Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.03.2025 - Kunst

Kosen Ohtsubo, リンガジャポニカ / Linga Japonica, Schwertlilie, Erde, verschiedene Arten von Zweigen und Blumen, April, 1991;
Foto: Kosen Ohtsubo.


Dem Japaner Kosen Ohtsubo gelingt es, mit so etwas Banalem wie einem Blatt welken Kohls zu rühren, jubelt in der taz Sophie Jung. Ohtsubo ist ein außergewöhnlicher Ikebana-Künstler, der die japanische Tradition des Blumenarrangements mit einer Reflexion über die menschengemachte Umweltverschmutzung verbindet. Der Kunstverein München widmet ihm und seinem Schüler Christian Kōun Alborz Oldham derzeit eine Ausstellung. Jung ist begeistert: Die "dicken Adern" des Kohls "ziehen mäandernde Muster auf das weiche Blattgrün, dessen Färbung durch den Wassermangel schon ins Gelbliche übergegangen ist. Wie die Knackigkeit - wenn man so will: das Leben - aus dem Weißkohlblatt verschwindet, sieht schön aus. Noch schöner wird es durch den Sockel, der ein bisschen wie das postmoderne Design der italienischen Gruppe Memphis daherkommt: total ästhetisch, total emotional."

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Weitere Artikel: Christiane Meixner bespricht im Tagesspiegel Juergen Tellers Buch "Auschwitz Birkenau", in dem der Fotograf seine auf dem Gelände des ehemaligen Konzerntrationslagers entstandenen Bilder dokumentiert. Der Skandal um das schwerfällige Restitutionsgebaren der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen (siehe unter anderem hier) betrifft auch einige Werke mit Österreichbezug, berichtet Olga Kronsteiner im Standard. Jonas Sanden unterhält sich für monopol mit der Fotografin Viviane Sassen. Ebenfalls in monopol porträtiert Larissa Kikol eine Gruppe junger Graffiti-Künstler, die in den Tiefen eines Marseiller Tunnels neue Formsprachen erproben.

Besprochen werden die Schau "Arcimbaldo - Bassano - Bruegel" im Wiener KHM (FAZ), die Ausstellung "Gemalte Musik" im Wiener Schönberg Center, die dem malerischen Werk des Namenspatrons Arnold Schönberg gewidmet ist (Standard), die Isa-Genzken-Intervention im Frankfurter Liebieghaus (Welt), "Suzanne Valadon" im Centre Pompidou (NZZ) und die Pussy-Riot-Schau "Velvet Terrorism" im Münchner Haus der Kunst (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.03.2025 - Kunst

Die Documenta feiert siebzigsten Geburtstag und dass nach den jüngsten Skandalen gute Laune möglich ist, ist allein dem mexikanischen Künstler Mario García Torres zu verdanken, der mit der Schau "A History of Influence" im Kasseler Fridericianum mit "diebischer" Freude in den "Schatzkästchen der Kulturgeschichte" wühlt, freut sich Saskia Trebing (Monopol). So zeigt er in einem "Videoraum seinen visuellen Essay '¿Alguna vez has visto la nieve caer?' (Haben Sie jemals den Schnee gesehen?), der sich auf Spurensuche nach Alighiero Boettis sagenumwobenem 'One Hotel' in der afghanischen Hauptstadt Kabul begibt. Von 1972 bis 79 betrieb der Konzeptkünstler und mehrfache Documenta-Teilnehmer Boetti diesen Ort des Willkommenseins, von dem heute nur wenige Bilder überliefert sind. Sowohl Boetti als auch Torres beschäftigt die Frage des Gastgebens und Gastseins, der flüchtigen Begegnung im weiten Meer der Zeit. Torres zeigt in Kassel nun eine Art Reenactment: nicht nur inhaltlich, sondern auch formal. Der Videoraum ist an genau derselben Stelle aufgebaut, wo er vor 13 Jahren bei der Documenta 13 platziert war."

