Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.11.2024 - Kunst

Arent Arentsz, genannt Cabel, Winterszene auf der Amstel, ca. 1621, Art Gallery of Ontario, Toronto, Nachlass von W. Redelmeier, 1956, Foto: AGO.

Sozialhistorisch ausgesprochen aufschlussreich ist die Ausstellung "Rembrandts Amsterdam" im Frankfurter Städel Museum laut FR-Autorin Judith von Sternburg. Der Untertitel "Goldene Zeiten?" verweist bereits auf die Ambivalenz einer Zeit - es geht um das 17. Jahrhundert -, die einerseits von neuem Reichtum, andererseits von wachsenden sozialen Schieflagen geprägt war. Der "Bedarf nach Schutz" und Wohltätigkeit, lernt Sternburg, ist "beträchtlich und zunächst keineswegs bloß repräsentativ, sondern eine Notwendigkeit. Die Amsterdamer Oberschicht bekommt das so gut hin, dass bald Reisende aus ganz Europa vorbeischauen, um zu sehen, wie die Waisenkinder ausgebildet, die unverschuldet (!) Armen versorgt und die Gefängnisinsassen zur Arbeit gezwungen werden (mit der Chance auf Resozialisation, die es bis dato praktisch nicht gab). Eine Ausbildung und Arbeit ist besser als Tod und Vertreibung, es ist auch protestantischer und profitabler. Die Ausstellung setzt Schlaglichter: hier die Fußfessel für die Verlangsamung und Demütigung ungehorsamer Waisen. Dort die Arbeit im Männergefängnis Rasphuis, wo brasilianisches Rotholz gesägt wurde, das der Farbgewinnung für Textilien diente."

Michael Wolffsohn meldet sich via NZZ in Sachen Nan Goldin (siehe unter anderem hier) mit einem scharfen Kommentar zu Wort. "Wer sich als Nichtjude dieses Vokabulars bedient", so Wolffsohn mit Blick auf die Bezeichnung Israels als "faschistisch" und als "Apartheidstaat" sowie einschlägige Nazivergleiche, "gerät in den berechtigten Verdacht, Antisemit zu sein. Als Entlastungszeugen bzw. Alibi sind daher besonders jüdische Juden- und Israel-Hasser begehrt. Was der Rabbi in der jüdischen Welt, ist der Alibi-Jude in der Welt der Juden- und Israel-Hasser: Er verfügt über den Koscher-Stempel. Jüdische Juden- und Israel-Hasser schiessen mit koscheren Kanonen. Nichtjüdische und jüdische Juden- und Israel-Hasser brauchen einander. Keiner kann ohne den anderen. Es ist eine Symbiose zwischen Menschen. Das Muster ist seit Jahren bekannt. Schon lange vor dem Gaza-Krieg und trotzdem anscheinend immer wieder neu."

Weiterhin werden in den Feuilletons potenzielle Auswirkungen der Sparpläne des Berliner Senats, die Kultur betreffend, diskutiert. Für den Tagesspiegel besuchen Birgit Rieger und Nicola Kuhn vier mögliche Opfer: den Schinkel Pavillon, das Silent Green, das Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZK/U) sowie das Savvy Contemporary. Das Silent Green im Wedding etwa wird sein derzeit breit aufgestelltes Programm in den Bereichen Kunst, Film und Musik nicht in der derzeitigen Form fortsetzen können, wenn es bei den Kürzungen bleibt, erfahren Rieger und Kuhn von dessen Koleiter Jörg Heitmann. Hier "finden rund 250 Kulturveranstaltungen pro Jahr statt. Fällt die Förderung weg, bedeutet das 50 Prozent weniger Veranstaltungen: vor allem Ausstellungen, weil sie Räume lange belegen und dann nicht vermietet werden können. Kleinere Konzerte und Performances, die durch andere Einnahmen querfinanziert werden, wären nicht mehr möglich. 'Wir kofinanzieren das Silent Green über kommerzielle Tagesveranstaltungen. Soll das jetzt das Modell für alle sein, vom ZK/U über Schinkel Pavillon bis zum Deutschen Theater? In der Breite funktioniert dieses Refinanzierungsmodell nicht', so Heitmann." In monopol berichtet Bernhard Schulz über die Lage beim ZK/U.

Außerdem: Ingeborg Ruthe blickt in der Berliner Zeitung auf die anstehende Winterversteigerung am Berliner Auktionshaus Grisebach.

Besprochen werden die Schau "Caspar David Friedrich, Goethe und die Romantik in Weimar" in der Klassik Stiftung Weimar (FAZ) und "Dissonance-Platform Germany #3" im Nationalen Kunstmuseum Rumänien (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.11.2024 - Kunst

Katharina Sieverding, Installationsansicht, K21, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, 2024, Foto: Achim Kukulies.

