Hew Locke's "The Watchers". Foto: Anna Arca/British Museum.
Brauchen wir wirklich noch eine Ausstellung zum Postkolonialismus? Diese schon, findet Jannis Koltermann in der FAZ. Für die Ausstellung "What have we here?" hat das British Museum in London den britisch-guyanischen Künstler Hew Locke eingeladen, der koloniale Objekte der Sammlung klug kommentiert. Es geht zum Beispiel um den Koh-i-Noor-Diamanten, der "seit dem siebzehnten Jahrhundert von einer südasiatischen Herrscherfamilie auf die nächste überging, häufig nach gewaltsamen Umstürzen. Nach einem weiteren solchen 'Umsturz' fiel er 1850 an das britische Königshaus, Queen Victoria präsentiert sich stolz mit ihm auf einem Gemälde. Für Locke ist dies ein Beispiel für die Schwierigkeiten von Restitutionen: An welche der Herrscherfamilien oder Staaten müsste der Diamant denn zurückgehen, sofern es sie überhaupt noch gibt? Trotzdem findet er, der Stein solle nicht ewig in Großbritannien bleiben, Weltreiche würden nun einmal fallen. Da möchte man einwenden, dass das britische Weltreich zwar untergegangen sein mag, das Königshaus aber eben noch nicht - sonst läge der Stein jetzt vielleicht in Paris oder Berlin."
Außerdem: Gerald Felber spaziert für die FAZ auf dem Skulpturenweg "Purple Path", der die baldige Kulturhauptstadt Chemnitz mit achtunddreißig Kommunen in der Umgebung verbindet.
Alles Meisterwerke hier, staunt Andreas Kilb (FAZ) beim Gang durch die Ausstellung "Der andere Impressionismus" im Berliner Kupferstichkabinett. Gezeigt werden hier Grafiken der Pioniere des Impressionismus, die Monet und Co vorausgingen: "Den geheimen Mittelpunkt der Präsentation bildet ein künstlerisches Duell. Es ist, fast unvermeidlich, ein Zweikampf zwischen stilisiertem Realismus und realitätsgesättigter Impression. Die Kontrahenten, der Franzose James Tissot und der Schwede Anders Zorn, sind beide Meister ihres Fachs, aber während Tissot die dunklen Flächen und Umrisse seiner Radierungen mit der Kaltnadel nachzieht, baut der eine Generation jüngere Zorn seine Figuren allein aus vertikalen und horizontalen Strichen auf. So kommt es, dass die junge Frau mit schwarzem Hut und Pelzmantel auf Tissots 'Oktober' den Betrachter anzuspringen scheint, obwohl sie ihm den Rücken zukehrt, während Zorns nackte 'Badende' bei näherem Hinsehen wie ein Phantom im Liniengewirr zergeht. Ihren Gipfel erreicht diese nominalistische Zauberkunst in der Szene 'Im Omnibus', denn hier ist es, als läge ein Schleier zwischen dem Bild und uns. Aber dieser Regenschleier aus Strichen, der die Fahrgäste im Innenraum des Busses aus dem Nichts entstehen lässt, ist das Bild selbst; zöge man ihn weg, wäre das Blatt leer."
Licht kann auch die japanische Künstlerin Rinko Kawauchi, deren Ausstellung "a faraway shining star, twinkling in hand" derzeit im Fotografiska in Berlin zu sehen ist. Sie versucht im Interview Manuel Almeida Vergara von der Berliner Zeitung zu erklären, dass man in der Kunst nicht immer mit dem theoretischen Holzhammer zuschlagen muss, um zeitgenössisch zu sein: "Mein Arbeitsprozess besteht darin, eben diese Fragmente zu beobachten und festzuhalten - ein fallendes Blatt, Sonnenlicht, das durchs Wasser fällt, ein flüchtiger Gesichtsausdruck. Dieser Ansatz ermöglicht es mir, im Jetzt verwurzelt zu bleiben, anstatt mir Sorgen darüber zu machen, was vor uns liegt. Wer gewöhnliche Momente wertschätzt, kann ein Gefühl der Universalität und Kontinuität entdecken, das uns alle verbindet, selbst inmitten von Unsicherheiten. ... Ich glaube, dass diese Art von Achtsamkeit und Verbindung zur Gegenwart eine ruhige, aber bedeutungsvolle Reaktion auf die Komplexität der Welt sein kann. Kunst muss nicht möglichst direkt und möglichst laut Probleme adressieren, um sich mit ihnen doch auseinanderzusetzen."