Bild: Colostrum IV, 2020 Collage, ink, rhinestones, pins and beads on paper handmade from traditional birthing cloth Framed. Collection of Stephanie and Timothy Ingrassia

Um Transformation geht es auch im Werk der amerikanischen Künstlerin Andrea Chung, die das Museum of Modern Art North Miami derzeit mit der Ausstellung "Between Too Late an Too Early" würdigt. Chung zerstört zunächst, um dann einen genaueren Blick auf (Kolonial-)Geschichte zu werfen, klärt uns Francess Archer Dunbar bei Hyperallergic auf: "In 'An Unrequited Love' (2019) zeigen Videos, wie gepuderte weiße Perücken geflochten und an einer Schlaufe gedreht werden, bis sie ihre traditionellen Formen verloren haben. Chung pulverisierte eine Kopie der frühen Cyanotypie-Künstlerin Anna Atkins zu einem hellblauen Brei und goss das Papier in zarte Reliefs westafrikanischer Fruchtbarkeitsfiguren um, die denen ähneln, die möglicherweise von Frauen getragen wurden, die auf einer der Plantagen von Atkins' Mann versklavt wurden. Das zarte Kozo-Papier, das darüber drapiert ist, ahmt sowohl die giftigen Stacheln des Rotfeuerfisches als auch Atkins' Drucke jamaikanischer Farne und Algen nach und verweist auf die doppelte Ausbeutung der Schwarzen und des karibischen Landes, die es Atkins ermöglichte, ihr Werk im Namen der Wissenschaft zu schaffen."

Weitere Artikel: Amüsiert fragt sich Peter Richter in der SZ, wer denn künftig zum erlauchten Kreis gehören wird, der auf Wunsch ihres Großneffens die Bilder von Hilma af Klint sehen darf (unsere Resümees): Werden "Museumswächter Rudolf-Steiner-Sprüche abfragen? Die Zahl der Wiedergeburten? Eurythmie-Zertifikate?" Und doch ringt Richter um Verständnis, ist der Hintergrund doch die Tatsache, dass die New Yorker Galerie Zwirner den Nachlass international verwerten will: "Für 'spirituell Suchende' strengerer Observanz, wie Stiftungschef Erik af Klint, ist … zumeist Holistik wichtig, der große, wärmende Zusammenhang, und allein schon der Gedanke ans Aufteilen und Verstreuen ein Greuel; Atomisieren lautete ihr Horrorwort um 1900." Im taz-Gespräch sprechen Agnieszka Roguski und Natalie Keppler, neue Leiterinnen des Kunst Raums Mitte, über die Folge der Kürzungen des Kulturbudgets.

Besprochen werden die Ausstellung "Ost-West-AG" mit Fotografien von Werner Droste in der Berliner Buchhandlung Golda (taz), die Ausstellung "Kulturlandschaften. Wasser" im Museum für Photographie in Braunschweig (taz), eine Ausstellung im Passauer Museum Moderner Kunst Wörlen mit Bildern, die der Fotograf Rudolf Klaffenböck von Josef Hader gemacht hat (FAZ) und die Ausstellung "Il tempo del Futurismo" in der Galleria Nazionale d'Arte Moderna e Contemporanea in Rom, die den Kontext von Krieg und Faschismus tilgt (mehr hier), aber beim Publikum so beliebt ist, dass sie nun verlängert wird, weiß Karen Krüger in der FAZ.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.03.2025 - Kunst

Louisa Gagliardi, Night Caps, 2022. Private Collection, Basel © the artist
Photo: Stefan Altenburger Photography, Zürich

