Magazinrundschau

Ein wildes Stück Aufklärung für den Bourgeois

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
16.04.2019. In der London Review erzählt Colm Toibin von dem Schmerz in seinen Eiern, der sich als Krebs entpuppte. Der Guardian stellt die chinesischen Deep Learning Überwachungssysteme und den riesigen globalen Markt dafür vor. Le Monde diplomatique blickt nach Algerien, wo die Geschäftsfreunde des Bouteflika-Clans festsitzen. Today blickt nach Indonesien, wo sich viele Muslime radikalisieren. Und Simon Reynolds hört in der Red Bull Academy das Fauchen der Stahl-Hochöfen, wie es Luigi Nono festgehalten hat.

New Yorker (USA), 22.04.2019

In der aktuellen Ausgabe des Magazins erzählt Ben Taub die berührende Geschichte der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen dem Ex-al-Kaida-Terroristen Mohamedou Salahi und seinem ehemaligen Wärter in Guantánamo, Steve Wood, der schließlich zum Islam konvertierte und Pate von Salahis Sohn wurde: "Manchmal öffnete Wood Salahis Koran auf gut Glück und nannte ihm die Verszahl, und Salahi rezitierte laut aus dem Gedächtnis, zuerst auf Arabisch, dann auf Englisch. Es war das erste Mal, dass Wood mit dem Koran in Berührung kam. Er wollte Salahi mehr über den Inhalt fragen, aber er vermutete, dass es Mikrofone und Kameras in der Zelle gab. Außerhalb von Echo Special (Salahis Zellentrakt, d. Red.) begann Wood, auf aktivistischen Websites über Guantánamo zu lesen, aber ein Kollege warnte ihn, dass das Internet auf der Basis überwacht würde. Er fürchtete, seine Kollegen könnten seine immer komplexeren Gefühle für Salahi entdecken und ihn für unpatriotisch halten und verraten. 'Ich habe versucht, meine Zeit in Guantánamo moralisch neutral zu gestalten, ohne als Verräter zu gelten', so Wood. 'Ich hatte Angst, zu viele Fragen zu stellen, ich hatte Angst, ein Buch über den Islam zu lesen, während ich da drin war, oder zu viel Interesse zu zeigen.' Woods Bedenken waren nicht ungerechtfertigt. Während Salahi gefoltert wurde, entdeckte James Yee, der muslimische Militärkaplan, dass er und die Dolmetscher in Guantánamo - viele von ihnen waren muslimische Amerikaner aus Nahost - von Geheimdienstbeamten ausspioniert wurden … Im Oktober 2004 brachte Woods Freundin ihre gemeinsame Tochter Summer zur Welt. Sieben Monate später endete sein Einsatz. Bevor er Guantánamo verließ, gab er Salahi Steve Martins Roman 'The Pleasure of My Company'. Als Widmung schrieb er: 'Viel Glück für dich. Denk daran, dass Allah immer einen Plan hat. Ich hoffe, du siehst uns nicht nur als Wärter. Ich glaube, wir sind alle Freunde.' Aber er war sich nicht sicher, ob Salahi ihm glaubte."

Außerdem: D. T. Max stellt den Dramatiker Lucas Hnath und sein neues Broadway-Stück "Hillary and Clinton" vor. Elizabeth Kolbert konstatiert, dass die größten Verschwörungstheoretiker heute keine Outsider mehr sind, sondern unsere politischen Führer. Jennifer Homans porträtiert den Choreografen Akram Khanl, der gerade "Giselle" neu choreografiert hat. Julian Lucas liest Ian McEwans neuen retrofuturistischen Roman "Machines like me". Alex Ross stellt den Komponisten Tyshawn Sorey vor. Und Anthony Lane sah im Kino Robert Budreaus Film "Stockholm".
Archiv: New Yorker

