Nicht sehr gönnerhaft greift Patrick Bahners in der FAZ die Berichterstattung der SZ über mangelnde Restitutionen geraubter Kunstwerke der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen auf (unsere Resümees). Die SZ beachte gar nicht, das die Bayern gar kein Personal haben - als sei die Besetzung solcher Abteilungen nicht eine politische Entscheidung: "Für die Bearbeitung von 5.300 Verdachtsfällen sind zweieinhalb Personen zuständig: In der Berichterstattung der Süddeutschen wie in den Reden der Landtagspolitiker fehlt jede Abschätzung des Tempos und des Niveaus der Arbeit, das bei diesem Zahlenverhältnis realistischerweise erwartet werden kann. Mit Zahlen wird gerne die Dringlichkeit des Themas beschworen, aber Rechnungen unterbleiben, weil sie das Skandalisieren erschweren." Und überhaupt beruhe die Berichterstattung der SZ auf einer "falschen Behauptung": "'Alarmstufe Rot' - im Artikel mit dieser Überschrift steht, die rote Markierung in einer Liste, die der Zeitung zugespielt wurde, stehe für das Wissen und die Überzeugung der Zuständigen, dass 'eindeutig Raubkunst' vorliege und "sofortige Rückgabe erforderlich" sei. In Wahrheit bedeutet die höchste Stufe auf der Ampelskala... den dringlichsten Aufklärungsbedarf." Gestern hatte Jörg Häntzschel in der SZ gerade die mangelnde Priorisierung des Themas als Hinhaltetaktik thematisiert (unser Resümee).
Anselm Kiefer: Steigend, steigend, sinke nieder, 2024. Foto: Michael Floor.
Zum achtzigsten Geburtstag bekommt Anselm Kiefer eine Ausstellung, die in zwei Museen gleichzeitig gezeigt wird: Sowohl das Stedelijk als auch das Van Gogh-Museum in Amsterdam zeigen "Sag mir, wo die Blumen sind." Kiefer erkenntTagesspiegel-Kritikerin Alexandra Wach darin einmal mehr als "notorischen Ruhestörer, der mit seiner auf stoffliche Opulenz setzenden Erinnerungsarbeit stets darauf bestanden hat, dass nicht nur die Deutschen rechtsextreme Bewegungen im Auge behalten sollten, angefangen mit den provokanten Selbstporträts mit Hitlergruß bis hin zu späteren Installationen, die an megalomanische Führerbunker denken lassen. (…) Die neue Installation 'Steigend, steigend, sinke nieder' wirkt da in ihrer Reduktion auf Schwarz-Weiß fast wie ein Fremdkörper, wenn auch einer, der direkt einem Bombenhagel entstammen könnte. Myriaden von verstaubten Fotografien und Filmspulen baumeln an Bleibändern von der Decke, motivisch dominieren Landschaften und Architektur."
Weitere Artikel: Die erste Auktion mit KI-Kunst lässt das Auktionshaus Christies und den Standardunterwältigt zurück.
Shu Lea Cheang. KI$$ KI$$. Home Delivery. Installationsansicht. Haus der Kunst München, 2025 Foto: Milena Wojhan In den Installationen und Performances der taiwanesisch-amerikanischen Künstlerin Shu Lea Cheang geht es um Rassismus, Datenmüll, Überwachung, Biotechnologien, KI und Robotik, erklärt Gabi Czöppan (Tagesspiegel), die sich im Münchner Haus der Kunst in der Schau "Kiss Kiss Kill Kill" gern auf einen Science-Fiction-Parcours einlässt: "In den drei Räumen hört man Maschinen fahren und Schafe blöken, Essensgeruch liegt in der Luft, Computertasten krachen aus Röhren auf den Boden, und Pilze senden über Drähte stumme Botschaften, die sich in Musik verwandeln und für gute Stimmung sorgen. Am Anfang transportieren Miniroboter leere Pappschachteln von einer Wand zur anderen - doch das 'Home Delivery', so der Titel des Raums, endet mit einem Berg aus Papiermüll, der immerhin recycelbar ist. Gegen die unsinnige Leerfracht rebellieren die Maschinen, indem sie auf ihrer Fahrt den künstlichen Geruch von hausgemachten Lunchpaketen verdampfen. Mittendrin steht ein runder Tisch mit den Schädeln von Schafen."