Selfies gab es auch früher schon, stellt Alexander Menden für die SZ in der Katharina-Sieverding-Retrospektive im Düsseldorfer K21 fest. "Ungeheuer vielgestaltig" sind ihre Polaroid-Selbstporträts von 1973, staunt Menden: "mal Vamp, mal Mädchen, mal maskierte Fetisch-Projektion." Übrigens, merkt der Kritiker an, hat sie "nicht nur das Selfie, sondern auch den Genderdiskurs auf ihre Art vorweggenommen. Schon früh setzte sie sich kritisch mit dem Konzept des Geschlechts auseinander. Ihre Werke hinterfragen traditionelle Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit und verwenden Techniken wie Mehrfachbelichtungen und Überlagerungen, um die Grenzen zwischen Identitäten zu verwischen. In ihrer Serie 'Transformer' beispielsweise kombiniert sie in Doppelbelichtungen ihr eigenes Bild mit dem ihres Partners Klaus Mettig - visuelle Vereinigung und Befragung individueller Identität zugleich. Diese Arbeit ... hat eine spielerische Wärme, nach der man in anderen Werken Sieverdings manchmal sucht."

Peter Richter schildert in der SZ noch einmal detailliert die Positionen, die auf dem Symposium "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung" vertreten wurden, das begleitend zur Nan-Goldin-Ausstellung stattfand (unser Resümee). Richter begrüßt, dass hier unterschiedliche Meinungen nebeneinander stehen können "mehr oder weniger schroff. Aber immerhin wird ausnahmsweise mal ruhig gesprochen, und man fällt sich - mit ein paar Ausnahmen - nicht ins Wort." Auf dem Podium vertreten war unter anderen María Inés Plaza Lazo, Herausgeberin der Straßenzeitung Arts of the Working Class, die als "israelkritische Stimme" fungierte. "Ihr Gegenüber ist hier zum einen der Künstler Leon Kahane, der in seiner Kunst oft seine jüdische und seine ostdeutsche Identität thematisiert und von dem Antisemitismus spricht, unter dem er im deutschen Kunstbetrieb immer wieder zu leiden habe. Er weist darauf hin, dass der Antisemitismus - unter diesem spezifischen Namen - eine deutsche Erfindung war, zu dem sich nach 1945 natürlich niemand mehr offen bekennen wollte, wobei im Osten Deutschlands schon bald der Begriff des Antizionismus dem alten Ressentiment eine neue Hülle gab. Tatsächlich hatte sich im Ostblock schon bald nach Stalins israelpolitischer Wende die Formulierung durchgesetzt, Antizionismus sei kein Antisemitismus, sondern Teil eines antiimperialistischen Volksbefreiungskampfes."

Welt-Kritiker Jakob Hayner war zumindest vom ersten Teil der Veranstaltung ziemlich genervt und beklagt "bauchlinkes Geraune." Interessanter waren für ihn die Äußerungen der israelischen Künstlerin Ruth Patir. Sie "ist das lebendige Beispiel, wie die Kollektivhaftlogik der 'Israelkritiker' den Regierungskritikern in Israel in den Rücken fällt. So kann Patir ihren Studenten nicht einmal die Werke der von ihr geschätzten Goldin näherbringen, weil Goldin nämlich die Zusammenarbeit mit einer israelischen Institution kategorisch ablehnt. Die Solidarität reicht letztlich nur so weit wie die selbstgerechte radikale Pose. Dass man mit der Kunst der Boykotteure trotzdem etwas anfangen kann, unterstrich Remsi Al Khalisi, Schauspieldirektor am Theater Münster: 'Das Kunstwerk ist schlauer als der Künstler.' Gemünzt war das auf Annie Ernaux, es passt aber auch zu Goldin und ihrer Ausstellung." In der taz schreibt Sophie Jung zum Thema.

Vor zwei Tagen forderte Cornelius Tittel in der Welt nach dem Goldin-Eklat den Rücktritt vom Direktor der Neuen Nationalgalerie Klaus Biesenbach. In der FAZ hält Stefan Trinks heute dagegen: "Die Ausstellung war lange vor dem 7. Oktober 2023 geplant (vor dem Goldin sich ausschließlich als Aktivistin in der US-Opioidkrise betätigte, nicht aber als Propalästinenserin). Die Retrospektive kurzfristig abzusagen hätte Biesenbach definitiv den Schwarzen Peter des Cancelns eingebracht, zumal die Schau eine Übernahme aus dem Amsterdamer Stedelijk Museum und dem Moderna Museet Stockholm ist, wo sie zuvor ohne jeden Zwischenfall ablief."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.11.2024 - Kunst

Es kam, wie es kommen musste: Bei der Eröffnung zur Nan-Goldin-Retro mit dem vielsagenden Namen "This will not end well" in der Neuen Nationalgalerie, verurteilte die US-Fotografin den "Genozid" in Gaza und beklagte eine deutsche Cancel-Culture - es war jedoch die anschließende Gegenrede des Museumsdirektors Klaus Biesenbach, die von pro-palästinensischen Aktivisten "konsequent niedergebrüllt" wurde, wie Peter Richter in der SZ berichtet: "In ihrer Rede klagte sie dann aber nicht die Hamas oder die Hisbollah, sondern das militärische Vorgehen Israels an. Es war nicht der einzige Widerspruch. 'Why can't I speak, Germany?', fragte Nan Goldin - während sie in der Berliner Nationalgalerie doch gerade eine Rede halten durfte. Dann sagte sie, Antizionismus sei kein Antisemitismus, und daraufhin brach in Teilen des Publikums ein Jubel aus..." Als "Klaus Biesenbach zu einer Erwiderung ansetzte, wurde er komplett übertönt. Mitgebrachte Fahnen, Poster und Transparente wurden geschwenkt, Sprechchöre mit Vorsängern skandierten 'Viva, viva Palästina' und 'Yalla, yalla, Intifada'."

