...] Der Grund dafür ist nicht die Gleichgültigkeit oder die Absicht, Kirchensteuer zu sparen, wie dies schon früher beobachtet werden konnte. Es ist schlimmer. Laut Alois Glück, dem Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, verlassen die Gläubigen jetzt die Kirche mit dem Gefühl der Scham und der Wut. Mit Scham aufgrund des weltweiten Skandals der Pädophilie, den die Kirchenführer Jahrzehntelang verheimlicht haben, und mit Wut, weil unsere Kirche unfähig ist, die eigenen Gesetze einzuhalten und die Reformvorschläge des Zweiten Vatikanischen Konzils umzusetzen. Es wäre gut, wenn auch wir Katholiken den Lutherschen Satz im Zeichen der Ökumene ans Herz nehmen würden: Ecclesia semper reformanda."

Magazinrundschau vom 26.04.2011 - Elet es Irodalom

Kürzlich hat das ungarische Parlament die neue umstrittene Verfassung der Orban-Regierung verabschiedet. Kritiker bemängeln nicht nur die Schwachstellen des Textes. Sie sind oft auch der Ansicht, dass eine neue Verfassung unnötig war, weil das bisherige Grundgesetz die parlamentarische Demokratie durchaus garantiert habe. Der Publizist Janos Szeky sieht das - bei aller Kritik an der neuen Verfassung - anders: Bei den insgesamt 369 freien Parlamentswahlen, die in den 27 EU-Ländern seit 1945 stattgefunden haben, kam es nur ein einziges Mal vor, dass nach einer zwanzigjährigen parlamentarischen Demokratie eine einzige Partei die Zweidrittelmehrheit errang - 2010 in Ungarn. Wenn die alte Verfassung eine derartige Selbstdemontage erlaubte, wie kann sie dann gut gewesen sein? fragt Szeky. "Dass eine Partei an die Macht kommt, die die Pluralität von Meinungen und Interessen verachtet, wurde vom 1989 geschaffenen und in manchen Punkten geänderten System nicht nur ermöglicht, es hat geradezu automatisch dazu hingeführt. Die Fidesz-Partei griff dieses demokratische System nicht von außen an, wie irgendein barbarischer Eroberer, sondern mutierte innerhalb des Systems zu solch einem Angreifer. Bis zu den Wahlen von 2010 hatte sie die Grenzen der konstitutionellen Ordnung nicht überschritten [...] Ich behaupte nicht, dass die mit der neuen Verfassung entstehende politische Situation besser sein wird als die vorherige. Fest steht aber, dass sich das System von '89 in einer permanenten Krise befand und dass die Einparteienmacht und die neue Verfassung, die diese Macht kodifiziert, eine Antwort darauf ist - und zwar eine aus dem bisherigen System logisch folgende Antwort. Sie ist der Abschluss der Selbstzerstörung."

Magazinrundschau vom 19.04.2011 - Elet es Irodalom

Der schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist, dessen autobiographischer Roman "Ett annat liv" (dt. Titel: "Ein anderes Leben") kürzlich in Ungarn erschienen ist, hat den diesjährigen "Großen Preis von Budapest" des internationalen Buchfestivals erhalten. Sein ungarischer Kollege Peter Esterhazy schreibt in seiner Laudatio auf Enquist: "Ich glaube, dieser Buchfestival-Preis ist der einzige Preis bei uns, der auch einem ausländischen Autor verliehen werden kann. Es ist wichtig, dass es solch einen Preis gibt, um durch ihn am Rest der Welt andocken zu können. Wir können den preisgekrönten großen Schriftstellern, in diesem Fall also Per Olov Enquist, dankbar sein, und nicht etwa, weil dadurch meistens eine berühmte Persönlichkeit nach Ungarn kommt, ... sondern weil jener europäische oder globale Zusammenhang, den sie und ihre Bücher darstellen, uns Gelegenheit bietet, über 'unseren Platz in der Welt' nachzudenken. Wir neigen nämlich dazu, uns selbst zu isolieren und - wie es [der Dichter und Verleger] Gabor Csordas kürzlich ausdrückte - die Dinge der Welt im Kontext unserer Kultur zu interpretieren, statt die eigenen Dinge im Kontext der Welt. Und das ist nicht in erster Linie eine Frage der Sprache. Dies scheint immer aktueller zu werden: Was ist die Liebe zur Provinz und was ist Provinzialität, also Angst, Lüge, Minderwertigkeitskomplexe und womit werden diese verschleiert? Aggressivität, Großtuerei, Brutalität."

Magazinrundschau vom 12.04.2011 - Elet es Irodalom

Geisteswissenschaftliche Bildung und Disziplinen haben in den vergangenen fünfzig Jahren derart an wissenschaftlichem Prestige eingebüßt, dass eine grundlegende Erschütterung dieses Wissenschaftszweigs zu befürchten ist, meint der Filmwissenschaftler Andras Balint Kovacs. Gerechtfertigt sei das nicht: "Die Geisteswissenschaften sind Wissenschaften wie jede andere auch. Sie unterscheiden sich von den Naturwissenschaften nicht prinzipiell, sondern nur in ihrer Praxis. Ihre Probleme sind real, theoretisch beantwortbar und gehören nicht in den Bereich des Mysteriums oder der individuellen Meinung. Die Geisteswissenschaft ist keine rhetorische Meinungsäußerung, sondern die Selbstreflexion des menschlichen Denkens."

Magazinrundschau vom 29.03.2011 - Elet es Irodalom

In Ungarn wird derzeit erwogen, Müttern eine zusätzliche Wahlstimme zu geben - die Zahl der Befürworter dieser Idee innerhalb der Regierungskoalition steigt rasant, sogar Ministerpräsident Viktor Orban soll Zustimmung geäußert haben. Ivan Lipovecz dagegen hält davon gar nichts: "Heutzutage, wo der rückwärts gewandte Blick in die Vergangenheit allmählich zu einem Gesellschaftsspiel der gesamten Bevölkerung wird, passt diese Beschwörung einer matriarchalischen Gesellschaft ziemlich gut ins allgemeine Krankheitsbild. Sie ist geradezu dessen natürliche Komponente. [...] Dieses 'zeitgleiche Pochen der Herzen der Generationen' birgt nämlich ein konkretes politisches Ziel: Mit der Erweiterung des Wahlrechts soll das ungarische parlamentarische System immer mehr auf Distanz zum Standard der modernen Demokratien gebracht werden - um gegebenenfalls auch in diesem Bereich deutlich zu machen: Die Zahl der Differenzen überwiegt die der Gemeinsamkeiten mit jenen Ländern, mit denen wir - noch - zu einer großen Gemeinschaft gehören."
Stichwörter: Orban, Viktor, Wahlrecht

Magazinrundschau vom 22.03.2011 - Elet es Irodalom

Um jedwede Missverständnisse im Vorfeld abzuwehren, gibt der Schriftsteller Peter Esterhazy, dem ebenfalls ein Interview mit einer ausländischen Zeitung bevorsteht, schon mal eine vorsorgliche Erklärung ab: "Würde es mir doch gelingen, verständlich zu erklären, was das Fürchterliche, das Gefährliche und das Notwendige an diesem Mediengesetz ist und an allem was damit zusammenhängt, so wäre das wunderbar und meine Loyalität sowie mein konstruktiver Ansatz deutlich erkennbar; wenn mir das aber, wie ich befürchte, doch nicht gelingt (ich könnte zum Beispiel auch erschrecken, das wäre sehr menschlich), dann tritt die Erklärung in Kraft, diese hier, die die Loyalität und die gute Absicht in Person ist."
Stichwörter: Esterhazy, Peter

Magazinrundschau vom 15.03.2011 - Elet es Irodalom

In einem Interview mit Eszter Radai erklärt der ungarische Filmemacher Bela Tarr, weshalb er Abstand von jenem ominösen Tagesspiegel-Interview genommen hat (mehr dazu hier). Demnach hatte der Journalist des Tagesspiegels ursprünglich um ein Hintergrundgespräch mit Tarr gebeten, das nach der Presse-Vorführung von "The Turin Horse" auch stattfand. Nach dem offiziellen Teil des Gesprächs äußerte Tarr auch seine private Meinung zu den politischen Vorgängen in seinem Land. Dass aber der Text später (ohne Tarrs Wissen) zu einem Interview umgebaut und mit einem Bild von der Berlinale-Preisverleihung montiert wurde, bei der Tarr einen Silbernen Bären bekam, empörte den Filmemacher zutiefst: "Mir wurde unwohl, als ich nach der Preisverleihung mich selbst in der Zeitung wiedersah, wie ich auf der Bühne stehe, mit der Statue in der Hand, und darunter durfte ich in Form eines Interviews diese Sätze über die ungarische Innenpolitik lesen, wie eine Art Offenbarung... Ich sah so einen schmächtigen Typen auf der Bühne, mit dieser schweren Statue in der Hand, als würde er damit zuschlagen wollen, von dem Preis dazu ermutigt. So sieht das aus wie politischer Klamauk! Das bin ich nicht, so bin ich nicht. [...] Die Glaubwürdigkeit einer Aussage kommt durch die Argumente zustande, die sich dahinter verbergen, und ihre Kraft dadurch, wie sie formuliert wird. Ohne das ist es nur Klamauk, mehr nicht. Und es ist nicht meine Art, mich auf diese Weise zu äußern. Ich glaube, es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich von etwas distanzieren musste, weil es ein falsches Bild von mir zeichnet. [...] Denn jede Wahrheit wird durch Großmäuligkeit und Kraftmeierei unmöglich gemacht und ich wurde auf diesem Foto, mit dieser Statue in der Hand und über diesem Text als solch ein Wichtigtuer dargestellt, und das verbitte ich mir. Das mag als eitel erscheinen, aber in Wahrheit entspricht es meiner inneren Wertordnung."
Stichwörter: Tarr, Bela