London Review of Books (UK), 18.04.2019

In irritierend lakonischer Nüchternheit erzählt der irische Schriftsteller Colm Tóibín auf dreißig Seiten von seiner Krebserkrankung. Dabei geht er gleich in die Vollen: "Es begann mit meinen Eiern. Ich war in Südkalifornien und mein rechtes Ei war etwas wund. Am Anfang dachte ich, der Schmerz käme von dem Schlüsselbund in meiner rechten Hosentasche, der beim Gehen an mein Testikel schlug. Also steckte ich die Schlüssel in die andere Tasche. Für eine Zeit blieb der Schmerz aus, dann kam er wieder. I gab täglich Lesungen, verkaufte meine melancholischen Geschichten an die Leute in Orange County und weiter südlich. An manchen Tagen fragte ich mich, ob im Publikum vielleicht ein Arzt säße, der, wenn ich am Ende der Lesung eine entsprechende Erklärung gab, den Schmerz verschwinden lassen könnte. Aber ich wollte kein Aufhebens machen."

In seiner Autobiografie "Interesting Times" hat Eric Hobsbawm, die linke Historiker-Ikone, auf geradezu komische Weise nichts über sich selbst enthüllt, erinnert Susan Pedersen, zum einen weil sich Hobsbawm wirklich nicht für sich selbst interessierte, zum anderen weil er die Gründe für jedes Scheitern auf seinen Kommunismus schob. Von Richard Evans' Biografie lernt Pedersen, dass es eher anders herum war: Besonders eisern wurde Hobsbawm, wenn ihn wieder ein Verlag oder eine Universität abgewiesen hatte: "Evans redet die intellektuellen Verrenkungen nicht schön, die Hobsbawm unternahm, um die stalinistischen Schauprozesse, den Hitler-Stalin-Pakt oder die sowjetische Invasion Finnlands zu verteidigen, aber er minimiert auch nicht den lebhaften und heterodoxen Geist, der die Historiker-Gruppe der Kommunistischen Partei oder die Gründung von Past & Present durchwehte, noch immer ein führendes Geschichtsjournal. Die sowjetische Invasion Ungarns - die Zerschlagung einer Volksbewegung durch den Arbeiterstaat - stürzte die Gruppe in eine Krise und die meisten von Hobsbawms Gefährten (E.P. Thompson, Christopher Hill) verließen damals die Partei. Hobsbawm tat es nicht, er hielt die sowjetische Invasion angesichts einer drohenden Konterrevolution für schmerzlich, aber notwendig: 'Wären wir an Stelle der sowjetischen Regierung gewesen, hätten wir interveniert.'" Am Ende sieht Evans in Hobsbawms radikaler Haltung auch eine Art Selbstschutz: "Sein Kommunismus machte jede Anerkennung durchs Establishment noch beeindruckender, es erklärte auch jeden Misserfolg. Und auch wenn Hobsbawm nicht die Partei verlassen hatte, macht Evans klar, hatte er bis zu einem gewissen Grad seinen Glauben verloren."

Guardian (UK), 15.04.2019

Bewundernswert vielschichtig widmet sich Darren Byler der digitalen Überwachung der Uiguren durch die chinesischen Sicherheitsapparate. Byler rekapituliert, wie sich der Konflikt politisch in den letzten zehn Jahren hochgeschaukelt hat, wie Peking den Uiguren erst das Internet sperrte, es dann wieder als reines Kontrollinstrument zuließ und wies es nun die Überwachungstechnologie mit Gesichtserkennung und Filter-Software perfektioniert. Deep Learning Systeme sollen per Video-Feeds in Echtzeit Millionen von Gesichtern erfassen können, Archive anlegen, verdächtiges Verhalten identifizieren und voraussagen, wer ein Gefährder werden könnte. Byler zitiert auch Skeptiker, die glauben, Chinas Fähigkeiten würden übertrieben. Aber auch wenn man nicht weiß, wie viel von all dem Panik und wie viel Angeberei ist, ahnt man: Je gruseliger die Technologie, umso besser werden die Geschäfte laufen. "Die Kontrolle über die Uiguren ist ein Testfall für das weltweite Marketing chinesischer Technologie geworden. Rund hundert Regierungsorganisationen und Firmen aus zwei Dutzend Ländern, darunter die USA, Frankreich, Israel und den Philippinen nehmen an der einflussreichen jährlichen chinesisch-eurasischen Sicherheits-Expo in Urumqi teil, der Hauptstadt Uiguriens. Dem Ethos der Expo und der chinesischen Sicherheitsindustrie zufolge soll die muslimische Bevölkerung gesteuert und produktiv gemacht werden. In den vergangenen fünf Jahren hat der Krieg gegen den Terror eine großen Zahl von chinesischen Startups ein bis dahin unbekanntes Wachstum beschert. Allein in den letzten beiden Jahren hat der Staat geschätzte 7,2 Milliarden Dollar in Xingjiang in die Sicherheitstechnologie investiert. Wie ein Sprecher eines Startups erklärte, sind sechzig Prozent der Länder mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit Teil von Chinas erstem internationalen Entwicklungsprojekt, der Neuen Seidenstraße. Für die Technologie zur Bevölkerungskontrolle, wie sie in Xinjiang entwickelt wird, gibt es also unbegrenztes Marktpotenzial."
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Archiv: Guardian