In der SZ liefert Jörg Häntzschel nach im Raubkunst-Skandal der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Entgegen der öffentlichen Beteuerungen nenne ein bereits auf den Mai 2022 datierter und von den beiden damaligen Stellvertretern von Generaldirektor Bernhard Maaz an diesen adressierter Brief 6000 zu überprüfende Werke, von denen rund 1000 rot oder orange eingestuft wurden: "An dieser Stelle, so die Autoren, beginnen die Probleme. Es sei für die weitere Untersuchung dieser 1000 Fälle 'keine Priorisierung und Zeitschiene vorhanden'. Weder die Leitung der Staatsgemäldesammlungen noch die Leitung der Provenienzabteilung hätte Kriterien formuliert, welche Bilder als erste zu untersuchen seien und welche warten könnten. Angesichts der riesigen Menge und des großen Zeitaufwands, der mit der 'Tiefenrecherche' verbunden ist, ist diese Frage essenziell: Wann wird die Herkunft eines Bildes ermittelt, wann werden die Erben kontaktiert, wann wird die Restitution eingeleitet?"
In einem Welt-Essay stellt sich Hans-Joachim Müller die Frage, warum andere deutsche Städte schaffen, was Berlin nicht gelingt: Zündende Ausstellungsideen. "Es liegt etwas seltsam Defensives über der Berliner Museumspolitik. Als sollte alles tunlichst vermieden werden, was nach Auftrumpfen, nach zu viel Glanz aussehen könnte." Seine Diagnose: "Vielleicht ist das museale Pflichtenheft schlicht zu üppig ausgefallen. Vielleicht kranken die Berliner Museen an ihrer historisch aufgelaufenen Überforderung."
Weiteres: Marion Ackermann wechselt an die Spitze der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, als neuer Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden folgt ihr Bernd Ebert, der nicht überzeugt ist, dass Museen "Orte der Demokratie und niedrigschwelliger sein müssen", wie er im SZ-Gespräch mit Peter Richter sagt. Besprochen wird die Schau "Isa Genzken meets Liebighaus" im Frankfurter Liebighaus(FR).
Ingo Arend stellt in der tazAhmet Güneştekin vor, einen türkischen Künstler, dem das Istanbuler Museum Feshane derzeit eine Werkschau widmet und der in seinen Arbeiten politische Kritik mit massentauglicher Ästhetik verbindet. Das bringt durchaus auch Schwierigkeiten mit sich: "Güneştekins Werk verkörpert paradigmatisch das Dilemma politischer Pop-Art: Kritische Ideen, gefällige Umsetzung - es ist so bunt, dass es die Kritik gleichsam in eine Ware verwandelt. Als Güneştekin 2021 im kurdischen Diyarbakır in seiner Ausstellung 'Erinnerungsraum' 34 farbige Särge in einem Festungsturm der Stadtmauer platzierte, um an die Zivilist:innen zu erinnern, die bei einem Feldzug der türkischen Armee gegen die Kurd:innen zehn Jahre zuvor getötet worden waren, wetterte der türkische Innenminister gegen ihn, die Hinterbliebenen der Opfer dagegen sahen deren Andenken verhöhnt."
Mehrere Medien (Tagesspiegel, FAZ, Berliner Zeitung, monopol) kommentieren die Ernennung Bernd Eberts zum neuen Chef der Dresdner Museen. In Belgien ist ein gestohlenes Breughel-Gemälde aufgetaucht, berichtet unter anderem der Standard. Auf monopolmeint Charlie Stein: gerade angesichts des Rechtsrucks in unserer Gegenwart braucht es Geld für Kunst. Patrick Guyton fasst in der FR noch einmal den Skandal um die verschleppte Raubkunst-Rückgaben bei den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen zusammen (siehe unter anderem hier). In der taz wiederum beschäftigt sich Klaus Hillenbrand mit einem anderen Raubkunstfall: dem Welfenschatz.
