Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

3759 Presseschau-Absätze - Seite 37 von 376

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.03.2025 - Kunst

Die neue Regierung plant ein Restitutionsgesetz für NS-Raubkunst. Endlich, ruft Jörg Häntzschel in der SZ: "Das Restitutionsgesetz, sollte es kommen, wäre ein großer Fortschritt gegenüber dem Schiedsgericht. Während dies hinter verschlossenen Türen ausgedealt wurde, muss das Gesetz vom Parlament beschlossen werden. Dabei wäre dann endlich Gelegenheit, darüber zu diskutieren, ob Deutschland 80 Jahren nach Kriegsende die Restitution von Raubkunst erschweren oder doch erleichtern sollte. Die Tatsache, dass sowohl der Zentralrat und die Jewish Claims Conference als auch Bayern dieses Gesetz wollen, zeigt, dass diese Diskussion überfällig ist."

Besprochen wird die Ausstellung "Half Frame" von Maria Toumazou im Overbeck-Pavillon in Lübeck (taz) und die Ausstellung "Von Odessa nach Berlin. Europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts" in der Gemäldegalerie in Berlin (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.03.2025 - Kunst

Ein unbedingt lesenswertes Interview mit dem syrischen Künstler Bilal Shourba hat Astrid Kaminski für den Bilder-und-Zeiten-Teil der FAZ geführt. Shourba, der durch seine Wandbilder auf den Ruinen von Daraya international bekannt wurde, erzählt vom Krieg in Syrien, der zerstörten Bibliothek von Idlib, vom - vorerst suspendierten - Misstrauen gegenüber Al-Scharaa und von den Anfängen der Revolution, die damals noch nicht in erster Linie von Islamisten geprägt war: "Die Tatsache, dass ich auf zerstörten Häusern malte, die Individuen oder der Gemeinschaft gehörten, gab mir das Gefühl, dass viele Menschen an dem, was ich mache, beteiligt sind. Das ist der eine Teil der Antwort. Der andere Aspekt bezieht sich auf die Dokumentation unserer Realität und die Frage, wie Geschichte darüber geschrieben werden wird. Wir wollten keinen Krieg, wir glaubten nicht an Mord, wir waren, anders als Assads Propaganda es die Welt gleich zu Beginn der Revolution glauben machen wollte, keine Dschihadisten oder IS-Anhänger! Wir waren Menschen, die hungrig waren nach Frieden, Freiheit und Bildung. Dies wollte ich dokumentieren."

In der FAS beschreibt Jonathan Guggenberger die Aufbruchsstimmung in der polnischen Kunstszene nach dem Ende der PiS-Regierung. In Warschau, in der Nationalgalerie Zachęta, hört er "eine bekannte, aber unheimlich schief gepfiffene Melodie. Eine Schrifttafel neben dem großen Fenster bestätigt den Verdacht: 'Wind of Change'. Der Siegeszug des liberalen Westens als Soundtrack, ursprünglich gesungen von den Scorpions, hier in verstimmter Neuinterpretation des Künstlers Nikolay Karabinovych aus dem kriegszerstörten Odessa. Joanna Mytkowska, seit 2007 Gründungsdirektorin des Museums, fasst diese Vision so zusammen: 'Wir müssen uns selbst definieren - wo wir stehen wollen in der globalen Kunstszene.' Dieses Wir besteht für sie aus polnischen, ukrainischen, belarussischen, aber auch georgischen Künstlern." Ein gutes Beispiel, wie diese Selbstdefinition aussehen könnte, ist die Retrospektive der in New York lebenden polnischen Künstlerin Andrea Fraser in der Zachęta: "Interventionen, wie 'Reporting from São Paulo, I'm from the United States' von 1998, zeigen, dass sich die Gegenstände von Frasers Kritik kaum gewandelt haben: Mit fernsehfreundlichem Lächeln performt die Künstlerin als TV-Moderatorin, bringt mit ein paar arglosen Fragen die postkoloniale Pose der 24. Kunstbiennale in São Paulo zum Einsturz - stellt das neokoloniale Denken dahinter aus."