Niklas Maak zeichnet in der FAS ein langes Porträt der britisch-nigerianischen KünstlerinKarimah Ashadu, deren auf der Kunstbiennale in Venedig gezeigtes Video "Machine Boys" über eine Gruppe junger Nigerianer und ihre Motorradtaxis, ihn stark beeindruckt hat. Beim Besuch in ihrer Hamburger Wohnung erzählt sie Maak, wie sie während ihres Kunststudiums in London zum Video kam: "Die figürliche Malerei sei damals eine deutlich weiße Angelegenheit gewesen, die Künstler der Harlem Renaissance waren unbekannt oder kein Thema an der Kunstschule. Sie habe dann ebenfalls begonnen, eher performative Sachen zu arbeiten, und mit Kameras experimentiert. Am Chelsea College of Art and Design in London machte sie einen Master in 'Spatial Design' und näherte sich den Themen der Architektur- und Kunstgeschichte filmisch: baute Kameras in rollende Reifen, bastelte sich Kameras an die Schultern und kletterte durch Torbögen, befestigte Kameras an ihren Beinen und fuhr so Auto: Der Film, erzählt Ashadu, zeigte ein semiabstraktes Körpermaschinenballett aus Knien, Schaltungen, Pedalen, die Beherrschung eines in bestimmten Gesellschaften traditionell als männliches Statussymbol konnotierten Objekts."
Mehr über Ashadu im Mousse Magazine. Hier spricht sie über ihre Arbeit an "Machine Boys" und hier ein Ausschnitt aus dem 10-minütigen Video:
Weiteres: In der FRempfiehlt Ingeborg Ruthe den Besuch von Andrea Pichls Ausstellung im Hamburger Bahnhof, die einen - für manchen vielleicht unangenehm genauen - Blick auf die DDR wirft. Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Frozen Mirrors" in der Düsseldorfer Arthena Foundation (Tsp), "Die Neue Sachlichkeit" in der Kunsthalle Mannheim (Tsp), eine Retrospektive des Fotojournalisten Volker Hinz in der Bayerischen Staatsbibliothek München (FAZ) und Mary Ellen Marks Schau "The Lives of Women" im Wiener Fotomuseum Westlicht (Standard, mehr dazu auch im neuen Fotolot von Peter Truschner).
Almut Heise: Zwei Galeristen, 2003. Bild: Pinakothek der Moderne.
Brita Sachs befällt in der FAZ beim Betrachten von Almut Heises Zeichnungen und Gemälden in der Graphischen Sammlung in der Pinakothek der Moderne ein Uncanny Valley-Gefühl: Fast klaustrophobisch kommen ihr die Interieurs der biederen Nachkriegszeit vor, die Heise in einer Variation verschiedener Stile malt. Für sie passt diese Kunst "in keine Stilschublade. Eine gute Portion Pop-Art, Züge der Neuen Sachlichkeit, von Realismus, ja Verismus verschmelzen zu ihrer persönlichen Ausdrucksweise. Auch ein Schuss Surrealismus fehlt nicht: Zum Beispiel steht ein und derselbe 'Kunsthändler' zweimal im Raum; glaubt man der Künstlerin, sei Weihnachten gewesen und keine Möglichkeit, Leinwand für ein zweites Bild des Mannes zu kaufen."