Hier Goldins Rede:


 
Nan Goldin "hat die Neue Nationalgalerie Berlin, die ihr eine große Gesamtschau ausrichtet, bei der Eröffnung vergangenen Freitag in einen Ort des Hasses verwandelt", ärgert sich Stefan Trinks in der FAZ, und weist auf ihren "geschmacklosen" Vergleich zwischen Pogromen gegen Juden in Russland und dem Vorgehen Israels in Gaza hin.

Nan Goldin forderte das Puiblikum zu Beginn ihrer Rede zu einer Schweigepause auf. Marcus Woeller benennt in der Welt die überaus seltsame Opferbilanz, die Nan Goldin dabei in ihrer Rede zog: "Nan Goldin, rote Locken, harte Stimme, reizt die Andacht auf vier Minuten aus, im Gedenken an 'die 44.757 Menschen, die in Palästina von israelischen Streitkräften getötet wurden, die Hälfte von ihnen Kinder', an 'die 3.516 Menschen, die im Libanon von israelischen Streitkräften getötet wurden' und für 'die 815 israelischen Zivilisten, die am 7. Oktober getötet wurden'. Die übrigen 400 mutmaßlichen Nicht-Zivilisten erwähnt sie nicht. Dass sie bei einem terroristischen Angriff der Hamas kaltblütig ermordet wurden, auch nicht."

In der NZZ meint Roman Bucheli, den das einfältige Gratis-Revoluzzertum der linken Kulturszene insgesamt nervt, zu Goldin: "Es müsste ihr zu denken geben, dass ihre Anhänger die anschließende Rede des Museumsdirektors niederbrüllten. Es müsste sie auch deswegen ins Grübeln bringen, weil sie damit die Anschauung dafür erhielt, dass sie in Gaza keinen Tag überleben würde, wenn sie ähnlich aggressiv die Hamas kritisieren oder ihre Kunst zeigen wollte. Man würde sie nicht bloß niederbrüllen."

Deprimiert ist Dirk Peitz auf Zeit Online nach diesem Abend. Was soll man noch sagen? "Vielleicht vor allem Klaus Biesenbach loben...Biesenbach nahm diese Repräsentantenrolle an, indem er kerzengerade am Rednerpult stand und stur auf Englisch seine differenzierte Gegenrede auf Goldin hielt, obwohl sie akustisch niemand im Saal verstehen konnte. Biesenbach musste und wollte offenbar ein Zeichen setzen."

Die Berliner Zeitung druckt die Rede Klaus Biesenbach, Chef der Nationalgalerie, ab, der betonte, nicht mit Goldin übereinzustimmen, jedoch ihr Recht auf Meinungsfreiheit anzuerkennen: "Wir haben hier in Berlin und in Deutschland eine einzigartige historische Verantwortung. Wir glauben, dass diese Verpflichtungen für alle gleichermaßen gelten müssen. Deshalb lehnen wir die Logik des kulturellen Boykotts ab, den die BDS-Kampagne fordert. Wir werden nicht zulassen, dass zu Gewalt aufgerufen oder dazu angestiftet wird, dass Terrorakte legitimiert werden, dass dazu aufgerufen wird oder Terrorakte verharmlost werden, noch die Verletzung und Tötung von Zivilisten oder die Unterstützung von terroristischen Organisationen. Die Neue Nationalgalerie ist ein Raum, in dem Meinungsfreiheit und respektvoller Austausch möglich sind."

Biesenbach musste seine Rede zweimal halten, denn beim ersten Mal wurde sie vom "propalästinensischen" Mob niedergebrüllt:


Auch dem Symposion "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung", das gestern, am Tag nach der Ausstellungseröffnung, stattfand, ging ein heftiger Streit voran, Goldin selbst hatte ihre Teilnahme abgesagt (unser Resümee). Julia Encke resümiert die Diskussion in der FAZ: Das Moderatorenpaar Meron Mendel und Saba-Nur Cheema nahm die Rede Goldins kritisch unter die Lupe und warb für gegenseitige Empathie. Im Gegensatz zur Museumsleitung und zu den Reaktionen aus der Kulturpolitik, verurteilte Mendel Goldins Rede nicht explizit: "Er habe die Rede von Goldin nicht 'unerträglich' gefunden...Dass Protest auch mal störe, lautstark und unangenehm sei, gehöre zu einer offenen und liberalen Gesellschaft." Protest aushalten, schön und gut, aber kritisieren kann man ihn schon, meint Encke: "Wer Nan Goldins Fotografien betrachtet, dem kommen auch die jungen Menschen in den Sinn, die auf dem Supernova-Musikfestival am Morgen des 7. Oktober in Israel in der Wüstenlandschaft zu psychedelischen Beats tanzten. Die ermordet und entführt wurden. Früher hätte Nan Goldin vielleicht ihre Gesichter fotografiert und einzelne von ihnen zu Protagonisten ihrer 'chosen family' gemacht. Es sind und waren doch eigentlich ihre Leute, denkt man. Es ist die Empathie in diese Richtung, die einem fehlt."

