Magazinrundschau

Dostojewski wäre klarer gewesen

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
26.05.2020. In der New York Review of Books hält die Schriftstellerin Marilynne Robinson einen großen Abgesang auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. In HVG ist der Philosoph Gáspár Miklós Tamás entsetzt über die giftige Atmosphäre zwischen Ungarn und Rumänien. The Intercept erklärt die Strategien, mit denen evangelikale Trump-Anhänger gläubige Schwarze und Latinos vom Wählen abhalten wollen. In Nautilus erklärt der Erfinder Joe Jones, warum Roboter nie die Weltherrschaft übernehmen werden.

New York Review of Books (USA), 11.06.2020

Wie konnte Amerika nur so ein unglückliches Land werden, fragt die Schriftstellerin Marilynne Robinson in einem großen Abgesang auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Löhne sinken, die staatlichen Schulen und Universitäten verlieren an Unterstützung, die Lebenserwartung für Weiße sinkt. Immer weniger Amerikaner glauben noch, dass es ihren Kindern besser gehen wird, kaum jemand glaubt noch an die amerikanischen Ideale: "Das Coronavirus kann sich möglicherweise abschwächen, vielleicht kann es behandelt werden. Aber ein Niedergang an Hoffnung und Sinn ist eine Krise der Zivilisation, die Nachdenken erfordert und eine eingehende Sorge um das Wohl der gesamten Gesellschaft und ihren Platz in der Welt... Die Vereinigten Staaten zogen Millionen von Einwanderern an. Sie schufen großartige Städte und Institutionen wie auch eine unverwechselbare Kultur, die in der ganzen Welt Einfluss genoss. Bis vor kurzem brachten sie gerechte, anständige Regierungen hervor, die einigermaßen plausibel den Idealen einer Demokratie gerecht wurden. Das ist die bescheidene Beschreibung jener Energien, die Generationen bewegt haben. Optimismus ist immer die oberste Rechtfertigung der eigenen Existenz. Er scheint naiv, bis er nicht mehr da ist. Der Glaube, dass die Dinge besser werden, und die Erwartung, dass sie es sollten, schaffen aber erst den gesellschaftlichen Nährboden, auf dem Fortschritt entsteht."

Ein Grund könnte die miserable Ernährung sein. "Hoch stapeln und billig verkaufen", lautet die Devise der amerikanischen Nahrungsmittelindustrie, doch in der Coronakrise offenbaren Michael Pollan nicht nur zusammenbrechende Lieferketten, massenhafte Erkrankungen in den Schlachthöfen und kilometerlange Autoschlagen vor Essenstafeln die Mängel der Branche. Verheerend sei auch eine industrielle Landwirtschaft, die vor allem auf dem Anbau von Mais und Soja beruht: "Was wir anbauen, ist nicht unbedingt Essen, sondern Futter für Tiere oder Grundstoffe, die zu Fastfood, Snacks und Limonaden verarbeitet werden können, fruktosehaltiger Maissirup. Während einige Bereiche der Landwirtschaft während der Pandemie ums Überleben kämpfen, werden die Mais- und Sojaernten vermutlich mehr oder weniger unbeschadet bleiben. Das liegt daran, dass sie wenig Arbeitskraft benötigen, meist nur einen einzigen Farmer auf einem Traktor, der allein Hunderte von Hektar ernten kann. Solche Nahrung wird als letzte aus den Supermärkten verschwinden. Leider macht uns dieses Essen (ebenso wie viel Fleisch und wenig Obst und Gemüse) anfällig für Fettleibigkeit und chronische Krankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes Typ 2. Aufgrund dieser Risikofaktoren wird ein mit Covid-19 infizierter Mensch sehr wahrscheinlich mit einem schweren Krankheitsverlauf im Krankenhaus enden. Das Center für Disease Control and Prevention berichtet, dass 49 Prozent aller im Krankenhaus Behandelten unter Bluthochdruck litten, 48 Prozent waren übergewichtig und 28 Prozent hatten Diabetes."

Angesichts einer weiteren drohenden Krise empfiehlt Francesca Mari Aaron Glantz' "Report "Homewreckers", der rekonstruiert, wie die Politik nach der Finanzkrise die Banken rettete, aber Millionen von Hausbesitzern in den Ruin trieb, deren Immobilien sich dann Investoren unter den Nagel reißen konnten: "Diese Politik verschafften Unternehmen nicht nur die finanziellen Anreize für Zwangsvollstreckungen, sondern ermöglichte auch einen riesigen und anhaltenden Wohlstandstransfer von Hauseigentümern zu privaten Investoren, wobei Tausende von Eigenheimen in Mietobjekte verwandelt wurden, die über dem Marktwert vermietet werden."