Besprochen werden die Schau "Kosmos Blauer Reiter" im Berliner Kupferstichkabinett (FAZ, FR) und Monika Maurer-Morgensterns Soloschau "Szenen auf Papier" im Berliner Achim Freyer Kunsthaus (taz).
Weitere Artikel: In der FRschreibt Ingeborg Ruthe den Nachruf auf den im Alter von 93 Jahren verstorbenen Berliner Maler Konrad Knebel. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) hat zwei Werke von Max Slevogt an die Erben von Bruno Cassirer restituiert, meldet die FR mit EPD. Derweil meldet Marcus Woeller in der Welt, dass die Erben von Fritz Grünbaum das an sie restituierte Schiele-Bildnis "Knabe im Matrosenanzug" für einen guten Zweck in die Auktion gegeben haben. Der Kunsthistoriker Bernd Ebert wird neuer Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und folgt damit auf Marion Ackermann, meldet der Tagesspiegel. Besprochen wird die Ausstellung "Neuköllner Kunstpreis 2025" in der Berliner Galerie im Saalbau (taz).
Eine feine Werkschau mit vier Videos und dreißig Fotoarbeiten aus den Jahren 1997 bis 2024 widmet das Arp Museum in Remagen dem deutschen Fotografen Axel Hütte unter dem Titel "Stille Welten", die für die FAZ-Kritikerin Alexandra Wach zum "Testgelände der eigenen Wahrnehmung" wird: "Man kann von einer Ästhetik des Dunstigen, der gerade noch greifbaren Landschaft sprechen - wie überhaupt Komposition, Geduld, Zufallsvermeidung Themen sind, die sich nicht als roter Faden durch Hüttes Werk ziehen, sondern eher als gedankliche Nebelschwade. In den Tropen ist der opake Schleier durch die hohe Luftfeuchtigkeit gar so dominant, dass man sich als Betrachter im Reich gespensterhafter Erscheinungen wähnt. ... Ohnehin suggeriert das Großformat, dass man Teil des Geschehens ist und seinen ursprünglichen Standort verlassen hat, um auf seine eigenen mühsamen Versuche des Sehens und Einordnens zurückgeworfen zu werden."
Weitere Artikel: Im Tagesspiegel ist Nikolaus Bernau fassungslos, dass nicht mehr über den "Skandal" diskutiert wurde, den die Schließung des Pergamon-Museums für 15 Jahre bedeutet. Ebenfalls im Tagesspiegel gratuliert Christiane Meixner dem Performance-Künstler Dieter Appelt zum 90. Geburtstag und zum Gerhard-Altenbourg-Preis.
Besprochen werden die Installation "We Felt a Star Dying" der französischen Künstlerin Laure Prouvost im Kraftwerk Mitte (Welt), die Ausstellung "Mis(s)treated. Mehr als Deine Muse!" in der Kunsthalle Bremen, die auf marginalisierte Kunst von Frauen blickt (taz) und die Ausstellung "Apocalypse. Hier et demain" in der Bibliothèque nationale de France in Paris (NZZ).
In der FAS fragt sich Hito Steyerl: Wie kriegt man die Kunstfreiheit in die Kunst zurück, in einer Welt, in der Autokraten "performativ Amok" laufen und sich "wie besoffene Malerfürsten über Vernunft und Vorschriften hinwegsetzen", die Kunst sich hingegen vor allem durch Konformismus auszeichnet und ihren Glaube an Multipolarität. Letzteres war ein großer Fehler, meint Steyerl, denn der Multiversalismus ist "wechselseitig ausschließend, das heißt: alle gegen alle. Eine multipolare Welt mit multipolaren Werten sowie standardisierten und streng regulierten algorithmischen Blasen ist heute Realität. ... Der einzig überzeugende Kontrapunkt ist, der Idee einer Welt aus proprietären Blasen überhaupt zu widersprechen. Eine andere Welt ist heute kein Problem; man poppt einfach die nächste parallele Info-Blase, die nächste gated community. Eine einzige Welt ist hingegen unvorstellbar - vor allem wenn sie niemand gehört. Die disruptiven Tabuzersäger lenken mit viel Lärm von diesem Denkverbot ab."