Die Nationalgalerie hat die Seite zum Symposion - vielleicht nur vorläufig? - von ihrer Website entfernt.

Screesnhot von der Website der Neuen Natioalgalerie.


Dort waren zuvor die drakonischen Bedingungen dargelegt worden, unter denen man das Symposion besuchen durfte, nur mit namentlicher Karte, ohne Tasche. Und keine Handyaufnahmen!

Außerdem: Ingeborg Ruthe empfiehlt in der FR, abseits der Aufregung, die Fotografien Nan Goldins in der Neuen Nationalgalerie anzuschauen. In der taz berichtet Bernhard Schulz aus Paris, wo sich die Kunstkritik angesichts der Ausstellung "Männer malen" im Musée d'Orsay erzürnt, die fragt, ob der impressionistische Maler Gustave Caillebot homosexuell war.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.11.2024 - Kunst

Agnieszka Kurant, Chemical Garden (détail), 2021- aujourd'hui
Photo : Mareike Tocha © Mudam Luxembourg

Die polnische Künstlerin Agnieszka Kurant, deren Werke momentan in der Ausstellung "Risk Landscape" im Mudam Luxemburg zu sehen sind, verbindet in ihren Werken Biologie, Technik und Kunst. Im taz-Gespräch mit Astrid Kaminski erzählt sie von ihrer Arbeit mit synthetisch hergerstellten Organismen, die allerdings lebens - und handlungsfähig sind. Andersherum können auch "nicht-lebende Dinge" Handlungsfähigkeit haben, wie sie zum Beispiel in ihrer Installation "Chemical Garden" zeigt, in der Metallsalze, die für die Computerherstellung benötigt werden, in flüssigem Glas "scheinbar organisch" reagieren: "Dies führt uns zu der Frage, was Leben ist. Es mag verschiedene Definitionen von Leben geben, aber es gibt auf jeden Fall einige Beweise dafür, dass es nicht-lebende Materie gibt, die eine Handlungsfähigkeit hat, die der von Lebewesen ähnelt. Nehmen wir als Beispiel das Verständnis der Entwicklung von Mineralien. Wissenschaftler wie Robert Hazan vertreten die These einer Ko-Evolution von Mineralien und Leben. ... Wenn wir Mineralien zu uns nehmen, nehmen wir lebende Organismen aus der Vergangenheit zu uns, und die heute lebenden Organismen werden zur Entstehung von Mineralien in der Zukunft beitragen."

Nan Goldin, Fashion show at Second Tip, Toon, C, So and Yogo, Bangkok (, 1992, Photographie, from the series "The Other Side" © Nan Goldin. Courtesy the artist

FAZ-Kritiker Andreas Kilb entscheidet sich, abseits der Aufregung um die Nan-Goldin-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie (unsere Resümees), sich einfach mal Goldins Fotografien anzusehen. Von politischem Aktivismus ist in den Bildern nichts zu spüren, stattdessen blickt er auf ein Lebenswerk, in dem ein beklemmendes "Memento Mori" mitschwingt, vor allem in den Bildern, die um den Suizid ihrer Schwester Barbara kreisen. In "'Sisters, Saints, and Sibyls', Goldins Requiem für Barbara, bildet die Geschichte der Schwester das Mittelstück zwischen einem Prolog über die heilige Barbara des Christentums und dem Schlusskapitel, in dem die Fotografin ihre eigenen Klinikaufenthalte dokumentiert. Es ist ein Muster, das sich auch in anderen jüngeren Arbeiten Goldins wiederholt: Auf Umwegen, im Blick auf das Leiden anderer kommt sie zu sich selbst. In 'Sirens', einer Collage aus Filmschnipseln, führt diese Strategie ins Nichts, in 'Memory Lost', einem Projekt, das auf dem Höhepunkt der Opioidkrise entstand, trifft sie ins Schwarze. Hier entsteht die Balladenform aus dem Mosaik von Kranken- und Todesgeschichten, Blicken auf Zugvögel und Schneemänner, Idyllen am Strand und der Erforschung der eigenen Sucht wie von selbst."

Außerdem: Besprochen werden die Ausstellung "Die Neue Sachlichkeit - Ein Jahrhundertjubiläum" in der Kunsthalle Mannheim (FAZ) und die Ausstellung "Unravel - The Power and Politics of Textiles in Art" im Stedelijk Museum Amsterdam, die den Zusammenhang von Handarbeit und politischem Aktivismus beleuchtet (FAS).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.11.2024 - Kunst

Guhyasamaja Aksobhya, Tibet. Foto: Rijksmuseum Amsterdam.