Elet es Irodalom (Ungarn), 12.04.2019

Nachdem beim diesjährigen Nationalfeiertag am 15. März bekennende Rassisten und Antisemiten mit staatlichen Preisen u.a. für Kultur, Literatur und Journalismus ausgezeichnet worden waren, stiftete der Schriftsteller Endre Kukorelly eine Summe, um den früher renommierten, unabhängigen Baumgartner Literaturpreis zu reaktivieren. Im spricht er über seine Beweggründe: "Im realexistierenden Sozialismus hielt die Parteielite die Kultur für wichtig, weil sie in einem breiteren Kreis wirkte und die Kultur sie wiederum legitimierte. Bei den heutigen Entscheidungsträgern scheint es kein Legitimationsdefizit zu geben. (...) Mit einem Kampfbeil wurde die Kultur in Verlierer und Gewinner geteilt. Wer zuvor unter den Sozis genug bekam, der vegetiert heute; der Rest schaut dumm aus der Wäsche. Es ist ein Rätsel, warum sie es so handhaben, sie könnten wesentlich großzügiger sein, ihre Macht wäre auch dann nicht gefährdet. Die Polarisierung wächst damit aber weiter. (...) Jetzt habe ich das Wort ergriffen, wie der stumme Zehnjährige, bei dem die Suppe scheiße ist, aber nicht, weil bis jetzt alles gut war, sondern weil jetzt alles sehr scheiße ist. Es reicht nicht, nur jene zu beschimpfen, die von Rachegelüsten gelenkt ihren Einfluss Geltung verschaffen - wir müssen auch unsere eigene Verantwortung sehen."
Stichwörter: Kukorelly, Endre, Ungarn

Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 11.04.2019

Auf ihren Demonstrationen gegen Algeriens greisen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika fragten die Menschen immer wieder "Wer sind die Entscheider?" oder "Wo verstecken sich die Entscheider?". Akram Belkaïd und Lakhdar Benchiba rekapitulieren, wie sich hinter der Fassade der Einheitspartei FLN die Machtverhältnisse in Algier immer wieder verschoben, vom Militär zum Geheimdienst zur Präsidenten-Entourage und zurück. Aber nach Bouteflikas Rücktritt weiß eigentlich niemand, wer künftig die Macht in Händen halten wird: "Innerhalb von Bouteflikas innerstem Zirkel hatte sich in den vergangenen Jahren ein neues Machtzentrum gebildet. Es bestand aus Geschäftsleuten, die Said Bouteflika nahestanden, darunter auch solche, die bis Anfang der 2000er Jahre noch kleine Unternehmer waren und mit zahlreichen Infrastrukturaufträgen des Staats reich geworden sind. Mit Öl- und Gasexporten hat Algerien zwischen 2000 und 2015 mehr als eine Billionen US-Dollar an Devisen eingenommen. Diese Rente hielt den auf Korruption basierenden algerischen Kapitalismus am Leben. Niemand symbolisierte den Aufstieg der politisch einflussreichen Oligarchen deutlicher als Ali Haddad, der langjährige Präsident des mit Abstand wichtigsten Unternehmerverbands (FCE). Dem FCE gelang es zum Beispiel im Sommer 2017, den gerade erst ernannten Premierminister Abdelmadjid Tebboune gleich wieder abzusägen, weil dieser plante, den Bezug von Devisen für private Importeure zu beschneiden. Als Haddad Ende März von seinem Amt als FCE-Präsident zurücktrat und in der Nacht auf den 31. März an einem algerisch-tunesischen Grenzübergang wegen Devisenvergehen festgenommen wurde, war das ein klares Zeichen dafür, dass es mit der Präsidentschaft Bouteflikas zu Ende ging. Mittlerweile dürfen zahlreiche dem Bouteflika-Clan nahestehende Geschäftsleute Algerien nicht mehr verlassen, Privatflugzeuge haben auf den Flughäfen des Landes Startverbot."