Eine Einladung, sich der eigenen Fantasie zu bedienen, sieht Uta Appel Tallone (NZZ) in den Bildern der Schweizer Künstlerin Louisa Gagliardi, die das MASI in Lugano zeigt.  Die "enigmatischen, magisch-traumhaften Bildmomente" ziehen die Kritikerin in ihren Bann: "In einem kleinen Seitenraum der Ausstellung hat die Künstlerin die Wände zur Gänze mit ihrer Malerei überzogen, so wie man es aus mit Fresken geschmückten Kirchenräumen aus dem Mittelalter und der Renaissance kennt. Dargestellt sind hier zwei Personen in Übergröße, ausgestreckt im Schlaf liegend, das Bettlaken geht in einen üppig rauschenden Wasserfall über. Auffallend sind die wie nachträglich eingekratzten 'Graffiti', die sich der Symbole der Vanitas-Stillleben aus dem Barock bedienen: heruntergebrannte Kerzen, angebissenes Obst, ein umgekipptes Weinglas, eine Blüte, die zwar noch im vollen Saft steht, aber die das baldige Verblühen ahnen lässt. Die Zeit ist im ständigen, unaufhörlichen Fluss."

Weiteres: Das ehemalige Haus der Kunsthändlerin Galka Scheyer in Los Angeles wurde von einem deutschen Unternehmer gekauft, berichtet Benno Herz in der FAZ, und wird so vor dem Abriss bewahrt. Besprochen werden die Ausstellung "Jetzt ist alles gut" mit Werken von Käthe Kruse in der Berlinischen Galerie (taz) und mehrere Ausstellungen in der Timo Miettinen-Collection in Berlin (Tagesspiegel), und die Ausstellung "Malgorzata Mirga-Tas - eine alternative Geschichte" im Kunstmuseum Luzern (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.03.2025 - Kunst

In der SZ erzählt Nicolas Freund die Geschichte der Kunstsammlung des Schweizer Immobilienbesitzers Bruno Stefanini, die in einem riesigen Kellergewölbe lagert. Obwohl "Kunstsammlung" dafür vielleicht nicht das richtige Wort ist, trotz der vielen Gemälde. "Aber eigentlich muss man das, was da im Keller unter dem Sulzer Hochhaus in Winterthur sowie an mehreren anderen, teils geheimen Orten in der Schweiz lagert, eher als Kulturgütersammlung bezeichnen. Oder als jüngere Geschichte Europas in 100 000 Gegenständen. Denn zu der Sammlung gehören neben Kunstobjekten auch viele Möbel, Kleidungsstücke, Bücher, Waffen, Spielzeuge und ein paar Tausend andere Dinge wie Wollknäuel oder Metallstäbchen, bei denen bisher nicht so ganz klar ist, worum es sich dabei handelt. Zu der Sammlung gehören der Schreibtisch, auf dem John F. Kennedy den Atomwaffensperrvertrag unterschrieben hat, knapp 100 Priestergewänder, die Turnschuhe der Kaiserin Sisi, und irgendwo stehen auch noch drei Panzer herum." Die Frage ist, was man jetzt, nach dem Tod des Sammlers, damit macht. In einem zweiten Artikel stellen Charlotte Theile und Christian Schepsmeier den Sammler kurz vor.

Brauchen wir das Museum wirklich als moralische Anstalt, fragt Bernd Eilert in "Bilder und Zeiten" (FAZ), entnervt von Ausstellungsmachern, die "sich über die bloße Präsentation von Anschauungsmaterial hinaus bemühen, diese Anschauung in Bahnen zu lenken, die den Kuratoren solcher Ausstellungen moralisch opportun erscheinen. Folgerichtig wird das Urteil über das Ausgestellte nicht mehr dem Betrachter überlassen, sondern durch Vorurteile der Ausstellungsmacher bestimmt. ... Selbst in der großen Frans-Hals-Ausstellung in Berlin wies uns das Täfelchen neben dem Porträt eines 'Peekelhaering' an, darin ein frühes Beispiel für die heutzutage verpönte Praxis des 'Blackfacing' zu sehen. Tatsächlich ist fraglich, ob das so stimmt. Frans Hals hat diesen dunklen Mann in seiner Rolle als 'Pökelhering' in einem Rüpelspiel des siebzehnten Jahrhunderts nämlich zweimal porträtiert. Die zweite Version, die in Leipzig hängt, trug lange den Titel 'Der Mulatte', und einem solchen Blackfacing zu unterstellen, wäre selbst für Moralisten kühn. Die müssten dann in jeder Kreuzigungsszene eine Verherrlichung der Todesstrafe sehen."