Kunst unter Ceausescu musste mit Subtilität arbeiten, plakativer Eigensinn war nicht geduldet. Ana Lupas' Ausstellung "Intimate Space - Open Gaze" im Kunstmuseum Liechtensteinzeigt Hilka Dirks für Monopol aber, wie eine kreative Rebellion aussehen kann, die auf der Suche nach der eigenen Identität ist: "In einem besonders beeindruckenden Raum der Schau reihen sich übermalte Plakate mit dem Gesicht der Künstlerin aneinander. Es sind übrig gebliebene Ausstellungsposter einer Schau von 1998. Die Serie "Selfportrait" von 2000 stammt aus dem späten Werk der Künstlerin und ist ebenfalls zum ersten Mal überhaupt öffentlich ausgestellt. Wie ein zeichnerisches Tagebuch übermalte Lupas die Drucke, erweiterte ihr Gesicht um Schichten, ergänzte ganze Personas; ganz so, als sei sie nach dem jahrzehntelangen Reparieren der gesellschaftlichen Identität ihres Umfelds auf der Suche nach ihrer ganz eigenen Form, ihrem Sein, ihrem eigenen Selbst - mit gnadenloser Intensität."
Nach der Auseinandersetzung zwischen der Neuen Nationalgalerie und Nan Goldin, die dem Museum unter anderem aufgrund eines nachträglich eingefügten Dias Zensur vorgeworfen hatte (unsere Resümees), haben sich die Kontrahenten nun offenbar auf einen Kompromiss geeinigt, berichtet Hanno Hauenstein in der FR. In einer Mail an Klaus Biesenbach hatte Goldin nun geschrieben ihr gegenüber sei "angedeutet worden, dass das Museum seine Finanzierung verlieren könne, sollte das Dia in der Ausstellung bleiben. (...) Goldins Mail an das Museum angefügt ist ein Bild eines Dias, mit Bitte, dieses nun nachträglich einzufügen: 'Jetzt ist es an Ihnen, zu zeigen, dass Sie mich nicht zensieren', so Goldin. In einer internen Mail, die noch am selben Abend unter anderem an SPK-Präsident Hermann Parzinger und hochrangige Mitarbeiter des Bundesministeriums für Kultur und Medien versendet wurde, fragt Klaus Biesenbach: 'könnte/dürfte/wollte man das dia einfügen, da es nun die israelischen Opfer auch nennt?'" Nachdem Nan Goldin der Neuen Nationalgalerie Zensur bezüglich eines Dias in ihrer Ausstellung vorgeworfen hatte (unser Resümee), ist nun ein Dia nachträglich eingefügt worden, das folgende Aufschrift trägt, wie Hanno Hauenstein in der FR schreibt: "In Solidarität mit den Menschen in Gaza, im Westjordanland, im Libanon und mit den israelischen Opfern des 7. Oktober."
Johanna Adorján unterhält sich für die SZ mit dem Künstler Hans Hemmert über Kunst als Einladung zum Denken. Die tazstellt die Kuratorin Hoor al-Qasimi vor, die von Art Review zur mächtigsten Person im Kunstbetrieb ernannt wurde. Nicht mal die britischen Medien haben besonders viel Notiz genommen von Jasleen Kaur, die nicht nur den Turner-Preis gewonnen, sondern in ihrer Dankesrede auch für BDS geworben hat. Für Marion Löhndorf in der NZZ ein klares Zeichen dafür, dass der Preis an "Strahlkraft" verloren hat.
Die amerikanische Künstlerin Liliane Lijn gilt als eine der Pionierinnen der kinetischen Kunst - längst überfällig, dass das Wiener Mumok ihr mit der Schau "Arise Alive" eine Retrospektive ausrichtet, die Lijns Werk von den 1950er Jahren bis heute abbildet, freut sich eine nicht nur von glühenden Stromdrähten und Lichtspielen ganz "elektrisierte" Justine Konradt im Monopol-Magazin. Stets versucht die Künstlerin in ihren Experimente mit Energieübertragungen das "Immaterielle mit dem Gegenständlichen" zu verbinden: "Besonders deutlich kann man das in ihren 'Liquid Reflections' von 1968 sehen: Eine Plexiglasscheibe rotiert waagerecht um ihre eigene Achse. Die Oberfläche ist von einer dünnen Schicht Wasser benetzt, kondensierte Tröpfchen haben sich an den Rändern festgesetzt. Auf der Oberfläche befinden sich zwei Murmeln, die mitkreisen. Sie sind rollende Lupen, die beim Gegeneinanderprallen schnell ihre Dynamik und Richtung ändern. Es mag zwar ein inhaltlich reduziertes Spektakel sein, hat aber eine große, beinahe hypnotische Wirkung."