Boris Pofalla geht für die Welt mit der japanisch-schweizerischen KünstlerinLeiko Ikemura in die Düsseldorfer Kunstgießerei Kayser, wo "Usagi Kannon", eine große Häsin gegossen wird. Ikemura erfährt "nach vier Jahrzehnten unermüdlicher künstlerischer Arbeit einen erstaunlichen Karriereschub", freut er sich. "Dabei hat sie es nie darauf angelegt, im Rampenlicht zu stehen. Im Köln der 80er standen andere in der ersten Reihe. Auch im Berlin der 90er war um Leiko Ikemura kein Hype. Er hätte auch nicht zu ihr gepasst. 'Kunst', sagt Ikemura, 'entsteht immer wieder zur falschen Zeit am falschen Ort. In sich wachsen und mutig zu werden - das ist doch viel interessanter.' ... Mit dem Inhaber der Gießerei, Rolf Kayser, bespricht Ikemura die Patinierung bereits gegossener Arbeiten. Eine Patina, lernen wir, kann verschiedene Farbtöne annehmen, allerdings nicht beliebig viele, da die Bronze nicht angestrichen wird, sondern mit der Patina chemisch reagiert. Um bestimmte Farbtöne zu erzielen, muss man mal mit mehr und mal mit weniger Hitze arbeiten und also mehrmals brennen. Dementsprechend aufwendig sind Ikemuras mehrfarbig patinierte Bronzen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weitere Artikel: Ein angeregter Matthias Alexander blättert für "Bilder und Zeiten" (FAZ) durch einen "Prachtband", der dem Werk des Schweizer Fotografen Peter Heman gewidmet ist: "Er beherrschte die unterschiedlichsten Genres der Bildkunst. Ebenfalls in "Bilder und Zeiten" stellt Bernd Stiegler die britische Fotopionierin Julia Margaret Cameron (1815-1879) vor (mehr über sie auch bei kwerfeldein, Fotos von ihr findet man im Met Museum, dem V&A und dem Moma).
Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Radical Software" in der Kunsthalle Wien, die Pionierinnen der Computerkunst zeigt (Standard), "Der Schlüssel der Träume - surrealistische Meisterwerke der Collection Hersaint" in der Basler Fondation Beyeler (NZZ), Claire Tabourets "Moonlight Shadow" in der Night Gallery in Los Angeles (Tabouret soll übrigens einige der neuen Fenster in Notre Dame bemalen, erzählt Frauke Steffens in der FAS) und Berlinde De Bruyckeres Soloschau "Korós" im Bozar in Brüssel (FAZ).
Hier spricht De Bruyckere über ihre Ideen zu der Ausstellung:
Dass sich Minister vor ihrem Parlament entschuldigen, ist selten, hält Nicola Kuhn im Tagesspiegel bezüglich des Raubkunstskandals (unsere Resümees) fest, dass die Entschuldigung des bayrischen Kulturministers Marcus Blume eher halbherzig klingt, ist hingegen wenig überraschend. Die Rede ist von "Raum für Fehlinterpretationen", den die Liste der 200 Gemälde aufgemacht habe, die aufdeckende SZ wird für den "Reputationsschaden" verantwortlich gemacht, den die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen erlitten hätten. Blume kündigt "Tempo" und eine "Taskforce" für rechtssichere Restitutionsentscheidungen an, Kuhn urteilt: "Die Betonung von Minister Blume, dass mit ihnen endlich Rechtssicherheit für die Erben herbeigeführt werde, lässt nicht unbedingt Gutes ahnen. Im Zweifel für die Nachfahren galt bisher bei strittigen Fällen. Aus diesem Grund dürfte sich das Ministerium einer Verhandlung über das Picasso-Bildnis 'Madame Soler' und die einstigen Werke des Kunsthändlers Alfred Flechtheim bisher verweigert haben. Die künftigen Schiedsgerichte werden strenger urteilen, steht zu befürchten." Auch die Welt berichtet weiter über den Raubkunstskandal.