Die Feuilletons stürzen sich auf "Gehen um zu stehen", dem mit mehr als 130.000 Abrufen bislang größten Hit von MB Sounds. Hinter diesem Namen steckt bekanntlich Ex-Bundesjustizminister und Feierabend-Musikproduzent MarcoBuschmann, der mit pathetischen Sounds über das Ende der Ampelkoalition lamentiert. "In den ersten Takten gibt es gleich das volle Brett", schreibt Axel Weidemann auf FAZ.net. "Piano, Streichermarmelade und Glockenspiel dürfen gleich losdonnern. Sechzehn Sekunden lang, klanglich irgendwo zwischen tiefempfundener Nachdenklichkeit und der Hoffnung, nach dem Konsum von sechs Litern Apfelschorle irgendwo in Berlin noch eine saubere Toilette zu finden. Dann setzen die Männerstimmmen ein, die zu allem entschlossen aber völlig unverständlich von dramatischen Dingen singen. Gregorianische Gesänge auf dem Abschiedsball, die statt Gotteslob übergangslos in Zweifinger-Synthesizer-Klänge münden. Lässiger kann man knapp 1500 Jahre Musikgeschichte eigentlich nicht verklammern."
Im Zwischenspiel aber, hält Daniel Gerhardt auf Zeit Online fest, öffnet Buschmann "alle Schleusen für den persönlichen Schmerz, den er im Angesicht seiner Zwangsrückkehr in die freie Wirtschaft zu spüren scheint. 'Manchmal muss man etwas aufgeben, das man liebt, um zu bleiben, wer man ist', heißt es in einer Notiz zur Komposition - und was bringen die 29 Synthietöne des Zwischenspiels zum Ausdruck, wenn nicht genau dieses Dilemma der liberalkonservativen Lebensbewältigung? ... Der Platzhirschrede, mit der Scholz den Rauswurf Lindners begründete, stellt Buschmann versöhnliche Töne entgegen. Die persönliche Kränkung seines Parteichefs ersetzt er durch einen Sound, in dem Selbstkritik- und -zweifel anklingen. Hätte es mehr davon gegeben in der Koalition, gäbe es vielleicht noch immer eine funktionierende Regierung in Deutschland." Jakob Biazza gibt sich in der SZ als langjähriger Buschmann-Fan zu erkennen - zumindest, was dessen Musik betrifft. Das neue Werk aber enttäuscht ihn: Buschmann "scheint - für den Moment wenigstens - sein Mojoverloren zu haben".
Weitere Artikel: Ein in der Kurie für Wissenschaft und Kunst kursierender Offener Brief plädiert dafür, das ORFRadio-Symphonieorchester auch für die Zukunft an den öffentlich-rechtlichen Sender angedockt zu lassen, meldet Ronald Pohl im Standard. Ljubiša Tošić berichtet derweil im Standard von einem Gagenstreit beim WienerMozartOrchester.
Besprochen werden das neue Album von SoSner (taz), ein Konzert der Jazzsaxofonistin SigneEmmeluth (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter "I Was An Apple And I Got Peeled" von PanikDeluxe, die darauf laut Standard-Kritiker Christian Schachinger eine "nicht gerade der Sonnenuhr des Lebens verpflichtete Sicht auf das Dasein" präsentieren.
Peter Laudenbach spricht für die SZ mit Nicholas Potter und Stefan Lauer, die zu Antisemitismus in der Clubkultur forschen. "Gerade durch ihren Antisemitismus stilisieren sich Teile der Clubkultur als Linke", hält Lauer fest - und attestiert der Szene eine "moralische Selbstüberhöhung" und erheblichen Gratismut. Für Potter ist klar, dass "das Leid der Palästinenser schlicht instrumentalisiert wird" und der BDS wie eine "Einstiegsdroge in ein radikales Weltbild" ist. Aber "es bleibt nicht bei Boykottaktionen. Ein sehr autoritäres Weltbild, die Verharmlosung und Verherrlichung von islamistischen Terrororganisationen, Pressefeindlichkeit gehören in relativ großen Teilen der Szene immer stärker zum Konsens. Antisemitische Verschwörungserzählungen sind auch als Versprechen attraktiv, hinter die Kulissen zu schauen. Subkulturen, die cool und dissident sein wollen, sind dafür anfällig: Wenn ich das jetzt erkenne, bin ich nicht mehr einer aus der breiten Masse der Angepassten. Antisemitismus wird zum kulturellen Code."