Lange hat es gedauert, bis die Kunst des Bronzegießens in Europa hinreichend gewürdigt wurde, aber das macht die Ausstellung "Asian Bronze - 4000 Years of Beauty" im Rijksmuseum Amsterdam locker wett, befindet Alexander Menden in der SZ. Es sind einige Stücke aus Asien zu sehen, die es zum ersten Mal nach Europa geschafft haben, besonders ist aber auch, "dass die Kuratoren nicht in der ethnografischen Betrachtung verharren. In Amsterdam kommen die Exponate auch und vor allem als ästhetische Objekte und Kunstwerke zu ihrem Recht. Sie sind nicht nach Herkunft, sondern thematisch angeordnet und angenehm auratisch präsentiert - in gedämpftem Licht und auf individuellen Etalagen. Beim vergoldeten chinesischen Mandala aus dem British Museum etwa, entstanden in der Qing-Dynastie, handelt es sich nicht allein um einen rituellen Gegenstand. Es ist Kultobjekt und mechanisches Bravourstück in einem: Die Sphäre, die auf einen Hebeldruck hin aufklappt wie ein gegliederter Granatapfel, enthüllt in ihrer Mitte die vielarmige Schutzgottheit Yi-Dam, umgeben von 20 niederen Gottheiten, zwei oder drei auf jedem der sieben filigran gestalteten Schalenstücke.

Wenn eine mit Gaffa-Tape an die Wand geklebte Banane für 5,9 Millionen Euro versteigert wird, hört sich das in Zeiten eng geschnallter Spargürtel für Kultur erstmal nach einem schlechten Scherz an. Der chinesische Unternehmer Justin Sun wird aber wohl wissen, was er getan hat, als er das Kunstwerk von Maurizio Cattelan am Mittwoch ersteigert hat, so Michael Wurmitzer im Standard: "Kunsthistorisch lässt sich das Werk klingend einordnen, steht in der Tradition von Marcel Duchamps Ready-mades wie der Konzeptkunst: Dass ein Werk in einer Idee bestehen kann und nicht materiell erhalten bleiben muss, ist für die ein alter Hut. Dass das Obst alle paar Tage ausgetauscht werden muss, macht also nichts. Im Gegenteil, siehe Vanitas-Motiv. Auch für Cattelan ist Comedian kein 'Joke', sondern eine Reflexion darüber, was wir Wert zusprechen. So passt das Werk auch zur Strömung 'institutional critique", und wenn der Kunstmarkt mit solchen Preisen seine Rolle so formidabel mitspielt, wird es nur noch besser." Auch Berliner Zeitung, SZ und Welt kommentieren.

Weiteres: Dem vom Senat verordneten Sparprogramm im Berliner Kulturbetrieb fällt nun auch noch der Museumssonntag zum Opfer, beklagt die Berliner Zeitung. Sandra Kegel macht sich in der FAZ noch einmal Gedanken zum Symposium "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung" und über die Absage Nan Goldins (unsere Resümees), Paul Jandl berichtet die NZZ.

Besprochen werden: Cinthia Marcelles Ausstellung "Bodies in Motion- Form in the Making" in der Kunsthalle Mainz (FAZ), "Albert Welti und die Grafik des Fantastischen" im Kunsthaus Zürich (NZZ) und die Katharina Sieverding-Ausstellung in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.11.2024 - Kunst

Bild: Rineke Dijkstra, Coney Island, N.Y., USA, June 26, 1993. Courtesy of the artist, Galerie Max Hetzler, Marian Goodman Gallery and Galerie Jan Mot

Wie die Malerei der niederländischen Altmeister erscheinen dem FAZ-Kritiker Andreas Kilb die Fotografien der Niederländerin Rineke Dijkstra, die die Berlinische Galerie derzeit in der Schau "Still - Moving. Portraits 1992-2024" zeigt. Ihre Bilder bremsen den Blick so lange ab, "bis man erkennt, dass sich in der Tiefe des Bildes etwas bewegt", staunt Kilb etwa mit Blick auf eine Bildserie, die junge Mütter kurz nach der Entbindung mit ihrem Baby im Arm zeigt: "Sie sind nackt, erschöpft und aufgekratzt, einer läuft ein dünner Blutfaden am Bein herab. An die Wand gegenüber hat der Kurator Thomas Köhler Aufnahmen aus einer Serie gehängt, die Rineke Dijkstra von portugiesischen Stierkämpfern gemacht hat. Deren Aufgabe besteht, anders als in Spanien, darin, den durch Pfeile gereizten Stier nicht zu töten, sondern ihn in einem kollektiven Kraftakt auf den Boden zu zwingen. Die Anstrengung und Todesgefahr, die sie hinter sich haben, ist den Forcados ins Gesicht geschrieben. Bei einem ist die Jacke zerrissen, ein anderer trägt ein Pflaster unter dem Kinn, fast alle haben Blutflecken auf Hemd, Anzug, Nase und Wange. Aber das Blut stiftet keine Gemeinschaft zwischen Müttern und Stierbezwingern, im Gegenteil, es wirft jede der Gruppen auf ihren eigenen Raum, ihr eigenes Schicksal zurück."