In der FAS berichtet Julia Voss vom Streit in der Hilma-af-Klint-Stiftung: Der Vorsitzende der Stiftung, Erik af Klint, will gerichtlich ein Ausstellungsverbot durchsetzen. "Damit stellt er sich gegen die meisten Stimmen in der Stiftung, die laut Satzung mehrheitlich aus Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft bestehen muss. Die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter berichtet über Erik af Klints Pläne, die Gemälde in Zukunft nur einem ausgewählten Personenkreis zugänglich zu machen, dessen 'spirituelle Suche im Einklang mit Hilmas' sei. Wer nicht dazuzählt, sagt Erik af Klint auch: Muslime und Hindus." Hilma, die sich erklärtermaßen "von theosophisch geschulten Geistwesen den Pinsel führen" ließ, "hätte das Himmelstheater um sie gelassen ertragen", meint ein spöttischer Hans-Joachim Müller in der Welt. "Was wissen all die Leute schon von fernmündlicher Regie beim Bildermachen? Was wissen sie von den Stimmen und Visionen, die die unfreiwillige Malerin zu leeren Farbgeometrien angestiftet und ganz gewiss nicht ermutigt haben, damit im gnadenlosen Aufmerksamkeitswettkampf der Zeitkunst zu bestehen? Es sind halt höhere Wesen, die nun befehlen, zu reprivatisieren, was nie öffentlich sein sollte."

Weitere Artikel: "Max Ernsts 'Hausengel', derzeit in der Basler Fondation Beyeler ausgestellt, ist das Bild der Stunde", ruft in der SZ Christoph Heim. "Ein wütendes und stampfendes Ungetüm, das wie Elon Musk, Donald Trump oder Wladimir Putin ohne Rücksicht auf Verluste voranschreitet." In "Bilder und Zeiten" (FAZ) schreibt Arne Rautenberg zum 100. Geburtstag des Dichters und bildenden Künstlers Werner Schreib. In der FAS fragt sich Niklas Maak, was es mit den Schlafkapseln auf sich hat, die man zum Beispiel in Berlin für 3,99 Euro die Viertelstunde mieten kann.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Helen Frankenthaler. Move and Make" im MRE Wiesbaden (FAZ), "Maybe it was magic", eine Schau der Sammlung von Timo Miettinen in dessen eigenem Haus (Tsp), eine "Glitzer"-Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (Tsp) und die Susan-Sontag-Ausstellung "Sehen und gesehen werden" in der Bundeskunsthalle Bonn (FAS).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.03.2025 - Kunst

Die Ausstellung "American Photography" im Rijksmuseum Amsterdam "ruckelt am Kanon der Fotografiegeschichte", zumindest für FAZ-Kritiker Freddy Langer, und zeigt ihm auch die Melancholie, die dem Land of the Free und seiner Fotokunst innewohnt: "Neben dem ästhetischen Aspekt lenkt sie den Blick stets auf soziale Verhältnisse, öfter noch Missverhältnisse - mit einem Schwerpunkt auf dem schwarzen Teil der Gesellschaft. So dienen als Beispiele für die frühen, tausendfach verkauften Carte de Visites das Motiv eines von Peitschenschlägen zerschundenen Rückens eines Sklaven sowie ein Porträt der schwarzen Freiheitskämpferin Sojourner Truth. Gefolgt von hundert Jahre später entstandenen Reportagen über ein Leben an der Grenze zur Apartheid. Stellvertretend für millionenfach fotografierte Hochzeitsbilder wiederum erschreckt die Aufnahme eines weißen Offiziers in Uniform samt all seiner Orden, dessen Gesicht im Irakkrieg zur Unkenntlichkeit entstellt wurde, neben seiner starr ins Nichts schauenden, bildhübschen Braut, Freundin schon aus Schulzeiten."