Weiteres: In der SZ berichtet Viktoria Großmann von der Entdeckung einer Büste, die wahrscheinlich Donatello zuzuschreiben ist, in der slowakischen Provinz und Befürchtungen, diese könne von der eher an slowakischer Volkskunst interessierten Kulturministerin Martina Šimkovičová verkauft werden (mehr in der ARD-Audiothek). In der FAZ (Bilder und Zeiten) erinnert Marc Zitzmann an den Résistance-Kämpfer und Kunstsammler Daniel Cordier, dem derzeit ein Buch und eine Ausstellung in drei Pariser Museen gewidmet sind. Besprochen wird die Ausstellung "Zeiten des Umbruchs" mit späten Werken Egon Schieles im Wiener Leopold Museum (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.03.2025 - Kunst

Dachziegel aus dem 8./9. Jahrhundert. Bild: Koreanisches Nationalmuseum


Wie wenig wir Deutschen eigentlich von Korea wissen, wird FAZ-Kritiker Stefan Trinks im Dresdner Grünen Gewölbe klar, wo er in der Ausstellung "100 Ideen von Glück" Kunstschätze bewundert, die schon seit den Zeiten Augusts des Starken gesammelt wurden. Es werden "jahrtausendealte Grabfunde wie tönerne Boote auf Rädern präsentiert, die den Verstorbenen sicher ins Jenseits bringen sollen, treue Pferde, Vögel als Seelentiere sowie Lampen als das jenseitige Dunkel erhellende und ebenfalls schützende Beigaben. Selbst die aufwendig ornamentierten Dachziegel und Tempel-Metopenplatten aus dunkel glasierter Keramik können mit zeitgleicher griechischer Tempelschutzzier verglichen werden - alle Kunst scheint in dieser Epoche die oft ungnädigen Götter jeweils fragen zu wollen, wie das Glück stolperfrei zu einem fände? Im vom 4. zum 9. Jahrhundert in Korea dominierenden Buddhismus war die Glücks- und innere Friedenssuche geradezu Staatsziel."

Besprochen werden: "Icons In-Between" im Ikonenmuseum Recklinghausen (FAZ), "From Amber to the Stars. Together with Čiurlionis: Then and Now" anlässlich des 150. Geburtstags des Malers Mikalojus Konstantinas Čiurlionis im Nationalmuseum Kaunas (Monopol), die Retrospektive "Hans Haacke" im Wiener Belvedere (NZZ), "Microverse" mit Fotografien von Kathrin Linkersdorff im Haus am Kleistpark (Tagesspiegel) und gleich zwei Ausstellungen von Andreas Mühe in Frankfurt: "Im Banne des Zorns" in der Kunststiftung DZ-Bank und "Golden American" in der Galerie Anita Beckers (Monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.03.2025 - Kunst

Die polnische Künstlerin Alina Szapocznikow überlebte die Konzentrationslager Auschwitz, Bergen-Belsen und Theresienstadt, im Alter von nur 46 Jahren starb sie an Brustkrebs. Nicht nur in ihrer "Tumor-Reihe", die die vor allem für ihre Körperabgüsse von Mündern und Brüsten in Polyurethan berühmt gewordene Künstlerin in Folge der Krebsdiagnose schuf, verhandelt sie die Themen Körperlichkeit, Leben und Tod, stellt Christina Irrgang (Monopol) in der Schau "Körpersprachen" im Kunstmuseum Ravensburg fest: "Ob in Bronze gegossene Körperfragmente, mit Gold patinierte Maschinenteile, samtweich geschliffene Marmoroberflächen, amorph erhärtetes Polyurethan, im Mund zugerichtete Kaugummi-Plastiken oder vibrierende, doch bestimmt geführte Bleistiftlinien: Die Verbindung von Material und Form wirkt in Alina Szapocznikows Arbeiten unmittelbar, ja brutalistisch. (…) Ihre frühen Bronzen wie 'Exhuminiert' (1955/57), die aus einem kauernden Torso mit fragmentierten Beinen und ausgehöhltem Mund besteht, lassen das Publikum in der Ravensburger Ausstellung den Beginn ihres bildplastischen Arbeitens nachvollziehen. Die Entwürfe für Holocaust-Denkmäler in Gestalt erhobener, greifender Hände zeigen eine visuelle Sprache, der ein stummer, doch spürbarer Aufschrei innewohnt."