Harry Nutt beobachtet in der FR, wie akribisch Bob-Dylan-Konzerte gedeutet werden: Selbst "kleinste Regungen werden registriert" und "im Gestus religiöser Inbrunst bekennender Atheisten beobachtet. Im Verlauf der Jahrzehnte ist aus der Anerkennung einer Art höheren Meisterschaft - nicht selten auch deren Ablehnung - ein Gemeinschaftserlebnis geworden. Wer hingeht, vergewissert sich seiner eigenen Lebensgeschichte. Ein Generationenprojekt, in dem man zur Kenntnis zu nehmen bereit ist, dass sich zu den Gebärden Gebrechen gesellt haben. Lässt sich an Bob Dylan lernen, wie man es trotzdem macht? Also immer noch 'ForeverYoung'? Oder gerade nicht mehr?"
Außerdem: Michel Gaissmayer erzählt in der Berliner Zeitung davon, wie es ihm gelang, UdoLindenberg für ein Konzert in den PalastderRepublik der DDR zu bringen. Jan Wiele spricht für die FAZ mit dem Trompeter BillPetry. Bettina Balàka umkreist in einem Standard-Essay das Verhältnis zwischen der SchriftstellerinEugenieSchwarzwald und des Komponisten ArnoldSchönberg.
Besprochen werden das neue Album von The Cure (FAZ), ein von PaavoJärvi dirgiertes Mahler-Konzert des Tonhalle-OrchestersZürich (NZZ), eine CD der Pianistin AnnaGourari mit Musik von AlfredSchnittke (FAZ) und eine postume CD des Pianisten LarsVogt mit Brahms-Aufnahmen, die Welt-Kritiker Elmar Krekeler sich ins Gepäck für die einsame Insel legt. Wir hören rein:
Lang Lang hat den bislang unbekannten, vor kurzen in einem New Yorker Archiv aufgestöberten Walzer von Chopin eingespielt. Keine anderthalb Minuten dauert die Aufnahme, die SZ-Kritiker Michael Stallknecht sehr entzückt: "Der elegante Tonfall, die subtilen harmonischen Ausweichungen, der Duktus melancholischer Vergeblichkeit, der sich nach einer stürmischen Eröffnung einstellt - das alles klingt tatsächlich nach echtem Chopin. Jedenfalls echter, als künstliche Intelligenz seinen Stil bis dato zu imitieren vermag. Womöglich erklärt und rechtfertigt das in Zeiten von Deepfakes tatsächlich einen Hype: 24 Takte als Flaschenpost aus dem Jenseits, ein kleines Blatt Papier, über das die Feder des Meisters geglitten ist."
Besprochen werden Friedbergs Album "Hardcore Workout Queen" (ZeitOnline), ein Mahler-Abend mit den WienerSymphonikern unter PhilippeJordan (Standard), ein neues Album von MiraLuKovacs (eher "schwere Lider" statt "gute Lieder", gähntStandard-Kritiker Karl Fluch), das Konzert von FontainesD.C. in München (SZ) und das neue Album der Freunde der italienischen Oper, die laut SZ-Kritiker Peter Richter mal wieder "den Soundtrack zur Lage liefern".
All die Endorsements der größten Größen aus Pop und Rock von Bruce Springsteen über Billie Eilish und Beyoncé bis zu Taylor Swift haben am Ende nichts gebracht: "Der Triumph von DonaldTrump ist auch eine schwere Niederlage für den Pop", stellt Gerrit Bartels im Tagesspiegel fest. Und dies beweise erneut, "dass Pop und Politik nicht so einfach zusammengehen. Pop mit seinem chamäleonhaften Charakter ist nicht wirklich steuerbar. Unschuldig war er ja sowieso noch nie." Denn "auch das Böse bemächtigt sich des Pop gern, die Rechten, die schlägernden Hooligans, die nicht nur rechtsextreme Bands hören, sondern auch Hardcore oder Hip-Hop. ... Wer weiß schon, wie viele Grönemeyer-Fans vor allem die AfD wählen?"