HVG (Ungarn), 15.05.2020

Nachdem der rumänische Präsident (und designierte Karlspreisträger) Klaus Johannis kürzlich in einer innenpolitischen Debatte eine der führenden Oppositionsparteien geheimer Verhandlungen mit Ungarn beschuldigt hatte (und dies auch noch mit einem ungarischen Akzent), kochten in Orban-nahen Kreisen in Ungarn die Emotionen hoch - bis hin zu rassistischen Beleidigungen. Johannis' Aussagen selbst wurden als rassistisch bewertet. Der aus Siebenbürgen stammende Philosoph Gáspár Miklós Tamás erhebt seine Stimme gegen die zunehmende Feindlichkeit gegenüber Rumänien: "Die Schande des krankhaften Tobens kann mit kurzen Texten nicht bereinigt werden. Unsere ganze Nationalauffassung und Geschichtsbetrachtung ist schuld daran, dass es - schon wieder - passiert, und dass dies keine breite Empörung und Proteste auslöst. (...) Dieser ungarisch-rumänische Gegensatz, bei dem manchmal rumänische, manchmal ungarische 'Eliten' eine zu verurteilende Rolle spielen, hätte mein ganzes Leben vergiften können und es kam vor, dass auch ich meinen Kopf verlor. Doch über den Verletzungen und schlechten Erinnerungen stehend, sage ich nun: es reicht. Leider ist unsere Heimat nicht gesund. Millionen Menschen verstehen nicht, warum die halbe Welt uns verabscheut. Dieser Abscheu ist manchmal gepaart mit Unverständnis oder Unwissen: doch in der Sache ist er begründet. Ungarn ist zu einem furchtbaren Ort geworden. Seine Ehre müsste verteidigt werden, doch nicht mit jener Lüge, dass ethnischer Hass hierzulande nicht dominiere. Doch, er dominiert! Er ist die Essenz der gegenwärtigen Politik und Kultur. Der Bruch damit muss eindeutig sein. Ja, es reicht."
Archiv: HVG

Intercept (USA), 26.05.2020

Dass in den USA immer die Republikaner von einer geringen Wahlbeteiligung profitieren, ist bekannt. Lee Fang erklärt, wie sich die religiöse Rechte unter dem Banner der evangelikalen Gruppe United in Purpose sammelt, um - wie schon 2016 - Donald Trump zum Wahlerfolg zu verhelfen. Ihr wichtigstes Ziel ist es, eine möglichst großen Teil der afroamerikanischen und Latino-Wähler von den Wahlurnen fernzuhalten. Es gibt unter in diesen Wählergruppen viele stark religiös geprägte Menschen. Trump kann sich kaum für sich gewinnen, aber er und seine Anhänger tun alles, damit sie auch nicht die Gegenseite wählen: "Brian Burch von der UIP erklärte, die Gruppe hoffe, eine Veranstaltung für Trump auszurichten, um afroamerikanische und lateinamerikanische Kirchenführer zu treffen und ihnen Unterstützung zuzusagen. Burch fügte hinzu, dass die UIP bereits 'eine Reihe von Zuschüssen an Partner in Schlüsselstaaten vergeben hat', um Minderheiten angehörende gläubige Wähler zu erreichen. Ralph Reed, eine der Hauptfiguren im evangelikalen Einsatz für Präsident George W. Bush, sprach im April davon ein, wie er es nannte, 'makropolitisches Bild' der bevorstehenden Wahl zu zeichnen. In rascher Folge erläuterte Reed frühere Wahlergebnisse und verglich Trump mit Mitt Romney. Seine Schlussfolgerung: Die geringe Wahlbeteiligung der Afroamerikaner in den umkämpften Rust-Belt-Staaten war der Schlüssel zum Erfolg Trumps. 'Allein in Milwaukee County wurden 2016 47.000 schwarze Stimmen weniger abgegeben als 2012', sagte Reed. 'In Michigan, mit ähnlicher Wahlbeteiligung, gewann Trump mit 10.704 Stimmen von etwa 2 Millionen abgegebenen Stimmen. Und in Detroit, Wayne County, gab es 36.000 weniger Stimmen von Afroamerikanern', sagte Reed. 'Die Demokraten sind davon überzeugt, dass Hillary [Clinton] verloren hat, weil es ihr nicht gelungen ist, [Barack] Obamas Wahlbeteiligung bei den Minderheitswählern zu wiederholen', fügte Reed hinzu. 'Sie sind darauf fokussiert wie ein Laserstrahl, wie Trump auf Evangelikale und katholische Abtreibungsgegner'."
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Archiv: Intercept