Weiteres: Yelizaveta Landenberger berichtet in der FAZ vom Pinchuk Art Prize in Kiew. Der Standard freut sich über die Wiederentdeckung von Gustav Klimts "Porträt eines afrikanischen Prinzen."

Besprochen wird: Die Ausstellung "Bracha Lichtenberg Ettinger" in der Kunstsammlung Nordrhein Westfalen.
Stichwörter: Rijksmuseum, Apartheid

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.03.2025 - Kunst

Bild: Sumi Anjuman, I am the Mother too, 2019 Tintenstrahldruck, Dauerleihgabe der Freunde des Kunstpalastes, Foto: © Sumi Anjuman

Mutterschaft, so viel lernt Hubert Spiegel in der FAZ in der Ausstellung "Mama. Von Maria bis Merkel" im Düsseldorfer Kunstpalast, wird seit eher "verklärt, verkannt, entstellt, benutzt und instrumentalisiert". In 120 Gemälden, Skulpturen, Fotografien und Objekten vom vierzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart begegnet der Kritiker den zahlreichen Ansprüchen und Erwartungen an Mütter: "Die Ausstellung zeigt Mütter, wie sie sich selber sehen ... Schönstes Beispiel: Ein Foto des Künstlers Aldo Giannotti, der seiner Mutter ein Plakat mit der Aufschrift 'MOM' in die Hand gedrückt hat, um ihr dann ein Seil um die Füße zu schlingen und sie kopfüber von der Decke baumeln zu lassen. Natürlich steht nun auch das Plakat auf dem Kopf. Seine Aufschrift lautet nun: 'WOW'. Manches ist lustig, anderes beklemmend, und manches, wie eine frühe elektrische Brustpumpe aus den Fünfzigerjahren oder Annoncen für Johnson's Babypuder mit riesigen Säuglingen und däumlingskleinen Müttern, ist beides zugleich."

Bild: Tata Ronkholz: Trinkhalle, Köln-Nippes, Merheimer Straße 294, 1983 © VAN HAM Art Estate: Tata Ronkholz, 2025

Gleich zwei wichtige Würdigungen entdeckt Marcus Woeller (Welt) in der SK Stiftung Kultur in Köln. Zum einen widmet das Haus der Becher-Schülerin Tata Ronkholz eine längst überfällige Retrospektive - zum anderen wird hier die zum regionalen Kulturerbe erhobene "Trinkhallenkultur im Ruhrgebiet" gewürdigt, die Ronkholz auf ihren "Wimmelbildern" bis 1985 festhielt: "Lange, bevor die Politik das soziale Wesen der Kioske (wie Büdchen/Trinkhalle andernorts unzureichend genannt werden) erkannte, hatte die Fotografin Tata Ronkholz Büdchen und Trinkhalle bereits ein Denkmal gesetzt. Sie erkannte, dass diese Orte eine eigene Ästhetik artikulieren - in der Architektur und der Gestaltung der Auslage. (…) Besonders liebenswert ist die Trinkhalle in Düsseldorf-Gerresheim, die sich zwischen ein Wohnhaus und eine Garage klemmt. Wahrscheinlich keine zwei Meter breit, hat sie doch alles, was ein Büdchen ausmacht. Manche sind tatsächlich nichts weiter als Buden, etwa der kleine Schuppen, der sich im bergischen Odenthal an ein Fachwerkhaus schmiegt. Andere scheinen unter dem Budenzauber aus Bierwerbung fast zusammenzubrechen."