Für ihren roten Ford Escort, bedeckt mit einem gigantischen Häkeldeckchen, der an das erste Auto ihres Vaters nach dem Umzug nach Großbritannien erinnern sollte, hat die in einer indischstämmigen Sikh-Familie in Glasgow aufgewachsene Künstlerin Jasleen Kaur den Turner-Preis bekommen, ihren Auftritt in der Londoner Tate Britain nutzte sie dann aber vor allem, wie auch die anderen Nominierten, um zum Boykott gegen Israel aufzurufen, seufzt Alexander Menden in der SZ: Eine palästinensische Flagge um die Schultern drapiert, sagte sie, "die in dem von ihr unterzeichneten Brief gestellte Forderung sei keineswegs radikal: Man versuche lediglich, 'einen Konsens darüber herzustellen', dass die Verbindungen zu Organisationen 'unethisch' seien, sie 'sich an etwas beteiligen, das UN und Internationaler Gerichtshof endlich als Völkermord am palästinensischen Volk' bezeichneten. Die 'Trennung zwischen dem Ausdruck von Politik in der Galerie und der Ausübung von Politik im Leben' müsse verschwinden, so Kaur. Den Ereignissen dieses Abends nach zu urteilen forderte sie damit allerdings etwas ein, was in der Kunstwelt ohnehin längst Status quo ist."
Weitere Artikel: Mitten in Warschau wird Polens erstes queeres Museum (und damit das vierte Museum zu queerer Geschichte in Europa) eröffnen. Dessen Direktor, Krzysztof Kliszczyński, erzählt im Tagesspiegel, dass es in Polen bisher keinen Widerstand dagegen gab. Ebenfalls im Tagesspiegel freut sich Nicola Kuhn, dass Koyo Kouoh, aus Kamerun stammende Kuratorin und aktuelle Direktorin und Chefkuratorin des Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (MOCAA) in Kapstadt, die Hauptausstellung bei der nächsten Biennale 2026 in Venedig verantworten wird. Eine Festrede zu Ehren von Franz Herzog von Bayern als Dank für sein Mäzenatentum hatte die Kuratorin im Oktober in der Pinakothek der Moderne in München genutzt, "um dem Kulturbetrieb insbesondere in Deutschland mangelnde Empathie mit den Opfern der israelischen Kriegsführung in Gaza und im Libanon vorzuwerfen" und "den Umgang mit politischen Meinungen in der Kunstszene" zu kritisieren, so Kuhn. Nachrufe auf den im Alter von 84 Jahren verstorbenen Fotografen Michael Ruetz (unser Resümee) schreiben Kai Müller im Tagesspiegel und Freddy Langer in der FAZ.
Besprochen werden die große HenriMatisse-Retrospektive in der Fondation Beyeler, die den Tagesspiegel-Kritiker Jens Bülskämper glauben lässt, Matisse hätte "die Leuchtreklame im Alleingang erfunden" und die Mary Ellen Mark-Ausstellung "The Lives of Women" im Fotomuseum Westlicht (Standard)
Auch nach 150 Jahren kann man am französischen Impressionismus noch Neues entdecken, freut sich Peter Richter in der SZ. Er flaniert durch die Ausstellung "Monet und die impressionistische Stadt" in der Berliner Alten Nationalgalerie. Was ist das Besondere an der Ausstellung? Ihr Fokus auf die Impressionisten als Cheerleader der insbesondere städtebaulichen Moderne. "Was diese Bilder zeigen, ist die neue Weite. Was sie thematisieren, ist das Fehlen der alten Enge. Anders gesagt: des alten Paris." Insgesamt zeigt die Schau, "warum die heute eher als gefällige Schönwettermaler geltenden Impressionisten ihre Zeitgenossen so verstören konnten. In der betont unsentimentalen Bejubelung von Abbruch und Neubau der Welt kommen ihnen danach eigentlich nur die Futuristen gleich - oder heute die Art von Leuten, die freiwillig Apple Watches tragen und gern 'disruption' sagen."