Lynn Hershman Leeson, Ohne Titel (Hand Photograph), aus der Serie 25 Windows: A Portrait/Project for Bonwit Teller, 1976/2015. Farbfotografie. ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe. © Lynn Hershman Leeson; Foto: ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: Franz J. Wamhof

Christiane Meixner (Tagesspiegel) kann sich im Basler Museum Tinguely in der Schau "Fresh Windows" erstaunt davon überzeugen, wieviele KünstlerInnen sich von Fenstern inspirieren ließen: "Die Zurschaustellung von Waren wie Fleisch oder Unterwäsche, die der Fotograf Eugène Atget als Flaneur Anfang des 20. Jahrhunderts in Paris festhielt, mündet in der feministischen Kunst von Maria Teresa Hincapié und Vlasta Delimar, die sich mit dem Blick auf den weiblichen Körper befassen, der im öffentlichen Raum stets ausgestellt wirkt. Peter Blake schuf mit 'The Toy Shop' 1962 eine Assemblage aus Tür und Schaufenster, in dem er vom Scherzartikel bis zur Cowboy-Figur versammelt, was er als Kind begehrte. Dass die Plastikverpackungen in der Auslage eines vorgeblichen Spielzeuggeschäfts nach über 60 Jahren kurz vor dem Zerfall sind, macht nicht nur die Konservatoren nervös - es zeigt auch, wie kurzlebig und fragil diese Wünsche sind."

Besprochen wird die Laure-Prouvost-Ausstellung "We felt a Star Dying" im Kraftwerk Berlin (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.03.2025 - Kunst

Ausstellungsansicht, Lenora de Barros: To See Aloud, Badischer Kunstverein, Karlsruhe 2025. Foto: Felix Gruenschloss

Sprache, in Kunst verwandelt: Das kann man derzeit, so Carmela Thiele in der taz, im Badischen Kunstverein Karlsruhe bewundern. Der widmet der brasilianischen Künstlerin Lenora de Barros eine Ausstellung, die sich unter anderem dem körperlichen Aspekt von Sprache widmet: "Dreh- und Angelpunkt ihres Werks ist die Doppelbedeutung des portugiesischen Wortes 'Lingua', das sowohl Sprache als auch Zunge heißt. Die Zunge liegt diskret verborgen in der Mundhöhle. In ihren Videoperformances untersucht die Künstlerin diesen Muskel am eigenen Leib und stellt seine Beweglichkeit zur Schau oder attackiert ihn. In der Arbeit 'Calaboca (Shut up)' ist die Künstlerin verstummt, während jemand ihr die Buchstaben des Wortes 'Silencio' in die Zunge hämmert. Diese groteske Szene entstand als Fotomontage, die in das Video eingebaut ist."

