Esther Buss kommt sehr begeistert aus der Ausstellung über den Filmemacher ThomasArslanim Neuen Berliner Kunstverein: "Es gibt nicht viele Filmemacher:innen, aus deren Werk man eine Ausstellung zusammenstellen könnte, die gleichermaßen konzentriert ist wie schwebend - und in der jeder Filmausschnitt mehr ist als ein aus einem Erzählrahmen herausgeschnittenes Fragment", schreibt sie im Filmdienst. "Der fließende Rhythmus der Bilder, Wege, Gesten und Blicke erzeugt einen eigenen Raum, in dem man Teil wird." Das zeigt sich etwa an der Präsentation des frühen Dokumentarfilms "Am Rand" (hier online), der "dem Verlauf der Berliner Mauer ... folgt. In Totalen, die durch Kameraschwenks verbunden sind, zeigt sich Geschichte (und Wiedervereinigung) in Form von Brachflächen und Abbauarbeiten: Sackgassen, unbebaute Flächen, Bagger und anderes Gerät, das sich an Mauerresten zu schaffen macht. 'Am Rand Revisited' (2024) ist eine Ortsbegehung 32 Jahre später und ein trauriges Dokument verpasster Möglichkeiten. Der Neue Berliner Kunstverein präsentiert beide Filme simultan auf gegenüberliegenden Wänden, was ganz automatisch vergleichende Blickbewegungen in Gang setzt. Das Hin-und Herschauen zwischen den beiden Seiten nimmt dabei ein Stück weit auch die Bewegung der Kameraschwenks mit auf."
Außerdem: Im taz-Gespräch mit Thomas Abeltshauser schwärmt der Filmemacher LevanAkin vom vielfältigen und toleranten Istanbul, wo er seinen neuen Spielfilm "Crossing - Auf der Suche nach Thekla" über eine verschwundene Trans-Frau gedreht hat. Der Prozess gegen AlecBaldwin wurde "wegen vorenthaltener Beweismittel" überraschend eingestellt, melden die Agenturen. Andreas Kilb schreibt in der FAZ einen Nachruf auf ShelleyDuval (weitere Nachrufe hier).
Besprochen werden eine neue DVD-Edition mit DEFA-Western aus den Sechzigern (FD), GregBerlantis Screwball-Komödie "To the Moon" mit ScarlettJohansson (SZ, unsere Kritik) und Marco PetrysNetflix-Komödie "Spieleabend" (FAZ).
Shelley Duvall, 1976 (Foto: Kathleen Ballard,, CC-BY 4.0)ShelleyDuvall ist tot. Ihre fünf Filme umfassende Zusammenarbeit mit RobertAltman in den Siebzigern und "ihre geschmeidigen Züge und schrullige Leinwandpersönlichkeit" machten sie damals zu "einem der größten Filmstars", schreibt Clay Risen in der New York Times. "Mit ihrer hauchdünnen Gestalt, ihrem zahnigen Lächeln und weichen Südstaatennäseln war sie einfach die Schauspielerin für jede Rolle, die nach einer sonderbaren, naiven jungen Frau verlangt. Fans nannten sie 'die texanische Twiggy', die Kritikerin Pauline Kael, die ihre unterschätzte Physikalität auf der Leinwand pries, nannte sie 'den weiblichen Buster Keaton'."
Dem heutigen Publikum ist sie aber vor allem aus StanleyKubricks Horrorfilm "The Shining" bekannt. Für ihre bis heute in Mark und Bein gehende Performance ging sie zum Äußeren - oder trieb sie der Regisseur bis dahin und vielleicht sogar darüber hinaus, wie in den letzten Jahren immer wieder kritisch angemerkt wurde. "Wer die ganze Dimension des menschlichen Horrors auf der Leinwand spiegeln will, muss ihn in einem menschlichen Gesicht spiegeln", schreibt Tobias Kniebe in der SZ. "Oder besser noch, in einer menschlichen Seele. Shelley Duvall war dieses Gesicht, und sie war diese Seele."
Außerdem: Fritz Göttler und Susan Vahabzadeh sprechen für die SZ mit IsabelleHuppert, die aktuell in EliseGirards (bei Artechockbesprochenem) "Madame Sidonie in Japan" im Kino zu sehen ist. Wolfgang Lasinger empfiehlt auf Artechock Filme aus dem Münchner Festival "CinemaIran". Der deutscheNachwuchsfilm zeichnet sich aus durch "eine neue Diversität, die ... vielleicht als Gegengewicht zu der zunehmenden Verdichtung populistischer Politik begriffen werden muss", lautet das Fazit von Artechock-Kritiker Axel Timo Purr nach dem FilmfestMünchen. Christel Strobel resümiert auf Artechock die Kinderfilme des Filmfests München. Artechock-Kritikerin Katrin Hillgruber sah dort derweil italienischesKino und Dunja Bialas (hier) deutscheKomödien. Der Serienklassiker "TheWire" ist ungebrochen aktuell, findet Kai Spanke in der FAZ. In der LiterarischenWelterinnert sich GeorgStefanTroller (online nachgereicht) an seine Begegnung mit HansAlbers. David Steinitz schreibt in der SZ zum Tod des Schauspielers BenjiGregory, den man als Kinderdarsteller aus der 80er-Serie "Alf" kennt.