Immer mehr KünstlerInnen sagen das von Meron Mendel und Saba-Nur Cheema organisierte Symposium "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung" ab, das flankierend zur Nan-Goldin-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie in Berlin stattfinden soll, weiß Tobias Timm in der Zeit: Hito Steyerl hat ihre Keynote-Rede abgesagt, Candice Breitz zog ihre Teilnahme ebenfalls zurück und auch "Masha Gessen hatte, wie sie meldete, ihre Teilnahme nie endgültig bestätigt. ... Ausgerechnet jene Menschen wollen nun nicht mehr öffentlich auf dem Podium sprechen, die in der Vergangenheit über Zensurerfahrungen in Deutschland berichtet hatten und behaupten, sie kämen nicht ausreichend zu Wort." Goldin selbst sagte ein Interview mit der Zeit ab, wieder zu und wieder ab - und schickte schließlich ein Statement: "'Ich habe beschlossen, diese Ausstellung als Plattform zu nutzen, um meine moralische Empörung über den Krieg gegen Gaza und gegen den Libanon sowie über die Zensur jüdischer und palästinensischer Stimmen in Deutschland zu verstärken', schreibt Nan Goldin, ohne jedoch zu sagen, von welchen Stimmen sie spricht und wo für sie Zensur beginnt. Weiter heißt es: 'Wir Künstler haben Berlin immer als einen Zufluchtsort für offene künstlerische Freiheit erlebt, und es ist traurig, dass es zu einem Zentrum der Unterdrückung geworden ist.' Worin genau die Unterdrückung besteht, hätte man gerne von ihr erfahren, zumal sie selbst, wie sie in dem Statement herausstreicht, keineswegs unterdrückt wird."

"Bei 'Strike Germany' freut man sich indes über die Absagewelle", weiß Julia Hubernagel in der taz: "Neben Candice Breitz sind mittlerweile auch die Namen Eyal Weizmans sowie Raphael Maliks von der Teilnehmer:innenliste verschwunden. Zum Gespräch mit Andersdenkenden scheint man auf Seiten derer, die ansonsten gern Kundgebungen mit dem klingenden Namen 'We still need to talk' veranstalten, wohl nicht bereit." Direktor Klaus Biesenbach stellt sich indes hinter die Ausstellung - und die Künstlerin, distanziert sich aber von ihrer Haltung zum Nahostkonflikt, meldet Susanne Lenz in der Berliner Zeitung: "Wir unterstützen das Recht der Künstlerin, ihre Meinung zu äußern, auch wenn wir nicht immer mit ihr übereinstimmen. Gleichzeitig sind wir davon überzeugt, dass ein Symposium wie unseres längst überfällig und in dieser Zeit notwendig ist."

Weitere Artikel: Das Monopol-Magazin hat die Top 100 des Kunstbetriebs gekürt, darunter Florentina Holzinger, Yael Bartana, Klaus Biesenbach und Marion Ackermann. In der NZZ meldet Sabine V. Vogel, dass die Art Basel bei der Kunstmesse Abu Dhabi Art einsteigen soll: Die Schweizer Muttergesellschaft MCH würde dafür 20 Millionen Euro von Abu Dhabi erhalten.

Besprochen werden die Ausstellung "Fotogaga. Max Ernst und die Fotografie. Die Sammlung Würth zu Gast" im Museum für Fotografie in Berlin (FR), die Ausstellung "Mythos & Moderne. Fritz Koenig und die Antike" in der Münchner Glyptothek (FAZ) und die Andrea-Pichl-Ausstellung "Wertewirtschaft" im Hamburger Bahnhof (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.11.2024 - Kunst

Michel Blazy, Le lâcher d'escargots, 2009 (detail), Courtesy the artist and Art: Concept, Paris © Michel Blazy

Können Mensch und Natur gemeinsam, gewissermaßen arbeitsteilig, Kunst schaffen? Die Kuratoren der Ausstellung "Mutual Aid. Kunst in Zusammenarbeit mit der Natur" sind der Ansicht: ja, und stellen im Turiner Castello di Rivoli Kunstwerke aus, die natürliche Prozesse integrieren. Bernhard Schulz hat sie sich angesehen und denkt in der taz über Fragen der Naturästhetik nach. "Der Unterschied" zwischen menschlicher und nicht-menschlicher Tätigkeit, "liegt darin, dass der Homo Faber ein Kunstwerk schaffen will, seine natürlichen Partner hingegen allein ihren ererbten Instinkten nachgehen. Es ist der Mensch, der das Ergebnis in den Rang eines Kunstwerks hebt. Solche Arbeitsteilung führt die mittlerweile 93-jährige Agnes Denes vor, die 1982 mit dem legendären, von ihr auf dem Aushub einer Baugrube ausgesäten Weizenfeld an der Südspitze Manhattans den Gegensatz von Natur und Menschenwerk zuspitzte. Die in Turin gezeigten Fotografien eines anderen großen Projekts von Denes, des 'Baumberges' in Finnland, unterstreichen nochmals die Autorschaft des Künstlers. Die Natur führt nur aus."