"Der Kanon der bildenden Kunst ist verwestlicht", sagt die Polin Alicja Knast, Direktorin der Nationalgalerie Prag im Gespräch mit Tomasz Kurianowicz (Berliner Zeitung), in dem sie ihr Ziel für die Nationalgalerie formuliert: "Menschen kennen die Namen von Picasso und Van Gogh. Aber sie kennen nicht die Namen von Kubišta und Zrzavý. Diese Werke haben es aufgrund der Sprachen, in denen diese Künstler beschrieben wurden, nicht in den Kanon geschafft. Die Ausweitung des Kanons ist eines unserer wichtigsten Ziele."

Weitere Artikel: Hilke Dirks besucht den montenegrinischen Künstler Dante Buu für die taz in seinem Atelier. Der Vorsitzende der Hilma-af-Klint-Stiftung und Großneffe der Künstlerin, Erik af Klint, forderte in der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter ein Museumsverbot für die Werke der Malerin, meldet Tobias Timm in der Zeit: "In Zukunft sollen af Klints Bilder nach seinem Willen nur noch in einem Tempel für eine ausgewählte Gruppe 'spirituell Suchender' gezeigt werden." Drei große Ausstellungen eröffnet der Künstler Wolfgang Tillmans dieses Jahr, im Haus Cleff in seinem Heimatort Remscheid, im Pariser Centre Pompidou und im Dresdner Albertinum. Im SZ-Porträt von Peter Richter erzählt er, dass er zudem in Charkiw ausstellen wird und weshalb das Schauen auch politisch ist.

Besprochen wird die Ausstellung "Gläsern - forms of uncontrolled control" im Schloss Biesdorf (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.03.2025 - Kunst

Leonardo da Vinci | Stehender männlicher Akt, um 1503-1506 | The Royal Collection / HM King Charles III, Windsor Castle © Royal Collection Enterprises Limited 2025 | Royal Collection Trust

Schwelgerisch lustwandelt FAZler Stefan Trinks durch eine Ausstellung in der Wiener Albertina, der es gelungen ist, ganze 26 Zeichnungen Leonardos an einem Ort zu versammeln. Umgeben sind sie von zahlreichen Meisterwerken Dürers, Tizians und anderer. Ganz besonders angetan ist Trinks von der Farbigkeit der ausgestellten Arbeiten. Dank der oft ins Surreale spielenden Kolorierung "imaginiert man (…) fast immer unterbewusst eine abgerückte Welt. Leonardos Pferdestudien für das sieben Meter hohe Bronze-Reiterdenkmal für Francesco Sforza in Mailand schweben genauso im blauen Luftreich der Utopie wie seine unfassbare anatomische Studie eines Pferdelaufs, eines menschlichen Beins und eines Kentauren daneben - was nichts anderes bedeutet, als dass er in einem imaginären Überschuss fest von der Existenz der Pferdemenschen ausgeht und einen frankensteinschen Mix aus beidem aufs Blatt wirft."

Saskia Trebing überlegt sich auf monopol, was es bedeutet, wenn in Washington, offensichtlich auf Druck der Trump-Regierung, ein "Black Lives Matter"-Schriftzug von einer Washingtoner Straße entfernt wird. Geht es dabei lediglich um verzichtbare Symbolpolitik, auf die sich die politische Linke zuletzt allzu oft konzentrierte? Keineswegs, findet Trebing: "Für Trump und seine Mitstreiter ist das Symbolische alles andere als nebensächlich. Sie wollen kontrollieren, wie künftig gebaut wird; wollen bestimmen, was im Kennedy-Kulturzentrums aufgeführt wird und was nicht. Das brutale Vorgehen gegen die Rechte von trans Menschen sind genauso Teil eines culture war wie die offensive Inszenierung einer geldgetränkten, weißen Vulgär-Elite."

Außerdem: Jan Kage spricht für monopol mit dem Autor und Kurator Christoph Tannert über Untergrundkunst in der DDR.