Wahlempfehlungen wie die von Swift haben "Harris vielleicht sogar Stimmen gekostet", merkt Eva Dinnewitzer in der Presse nach Blick auf Ergebnisse der Wahlforschung an. Aber vielleicht hat die Popkultur am Ende doch die Wahl entschieden, stellen Francesco Giammarco und Titus Blome auf Zeit Online zumindest als Frage in den Raum: "Nur eben eine Popkultur, die weniger mit Musik und Hollywood zu tun hat und mehr mit Kampfsport und Podcasts" und bei letzteren vor allem der berüchtigte JoeRogan, dem Rede und Antwort zu stehen Harris sich zu fein war, wohingegen Trump mehrere Stunden vor dem Mikro saß. Andrian Kreye verweist in der SZ auf PattiSmithsAnsprache zu Trumps Wahlerfolg.
Weitere Artikel: Christian Schachinger freut sich im Standard auf das Impro-Festival MusicUnlimitedim österreichischen Wels. Besprochen werden ChristineEichelsClara-Schumann-Biografie (NZZ), das neue Album von TheCure (taz, mehr dazu bereits hier), ein Auftritt der Sopranistin AsmikGrigorian in Wien (Standard) und das neue Album des Stuttgarter Indieprojekts LevinGoesLightly (taz).
Der US-Popstar ChappellRoan wünscht sich von seinen Fans, im Privaten in Ruhe gelassen zu werden, was unter den Fans wiederum eine Debatte ausgelöst hat, "was Stars ihren Fans schulden", schreibt Stephanie Caminada in der NZZ. Tobias Lehmkuhl spricht für FAZ.net mit dem Sänger, Komponisten und Instrumentenbauer EyalelWahab. Rolf Thomas resümiert in der FAZ das JazzfestBerlin.
Besprochen werden BlixaBargelds und TehoTeardos gemeinsames Album "Christian & Mauro" ("ein zentrales Album des Jahres", meint Christian Schachinger im Standard, ohne so wirklich zu verraten, warum), EricPfeils Buch "Ciao, Amore, Ciao" über den Italopop (TA), ein Auftritt von FontainesD.C. in Zürich (NZZ, TA), ein neues Album von TheTelescopes (Standard) und das neue Album "Doppeldenk" von Gewalt (Jungle World).
Bei den Mendelssohn-Festtagen in Leipzig hat das Gewandhausorchester unter dem Dirigenten Marek Janowski Felix Mendelssohn Bartholdys Doppelkonzert für Violine, Klavier und Orchester d-Moll von 1823 aufgeführt. Das Stück ist auch eine Reaktion auf die Zeit der frühen Industrialisierung, "der Karbonisierung Europas", schreibt Jan Brachmann in der FAZ. "Die knisternde Exaktheit der Striche, die Janowski mit seiner enormen dirigentischen Exzellenz erzielt, nimmt die Elektrizität vorweg, die sechzig Jahre später erste Wohnungen erhellen wird. Akkuratesse ist bei Janowski nie langweilig, sondern Anspannung als besondere Ausdrucksqualität. Frank-Michael Erben an der Solovioline und Charlotte Steppes am Klavier treten in dieses Geschehen mit opferbereitem Heroismus des Gefühls. Als konzertierende Individuen von zarter Brillanz müssen sie sich behaupten zwischen historistischer Polyphonie, klassizistischen Themenfassaden und der veloziferischen Virtuosität des Mechanischen. Die Inseln des Gesanglichen bleiben darin exterritorial: Nur im Rückzug aus Technik, Gewerbe und Geschwindigkeit scheint die Seele sich ihrer selbst noch vergewissern zu können."