Today (Singapur), 13.04.2019

Morgen wird in Indonesien gewählt. Zur Wahl stehen zwei Kandidaten: der eine, Joko Widodo, steht - noch - eine gemäßigte Haltung zur Religion vertritt und das Multikulti in Indonesien verteidigt. Der andere, Prabowo Subianto, steht für die von den Saudis finanzierte wachsende Zahl von islamischen Hardlinern. Dazu kommen Probleme mit Fake News in den sozialen Medien und wirtschaftliche Probleme, berichtet Faris Mokhtar. Am meisten Kopfzerbrechen macht jedoch der Aufstieg des wahabitischen Islams: "Herr Ericssen, ein unabhängiger politischer Analyst und in Singapur ansässiger Mitarbeiter der indonesischen Tageszeitung Kompas, sagte, das diesjährige Präsidentschaftsrennen sei ein 'Kampf darum, wer islamischer ist, wer am frommsten und wer muslimische Wähler besser beeindrucken kann'. Aber Frau Titi Anggraini Mashudi, Leiterin der NGO Election and Democracy, warnte davor, dass dies nur die Identitätspolitik vertiefe und ein 'Überlegenheitsgefühl' bei konservativen Muslimen geschaffen habe. 'Sie halten sich selbst für besser als die Minderheit der Nicht-Muslime. Was mich am meisten beunruhigt, ist, dass die Wähler einen Kandidaten auf der Grundlage der Identitätspolitik auswählen. Wir dürfen nicht in diese Falle tappen', sagte Frau Mashudi. "Wir müssen die Minderheiten schützen und sicherstellen, dass sie nicht diskriminiert werden."
Archiv: Today

La vie des idees (Frankreich), 12.04.2019

Ophélie Siméon führt ein sehr interessantes Gespräch mit dem britischen Wirtschaftshistoriker David Todd über wirtschaftlichen Liberalismus, Freihandel versus Protektionismus und die komplizierten Interaktionen dieser Ideen mit der Idee der Nation. Todd benennt dabei einen wichtigen Aspekt in der Entstehung Großbritanniens: "Nach Oliver Cromwell, der von 1649 bis 58 an der Macht war, praktizierte England einen Merkantilismus bis zum Anschlag. Es gibt keine Universal-Definition des Merkantilismus, aber in diesem Kontext ging es darum, Importe zu reduzieren und Exporte zu maximieren. Es gab vielfältige Maßnahmen, um dieses Ziel zu erreichen: sehr hohe Einfuhrzölle, Schifffahrtsbestimmungen, die den englischen Handel auf englische Schiffe beschränkten, Prämien für die Ausfuhr von Manufakturprodukten und so weiter. Der Wunsch, an diesem System und dem der englischen Kolonien teilzuhaben, war für Schottland eines der Hauptmotive für den Act of Union, der im Jahr 1707 die Geburt Großbritanniens markierte."