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der European Month of Photography steht vor der Tür, die Akademie der Künste feiert die Eröffnung mit der Ausstellung "Ein Dorf 1950-2022." Ute und Werner Mahler und Ludwig Schirmer, Vater der erstgenannten, haben das Dorf Berka in der Generationenfolge über mehr als siebzig Jahre fotografisch begleitet. Tagesspiegel-Autorin Gunda Bartels kann nun beim Betrachten dieser 120 Schwarz-Weiß-Fotos die DDR-Ästhetik wieder zum Leben erwecken lassen: "Zur Jugendweihe gibt es Eierlikör, vor einer Betondatsche klafft ein Minipool, und die Schürzen der Bäuerinnen und Mütter sind aus wild geblümten Dederon. Schlachtefest und Kartoffelernte im Handbetrieb haben die Zeitläufte überdauert." Ein Langzeitprojekt, das auch für die Fragen der Gegenwart relevant ist: "Sollte die ärmliche Vergangenheit Berkas etwa atmosphärischer und fotografisch interessanter als die materiell begütertere Gegenwart sein? Durch den Kamerablick der drei Fotografinnen betrachtet, ist das so. Was das Leben in der thüringischen Provinz angeht, können das nur die Dörfler, die 'Berkschen', sagen." Vergangenes Jahr war bereits ein Bildband zum Projekt erschienen.
Weiteres: Das Archiv des im vergangenen Jahr verstorbenen Fotografen Ulrich Mack wird von der Bayerischen Staatsbibliothek übernommen, weiß die FR. Ingeborg Ruthe fragt in der Berliner Zeitung anlässlich des Europäischen Monats der Fotografie, was Fotografie noch bewirken kann in diesen unsteten Zeiten. Und wir müssen über Armut in der Kunst sprechen, findet Larissa Kikol bei Monopol.
Es tut sich was in Bayern und so einig waren sich Grüne, Freie Wähler und CSU selten: Nach dem NS-Raubkunstskandal in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen fordert der Landtag eilig von der Regierung eine "Neuausrichtung von Provenienzforschung und Restitution in Bayern", meldet Jörg Häntzschel in der SZ: "Anders als bisher, als Erkenntnisse über die Herkunft der Bilder oft wie Staatsgeheimnisse behandelt wurden, sei in Zukunft alles 'klar und transparent' und nach den Vorgaben der Washingtoner Prinzipien zu veröffentlichen. Andernfalls werde den Museen, wie von den Grünen beantragt, keine staatliche Förderung für die Provenienzforschung mehr gewährt." Zudem wurde eine "Taskforce Provenienz" in den Staatsgemäldesammlungen verkündet: "Offen blieb wie man sich deren Arbeit vorzustellen hat. Zu den Staatsgemäldesammlungen gehören in München fünf Museen, im übrigen Bayern weitere 13. Wie soll eine hastig zusammengestellte Expertengruppe da durchdringen? Und wie sollen externe Provenienzforscher verbeamtete Museumschefs kontrollieren?"
Derweil wirft Bernhard Maaz, Generaldirektor der Sammlungen in einer Stellungnahme gegenüber der FAZ der SZ "Falschbehauptung" vor, es "handele sich 'nur' um 97 Bilder, deren Provenienz- und Restitutionsumstände noch ungeklärt seien", so Stefan Trinks ebenda: "'Die entscheidende Falschbehauptung der Süddeutschen Zeitung, die letztlich die Grundlage des gesamten Artikels ist, ist daher die, dass eine interne Prüfung bereits längst die in der Liste als rot markierten Werke eindeutig als Raubkunst ermittelt hat', so die Mitteilung der BStGS. Ebenso falsch sei, dass große Teile der Liste und die dort festgestellten Erkenntnisse nicht öffentlich gemacht worden sind. 53 der in der Liste aufgeführten Kunstwerke seien bereits bei Lost Art gemeldet und 82 der Bilder mit ihren Provenienzketten in der Onlinesammlung der BStGS für die Öffentlichkeit zugänglich." Zudem hätten "die BStGS bereits 25 Restitutionen vorgenommen, neun weitere Werke stünden aktuell zur Restitution an, vier davon wurden im Dezember 2024 positiv beschieden. Die Gegenseite jedoch wirft den BStGS vor, bis heute nur marginale Kunst restituiert, die großen, millionenschweren Fälle aber bewusst verschleppt zu haben."