Patrik Bahners hat sich für die FAZ die Bernd Pfarr gewidmete Ausstellung "Knochenzart" in der Frankfurter Caricatura angeschaut und ist vor allem an einem Bild hängen geblieben. Es zeigt einen Großwildjäger, der im Eiscafe einen "Jumbo-Becher" bestellt - und einen ausgewachsenen Elefanten serviert bekommt. "Die Symmetrie von Wunsch und Bescherung, Ausrüstung und Ziel, Gefäß und Inhalt, Wort und Bild ist die tröstliche Botschaft des Bildes, und auf den zweiten Blick entdecken wir rings um die exotische Riesenportion grafische Chiffren dieses Evangeliums der Korrespondenz: Der Krümmung des Rüssels wie des Bechers entspricht der Winkel von Kolben und Lauf des Gewehrs, und alle diese durchhängenden Bögen gleichen wie eine Eiskugel der anderen dem Spiegelbild der Rialtobrücke im großen Kanal, das man von Postkarten kennt."
"Der Autodidakt war ein Weltmeister", so Willi Winkler in der SZ über den im Alter von 84 Jahren verstorbenen Fotografen Michael Ruetz. Bekannt geworden als Chronist der 68er-Proteste, wandte er sich später erhabeneren Motiven zu, wandelte auf den Spuren Goethes durchs Saaletal und auf denen Fontanes durch die Mark Brandenburg. "Nichts durfte an die Gegenwart erinnern, kein Alltagspartikel die Bildmeditationen stören. (...) Immer mehr war er auf Archetypen aus: der Mond, das Meer, Bäume, Felsen. Der Fotograf wandelte sich zum Lichtmaler. Das ausgebleichte Totholz am Stand von Lincoln City in Oregon wirkt dann so monumental und metaphorisch wie Caspar David Friedrichs 'Eismeer'." In der FRerinnert Ingeborg Ruthe an Ruetz, im TagesspiegelKai Müller.
Weiteres: Olga Kronsteiger berichtet im Standard über die Versteigerung des Gemäldes "Hanswurst", das Ernst Klimt nach dem Tod seines Bruders Gustav vollendet hatte. Besprochen werden eine Louise Bonnet gewidmete Ausstellung in der Berliner Galerie Max Hetzler (FR), die Schau "Margarete Hahner: Romance of Digestion" in der Berliner Zwinger Galerie (taz Berlin), die Schau "InformElle. Künstlerinnen der 1950er/60er-Jahre" in der Kasseler Neuen Galerie (monopol), "Arte Povera" in der Pariser Pinault Collection (NZZ), die Ausstellung "Fernbeziehungen" im Berliner Kunstverein Ost (Tagesspiegel), die Karl-Heinz Adler gewidmete Ausstellung "Raum und Ordnung" in der Berliner Galerie Eigen+Art (Berliner Zeitung) und "Fotografie neu ordnen: Protestbilder", eine Auswahl der Arbeiten Nuri Musluoğlus, die Pınar Öğrenci für das Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg zusammengestellt hat (taz).