In der Weltdankt Elmar Krekeler dem Pianisten GottliebWallisch, dem "Anwalt zu Unrecht vergessener Komponisten vor den Schranken der vergesslichen Musikgeschichte", dem Komponisten WilhelmGrosz mit einer neuen Einspielung wieder ans Tageslicht geholt zu haben. Grosz war zwischen Jazz und Filmmusik zu Hause, arbeitete fürs Theater und Radio, bevor er 1939, einen Fuß bereits in der Tür von Hollywood, in New York einem Herzinfarkt erlag. Er "muss so flamboyant gewesen sein wie das musikalische Jahrzehnt, in dem er so groß wurde, dass man sich heute wundert, wie er so vollständig vergessen werden konnte. ... Wallischs erste musikalische Monografie des geradezuÜbertalentierten ist eine perfekte Grand-Tour durchs Grosz'sche Klavierwerk von der 1913 entstandenen Tanzsuite bis zu den zwölf Improvisationen aus dem Todesjahr. Man wird ganz süchtig nach dieser musikalischenFeuerwerkerei, in der sich die Zwanziger bündeln. Dieser schillernden Melange aus impressionistischen Feinstaub, tänzerischer Leichtigkeit, kobolzschlagender Musikalität auf der Basis einer durchgelichtetenSpätromantik." Wir hören rein:
Weiteres: Robert Mießner resümiert für die taz das JazzfestBerlin (hier zahlreiche Konzerte zum Nachhören). Alexander Menden plaudert für die SZ mit HelgeSchneider, der seine Musik vor KI gefeit sieht, weil seine "Kunst von den Zwischenräumen lebt, den Pausen, von dem Nichts". Martin Fischer besucht für den Tagesanzeiger die Schweizer Band IkanHyu im Proberaum. Klaus Taschwer befasst sich im Standard mit dem Phänomen des "Klub27", also der Beobachtung, dass viele Stars aus Pop und Rock im Alter von 27 Jahren gestorben sind. Besprochen wird außerdem ein Konzert des Jazztrompeters AvishaiCohen in Mannheim (FAZ).
Quincy Jones, 1980. Foto: Los Angeles Times und cc 4.0-LizenzDie Feuilletons trauern um QuincyJones. Einig sind sich alle: Von Ray Charles und Ella Fitzgerald über Frank Sinatra und Donna Summer bis hin zu den globalen Blockbuster-Alben von Michael Jackson, vom Jazz über Soul zu Pop - wie kaum ein zweiter hat der Komponist, Arrangeuer, Produzent und Musiker über Jahrzehnte hinweg die populäre Musik geprägt. "Damit ist das 20. Jahrhundert und seine Moderne musikhistorisch endgültigabgeschlossen", seufzt Andrian Kreye in der SZ. "Er war eine jener Figuren, die aus der Emanzipation der Bürgerrechtsbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg einen Kanon schufen, der die Befreiung aus den Zwängen der Vergangenheit in der Kulturgeschichte zementierte." Diesen Kanon verdichtet Karl Fluch im Standard mit einer Auswahl von sieben essenziellen Stücken, an die Jones Hand angelegt hatte. Kein leichtes Unterfangen, denn: "Er hat über tausend Originalkompositionen geschrieben, mehr als 300 Alben und an die 3000 Songs aufgenommen."
Sein kommerziell größter Erfolg: "Thriller" von MichaelJackson, das bis heute meistverkaufte Popalbum. Es "ist von Anfang bis Ende kompositorisch wie rhythmisch hochkomplex, erscheint dabei simpel und eingängig; man könnte diese bedeutende Pop-Platte auch ohne Weiteres als Bigband-Werk bezeichnen", schreibt Jan Wiele in der FAZ. "Die abgefeimten Bläsersätze sind indes so geschickt ins Pop-Gewand eingenäht, dass sie keinGenre-Hindernis darstellen. Dass die einzelnen Stücke von Michael Jackson auch auf anderen von Jones produzierten Alben so gut (und so erfolgreich) sind, hat in vielen Fällen auch mit ihrem jeweiligen 'Gimmick' zu tun: ein Gitarrensolo des Rockmusikers EddieVanHalen ('Beat It'), ein einmontiertes Motiv des kamerunischen Saxophonisten ManuDibango ('Wanna Be Startin' Somethin''), ein auf Colaflaschen gespielter Disco-Groove ('Don't Stop Til You Get Enough')." Und die Regie beim fast viertelstündigen Clip zum Titelsong führte JohnLandis, damals auf der Höhe seines Hollywooderfolgs:
Jones' überwältigender Erfolg hat mit den amerikanischen Tugenden von "Ehrgeiz, Frechheit und Talent" zu tun, schreibt Tobi Müller auf Zeit Online. Aber auch mit Jones' Umzug nach Paris im Jahr 1957: Dort "produziert er viele Sessions und studiert vor allem Orchestrierung bei NadiaBoulanger, einer Mentorin von IgorStrawinsky und Lehrerin von vielen US-amerikanischen Genies wie LeonardBernstein und PhilipGlass. Er bleibt auch deshalb lange in Europa, weil er denkt, dass man einem Schwarzen in den USA niemals erlauben würde, Musik für Streicher zu schreiben. Jones wird in Paris zwar kein Avantgardekomponist, aber seine Arrangements werden komplexer, ohne die Leichtigkeit und den Swing zu verlieren. ... Hoch hinaus und doch locker bleiben wollte Jones damit, und beides gelingt ihm auf beispiellose Weise. Die Astronauten der Apollo 11 spielen 1969 auf dem Mond 'Fly Me to the Moon' im Kassettenrekorder, gesungen von Sinatra, gespielt von Basies Band, arrangiert von Jones. Houston grinst und wippt mit."