Stefan Trinks verteidigt in der FAZ das Bayerische Nationalmuseum gegen den in der SZ erhobenen Vorwurf des "saisonalen Antisemitismus" in Bezug auf ein Faltblatt des Museums, auf dem eine klischeeisierte Judas-Darstellung abgedruckt war (mehr hier). Trinks: "An mittelalterlicher Kunst Interessierte wissen, dass rote Haare, Silberlinge und das grellgelbe Gewand die Attribute des Judas im Hoch- und Spätmittelalter sind und den für die Heilserfüllung so wichtigen Jünger Jesu auf nahezu allen mittelalterlichen Altären identifizierbar machen, auch wenn wir heute diese Stereotypisierung schrecklich finden. Oft geht dies außerdem mit einer Verzerrung der Gesichtszüge und einer Hakennase einher, Ausdruck eines strukturellen Antijudaismus des Christentums (Judas als personifizierter Verräter, Juden als 'Christusmörder'), der Pogrome anstachelte. Deshalb aber grundsätzlich jede Darstellung des Judas mit den oben genannten Attributen als antisemitisch zu bezeichnen, würde alle Künstler des Mittelalters summarisch zu Antisemiten erklären." Marcus Woeller greift den Fall in der Welt ebenfalls noch einmal auf und kommt zu einem ganz anderen Schluss. Für ihn liegt eine antisemitische Ausdeutung des Motivs nahe. Und außerdem: "Wenn ausgerechnet Kunsthistoriker die Wirkung von Bildern nicht mehr einschätzen können, dann ist das ein Grund zu Besorgnis."

Ein Gerhard-Richter-Fresko, das der Künstler selbst als "Jugendsünde" bezeichnet, wird bald im Dresdner Hygienemuseum wieder vollständig zu besichtigen sein, vermeldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Die Istanbuler Kunstszene meldet sich, berichtet Ingo Arend für monopol, nach der Festnahme Ekrem Imamoğlus zu Wort - gegen Erdoğan. Jan Kage unterhält sich ebenfalls auf monopol mit dem Künstler Christian Thoelke. Donald Trump gefällt das Porträt seiner selbst nicht, das in der Präsidentengalerie des Kapitols von Colorado hängt, teilt uns unter anderem Valerie Dirk im Standard mit. Mark Reichwein spaziert mit Harald Meller, Direktor des Museums für Vorgeschichte in Halle an der Saale, für die Welt durch dessen Wirkungsstätte. Susanna Petrin porträtiert in der NZZ die Blumenkünstlerin Bella Meyer.

Besprochen werden die Gruppenausstellung "Invading Space" in der Berliner Galerie Schau Fenster (taz), die Schau "Berliner Realistinnen" im Berliner Haus am Lützowplatz (FR), die Fotoausstellung "Aslan Goisum, Suspect" im Berliner Kindl Zentrum für zeitgenössische Kunst (Tagesspiegel) und die Schau "Ein Jahrhundert in Bildern. Österreich 1925-2025" in der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2025 - Kunst

Jörg Häntzschel traute seinen Augen nicht, als er auf das Programm des Bayerischen Nationalmuseums blickte: Dort war ein Abbild des Judas Iskariot abgedruckt, berichtet er in der SZ, "mitsamt seiner üblichen Attribute: gelber Mantel, Bart, rote Haare und um den Hals ein dicker Geldsack". Es ist ein Detail aus einer Bilderreihe über die Passionsgeschichte. Ist den Verantwortlichen der Antisemitismus der Darstellung nicht aufgefallen? Besonders pikant ist die Angelegenheit, weil Ende März eine Gedenkveranstaltung zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus im Museum stattfinden wird. "Hätte ein solches Motiv nicht eingeordnet und erläutert werden müssen, zumal wenn es so aus dem Kontext herausgelöst wird? Nicht um der politischen Korrektheit willen, sondern um aufzuklären? Generaldirektor Frank Matthias Kammel scheint das anders zu sehen. In seinen Beteuerungen des Bedauerns hebt er nur auf die 'verletzten Gefühle' des Publikums ab: 'Wir werden zukünftig noch sensibler als bisher auf die Motivwahl achten'" verkündete er. Die Flyer wurden mittlerweile eingestampft!

Der Wolfsburger Kunstverein leidet stark unter Einsparungen, berichtet Bettina Maria Brosowsky in der taz. Das geplante Programm klingt aber trotzdem spannend, meint sie und findet ihren Eindruck mit der erste Ausstellung des Jahres "Auf Reisen" bestätigt. Gut gefallen haben ihr hier zum Beispiel die Arbeiten von Atiye Noreen Lax: "Sie zeigt zwei Videos. Für das erste, 'Restlessness', hat sie viele Jahre lang ihre Füße an verschiedensten Orten gefilmt, ihr empfundenes Nomadentum. Für ihre zweite, 13-minütige Videoarbeit war sie 2024 für sechs Monate in der Türkei unterwegs. Sie bereiste entlegene Gegenden mit familiären Bezügen, aber auch Touristen-Hotspots wie die zentralanatolische Region Kappadokien. Dieses Unesco-Weltkultur- und Naturerbe zeichnen nicht nur bizarre Höhlen vulkanischen Ursprung aus, teils zu Architekturen transformiert, es ist auch hoch frequentierter Ausgangspunkt für Ballonfahrten. Man sieht Scharen asiatischer Touristen in den Himmel aufsteigen - und die Künstlerin fragt sich: Was unterscheidet mich von ihnen? Bin ich nicht nur in Deutschland Fremde, sondern auch in der 'Haymat', so der Titel des Videos gemäß der türkischen Transkription dieses urdeutschen Gefühlspotenzials."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Alex Wissel. Der zwanglose Zwang" im Bielefelder Kunstverein (FAZ) und die Ausstellung "Will McBride - Die Berliner Jahre" im Bröhan-Museum Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.03.2025 - Kunst

Artemisia Gentileschi, Judith et sa servante avec la tête d'Holopherne, v.1615, Gallerie degli Uffizi, Galleria Palatina. Crédit : Su concessionne del Ministera della Cultura

Ein würdiges Denkmal für eine "Heldin der Kunst" sieht FAZ-Kritikerin Bettina Wohlfarth in der gleichnamigen Ausstellung über die Barockmalerin Artemisia Gentileschi im Musée Jacquemart-André in Paris. Unter den Werken "sind wichtige Leihgaben: etwa die wunderbare, allzu menschlich verschlafen stillende 'Maria mit Kind' aus der Galleria Spada in Rom oder eine umwerfende, auf Kupferplatte gemalte Danaë aus dem amerikanischen Saint Louis. Beide bestätigen die besondere Empathie und erotische Schönheit, mit der Artemisia gerade den weiblichen Körper erfasst. In zahlreichen Figuren, das heben die Kuratoren der Ausstellung (...) hervor, stellt Artemisia sich selbst dar. Ihre noblen Auftraggeber verlangten geradezu danach, so Michelangelo Buonarroti der Jüngere, für den sie sich in einer 'Allegorie der Neigung' auf eine Wolke setzte, während ihr Florentiner Mäzen Cosimo II von Gentileschi ein 'Selbstporträt als Lautenspielerin' besaß."

Die Bildwerdung einer turbulenten Beziehung und einer zutiefst "widersprüchlichen und hochproblematischen" Frau kann SZ-Kritiker Alexander Menden in der Ausstellung "Frau in Blau: Oskar Kokoschka und Alma Mahler" im Museum Folkwang Essen beobachten. Rund 450 Zeichnungen fertigte der Maler ab 1912 von seiner Muse an, für die er eine an Obsession grenzende Leidenschaft hegte: "Die Essener Schau, kuratiert von Direktor Peter Gorschlüter und Anna Brohm, bietet einige zentrale Arbeiten aus dieser Zeit, darunter ein vier Meter breites Fresko, das Kokoschka über den Kamin in Alma Mahlers neuem Haus in Breitenstein am Semmering malte, und das sie als eine Art rettenden Engel zeigt, der ihm den Weg aus der Hölle weist. Almas Tochter Anna fragte ihn damals, ob er denn gar nichts anderes malen könne als ihre Mutter." Die Schau betont auch einen Aspekt, der in der Vergangenheit grob vernachlässigt wurde, so Menden, nämlich Alma Mahlers "tief verwurzelten" Antisemitismus.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.03.2025 - Kunst

Bild: Ted Soqui, Ron Athey und Vaginal Davis. Courtesy: die Künstlerin und Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin

Wie lässt sich das überbordende Werk der in L.A. geborenen Künstlerin Vaginal Davis bändigen, fragt sich Diedrich Diedrichsen, der die in Berlin lebende queere "Universalgelehrte", der der Berliner Gropius Bau die Schau "Fabelhaftes Produkt" widmet, für die taz porträtiert. Fanzines und Bands hat Davis seit den Achtzigern ebenso gegründet wie sie Sets designte unzählige Performances auf die Beine stellte. Seit einer Weile ist sie auch "Installationskünstlerin, sie baut (nicht nur) für den Gropius Bau Kinos, luxuriös exotisch verträumte Abspielstätten, Kabinette und Schlafzimmer, sie malt auch. Während ich sie besuche, sind das Wandzeichnungen, frei nach Motiven aus einer als Kind geliebten Buchversion des 'Wizard of Oz' von L. Frank Baum. Dem 'Harry Potter meiner Kindheit', wie sie, die in South Central Los Angeles aufgewachsen und sich als Stipendiatin eines Programms für hochbegabte Schülerinnen in die Welt der Oper stürzte, die Bedeutung der Oz-Mythologie einstuft. Mit einer riesigen Palette aus Eyelinern, Lippenstiften und anderen Make-up-Utensilien werden die schwarzweißen Wandzeichnungen farbig geschminkt. Das ist die Medienspezifik von Vaginal D: Schminke bringt die Wahrheit hervor und ist überhaupt ihr bevorzugtes Material."

Für die Berliner Zeitung streift Timo Feldhaus durch die Ausstellung, "die vor allem von den unzähligen Details lebt und in der viele großartige Penisse und einmal auch ein Hakenkreuz zu sehen sind (es geht dabei um den Fetisch des Nazis im schwulen Begehren)". Hier "lässt sich ein Schaffen erkennen, das tief verwurzelt ist in der Appropriation Art. In der es seit den 80ern darum geht, vorgefundenes Material und ikonische Bilder, für die man brennt, die einen irritieren, zusammenzulegen und daraus etwas Neues zu machen."

Bild: Ryan Villamael, Locus Amoenus (2017-), Ausstellungsansicht, Ateneo Art Gallery, 2018. Courtesy Silverlens (Manila/New York)

Als "Appell für offene Grenzen" erlebt Nicola Kuhn (Tagesspiegel) die Ausstellung "Musafiri: Von Reisenden und Gästen" im Berliner Haus der Kulturen der Welt, die dem Zusammenhang von Reisen und Freiheit nachspürt, dabei aber vor allem auf die traurigen Migrationsschicksale fokussiert: "Mal geschieht dies poetisch wie bei Ryan Villamael, der aus historischen Landkarten Blattwerk schneidet, das er büschelweise von der Decke hängen lässt. Der Sohn eines 'overseas filipino worker' nennt seine seit acht Jahren an vielen Orten weiter wuchernde Installation 'Locus Amoenus', als wäre es ein idyllischer Ort, der in Wirklichkeit jedoch die Zerrissenheit der Lebenszusammenhänge von Wanderarbeitern beschreibt. Mal fallen die Darstellungen drastisch aus wie bei Jimmy Ong, der in mehrfacher Ausfertigung einen Torso aus Stoff an dicken Stricken baumeln lässt. Die Erscheinung fällt ebenso ambivalent aus wie die dargestellte Figur, die einer historischen Statue nachempfunden ist. Dahinter verbirgt sich der britische Kolonialist Thomas Stamford Raffles, der in Singapur als Gründervater verehrt wird, in Indonesien dagegen Unrecht und Gewalt verkörpert."

Besprochen werden die Ausstellung "Ein Dorf. 1950-2022" in der Berliner Akademie der Künste (FR) und die Ausstellung "KünstlerinSEIN" in der Kunsthalle Rostock, die Werke der neusachlichen Malerin Kate Diehn-Bitt Skulpturen der zeitgenössischen Bildhauerin Susanne Rast gegenüberstellt (Berliner Zeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.03.2025 - Kunst

Zuzanna Czebatul: Andrea II. Foto: Andrea Rosetti.


Tagesspiegel-Kritikerin Gunda Bartels freut sich, dass das Haus am Lützowplatz sein 65-Jahre-Jubiläum mit den "Berliner Realistinnen", 28 Künstlerinnen, die in Berlin tätig sind, feiert. Die Ausstellung ist zugleich eine Reminiszenz an die hochpolitische "Berliner Realisten"-Schau von 1971. Viele der Exponate sprechen "von Sinn für Wut und Witz", so "auch Zuzanna Czebatuls gewöhnungsbedürftige Bronze 'Andrea II' (2023). Sie wächst wie ein Superhelden-Bizeps samt Faust aus der weißen Wand und schwingt einen Hammer als gelte es, dem sozialistischen Realismus ein spätes Arbeiter-der-Faust-Denkmal zu setzen. Anders als die erste Assoziation glauben macht, arbeitet sich Czebatul hier aber an der Pranke von Vulkan, dem antiken Gott des Feuers ab, die in New York wiederum zu einem Genossenschaftslogo wurde. Eine weitere Version der Skulptur ist dauerhaft im Berghain installiert. Im Gegensatz zu der des Clubs steht die Tür des HaL jedem offen."

Nun hat auch die Schweiz eine Kommission für Raubkunst, vermeldet Philipp Meier in der NZZ: "Damit die Kommission künftig tätig werden und die Herkunft eines potenziell historisch belasteten Kunstwerks oder Kulturguts überhaupt untersuchen kann, wird grundsätzlich die Zustimmung beider Parteien vorausgesetzt. Nur in einer Ausnahme kann sie auch einseitig angerufen werden: Das betrifft Kunst- und Kulturgüter im Kontext des Nationalsozialismus, die sich in staatlich finanzierten Museen und Sammlungen befinden." Glücklich seien mit dem Kompromiss aber nicht alle, der Schweizerische Israelitische Gemeindebund habe Bedenken: "Dass nur in Ausnahmefällen eine einseitige Anrufung möglich sei, erschwere faire und gerechte Lösungen."

Weiteres: Patricia Grzonka besucht für Monopol die Spark Art Fair. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Jack Whitten: The Messenger" im New Yorker MoMA (Monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.03.2025 - Kunst

Lasar Segall: Banana Plantation, 1927. Collection of the Pinacoteca do Estado de São Paulo. Purchased by the Governo do Estado de São Paulo, 1928. Photo: Isabella Matheus. © Lasar Segall (Vilnius, Lituânia, 1889 - São Paulo, Brasil, 1957)

Von solchen Ausstellungen kann man in Berlin nur träumen: Jakob Hayner reist für die Welt nach London, wo die Royal Academy mit "Brasil, Brasil!" die künstlerische Moderne in Brasilien in all ihrer Farbpracht feiert. Den Höhepunkt erreicht der Modernismo in den 1920er Jahren, undenkbar ist er ohne die Hymne, die der brasilianische Schriftsteller Oswald de Andrade auf den Kannibalismus verfasste, klärt uns Hayner auf: "Andrade will keinen realen Kannibalismus praktizieren, ihm geht es um das 'Symbol der Verschlingung'. Der symbolische Kannibalismus ist nicht weniger als ein Lob der kulturellen Aneignung. Alles zu verschlingen, sich aneignen und enteignen, karnevalisieren, kreolisieren, barockisieren; es gibt viele Worte dafür, dass dem brasilianischen Denken nichts ferner liegt als die heutigen Isolationszellen im identitätspolitischen Kulturknast mit ihren post-kolonialen Aufpassern."