Besprochen werden die Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich" in der Kunsthalle München (Welt) und die Installation "We Felt a Star Dying" der französischen Künstlerin Laure Prouvost im Kraftwerk Mitte (Tsp).
Ull Hohn, Untitled, 1993. Öl auf Leinwand, 45,5 x 61 cm. Quelle: Haus am Waldsee In der SZ glaubt Peter Richter bereits die Ausstellung des Jahres ausfindig gemacht zu haben. Gewidmet ist sie dem 1995 im Alter von nur 35 Jahren verstorbenen Ull Hohn. Richter begeistert sich unter anderem für den großzügigen Farbauftrag, der viele Arbeiten Hohns prägt, die nun im Berliner Haus am Waldsee ausgestellt werden: "The Joy of Squeegeeing, Spaß am Rakeln. Was formal ohnehin immer reizvoll ist, trifft sich bei ihm oft mit Landschaftsmalereien, die teilweise direkt aus den Bildern der Hudson River School entnommen sind, sodass die Bilder hier nun einerseits aussehen wie reumütig vom zweifelnden Maler wieder ausgewischt. Und andererseits wie durch die schlierigen Scheiben eines am Hudson River entlangrasenden Amtrak-Zugs fotografiert. Oft ist die darübergewischte Farbe extra so gelblich, als wäre es der Zahnbelag der Zeit, der chemische Ausfall von Nostalgie auf vergilbendem Fotopapier."
Für die FAZ bespricht Georg Imdahl eine Ausstellung, die das Düsseldorfer K21Bracha Lichtenberg Ettinger widmet, einer Künstlerin, die sich in ihren Ölgemälden mit Bilddokumenten der Judenverfolgung im Dritten Reich und des nationalsozialistischen Massenmordes auseinander setzt. Auf Schockwirkung setzt sie freilich keineswegs: "Nichts liegt Lichtenberg Ettinger in ihren durchgehend kleinen, meist unspektakulär quadratischen Formaten ferner als der Gestus einer genialischen, gar heroischen Malerei. Tritt man nahe an ihre Bilder heran, erkennt man oft nicht mehr als flüssige Schemen und vage Umrisse. Von Ferne betrachtet zeigen sich umso deutlicher geisterhafte Grimassen, hohle Augen und geöffnete Münder von Totenköpfen, hier und da eine schwebende, isolierte Brust."
Im Restitutionsstreit rund um die Bayerische Staatsgemäldesammlungen verschärft sich der Ton. Der SZ war ein Datenbank-Auszug mit 200 als Raubkunst klassifizierten Werken zugespielt worden, die größtenteils nicht nur nicht restituiert worden sind; in den meisten Fallen hatte das Museum nicht einmal Schritte unternommen, um die Erben zu kontaktieren (unsere Resümees). Jörg Häntzschel gibt, wieder in der SZ, ein Update: Bayerns Kulturminister Markus Blume verschickt eine abwiegelnde Pressemitteilung, die gleichzeitig Fehler einräumt und die Staatsgemäldesammlungen in Schutz nimmt. Immerhin soll es mehr Geld für die Provenienzforschung geben. Der Generaldirektor der Sammlungen, Bernhard Maaz, erhebt intern Vorwürfe gegen Mitarbeiter, die Informationen an die Presse weitergeben. Die SZ, deren Quelle offenbar noch nicht versiegt ist, zitiert aus seiner Email, sowie aus der Antwortmail eines anonymen Mitarbeiters, der Maaz schwere Vorwürfe macht: "Dass Sie Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in dieser Situation, durch die die Pinakotheken und das Ministerium weltweit massiven Schaden nehmen (...) wissentlich die Unwahrheit sagen ist bemerkenswert". Restitutionsanwalt Hannes Hartung traut dem Museum in Restitutionsfragen inzwischen nicht mehr über den Weg: "Wenn die Staatsgemäldesammlungen Raubkunst haben, sagen sie einfach: Schön, hoffentlich meldet sich keiner."