Weitere Nachrufe schreiben Julian Weber (taz), Stefan Hentz (NZZ), Josef Engels (Welt) und Harry Nutt (FR).
KA (Kaseem Ryan). Foto von Unbekannt. Original publication: Immediate source, Fair useKaseem Ryan, genannt KA, war einer jener Musiker, "die von der Unbedingtheit ihrer Kunst überzeugt sind, die ihr Leben nach der Notwendigkeit ausrichten, nicht leben zu können, ohne so zu schreiben, wie sie es müssen", hält Berthold Seeliger in seinem ND-Nachruf fest. Oder kurz: KA war "einer der tiefsten und wunderbarsten Rapper unserer Tage". Im Hauptberuf war er Feuerwehrmann und seinerzeit auch bei 9/11 in den Twin Towers im Einsatz, erfahren wir. "Seine Lyrics schrieb er nachts oder an den Wochenenden, sie handeln von Schach, Samurai-Symbolik, von biblischen Gleichnissen, Religion, der 'Ilias' oder anderen Mythen. Die Musik ist sparsam, er verwendet besondere Samples, mitunter geradezu müde Loops, sich quälende Beats, kaum Drums. Klassischer Hip-Hop, keine Frage, aber im Mittelpunkt stehen seine drängenden, häufig melancholischen Lyrics - ausdrucksstarkeTexte, die von Verletzungen der Kindheit ebenso berichten wie von einem Leben in Verhältnissen, die wenig veränderbar scheinen."
Weitere Artikel: Cassandra Schwarz blickt in der taz auf den anhaltenden Boom der koreanischen Popmusik und die Drangsal, die für ihre Aushängeschilder damit einhergeht. Manuel Brug weiß in der Welt, warum die Klassikwelt Kopf steht angesichts eines kurzen, in einem Archiv aufgestöberten Walzers von Chopin.
Besprochen werden ein Konzert von JanGarbarek mit Band und dem Perkussionisten TrilokGurtu in Wien (Standard), LauraMarlings Album "Patterns in Repeat" ("Wer das ominöse Kitchensink-Drama sucht, hier findet es sich innichtunironischerBlüte", schreibt Christian Schachinger im Standard), diverse Popveröffentlichungen, darunter "Chromakopia" von Tyler, TheCreator (Standard) und das gemeinsame Album "La grande accumulation" von Anadol und MarieKlock, das tazlerin Stephanie Grimm "an einen spätsommerlicher Spaziergang mit psychoaktiven Pilzen am Wegesrand" denken lässt.
Alexander Keuk schickt in der nmz einen animierten Bericht über die Eröffnungskonzerte des FestivalsWien Modern: "Das dem in diesem Jahr verstorbenen Komponisten und Dirigenten Peter Eötvös gewidmete Konzert im Musikverein startete mit dem in diesem Jahr entstandenen Klavierkonzert 'the purple fuchsia bled upon the ground' der italienischen Komponistin Clara Iannotta, eine großartige, von Elena Schwarz am Dirigentenpult und den Wiener Symphonikern souverän und empfindsam musizierte Seelenmusik, die den Zuhörer vor allem über eine bis in kleinste Details ausgehörte Klangkomposition erreicht und berührt. In dieser ausufernden, zischenden und ratternden Eigenwelt schwebt Pianist Pierre-Laurent Aimard quasi mit dem Flügel über dem Bühnenboden und mischt sich hier und da tupfend oder energisch ein, oftmals gedoppelt durch einen Synthesizer im Orchester - ein Stück, das eine zweimalige Aufführung verdient hätte!" Vielleicht bei einem zu gründenden Ableger Berlin Modern? Man darf ja mal träumen.