La vie des idees (Frankreich), 22.05.2020

Alexis Lacroix führt ein langes Gespräch mit Manuel Valls, dem ehemaligen sozialistischen Premier unter François Hollande, der vor den letzten Präsidentschaftswahlen noch als möglicher Kandidat für den Elysée-Palast galt und dann nach Barcelona ausbüchste, wo er sich unter die Lokalpolitiker mischte (natürlich nicht auf der Seite der Separatisten) - Valls hat beide Nationalitäten. Im Gespräch erinnert er auch an seine Kämpfe mit der extremen Linken und Rechten in Frankreich, besonders an den fanatischen postkolonialen Antisemiten Dieudonné: "Dieses 'Bündnis' - ich setze es in Anführungszeichen - zwischen Neonazismus à la Alain Soral und Figuren, die eher von links kommen - auch wenn das alles nicht viel heißen will - ist äußerst ungesund, beunruhigend. Es muss bekämpft werden, und zwar in erster Linie durch die Justiz, denn es muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass Rassismus und Antisemitismus keine Meinungen, sondern als Volksverhetzung Delikte sind. Ich glaube, dass die Macht von Dieudonné immer noch unterschätzt wird. Als ich als Innenminister den Stier bei den Hörnern packte und ihn ab 2013 stellte - auch andere hatten es vor mir getan - konnte ich mir ein Bild von seiner Gewalttätigkeit und seinem Einfluss in vielen Kreisen machen."

Nautilus (USA), 06.05.2020

Nicht menschlich, aber irgendwie auch ganz süß: Joe Jones' Rug Warrior von 1989
Dystopisch-gruseligen Fantasien, in denen Roboter die Weltherrschaft übernehmen, erteilt Joe Jones eine klare Absage - er hat allerdings auch gut reden, er entwickelt ja seit den 80ern selber solche, darunter einen beliebten automatischen Fußbodenreiniger, dessen beschwerliche Entwicklung er detailliert schildert. Warum also ist mit einer Unterjochung der Menschheit nicht zu rechnen? Weil Roboter im Grunde blöde sind und es auch weiterhin bleiben werden, solange effizientes Wirtschaften nach Reduktion der Herstellungskosten verlangt. "Robotern fällt es schwer genug, überhaupt nur ihre Jobs zu erledigen. Sie darüber hinaus noch mit unnötigen Eigenschaften und Erwartungen zu belasten, macht das Problem nur größer. Das ist der Grund dafür, dass es mich immer ärgert, wenn Entwickler ihre Roboter mit anthropomorphen Merkmalen ausstatten - sie geben damit ein Versprechen, das kein Roboter halten kann. Anthropomorphe Merkmale und Verhaltensweisen legen nahe, dass der Roboter über die selbe Art Innenleben verfügt wie Menschen - hat er aber nicht. Stattdessen stehen dem Roboter eine überschaubare Menge an Tricks zur Verfügung, mit dem er menschliche Verhaltensweisen imitieren kann. Hat der Besitzer alle Tricks gesehen, verflüchtigt sich der Neuheitseffekt und damit auch der Grund, den Roboter überhaupt einzuschalten. Nur die Dienste jener Roboter, die sinnvolle Aufgaben erfüllen, werden auch dann noch in Anspruch genommen, wenn sich der Neuigkeitenwert abgenutzt hat. Kein kommerziell erfolgreicher Roboter, von dem ich weiß, kommt mit überflüssigen Extras. Dies umfasst auch die Rechenschaltkreise - Rechenschaltkreise, die er nutzen könnte, um die Weltherrschaft zu erlangen. Dass Roboter den Alltag noch nicht durchdringen, liegt auch daran, dass jeder von ihnen das seltene Zusammenspiel aus Markt, Aufgabenbereich, Technologie und Innovation benötigt. Aber mit dem technologischen Fortschritt und dem allgemeinen Kostenverfall erweitert sich auch fortlaufend der Werkzeugkasten der Entwickler. Daraus folgt, dass mehr Sorten von Robotern die Schwelle wirtschaftlicher Nutzbarkeit überschreiten. Mit einer Konstante aber ist dabei stets zu rechnen: Jeder neue, erfolgreiche Roboter wird nur ein Minimum darstellen - die einfachste, kostenniedrigste Lösung eines Problems, das die Leute gerne gelöst sähen."
Archiv: Nautilus
Stichwörter: Roboter, Robotik, Jones, Joe

