Kurt Flasch

Über die Brücke

Mainzer Kindheit 1930-1949
H. Schmidt Universitätsdruckerei, Mainz 2002
ISBN 9783935647137
Broschiert, 143 Seiten, 19,80 EUR

Klappentext

Mit 44 Abbildungen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.07.2003

In welcher Weise war Kindsein unter verschärften Bedingungen im Krieg möglich, dies ist für Angelika Overath die Fragestellung der autobiografischen Skizze des Philosophen Kurt Flasch. Es gab "keinen unschuldigen Alltag, auch nicht für Kinder", laute Flaschs Resümee, fasst Overath zusammen. Schuld sei ein alles beherrschendes, alles durchdringendes Gefühl gewesen. Flaschs Aufzeichnungen über die Jahre 1930 bis 1949 bezeichnet die Rezensentin als sehr behutsam und alltagsnah zugleich, eine - für den Philosophen typische - Mischung aus sinnlicher Konkretion und forschem, wachen Intellekt. Flasch, mittlerweile eremitiert, ist Spezialist für mittelalterliche Philosophie, berichtet Overath und hat in seinen Aufzeichnungen das dazugehörige Erweckungserlebnis gefunden. Flasch durfte als Knabe dabei helfen, die Bibliothek von Goethes Schwager in einen Luftschutzkeller zu bringen: manche der Bücher wiesen noch mittelalterliche Handschriften auf, welche die Faszination des Vierzehnjährigen weckten und die er mit Hilfe des historisch geschulten Pfarrers zu entziffern lernte. Insofern, meint Overath, erzähle Flaschs Buch auch die Geschichte eines Pädagogen, der selber die Erfahrung gemacht hat, wie wichtig es sein kann, von erfahreneren Menschen an die Hand genommen zu werden.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.11.2002

Rezensent Friedrich Niewöhner zeigt sich von Kurt Flaschs Erinnerungen an seine "Mainzer Kindheit 1930-1949" regelrecht begeistert. Der Philosoph und Historiker ist heute als scharfer Kritiker jedes dogmatischen Christentums bekannt. Umso erstaunlicher findet der Rezensent Flaschs fast liebevolle Beschreibungen der Priester und Kaplane im "miefigen Mainz". Mit Wärme gedenke Flasch seiner geistlichen Lehrer, die ihn in das Wesen des Thomismus einführten und mit den Schriften Raimundus Lullus' bekannt machten. Flasch erzähle nicht nur von seiner Jugend und den ersten Universitätserfahrungen, sondern vor allem vom Leben in einem kirchlichen Milieu, das, so Niewöhner, "alle Lebensbereiche seiner Mitglieder streng bestimmte und dennoch den Keim zu dem legte, was dann zur Kritik des Christentums führte". Deshalb ist Flaschs "Mainzer Kindheit" für Niewöhner ein "großes Buch".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.2002

Der Philosophiegeschichtler Kurt Flasch, Jahrgang 1930, legt hier einen Band mit Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend vor. Höchst erstaunlich, so der Rezensent Patrick Bahners, ist die Präzision seines Gedächtnisses. Im Wortlaut erinnert sich Flasch an einschneidende Erlebnisse, etwa die Aufforderung seines Mentors: "Du wirst heute vierzehn. Du wirst jetzt ein Mann. Du musst Nietzsche lesen." Die wörtliche Erinnerung, meint Bahners, funktioniert hier als Mittel der Vorbeugung gegen das Verschwinden der "materiellen Erinnerungsstücke", für das der Krieg sorgte. Dazu gehört auch, dass die Erinnerungen keineswegs chronologisch vorgehen, neben präzisen Bildern stehen so immer wieder - mit Bahners Worten - "Kinderfreuden als Inseln der Zeitvergessenheit." Dieses Buch, stellt Bahners fest, berichtet die "Wahrheit" und zwar in der ihr eigenen Form: als etwas "Besonderes".
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