Ruth Patir: "Motherland, 2024. Video, 29 min, video still. Courtesy of the artist and Braverman Gallery, Tel Aviv

Wer es nach Venedig zur Biennale schaffte, stand vor den verschlossenen Türen des israelischen Pavillons: Es sei ein "Akt der Solidarität" gewesen, die Ausstellung nur zu eröffnen, wenn die Geiseln frei sind, erklärt die israelische Künstlerin Ruth Patir heute im FAZ-Gespräch, in dem sie auch erzählt, wie alleingelassen sich israelische Kultuschaffende nach dem 7. Oktober fühlen. Nun ist die Ausstellung "(M)Otherland" im Tel Aviv Museum of Art zu sehen. Diesmal werde "das Werk nicht durch die Kontroverse um die Repräsentation eines Nationalstaats überschattet. Außerdem hat das lokale Publikum einen besonderen Bezug zu meiner Arbeit. (M)Otherland ist eine feministische Perspektive auf Fruchtbarkeit, die in den biopolitischen und kapitalistischen Dimensionen der Reproduktion verwurzelt ist. Im Nationalstaat Israel und insbesondere in Kriegszeiten ist dies eine sehr körperliche Erfahrung. (…) Das Ausmaß der Reproduktionsdiskussion ist in Israel einzigartig. Unabhängig vom Ort war die Frage der Fruchtbarkeit und des Gebärens neuer Soldaten für die Front in Kriegszeiten immer relevant. In Israel zeigt sich das gerade besonders unter Ultrarechten."

Weder ihr Konzept noch einige gesetzte Künstlernamen ließ sich Naomi Beckwith, designierte künstlerische Leiterin der nächsten Documenta, am Dienstag entlocken - und Stefan Trinks (FAZ) hat nichts dagegen, denn Beckwith ließ sich nicht provozieren, auch nicht, als die schon "fest einzukalkulierende" "Frage des Publikums zur behaupteten Unterdrückung der Palästinenser durch und in Deutschland" aufkam: Beckwith antwortete professionell, "ihre Achtung für Menschenwürde und für gegenseitigen Respekt verteile sich absolut gleichmäßig. Sie sei offen für Debatten, 'aber ich werde keine physische, verbale oder symbolische Gewalt gegen andere dulden'." Die Welt verrät zudem: "Beckwith sprach auch von den verschiedenen aktuellen Krisen und Herausforderungen. Der globale Zustand lasse sich zum Abschluss des ersten Viertels des 21. Jahrhunderts vielleicht als ein stetiger Zustand zerbrochener Erwartungen bezeichnen." Im Tagesspiegel kann Nicola Kuhn dem Auftritt viel abgewinnen: "Mit Beckwith hat eine Mutmacherin die Documenta übernommen", kommentiert sie.

Weitere Artikel: Katharina J. Cichosch besucht für die taz die "Outsider Art Fair" im New Yorker Metropolitan Pavilion in der 18th Street. In der NZZ stellt Oliver Camenzind die Künstlerin Shizuko Yoshikawa vor, deren Werk gerade in einer Ausstellung in Osaka zu sehen war: Yoshikawa war 1961, da hatte sie in Tokio schon Anglistik und Architektur studiert, auf einem Frachtschiff nach Europa gefahren, um an der Fachhochschule für Gestaltung in Ulm zu studieren, später wechselte sie dann nochmals, zur Malerei und zur Kunst am Bau: Ihr "entschleunigter Blick könne in der beschleunigten Welt der Gegenwart auf zunehmendes Interesse stoßen", zitiert Camenzind Yoshikawas Biografin Gabrielle Schaad.

Besprochen werden die Ausstellung "MAMA.Von Maria bis Merkel" im Düsseldorfer Kunstpalast (Zeit, mehr hier), die Ausstellung "Horst Janssen tischt auf" im Horst-Janssen-Museum Oldenburg (taz), die Ausstellung "Jetzt ist alles gut" mit Werken der "Tödlichen Doris"-Schlagzeugerin Käthe Kruse in der Berlinischen Galerie (Tsp) und die Ausstellung "Corinthium Aes. Das Geheimnis des schwarzen Kupfers" im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in München (FAZ).