New Yorker (USA), 01.06.2020

Für die aktuelle Nummer des Magazins folgt James Wood Dostojewski in die Verbannung. Was macht Dostojewski in Sibirien? Er liest Hegel. Behauptet zumindest der ungarische Kritiker László F. Földényi in einem (jetzt ins Englische übersetzten) Essayband, in dem der Autor laut Wood in die Fußstapfen Ciorans tritt: "Földenyis Version (der Aufklärungskritik, d. Red.) geht so: Die Rationalität der Aufklärung hat nicht nur Gott durch einen Gott der Vernunft ersetzt, sondern auch die Freiheit neu definiert als rein instrumentell, nicht länger metaphysisch, als etwas, das der Mensch formen und kontrollieren kann. Echte Freiheit aber, glaubt Földenyi, 'wird nur erreicht, durch das, was mich transzendiert', was jenseits unserer Macht und unseres Verstehens steht. Wenn wir dieser Idee von Freiheit abschwören, fangen wir an, auf Erden Utopien zu bauen, die sich in Dystopien verwandeln. Hier folgt Földenyi Dostojewski, der den Kristallpalast auf der Londoner Weltausstellung mit Horror als Tempel des kapitalistischen Triumphs erkannt hatte. Földenyis Version des Glaspalastes ist der kugelförmige Turm zu Babel, erbaut mit hybridem Rationalismus, als Zeichen für den globalisierten Markt des westlichen Kapitalismus … Aber was ist diese Transzendenz, die der Welt abhanden gekommen ist? Als Christ bleibt der Autor hier seltsam zurückhaltend, spricht von 'transzendentalen' Zielen und davon, 'offen zu bleiben für die metaphysische Tradition', für 'das Göttliche'. Doch wenn er wirklich Gott mit dem Göttlichen meint, warum sagt er es nicht? Dostojewski wäre klarer gewesen."

Außerdem: Ariel Levy porträtiert die keinem Streit aus dem Weg gehende Schriftstellerin Lionel Shriver. Adam Gopnik testet die Online-Psychotherapie. Nathan Heller schaut nach San Francisco, wo Obdachlosenkrise und Coronakrise konvergieren. Und Carrie Battan hört The 1975. Und Anthony Lane sah im Kino "The Painter and the Thief" von Benjamin Ree.
Archiv: New Yorker

Novinky.cz (Tschechien), 20.05.2020

Im Gespräch mit Klára Vlasáková berichtet die südkoreanische Schriftstellerin Han Kang, wie sich in ihrer Heimat die Wahrnehmung ihres Romans "Die Vegetarierin" verändert habe. In Südkorea sei in den letzten Jahren - auch dank #MeToo - eine recht starke Feminismuswelle aufgekommen. "Im Jahr 2007, als der Roman zuerst erschien, hatte er nur ein paar Fans, für die größere Leserschaft handelte es sich um einen unangenehmen, schwer erträglichen Text. Die Unterdrückung und die Gewalt, die die Protagonistin erlebt, wurden als ein Randphänomen empfunden, dem man keine große Aufmerksamkeit widmen musste." Inzwischen sei "Die Vegetarierin" zu ihrer Überraschung in Korea ihr bekanntestes Buch. "Die Leute sagen mir, wie sehr sie mit der Heldin mitfühlen und sie begreifen können. Die Welt hat sich seit der Erstausgabe sehr verändert - und mit ihr die Rezeption des Buchs."
Archiv: Novinky.cz