Außerdem: Annegret Erhard besucht für die Welt das PoMo Trondheim, ein Kunstmuseum in privater Trägerschaft. In der Berliner Zeitungstellt Ida Luise Krenzlin das fünf Jahre umfassende Festprogramm zum 200-jährigen Jubiläum der Berliner Museumsinsel vor. Silke Hohmann unterhält sich auf monopol mit der Städel-Direktorin Barbara Clausen. Außerdem stelltmonopol eine Liste der bereits feststehenden Künstler und Künstlerinnen zusammen, die auf der kommenden Kunstbiennale Länderpavillons bespielen.
Besprochen werden die Schau "An die Arbeit! Vom Schaffen und Schuften der Frauen" im Kupferstichkabinett der Berliner Gemäldegalerie (Tagesspiegel) und Leonard Freeds Fotoausstellung "Deutsche Juden heute" im Berliner Jüdischen Museum (taz).
Sujatro Ghosh, The Cow Mask Project, 2017-ongoing. Photo: Sujatro Ghosh Die Ausstellung "Once We Were Trees, Now We Are Birds" in der ifa-Galerie Berlin zeigt zum ersten Mal Werke von in ihren Herkunftsländern verfolgten KünstlerInnen, die Teil des Schutzprogramms der Martin Roth-Initiative sind - Tagesspiegel-Kritikerin Elke Linda Buchholz ist beeindruckt von den Plakaten, die hier gezeigt werden: "Der brasilianische Performer Maikon K. steht nackt inmitten einer riesigen, durchsichtigen Plastikblase, die ihn wie ein aufgeblähter Kokon umfängt: isoliert, aber sichtbar in seiner ganzen Verletzlichkeit. Wie eine Schlange wird er sich im Laufe seiner Performance häuten und das Abgestorbene abwerfen, das seinen Körper umhüllt. Er landete dafür in seiner Heimat im Gefängnis. Die Filmemacherin Shahrbanoo Sadat dagegen hockt im Inneren eines riesigen, leeren Militärflugzeugs. In solch einer deutschen Maschine floh sie nach der Machtübernahme der Taliban aus Afghanistan."
Das Aktionshaus Christie's versteigert mittlerweile Kunst, die von KI geschaffen wurde, der Fotograf Boris Eldagsen gewann mit einem KI-generierten Doppelporträt den Sony Award (unser Resümee). Im SZ-Gespräch mit Christian Weber erklärt die PhilosophinCatrin Misselhorn, warum sie trotzdem nicht denkt, dass KI echte Kunst schaffen kann: "KI kann aus vorhandenen Daten neue Resultate erzeugen. Aber ich glaube nicht, dass KI ganz neue Kunstformen und Stile schaffen kann. Aber das machen auch viele menschliche Künstler nicht, deshalb taugt das Kriterium der Originalität nicht zur Unterscheidung. Es gibt auch epigonale Künstler, dennoch bleiben sie die Urheber und tragen ästhetische Verantwortung für ihre Werke. Das tut KI nicht. Das ist für mich der entscheidende Unterschied."
Weiteres: Louis Pienkowski besucht für die FAZ eine Kunstaktion vor der russischen Botschaft in Berlin zum dreijährigen Jahrestag des Überfalls auf die Ukraine - der Künstler Volker-Johannes Trieb stellt dort ein von russischen Kugeln durchsiebtes Autowrack aus der Ukraine auf. Bernhard Schulz reist für die taz zur Biennale für Islamische Kunst in Saudi Arabien. Besprochen wird die Ausstellung "Der Kiosk - Die Insel" in der Galerie Eigen+Art Berlin (FR) und die Ausstellung "Postcards from the Future" im PoMo im norwegischen Trondheim (tsp).
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