Karl Bartos, einst Mitglied von Kraftwerk, hat Robert Wienes Stummfilmklassiker von 1920 "Das Cabinet des Dr. Caligari" vertont, erzählt im Standard Christian Schachinger und annonciert eine Live-Aufführung heute Abend im Wiener Gartenbaukino: "Auf der Basis der von der deutschen Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung restaurierten Fassung des Films hat der heute 72-jährige Karl Bartos nun gemeinsam mit dem Tondesigner Mathias Black einen Soundtrack für die knapp 40 Szenen geschaffen, die live auf elektronischer Gerätschaft, vor allem auch dem Klappcomputer, gespielt werden. Allerdings verweisen sie klanglich weniger auf Kraftwerk. Die hatten sich ja schon 1978 mit Murnaus 'Metropolis' von 1927 beschäftigt. Bartos schwebte vielmehr ein synthetisch generiertes, klassisches Orchester inklusive im Horrorgenre gern eingesetzter Kirchenorgel vor. Dieses erinnert nur mit wenigen Ausnahmen daran, dass es sich beim Caligari um einen Horrorfilm handelt. Erwähnt sei etwa die Jahrmarktszene, die musikalisch-clownesk den kalifornischen LSD-Avantgardisten und Kraftwerk-Zeitgenossen 'The Residents' nahekommt. Meist fließt der Soundtrack angenehm sanftmütig dahin. Die Bedrohungen im Film äußern sich akustisch mehr unterschwellig."
Hier erzählt Bartos von seiner Arbeit:
Weiteres: Im Tagesspiegel berichtet Gregor Dotzauer vom Jazzfest Berlin, wo Welt-Kritiker Josef Engels einen Auftritt von Joachim Kühnerlebte, der am Ende seinen Bühnenabschied erklärte. In der FRgratuliert Stefan Michalzik dem FrauenmusiknetzwerkMelodiva zum Vierzigjährigen. Jan Brachmann schreibt in der FAZ zum hundertsten Todestag des französischen Komponisten Gabriel Fauré und preist dessen "Musik für illusionslose, aber empathiefähige Menschen". Besprochen werden ein Konzert der Noise-Pop-Band Health im Neuköllner Club Hole44 (taz) und Soft Violets Album "Sterner Stuff" (FR).
SZ-Jazzkritiker Andrian Kreye versenkt sich tief ins neue Livealbum von NilsWülker und ArneJansen, die auch hier wieder ihrem "kammermusikalischen Minimalismus" frönen. Doch "im Hallraum der Konzertsäle schaffen sie ein Raumgefühl, das die Intimität ihres Duos in eine Weite katapultiert, die jedem Ton, jedem Klang zusätzlich Gewicht verleiht." Aber ist das noch Jazz? "Oft lässt Arne Jansen seine Gitarre als Klangmodulator in diesem Raum stehen. Wenn er zum Beispiel zu Beginn von 'He Who Counts the Stars' mit dem Volumenpedal jeden Akkord ohne den Anschlag anschwellen lässt, um dann mit einem Triolenmotiv den Weg für Nils Wülkers Backbeat-Linien freizumachen, sind die Synkopen aus dem Erbgut des Jazz so verhalten, dass sie mehr spür- als hörbar sind. Oder wenn er die Reste eines Powerchords über Echowellen unter Wülkers Variationen des Nine-Inch-Nails-Klassikers 'Hurt' zieht, was als entfernte Hommage an Johnny Cashs Version noch einmal die Radikalität des Minimalismus herausstellt."