Chronicle (USA), 12.04.2019

Jacob Mikanowski porträtiert den Historiker Timothy Snyder als einen Getriebenen, der mit seinem Buch "Bloodlands" zu Recht zu Ruhm kamnund dann in eine Symptomatik des Prophezeiens verfiel, die seinen Ruf eher beschädigte. Schon das Buch "Black Earth" weise hier problematische Passagen auf, mehr noch aber "Über Tyrannei" und das jüngste Buch "Der Weg in die Unfreiheit" über faschistische Einflüsse auf Wladimir Putin, das vorschnell aus der Geschichte auf Trump und die Gegenwart schließe. Mikanowski folgt hier der Kritik des Historikers David A. Bell, der sagt, "dass Snyders 'Fixierung auf 1933 und den Aufstieg des Faschismus es sich mit Trump und dem Vergleich amerikanischer und europäischer Umstände' zu einfach macht. Demokratien können auf viele Arten scheitern, sagt Bell, ohne dass der Sturz der Weimarer Republik immer das einzig mögliche Resultat ist… Snyder sträubt sich, wenn ich ihm gegenüber diese Kritik zitiere. Für ihn ist Russland kein Nebengleis, sondern eine mächtige Gefahr für die Demokratie. 'Russland hat ganz klar in die amerikanischen Wahlen eingegriffen', sagt er. Wer anders denkt, 'leugnet die Wahrheit'."
Archiv: Chronicle

Red Bull Music Academy (Österreich), 11.04.2019

Pophistoriker Simon Reynolds erinnert in einem epischen Feature an den italienischen Avantgarde-Komponisten Luigi Nono, der in seiner Arbeit Klangexperimente mit einer profunden kommunistischen Weltsicht kombinierte. Die 60er und 70er waren die zentrale Phase seines Schaffens, eines seiner zentralen Klangmaterialien war die menschliche Stimme, die er in seinem eigens für solche Zwecke eingerichteten Studio-Labor auf vielfältige Weise aufnahm und verfremdete. Anders als viele andere linke Avantgardisten unter seinen Zeitgenossen hielt er sich allerdings nicht bloß im Elfenbeinturm der Kunst auf, sondern suchte den direkten Kontakt zu den protestierenden Studenten und den Arbeitern in den Fabriken. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählte die Komposition "Die erleuchtete Fabrik" - "ein wildes Stück Aufklärung für den Bourgeois mit seiner Vorliebe für klassische Musik, der zwar die Vorteile der Fabrikarbeit genießt, aber keinen blassen Schimmer von den feindlichen Bedingungen hat, unter denen sie geleistet wird. 'Ich verbrachte drei Tage mit den Arbeitern von Italsider', erinnerte sich Nono an seine Klang-Expedition im Jahr 1964 in eine Metallfabrik in Genua. 'Ich diskutierte mit ihnen, nahm ihre Äußerungen und die akustische Umgebung auf, in der sie arbeiteten. Es ging mir nicht nur darum, ein Werk über Fabrikarbeit zu gestalten, sondern darüber hinaus auch die Auswirkungen dieser besonderen Arbeitsumgebung mit all ihren Verletzungsgefahren auf das Privatleben der Arbeiter zu verstehen. Dafür war es nötig, auch die psycho-physischen Reaktionen der Arbeiter aufzunehmen anstatt sie bloß zu 'fotografieren', wie sie in der Fabrik arbeiteten.' Nono nahm 'den Lärm der Hochöfen auf, wenn geschmolzener Stahl in sie gegossen wird, dazu die lauten, zornigen Stimmen der Arbeiter, die sich schnelle Anweisungen gaben.' ... 'Die Arbeiter sind über Radio und Popsongs dem Bombardement eskapistischer Konsumption ausgesetzt', beobachtet Nono 1966 in einem Interview. 'Aber um ihr eigenes Leben und um ihrer Arbeit willen, müssen sie in Fragen der Technik Avantgarde sein: neue technische Mittel für die Produktion und Arbeit. ... Das Verständnis für die Arbeits- und Kompositionsabläufe im Studio, sowie für die semantische Analyse des Textes im Bezug darauf, wie er Musik wird, fällt ihnen leicht.'" Wir hören rein: