Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

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Magazinrundschau vom 17.02.2015 - Elet es Irodalom

Der Theaterkritiker und Dramaturg Tamás Koltai zieht eine Zwischenbilanz des Budapester Nationaltheaters unter der Führung von Attila Vidnyánszky und sieht die schlimmsten Befürchtungen bestätigt: "Wir haben uns geirrt, als wir jahrzehntelang darauf drängten, dass ein neues Nationaltheater, ein Nationaltheater überhaupt entstehen soll. Wir ahnten nicht, dass eine Ära kommen könnte, die das Nationaltheater so wie den Begriff der Nation vereinnahmt, und entlang partikularen Interessen und Machtspielen zur bloßen Auszahlungsstelle degradiert. Heute ist das Nationaltheater gleichbedeutend mit den Nationalen Tabakläden, der Nationalen Kooperation und der Nationalen Konsultation. Es steht für die Privilegien der Auserwählten gegenüber den Ausgegrenzten."

Magazinrundschau vom 10.02.2015 - Elet es Irodalom

Der Soziologe Balázs Krémer veröffentlichte vor kurzem eine Studie, in der er auf alarmierenden Zustände in der ungarischen Gesellschaft hinweist. Danach ist ein kontinuierliches Abrutschen der Mittelschichten zu beobachten, die mittlerweile täglich vor existentiellen Problemen stehen. Acht Zehntel der ungarischen Gesellschaft seien davon betroffen. Im Interview mit Eszter Rádai macht Krémer dafür die gezielte Politik der Regierung verantwortlich: "In der EU bzw. in den OECD-Ländern versuchte man die Auswirkungen der Krise für die ärmsten Schichten zu lindern und den Rückfall durch soziale- und wohlfahrtsstaatliche Ausgaben zu kompensieren. Die ungarische Regierung handelte umgekehrt, jene Ausgaben wurden erheblich gekürzt. (...) Ich würde sagen, das ist der Trend. Was aus der Sicht der politischen Machtausübung auch funktionell ist, denn das Abrutschen und der Rückfall sind keine abstrakten Ängste mehr, sondern durchlebte Erfahrung. Das macht die meisten Menschen anpassungsfähig. Wo Menschen sich fürchten und vor der Zukunft Angst haben, dort sind Zivilcourage und autonomes bürgerliches Dasein nicht wirklich in Mode."

Magazinrundschau vom 03.02.2015 - Elet es Irodalom

Zoltán Kovács widmet sich dem lang anhaltenden Konflikt zwischen der ungarischen Regierung einerseits und dem Sender RTL, der Tochter des deutschen Bertelsmann-Konzerns. Dabei geht es um die auf Umsatz berechnete Werbesteuer (mehr hier). Der Konzern bestätigte, dass er in Verhandlungen mit der Regierung über Senkung der Steuer steht. Die Frage ist, ob mit einer Einigung auch das Ende der regierungskritischen Berichterstattung des Senders einhergehen wird: "Heute ist es kaum relevant, warum der Sender seine Berichterstattung änderte, die entstandene Situation ist Fakt. Der Ministerpräsident steht einem stark kritischen Sender gegenüber, und allen ist klar, dass er diese Situation selbst verursacht hat. (...) Man kann sich darüber freuen, dass RTL vielleicht nachgeben muss, doch wir sollten keinen Zweifel haben: falls es dazu kommt, ist das die Niederlage eines jeden ungarischen Journalisten und der Medien. Das bereits herrschende Bild wird nur verstärkt werden: nicht die Medien kontrollieren die Regierung, sondern die Regierung die Medien. Sollten wir uns darüber wirklich freuen?"

Magazinrundschau vom 23.12.2014 - Elet es Irodalom

Der Publizist Gábor Gadó sieht in den zahlreichen regierungskritischen Demonstrationen der vergangenen Wochen auch eine "Rückeroberung der Wirklichkeit": "Als im Herbst die Pläne für die Internetsteuer die Menschen auf die Straße brachten, ähnelten die Institutionen des Rechtsstaates - wie Patienten auf einer Abteilung für chronisch Kranke - kaum mehr ihrem früheren Selbst. Mit gutem Grund befürchtet Regierung angesicht der Demonstrationen, dass ihre Kommunikationsstrategie, die bislang erfolgreich eine ganz eigene Wirklichkeit schuf, zusammenbrechen wird, wenn viele tausend in die Welt rufen, dass eine "Workfare-society" in den Hunger, die "illiberale Demokratie" in die Sklaverei, die für den Staat gesicherten Privilegien in den Machtverderb und Korruption führen. Der Ministerpräsident hat in diesem Herbst wahrscheinlich verstanden, dass er mit seinem Angriff auf die Zivilgesellschaft und ihre Organisationen zu spät kam, denn die Empörung ist heute größer als die Angst."

Auch die anderen ungarischen Magazine befassen sich mit den Demonstrationen. In Népszabadság gibt es ein Interview mit der jungen Aktivistin Emma Krasznahorkai, in Magyar Narancs ein weiteres mit Zsolt Várady, dem Gründer der Website iwiw.hu, der sich für eine gerechtere Steuerpolitik einsetzt.

Magazinrundschau vom 16.12.2014 - Elet es Irodalom

Élet és Irodalom bringt ein Interview mit Miklós Tamás, dem Mitbegründer von Fortepan, einem seit 2010 existierenden, offenen Online-Fotoarchiv, das ausgewählte Fotos über Ungarn im 20. Jahrhundert zugänglich macht. Seine Sammlung ist subjektiv, betont Tamás: "Es gab Hunderttausende Szenen im 20. Jahrhundert, an die ich niemanden erinnern möchte, aber es kann ja jeder ein anderes Archiv aufbauen. So gesehen ist Fortepan ein Autorenunternehmen. (…) Fortepan bedeutet auch: wir sollen anstelle von minderwertigen Bildern gute sehen. (…) Damit ist es auch ein Schwindel, aufgrund dieser Bilder könnte kein Geschichtsbuch geschrieben werden. Wenn jemand denken sollte, dass Ungarn so war, würde er sich irren. Ungarn war viel zerfallener, verkratzter, schmutziger und vertrunkener."

Magazinrundschau vom 02.12.2014 - Elet es Irodalom

Mitte November fand in Budapest das 11. Internationale Verzió Dokumentarfilmfestival der Menschenrechte statt. Loránt Stőhr besuchte das Festival und erkannte in vielen Filmen "dieselben grundlegenden politisch-gesellschaftlichen Differenzen in verschiedenen Ausführungen zwischen dem postsozialistischen Osten und dem globalkapitalistischen Westen. Im Osten stammen die schwerwiegenden Probleme aus dem vollkommenen Ausgeliefertsein gegenüber dem Staat, aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit und aus der totalen staatlichen Gleichgültigkeit gegenüber den Lebensverhältnissen der für Untertanen gehaltenen Staatsbürger. Im Westen dagegen verursachen die über riesigen Einfluss und Macht verfügenden Wirtschaftskonzerne kleinere und größere gesellschaftliche Spannungen. Sie agieren gewiefter als offene Diktaturen oder illiberale Staaten und werden von den Bürgern freiwillig akzeptiert. Menschliche Werte, Fürsorge und Glück werden dort von der individuellen Interessenwahrung überschrieben."
Stichwörter: Ungarn

Magazinrundschau vom 25.11.2014 - Elet es Irodalom

In einer Hommage auf den ungarischen Historiker János Kenedi, der - unter Ausschluss der ungarischen Öffentlichkeit - gerade mit dem "Memory of Nations Award" der tschechischen Organisation Post Bellum ausgezeichnet wurde, beklagt sein Kollege Ferenc Kőszeg, die narrative Verzerrung der Wendezeit, in Ungarn, aber auch in Deutschland - als wäre die Wende von den Regierenden vollzogen worden! "Gyula Horn wurde in Deutschland zum nationalen Heiligen, Straßen wurden nach ihm benannt. Jetzt, da Horn nicht mehr lebt, nimmt Miklós Németh seinen Platz ein: es war nicht Horn, sondern er selbst, der die Ostdeutschen aus dem Land ließ, denn er war immer ganz geradlinig. Nur der unehrliche Kohl hätte Gorbatschow angerufen, um ihn zu fragen, ob das so in Ordnung ginge. Das ist keine Parodie, wir sehen dies gerade in der dänisch-ungarisch-deutsch-norwegischen Koproduktion "1989" ... Das macht es so wichtig, dass János Kenedi mit dem Memory of Nations Award 2014 für die Dokumentation von totalitären Systemen ausgezeichnet wurde."