Christian Schachinger erinnert im Standard an AphexTwins "Selected Ambient Works Vol. 2", die vor 30 Jahren erschienen sind und nun in einer Neuausgabe vorliegen. Diese Zusammenstellung "hat natürlich noch kein Mensch am Stück gehört. Zumindest nicht, ohne dabei in synästhetischeWahnvorstellungen oder einen mehrjährigen Schlaf zu fallen, der teilweise mit recht unguten Träumen aufwarten könnte. Zwischen elektronischen Schalmeien, bedrohlichem Dröhnen aus einem Film, in dem es einem Atom-U-Boot in 3000 Meter Tiefe nicht sehr gutgeht, verhallter Kirchenorgel, verzerrten Engelschören, überhitztem Generatorenbrummen, Pochen, Herzflimmern und Klick-Klack-Kugeln sowie flächigen Streicherklängen ist alles möglich." Wir wünschen Ihnen viel Erfolg beim Versuch, durchzukommen:
Weitere Artikel: Immer mehr klassischeMusiker ziehen zum Spielen Tablet-Lösungen Notenblättern vor, stellt Michael Stallknecht in der SZ fest. US-Punk-Ikone JelloBiafrakotzt sich im taz-Gespräch sämtlichen Frust über die USA aus dem Leib.
Besprochen werden das Comeback-Album von TheCure (FR, mehr dazu hier), CécileMcLorinSalvants Auftritt beim Zürcher Festival Jazznojazz (NZZ), ein von ElenaSchwarz dirgiertes Konzert der WienerSymphoniker zu Ehren des im März verstorbenen PéterEötvös (Standard), ein von KlausMäkelä dirigiertes Konzert des OsloPhilharmonic in Wien (Standard), der Auftakt des Festivals WienModern (Standard) und ein Strauss- und Mendelssohn-Bartholdy-Abend mit dem HR-Sinfonieorchester in der Frankfurt (FR).
Die Feuilletons hören "Songs Of a Lost World", das Comebackalbum von The Cure nach 16 Jahren. Für NZZ-Kritiker Ueli Bernays knüpft RobertSmith damit an das Album "Disintegration" an: "Die peitschenden Rhythmen erinnern ebenso an das Hauptwerk aus den Achtzigerjahren wie die melancholische Pracht von E-Gitarre, Elektronik und Streichern." Oft "erst nach langen Instrumental-Parts stimmt der Sänger seine traurigen, teilweise apokalyptischen Gesänge an: als würde ihm sein Schicksal erst angesichts des nahen Endes bewusst. Endzeitvisionen und Todessehnsucht haben Robert Smith schon früher beflügelt. Damals mochte man das als postpubertäres Getue herunterspielen. Unterdessen aber beglaubigen 65 Jahre eines prallen Lebens seinen pessimistischen Tonfall. Umso schlimmer die Botschaften, die er in den Herbst einer Welt heult, die von Krieg und Krisen erschüttert wird." Tagesspiegel-Kritiker Christian Schröder hört auf diesem "meisterhaften" Album einen "Stoßseufzer des Nihilismus".
Stimmt schon, irgendwie ist alles wie früher, schreibt Joachim Hentschel in der SZ, der auch an "Disintegration" denken muss. Dennoch wird er nicht warm damit. "Es ist das erste Album von The Cure, das für die große Bühne konzipiert zu sein scheint. ... Die meiste Zeit ist alles irrsinnig laut." Die Band leistet "besten Fanservice. Es gibt die berühmten langen Intros, die Bassläufe, die sich wie raucherhustenkranke Raupen durch die Gewitterlandschaft winden. Das ganze Heulen und Fliegen." Doch "in besten Zeiten war es gerade die Stärke von The Cure, eben nicht nur die Erwartungen zu erfüllen. Sondern auch auf den dunkelsten, endlosesten Wald- und Wallfahrten immer ein paar Lieder dabeizuhaben, die sich mit überraschenden Wendungen und Melodien gleich tief ins Herz setzten. Auf dieser soliden Kollektion ist keines dabei."
Weitere Artikel: Maxi Broecking porträtiert in der taz die argentinische Saxofonistin CamilaNebbia, die heute Abend beim JazzfestBerlin mit dem Trio Exhaust auftritt. Tabea Köbler führt in der taz durch die Indie-SzeneinLeipzig, die gerade mit einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen auf sich aufmerksam macht. "Die herrlich melancholisch getönte Melodie" eines kürzlich in den Beständen einer New Yorker Bibliothek aufgetauchten Walzers verweise "unverkennbar auf Chopin", freut sich Christian Wildhagen in der NZZ über dieses Fundstück.
Besprochen werden TobiLs Dokumentarfilm "Blur: To The End" (ZeitOnline), ein Konzert von LaurynHill in Berlin (Tsp) und das neue Album "Shine Away" der Naked Giants (FR).
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