Besprochen werden Elisabeth Neudörfls Schau "Ansichten von K." (wie Kaiserslautern) in der Barbara Wien gallery, Berlin (taz), die Protestbewegungen unter anderem gegen die letztes Jahr abgewählte PiS-Regierung gewidmete Ausstellung "The Impermanent" im Museum für Moderne Kunst in Warschau (SZ), Kristian Schullers Fotografieausstellung "Pictures" im Kunstraum Potsdam (Tagesspiegel) und Sonya Schönbergers Installation "Nägel" in der Berliner Kulturkirche St-Matthäus (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.03.2025 - Kunst

Isa Genzken, Schauspieler, 2016. Ausstellungsansicht im Antikensaal. Foto © Norbert Miguletz


Das passt aber gut zusammen, findet Stefan Trinks in der FAZ: In einer Ausstellung im Frankfurter Liebieghaus treffen die Skulpturen der Künstlerin Isa Genzken auf Werke von ägyptischer Zeit bis ins 18. Jahrhundert. Eine vielversprechende Kombination, so Trinks, denn "in einer viele tausend Jahre umspannenden Sammlung wie der Frankfurter fügen sich Genzkens Werke geradezu harmonisch ein, weil Kunst und insbesondere Hoch- und Hofkunst häufig dem Exzess frönte, und das nicht nur im Manierismus." Die Skulpturen ergänzen und verstärken ihre Wirkung gegenseitig: "Eine weiße Gips-Pharaonin steht neben einer kräftig farbig gefassten auf von der Künstlerin entworfenen filigranen Holz-Ziehharmonika-Sockeln; beide tragen eloxierte Sonnenbrillen, die Nofretetes Eleganz trotz Verhängung des Blicks der geblendeten Gottkönigin noch betonen. Oder genauer: noch fokussieren, denn durch die semitransparente Brille der bunten Schönheitsgöttin sieht man deren Augen deutlich, und so kann der Betrachterblick den Pharaonenblick quer durch den Saal verfolgen."

Weiteres: Maritta Adam-Tkalec berichtet in der Berliner Zeitung über den Verbleib eines Glasfrieses des Künstlers Hans Vent aus DDR-Zeiten. Nicola Kuhn greift im Tagesspiegel die Raubkunst-Affäre um die Bayerische Staatsgemäldesammlung auf (unsere Resümees). Besprochen wird die Ausstellung "Polaroids. Helmut Newton Stiftung" im Museum für Fotografie Berlin (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.03.2025 - Kunst

Weiteres: In der NZZ denkt Philipp Meier über die Aura des Originals nach. Besprochen werden die Ausstellung "Kykladitisses. Unerzählte Geschichten der Frauen auf den Kykladen" im Museum für Kykladische Kunst in Athen (FAZ), die Ausstellung "Udo Lindenberg - Panik in Tübingen" im Neuen Kunstmuseum Tübingen (FAZ), zwei Ausstellungen zum Achtzigsten von Anselm Kiefer im Amsterdamer Stedelijk und im Van Gogh-Museum (SZ), die Ausstellung "Undermining the Immediacy" im MMK Tower in Frankfurt (FR), die Ausstellung "Mensch Berlin" zum vierzigjährigen Jubiläum der Kunstsammlung der Berliner Volksbank (tsp), die Neupräsentation der Glassammlung im Kunstpalast Düsseldorf (taz) und die Ausstellung "So flows the tide of things" mit Werken von Yaşam Şaşmazer in der Zilberman Galerie in Berlin (taz).
Stichwörter: Kunstpalast Düsseldorf