Auch die Berliner Zeitung greift den Wirbel um die Nan-Goldin-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie Berlin auf (siehe hier und hier): Susanne Lenz zeichnet noch einmal nach, weshalb vor allem das geplante Symposium "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung: Diskussionsraum zum Nahostkonflikt" zum Streitpunkt wurde und kritisiert die Boykottrhetorik von "Strike Germany". Auch die Künstlerin selbst greift diese auf: "Ist es nur ungeschickt, dass Nan Goldin diesen Post [von Strike Germany] mit einem Like versehen hat? Leider nicht, denn sie distanziert sich zudem auf Instagram: Sie habe nichts von dem Symposium gewusst, bis ein Verbündeter sie darüber informiert habe. Ein 'Verbündeter' (an ally) - was für eine vielsagende Wortwahl: Da teilt offenbar jemand die Welt in Freund und Feind."

Außerdem: Frauke Steffens betrachtet in der FAZ die Skulpturen der koreanischen Künstlerin Lee Bul, die seit Kurzem die Fassade des New Yorker Metropolitan Museums schmücken.

Besprochen werden die Schau "Durchgeknallt und abgebrannt: Feuerwerkskünste aus fünf Jahrhunderten" im Berliner Kulturforum (taz) und die Lyon-Biennale (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.11.2024 - Kunst

Vittore Carpaccio, Flucht nach Ägypten, ca. 1515, National Gallery of Art, Washington, Samuel H. Kress Collection. Genehmigt durch National Gallery of Art

Weshalb Vittore Carpaccio hierzulande nie den Rang eines der Bellinis erreichte, ist FAZ-Kritiker Stefan Trinks spätestens nach der Ausstellung "Carpaccio, Bellini und die Frührenaissance in Venedig" in der Staatsgalerie Stuttgart ein Rätsel, zeigt sie ihm doch die ganze Originalität des Venezianers, der den heiligen Ernst religiöser Andachtsbilder gern mit Witz aufbrach, etwas "in seinem 'Bildnis der Maria mit Christus und Johannesknaben' von etwa 1497. Diesmal nicht auf einem Balkon, sondern auf der Buntmarmorbrüstung eines hohen Fensters sitzend lässt der im letzten Schrei venezianischer Haute Couture gekleidete kleine Erlöser mit braunem Wams und ebensolcher Kappe die Beine baumeln, während er in einem kostbaren, auf Pergament geschriebenen Stundenbuch blättert und ihn seine Mutter gegenüber mit gefalteten Händen anbetet. Zwischen Mutter und Kind jedoch drängelt sich die kesse Verwandtschaft: Der kleine Johannesknabe kommt herein und erzählt etwas Humoriges, wie Carpaccio mit dessen Redegestus jovialer Sprache anzeigt. Auf der Stelle ist der Christusknabe derart abgelenkt von der Lektüre, dass er mit seinen babyspeckigen Fingern mehrere Seiten so ungeschickt umschlägt, dass er die teure Handschrift dabei beschädigen wird."

Die amerikanische Fotografin Nan Goldin fiel zuletzt vor allem durch antiisraelische Propaganda auf, zwei Wochen nach dem 7. Oktober veröffentlichte sie etwa als Erstunterzeichnerin im amerikanischen Kunstmagazin Artforum einen "Open Letter from the Art Community", in dem Israel Völkermord an den Palästinensern vorgeworfen wird, erinnert Marcus Woeller in der Welt. Am kommenden Wochenende wird in der Berliner Nationalgalerie eine Goldin-Ausstellung eröffnen, die flankiert werden sollte durch das von der Nationalgalerie initiierte Symposium "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung", das von dem Historiker Meron Mendel und der Politologin Saba-Nur Cheema moderiert werden soll: "Doch die Einladung, 'am Symposium aktiv mitzuwirken', hat Nan Goldin ausgeschlagen - offenbar weil ihr die Veranstaltung, obwohl dort einige prominente Israel-Kritiker aus der Kunstszene auftreten, noch zu moderat erscheint. (…) Goldins politische Haltung wird in der Ausstellung selbst wohl nicht thematisiert. 'Der Integrität dieses Gesamtkunstwerkes war trotz vieler Ideen für die Berliner Präsentation mit weiteren kuratorischen Beiträgen nichts hinzuzufügen', so die lapidare Erklärung der Nationalgalerie, die ihre vielen Ideen im eigenen Haus offenbar nicht weiter darstellen will."

Weitere Artikel: In der FR macht sich Björn Hayer noch keine Sorgen, dass Künstliche Intelligenz die Kunst ganz ersetzen wird. Besprochen werden die Ausstellung "Anonyme Zeichner*innen" im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien (Tsp) und die Installation "Masses" des Künstlers Ed Atkins im Foyer der Deutschen Oper Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.11.2024 - Kunst

Dora Hitz, Porträt Margarete Hauptmann, 1906. Privatbesitz. Foto: Oliver Ziebe.

Was die Malerin Dora Hitz wohl geschaffen hätte, wenn sie sich nicht an die Zwänge ihrer Zeit hätte anpassen müssen? FAZ-Kritiker Andreas Kilb wüsste es gerne, ist aber auch so schon beeindruckt von ihren Stillleben und Porträts, die die Villa Liebermann zeigt. Er erkennt hier eine eine Künstlerin, die "sich geschickt den ästhetischen und gesellschaftlichen Normen ihrer Epoche anpasste und zugleich den Kontakt zur Avantgarde suchte": "1906 malt sie ihr Meisterwerk, das Bildnis der Margarete Hauptmann. Die Dichtergattin posiert vor einer blauen Mustertapete, die Dora Hitz in eine vorbeirasende marine Landschaft verwandelt hat. Die Falten des Ballkleids, vom Sog des Hintergrunds mitgerissen, beginnen zu tanzen, Kopf, Hals und Arme der Porträtierten bilden die einzigen Ruhezonen in einem horizontalen Gewoge aus Blau, Weiß und Schwarz."