Bloomberg Businessweek (USA), 25.05.2020

Solche überlebensgroßen Exzentriker kommen wohl nur noch in Amerika zur Blüte. Elon Musk mag auf Twitter fast so viel Unsinn über Corona verzapfen wie sonst nur Trump - er bleibt doch ein Unternehmer, der es sogar fertigbrachte, den größten Vermögenskiller unter allen Geschäftsideen - die Raumfahrt - mit SpaceX zu einem sehr viel versprechenden Unternehmen zu machen, erzählt Ashlee Vance in einem amüsant zu lesenden Porträt des gebürtigen Südafrikaners. "Die Pandemie-Tweets machen es allerdings schwieriger zu beurteilen, was bei Musk gerade drunter und was drüber geht. Eigentlich hatten ihm gewisse Konservative jahrelang misstraut, nur weil er elektrische Autos produziert und den Klimaalarm ausruft. Aber nun, da Musk die Wiedereröffnung der Wirtschaft verlangt und mit seinen Tweets randständige rechte Anliegen unterstützt, haben sich ihm viele Rechte angeschlossen. In Texas, der Heimat von Big Oil, wo man lange versuchte, Tesla am Verkauf oder der Ladung seiner Autos zu hindern, treten sich die Politiker fast tot, um ihn und seine Werke als erste willkommen zu heißen."
Stichwörter: Musk, Elon, Tesla, SpaceX, Corona

Magyar Narancs (Ungarn), 23.04.2020

Der bildende Künstler Attila Szűcs berichtet über sich eventuell veränderte Arbeitsweisen und Auffassungen in seiner Kunst aufgrund der vergangenen Wochen der Pandemie: "Wie zeigt sich die Veränderung in der Arbeit in der Galerie? Malereiprogramme haben seit Langem eine sich wiederholende Komponente, nämlich die Projektion von dystopischer Zukunft. Jetzt wird der Ton noch apokalyptischer. Dabei würde ich nicht behaupten, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Werk und der Entstehungszeit und dem Entstehungsort gibt. Die Effekte erscheinen indirekt, in Zeit verschoben, oft mit großen Sprüngen. Darüber hinaus kann es in der Kunst vorkommen, so unglaublich das auch klingen mag, dass die Ursachen hinter der Wirkung schlendern."
Stichwörter: Szücs, Attila

The Atlantic (USA), 30.06.2020

Im neuen Heft des Magazins berichtet der Journalist Barton Gellman, wie er seit seiner Zusammenarbeit mit Edward Snowden in Sachen NSA im Jahr 2013 von den amerikanischen Behörden verfolgt wird: "Das MacBook Air, das ich verwendete, war ein Ziel. Ich sandte eine Kopie des Arbeitsspeichers an einen Experten für Mac-Systeme. Er entdeckte im Hintergrund arbeitende Systemdienste, deren Zweck er nicht ermitteln konnte … Das Geschäft der Geheimhaltung auf der Ebene nationaler Sicherheit ist von einem Konflikt zweier Kernwerte geprägt: Autonomie und Selbstverteidigung. Wenn wir nicht wissen, was unsere Regierung anstellt, können wir sie nicht dafür zur Verantwortung ziehen. Wissen wir es, wissen es auch unsere Feinde. Das kann gefährlich sein. Das ist unser Dilemma. In Kriegszeiten gibt es gute Gründe für Geheimhaltung, denn der Wert der Sicherheit ist am höchsten. Aber Geheimhaltung richtet niemals mehr Schaden an der Autonomie an als in Kriegszeiten, weil Krieg zu führen eine höchst politische Entscheidung ist. Unsere Regierung sieht das offenbar anders. Ein paar Dinge, die ich durch von mir angestrengte juristische Verfahren für die Informationsfreiheit in Erfahrung gebracht habe: Der US-Geheimdienst besitzt 435 unter Verschluss stehende Dokumente über mich. Mitarbeiter des Heimatschutzes haben zu jeder meiner Auslandsflugreisen seit 1983 einen 76-seitigen Bericht verfasst. Die Zollkontrolle hat desöfteren heimlich mein Gepäck durchsucht, wenn ich von Arbeitsreisen zurück kam. Die Gründe für die Durchsuchungen wie die Ergebnisse wurden zensiert. Hunderte Emails dokumentieren interne Debatten darüber, wie mit meinen Anfragen oder Artikeln zu verfahren sei."

Außerdem: William Dersiewicz bespricht J. M. Coetzees "The Death of Jesus". Und Jenny Odell stellt Bücher über die Sprache und das Verhalten der Vögel vor.
Archiv: The Atlantic