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.03.2025 - Kunst

Tagesspiegel-Kritikerin Birgit Rieger rast in der Ausstellung "Many Worlds Over" auf dem Motorrad durch ein zertrümmertes Seoul - zumindest virtuell. Der Hamburger Bahnhof in Berlin hat der koreanischen Videokünstlerin Ayoung Kim ihre erste Einzelausstellung in Deutschland gewidmet, in der ihre Werke auf riesigen LED-Bildschirmen zu sehen sind. Durch "geschickt integrierte Spiegel sind digitale Bewegtbilder, Spiegelbilder und Realität oft nicht auseinanderzuhalten" und so wird Rieger mitten hineingezogen in Kims Werkzyklus 'Delivery Dancer', indem "es um Lieferdienstfahrerinnen get, die in Megacitys wie Seoul Kurierfahrten erledigen, totalüberwacht und gesteuert von einer App, die Bestellungen verwaltet und optimale Routen berechnet. Die strenge KI, die alles managt, nennt sich 'Dancemaster'. Sie ist auf Produktivitätssteigerung programmiert. Die großen Player der sogenannten Gig Economy mit ihren ausbeuterischen Beschäftigungsverhältnissen, allen voran Uber, standen Pate. Ständig heißt es: schneller fahren, der nächste Auftrag wartet, beeile dich!"

Drei große Ausstellungen eröffnet der Künstler Wolfgang Tillmans dieses Jahr, im Haus Cleff in seinem Heimatort Remscheid, im Centre Pompidou und im Dresdner Albertinum. Im FAZ-Interview erzählt er, dass es außerdem ein besonderes Anliegen für ihn war, eine Ausstellung mit dem ukrainischen Fotografen Boris Mikhailov in Charkiw zu organisieren. Und, warum man im Kriegsgebiet nicht nur Waffen braucht, sondern auch Kunst: "Ich finde es schwierig, da eine Entweder-oder-Position einzunehmen. Was ich von Ukrainern höre, ist, dass es dort einen wahnsinnigen Hunger nach Kultur und Dialog gibt, weil eben keiner hinkommen kann. Man darf sich gar nicht zusammenfinden in öffentlichen Räumen, und diese Ausstellung ist in diesem Fall nur möglich, weil das Yermilov Center unterirdisch ist und aus Beton. Die Ermüdung nach drei Jahren ist enorm, und wenn ich einen Beitrag leisten kann, dass auch die menschliche Dimension dieses Überfalls nicht in Vergessenheit gerät, tue ich das gerne. So hatte ich auch umgekehrt hier in Berlin mit meinem Ausstellungsraum Between Bridges die 'Kyiv Biennale 2024' mitveranstaltet."

"Dass Nachkommen der einstigen Eigentümer von Raubkunst hingehalten und von einem der bedeutendsten Museen des Landes Kunstwerke zurückgehalten werden, ist unerträglich" - Charlotte Knobloch meldet sich in der SZ empört im Raubkunst-Skandal um die Bayerische Staatsgemälde-Sammlung zu Wort (unsere Resümees): "Die Verantwortlichen müssen jetzt schnellstmöglich Klarheit schaffen - und geraubtes Gut endlich zurückgeben. Dass der Bayerische Landtag nun einstimmig entsprechende Maßnahmen beschlossen hat, ist ein erster unerlässlicher Schritt. Die Eigentümer und ihre Erben haben einen Anspruch auf eine zügige Umsetzung. Das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit von Politik und Museen in Sachen Restitution geraubten Gutes ist erschüttert - es darf nicht verspielt werden."

Weiteres: In der FR gratuliert Ingeborg Ruthe Anselm Kiefer zum Achtzigsten, in der FAZ besucht Stefan Trinks die ihm zu diesem Anlass gewidmeten Ausstellungen im Amsterdamer Stedelijk und im Van Gogh-Museum (mehr hier). NZZ-Kritiker Philipp Meier freut sich über die Wiedereröffnung des Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten in Winterthur. Besprochen wird die Ausstellung "Tata Ronkholz: Gestaltete Welt - eine Retrospektive" in der SK Stiftung Kultur in Köln (Welt).