Magazinrundschau vom 18.11.2014 - Elet es Irodalom

Unter Viktor Orbán entfernt sich Ungarn immer weiter von rechtsstaatlichen Prinzipien. Der Verfassungsrechtler Máté Szabó ist Direktor der Gesellschaft für Freiheitsrechte (TASZ), einer unabhängigen Organisation, die gegründet wurde um die Institutionen des jungen demokratischen Rechtsstaates auf die Wahrung der Grundrechte hin zu überwachen und Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Im Gespräch mit Eszter Rádai schildert er, wie seine und andere zivile Organisationen von staatlichen Behörden massiv unter Druck gesetzt werden - und ihre Rolle neu definieren müssen. "Im postrechtsstaatlichen Ungarn müssen diese Organisationen zur Opposition des Systems werden. Wenn wir innerhalb des Systems bleiben, werden wir Teil der Maschinerie. Unser Ziel ist es aber nicht, ein System zu verbessern, das nicht zu verbessern ist. Das ist äußerst wichtig! Solange das Orbán-System existiert, möchten wir nicht die Fehler und die Übergriffe dieses nichtverfassungsrechtlichen Staates verbessern und damit am Leben erhalten und legitimieren, sondern es durch ein System, das auf Grundrechten basiert, ablösen. Unsere Aufgabe besteht nun also darin, einen neuen verfassungsrechtlichen ungarischen Staat aufzubauen."

Magazinrundschau vom 28.10.2014 - Elet es Irodalom

Ende September veranstaltete die Stiftung Ungarisches Übersetzerhaus eine Konferenz zum Roman "Parallelgeschichten" von Péter Nádas. An der Veranstaltung nahmen zahlreiche Übersetzer des Schriftstellers teil, so auch seine deutsche Übersetzerin Christina Virágh. Nach der Veranstaltung sprach Nádas mit Csaba Károlyi über die Bedeutung von Übersetzern für sein Werk: "Ich bin dafür verantwortlich, was ich geschrieben habe. Doch der Übersetzer ist der beste Kenner des Textes, das muss man wissen. Während der Übersetzung stellen sich viele Schlampereien heraus, die von den ungarischen Lektoren nicht erkannt wurden. Was nicht sein kann, was fehlerhaft oder verkehrt ist, ist mein Fehler. Ich zeichne jemanden auf Seite 10 in einem Zustand und das passt nicht zu meinen Zeichnungen auf Seite 600. Eine perfekte Ausgabe gibt es nicht, einen Text, der keine Fehler enthält, gibt es nicht. Dennoch strebt der Mensch nach Perfektion. Ich biete immer Konsultationen an. Ich lerne eine Unmenge aus den Übersetzungen, nicht nur über den Text, sondern auch über die Sprache."

Magazinrundschau vom 14.10.2014 - Elet es Irodalom

Der Philosoph Gáspár Miklós Tamás denkt über die Prägung des Denkens durch das immer beängstigendere Orban-Regime nach: "Das weltanschauliche Waffenarsenal des Regimes ist zwar spärlich, dennoch deformiert es durch seine Stärke immer mehr Diskurse und drückt ihnen seinen Stempel auf. (...) Die oppositionelle Öffentlichkeit analysiert mit manischer Akribie die Erklärungen der Anführer des Systems (....), weil in diesen die arcana imperii, die Geheimnisse der Macht, vermutet werden. (...) Das Verstehen wird aber dadurch instrumentell: (...) dem System wird die Bestimmung von Terminologie und Theorien überlassen, und der kritische Diskurs geschwächt."
Stichwörter: Tamas, Gaspar Miklos, Ungarn