Otto Mueller, Drei Frauen im Wald, um 1920, Saint Louis Art Museum, Request of Morton D. May Dass das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster den deutschen Expressionisten Otto Mueller in einer Retrospektive zum 150. Geburtstag als Rassisten und Sexisten präsentiert und in den Bildtexten zu seinen Roma-Porträts nur vom "Z-Wort" spricht, löst bei NZZ-Kritiker Philip Meier ähnlich viel Entsetzen aus wie kürzlich bei Till Briegleb in der SZ (unser Resümee): War Mueller doch keinesfalls Ethnologe, sondern ein Schöngeist, der seine "Sehnsuchtsorte nicht nur in unberührten Landschaften mit vorwiegend weiblichen Badenden suchte, sondern auch in fremden Kulturen. Diesen schrieb er Ursprünglichkeit und Unberührtheit von den Schattenseiten der Zivilisation zu. Darin war er nicht allein, sondern ganz Kind seiner Zeit. ... Durch seine Faszination für diese Volksgruppe übte er nicht zuletzt eine ganz eigene Form von Gesellschaftskritik. In den zwanziger Jahren reiste er mehrmals nach Osteuropa, auf den Balkan, nach Ungarn, Rumänien und Bulgarien und ins heutige Kroatien. Dort suchte er die Siedlungen der Roma und Sinti auf, lebte vorübergehend mit den Dorfgemeinschaften und zeichnete und fotografierte."
Weitere Artikel: Im von der Welt übernommenen Interview mit La Repubblica bezieht Maurizio Cattelan Stellung zu dem Irrsinn, dass die von ihm signierte und "Comedian" betitelte Banane für 6,2 Millionen Dollar versteigert wurde (unsere Resümees): Das Werk sei"eine Provokation, die dazu auffordert, über den Wert der Kunst und die Dynamik des Marktes nachzudenken und uns gleichzeitig zu fragen, was dieses Werk über uns als Betrachter aussagt. (…) Wenn das System derartig zerbrechlich ist, dass es auf einer Bananenschale ausrutscht, dann war es in sich selbst vielleicht schon glitschig." Für Zeit Online hat Julian Sadeghi zum letzten Mal die Möglichkeit ergriffen, den den Sparmaßnahmen zum Opfer gefallenen Museumssonntag zu nutzen.
Der Schinkel-Pavillon muss bleiben, ruft Manuel Brug in der Welt. Durch die neuen Sparmaßnahmen ist der Ausstellungsraum bedroht: "Kaum ein anderer Kunstort in Berlin wird international derart wahrgenommen, kaum einer ist so einflussreich. Dabei kommt der Pavillon mit einem Minimum an Unterstützung aus und hat nur drei Angestellte. Das Programm hat museales Niveau. Momentan zeigt man Sigmar Polke, einen der wichtigsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts, von dem seit einer großen Retrospektive 2017 in den Museen praktisch nichts mehr zu sehen war. Ein Streit der Erben macht es beinahe unmöglich, Werke von Polke zu zeigen. Aber eben nur beinahe. Dieses hoch ambitionierte, kunsthistorisch relevante Programm ist nun akut gefährdet."
Besprochen werden die Ausstellung "Jugendstil. Made in Munich" in der Kunsthalle München (FAZ) und die Ausstellung "Rembrandt - Hoogstraten. Farbe und Illusion" im Kunsthistorischen Museum in Wien (Tsp).
Im gestrigen FR-Interview (unser Resümee) hatte Nan Goldin der Neuen Nationalgalerie Zensur vorgeworfen, ein Dia, in dem sie Solidarität mit "mit den Menschen in Gaza, im Westjordanland und im Libanon. Und mit den israelischen Zivilisten, die am 7. Oktober getötet wurden" zeige, habe sie herausnehmen müssen. Dem widerspricht deren Direktor Klaus Biesenbach, das Dia sei ohne Rücksprache eingefügt worden, die israelischen Opfer nicht erwähnt worden, schreibt Andreas Kilb heute in der FAZ: Wenn das Dia, das Goldin eingefügte, "wirklich so aussah, wie Biesenbach behauptet, ist es keine künstlerische Intervention, sondern ein Stück Agitation", meint Kilb: "Sie ist unklug genug, der Nationalgalerie nachträglich vorzuwerfen, sie habe 'keinen Hinweis auf meine Politik' in ihrer Präsentation zugelassen. So wird die Cancel-Karte immer wieder hervorgezogen, wenn der antiisraelische Aktivismus irgendeinen Widerspruch erfährt. Vielleicht sollte jemand Nan Goldin erklären, dass die Privatmeinung einer berühmten Künstlerin noch keine Politik ist und der 'Raum für Trauer', den sie einfordert, allen Opfern des Nahostkonflikts gebührt."
"Die Neue Nationalgalerie hielt dagegen dem durch die Antisemitismus-Resolution des Bundestages erhöhten Druck stand und blieb bei Nan Goldins Ausstellung, auch um als Beispiel für andere Kulturinstitutionen voranzugehen", kommentiert Nicola Kuhn im Tagesspiegel: "Die Künstlerin dankt es dem Museum schlecht. Man könnte sagen: Nan Goldin hat den Test nicht bestanden. Ihr geht es um Selbstinszenierung." Und in der Welt wird Marcus Woeller allgemeiner: "Seitdem die Documenta wegen der Ausstellung antisemitischer Exponate und fehlendem Verantwortungsbewusstsein zum Fiasko wurde, sind die schmalen Meinungskorridore zugeschüttet. Resolutionen der Politik werden sie nicht wieder frei schaufeln können. Die Kunstwelt hat sich eine Dialektik von Boykott und Gegenboykott angewöhnt."
Weitere Artikel: Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ bespricht Astrid Kaminski das bisher nur auf Niederländisch erschienene Buch "De Ontdekking van Holland", in dem sich der Autor Jan Brokken der mutmaßlich größten Künstlerkolonie der Welt im niederländischen Volendam widmet. Besprochen wird die Ausstellung "Saltimbanques" in der Berliner Galerie Mehdi Chouakri (Tsp).
Begonia, 2024. Bild: Galerie Max Hetzler. Wer schon immer mal sehen wollte, wie antike Mythen auf den feministischen Kopf gestellt werden und wie sich das Ganze mit manieristischer Malerei verbinden lässt, sollte in der Ausstellung "Reversal of Fortune" der Galerie Max Hetzler vorbeischauen, wo die Werke der Schweizerin Louise Bonnet ausgestellt werden, empfiehlt Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Der Manierismus ermöglicht eine künstlerische Freiheit, "die auch Bonnet für sich in Anspruch nimmt - und mit der sie unübersehbar sarkastisch auf das von Werbe-, Film-, Mode-, Kosmetik-Industrien vorgegebene Diktat makelloser weiblicher, jugendlicher Schönheit in unserem Beauty-süchtigen Zeitalter reagiert. (…) Die verformten Körper in diesem Bilduniversum sind allesamt in eine reduzierte Umgebung eingebettet, auf tiefroten Grund, unter weißen Laken, in einem pinkfarbenen Tuch. Doch sobald man sich der Anziehung dieser seltsamen Gestalten hingibt, parieren sie unseren Blick mit der Groteske der teigigen Körper. Für die Malerin aber dürfte das Stürzen und Fallen (…) eine Form passiven Widerstands sein."
"Ich gehe davon aus, dass das Museum es darauf abgesehen hatte, dass ich die Ausstellung selbst absage", meintNan Goldin im Interview mit Hanno Hauenstein in der FR, nachdem ihre Rede bei der Eröffnung ihrer Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie heftig kritisiert worden war (unser Resümee). Das Museum hat ihr zwar eine prächtige Retro beschert, aber Godlin ist trotzdem nicht zufrieden: "Ich fühlte mich vom Museum verleugnet. Sie wussten, wen sie einladen. Ich habe sie ständig an meine politische Haltung erinnert. Sie haben hart daran gearbeitet, zu beweisen, dass sie die Künstlerin, die sie ausstellen, nicht unterstützen. Ich wurde übrigens auch vom Museum zensiert." Auf die Nachfrage des Interviewers erläutert sie, dass sie ein Dia mit einer Solidaritätserklärung für die Opfer des Gaza-Kries und im Libanon (und des 7. Oktober) aus einer ihrer Dia-Präsentationen habe herausnehmen müssen. "Offensichtlich wollte das Museum aber innerhalb der Ausstellung keinen Hinweis auf meine Politik - oder Raum für Trauer - zulassen."
Besprochen werden die Ausstellungen "Rembrandts Amsterdam" im Frankfurter Städel (Welt) und "Isa Mona Lisa" in der Hamburger Kunsthalle (FAZ).
Bild: Nicolaes Eliasz Pickenoy oder Werner van den Valckert (zugeschrieben). "Die Osteologie-Vorlesung des Dr. Sebastian Egbertsz. 1619. Amsterdam Museum Dass in der aktuellen Städel-Ausstellung "Rembrandts Amsterdam" die wenigsten Bilder von dem niederländischen Künstler stammen, ist für den FAZ-Kritiker Stefan Trinks geradezu ein Glücksfall, lernt er doch die "gleichermaßen exzellenten" Schüler Bol, Flinck, Victors, aber auch van der Helst oder Pickenoy kennen. Den besonderen Reiz machen aber neben den "holländische Gruppenbildnissen", auf denen die Künstler soziale Strukturen der rasant wachsenden Metropole abbildeten, die Porträts von "Nichtbildwürdigen" für Trinks aus, etwa das Bildnis der zur Prostitution gezwungenen und hingerichteten Dänin Elsje Christiaen: "Die Hinrichtungsstätte liegt vor den Stadttoren, sodass Rembrandt mit dem Boot zum Galgenfeld Volewijck übersetzt und dem tragischen Schicksal ein Gesicht gibt, indem er die erdrosselte Elsje, mit der daneben baumelnden Axt als Mordwaffe, in einer Zeichnung verewigt. Doch nicht nur er, noch mindestens vier weitere Künstler kamen mit ihm, um die Tote zu zeichnen. Sie müssen im Halbkreis um den Pfahl gesessen haben, denn die nur briefmarkengroßen Zeichnungen zeigen Elsje von der Seite im Vollprofil wie auch im Dreiviertelprofil und en face. Was nach übelstem Voyeurismus klingt, ist im Gegenteil eine letzte Ehrung und sehr barocke Anteilnahme im Zeichen der Vanitas."
Er wolle nicht heute berühmt sein, sondern in 500 Jahren, sagte der 2015 verstorbene italienische Maler Salvatore Mangione, besser bekannt als Salvo, erinnert Adriano Sack in der Welt. Zum Glück kam es anders, und so kann Sack die sinnlichen, farbgewaltigen Werke des Malers, der als Konzeptkünstler startete, in der Retrospektive "Arrivare in Tempo" in der Pinacoteca Agnelli in Turin bewundern: "Seine Bilder sind fast zu schön, um klug zu sein. Aber nur fast. Für seine Malerei wählte er ein relativ strenges Korsett (oder Konzept). Innerhalb dessen aber schuf er ein eigenwilliges, einzigartiges Œuvre. … Die Emotionalität von Salvos Kunst verblüfft, reißt mit, klingt nach. 'Arrivare in Tempo' ist nicht chronologisch, sondern nach Themen geordnet und teilweise überdicht gehängt. Motivgruppen wie Lichtkegel von Straßenlaternen, Menschen in Bars, mediterrane Natur oder antike Architekturreste gewinnen durch die fast chromatischen Wiederholungen und Variationen eine besondere Dringlichkeit."
Weitere Artikel: In der Zeit fasst Hanno Rauterberg noch einmal die Absurdität um die Cattelan-Banane (unser Resümee) zusammen, die von dem chinesischen Unternehmer Justin Sun für 5.9 Millionen Euro ersteigert und verspeist wurde: "Die Einverleibung sei 'Teil dieser einzigartigen künstlerischen Erfahrung'. Und tatsächlich offenbarte sich erst so, worum es sich bei Comedian eigentlich handelt: um ein schönes, gut verdauliches Nichts." Im Van-Magazin schreibt Volker Hagedorn.
Besprochen werden die große Vittore-Carpaccio-Ausstellung "Carpaccio, Bellini und die Frührenaissance in Venedig" in der Stuttgarter Staatsgalerie (Zeit, mehr hier), die Albert-Oehlen-Ausstellung "Computerbilder" in der Hamburger Kunsthalle (taz) und die Ausstellung "Pop Forever: Tom Wesselmann & …" in der Pariser Fondation Louis Vuitton (FAZ)