Ebenfalls in der FAZ unterhält sich die Textilkünstlerin Sheila Hicks, deren Werke gerade in einer großen Retrospektive in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen sind, über die Anfänge ihrer Karriere bei der Bauhaus-Weberin Anni Albers, den Einfluss ihrer Reisen nach Südamerika und die Frage, warum sie auch Aufträge von Architekten und Industrie annahm: "Dabei sind bedeutende Arbeiten meines Œuvres entstanden, wie die Bespannung des Prototyps der First-Class-Lounge in den damals neuen Boeings 747 der Air France. Die Fluggäste mochten die sehr feine Tapisserie, und ich sollte vierzehn weitere Wandbespannungen liefern. Das Studio konnte das nur bewältigen, weil ein Karmeliter-Orden in der Nähe von Paris mithalf. Die meisten der Nonnen hatten noch nie ein Flugzeug bestiegen - sie sagten, sie kämen sich vor wie der Prophet Jona im Bauch des Walfischs. Als die Lounge abgeschafft wurde, wurde das Mobiliar wohl einfach abgewrackt, nur eine Tapisserie wird im Museum of Modern Art verwahrt."

Außerdem Ralph Trommer stellt in der taz fünf Ausstellungen in Belgien vor, die zum einhundertjährigen Jubiläum von André Bretons Surrealismus-Manifest stattfinden, unter anderem "Surréalisme, bouleverser le réel" im CAP Musée des Beaux-Arts in Mons und "Les Mondes de Delvaux" im Museum "La Boverie" in Lüttich (Liège). Besprochen werden die Ausstellung "Roee Rosen: The Kafka Companion to Wellness" im Kunstverein Hannover (taz) und die Ausstellung "Ingeborg Lüscher. Il cielo ancorato alla terra" im Museo d'arte in Mendrisio (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.11.2024 - Kunst

Ars Moriendi. Foto: Judith Buss/Münchner Kammerspiele


Der Künstler Gregor Schneider ist gerade dabei, für sein neues Werk "Ars Moriendi" Menschen, die bald sterben werden, in 3D zu scannen und zu interviewen. Wer mitmachen will, kann sich bei den Münchner Kammerspielen melden. Die digitalen Abbilder und Stimmen sollen mittels einer App für mehrere Jahre im Stadtraum von München zu sehen sein. Wie genau das aussieht, kann jeder, der mitmacht, selbst bestimmen, erklärt Schneider im Interview mit dem Tagesspiegel: "Eine 93-jährige Dame zum Beispiel wollte unbedingt vor einer Konditorei stehen und ihre Liebesgeschichte erzählen. Andere berichten vom Krieg oder ihren Krankheiten. Die einen gehen sehr konkret auf den Ort ein, andere nur flüchtig und erzählen ihr Vermächtnis. ... Es gibt auch eine Person, die einen Ort aufsucht und als erstes berichtet, dass sie jeden Tag dort entlang geht und manchmal überlegt, ob sie sich vor ein Auto werfen soll. In der Regel sind es sehr sinnstiftende Kommentare, die die Kostbarkeit des Lebens beschreiben. Ich war überrascht, mit wie viel Lebensbejahung und Dankbarkeit sie rückblickend auf ihr Leben schauen."

Während Etgar Keret und israelische DJs (siehe oben) über immer weniger Einladungen ins Ausland berichten, darf sich die BDS-Anhängerin Nan Goldin im Glamour einer Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie sonnen, die nächsten Samstag eröffnet. Vor dem Hintergrund von Goldins antiisraelischen Äußerungen nach dem 7. Oktober (unser Resümee) gab es jedoch erstmal Querelen (man hätte gern Zoff gesagt, aber gestritten wurde gar nicht) über ein Symposium, das zur Ausstellung veranstaltet werden sollte, berichtet Jörg Häntzschel in der SZ. Erst sagte Masha Gessen ab, dann Hito Steyerl, nachdem sie von einer Gruppe namens "Strike Germany" (unsere Resümee) auf Instagram als "bekannte antideutsche Künstlerin" diffamiert worden war und Goldin diesen Post geliked hatte. Da wird's dann auch Häntzschel zu viel: "Goldins Haltung in der Sache ist unklar. Sie liket einen Post von 'Strike Germany', hat aber keine Einwände gegen eine große Ausstellung ihres Werks in Deutschland, sie stimmt einem Symposium zu, ist aber auch der Ansicht, es sei eine heuchlerische Veranstaltung. Weder Nan Goldin noch Klaus Biesenbach waren bereit, mit der SZ zu sprechen."

Besprochen wird die Matisse-Ausstellung in der Baseler Fondation Beyeler (FAZ).