Besprochen werden MaryamMoghaddams und BehtashSanaeehas "Ein kleines Stück vom Kuchen" (Artechock, mehr dazu hier), JoachimA. Langs "Führer und Verführer" (Standard, Artechock, mehr dazu bereits hier) und der vierte Teil der Animationsfilmreihe "Ich - Einfach unverbesserlich" (TA, Artechock).
Subversion für eine Nacht: Gemeinsam spachteln, gemeinsam flirten - und weg mit diesem Kopftuch. Szene aus "Ein kleines Stück vom Kuchen" MaryamMoghadams und BehtashSanaeehas "Ein kleines Stück vom Kuchen" erzählt von einer 70-jährigen Witwe in Teheran, die sich für eine Nacht einen alleinstehenden Taxifahrer mit nach Hause nimmt. Sie kochen, essen, trinken Wein, hören verbotene Musik und flirten miteinander, im steten Bewusstsein, dass eine solche Glücksanmaßung unter dem iranischenRegime gefährlich ist - und ringsum allzu neugierige Nachbarn wohnen. "Viele Szenen mussten schnell und heimlich gedreht werden", schreibt Alice Fischer im Perlentaucher. "Kein Wunder, dass sich das Team vor den Fanatikern in der Regierung in Acht nehmen musste, denn der Film kommt zwar ganz alltäglich daher, ist aber revolutionär. ... Lily Farhadpour als sensible, runde Mahin und Esmail Mehrabi als schüchterner Faramarz mit riesigem Schnauzer sind ein bezauberndes Paar, das Regie-Duo beschert dem Publikum viele Momente voller Wärme und subtiler Situationskomik. Die Themen, die Moghaddam und Sanaeeha mit so viel Fingerspitzengefühl aufgreifen, beschränken sich nicht auf die politische Situation im Iran. Es geht auch um das Alter, die Einsamkeit, die Frage: Wie kann ich mich schön fühlen, obwohl mir die Gesellschaft sagt, ich wäre es schon lange nicht mehr?"
Dieses "Kammerspiel ist dabei deutlich in die gegenwärtige politische Situation im Iran eingebettet", schreibt Bert Rebhandl, online nachgereicht, in der FAZ. "Der Kampf der Frauen um eine Selbstbestimmung, die ohne Demokratie nicht denkbar ist, ist mit deutlichen Hinweisen als Kontext ausgewiesen. Mahin ist sicher keine Frauenrechtlerin, sie setzt einfach einige, diskrete, aber auch mutige Schritte, die über die ihr zugewiesene Rolle hinausgehen." Wo ist der Anarchismus von Christoph Schlingensief, wenn man ihn braucht? Robert Stadlober als Goebbels in "Führer und Verführer" Der Regisseur JoachimA. Lang will mit seinem doku-fiktionalen Film "Führer und Verführer" den Propaganda-ApparatderNationalsozialisten entlarven. Der Schauspieler RobertStadlober gibt dabei Goebbels. Durchkreuzt ist der Film von Statements von Shoah-Überlebenden wie Margot Friedländer, außerdem gibt es historische Tonaufnahmen von Hitler, der ausnahmsweise mal nicht krakeelt. Die Kritiker verlassen den Saal größtenteils mit einem Gefühl der Unwucht. FAZ-Kritikerin Kira Kramer findet es zwar nicht ohne Reiz, dass der Film gerade die menschlichen Schwächen der Nazi-Führungsriege ausstellt - ein Kontrast, in dem gerade kenntlich wird, wie heute kursierende Bilder und Vorstellungen immer noch durch die Nazi-Propaganda geprägt sind. Doch das mit dem "Verführen" hält Kramer für falsch: "Hitler wird durch Goebbels zum charismatischen Führer im Sinne Max Webers erhoben, während das Volk (dem wir im Film kaum begegnen) selbst in Passivität verfällt und allem folgt, was Goebbels plant. Lang stellt seinem Opfervolk damit geradezu einen Wir-wussten-von-nichts-Blankoscheck aus und übersieht, dass nicht nur der Führer sein Volk wählt, sondern im gleichen Maße das Volk seinen Führer - und dass Propaganda nicht nur Sender, sondern ebenso willige Empfänger braucht."
Klaus Hillenbrand ärgert sich in der taz, dass oft einfach unklar bleibe, ob ein Zitat durch historische Quellen verbürgt sei oder nicht. Der Film werde "zum Opfer der eigenen Inszenierung, die auf pure Authentizität setzt und durch die Verknüpfung von Spielfilmszenen mit alten Wochenschau-Bildern die eigene Glaubwürdigkeit auch noch veredelt." So trägt der Film "mehr zur Verwirrung als zum historischen Durchblick bei. Von daher schadet er auch mehr, als dass er im Streit mit rechten Rattenfängern hilfreich ist."
Im Filmdienststaunt Ulrich Kriest über das erhebliche Reflexionsniveau, das der Regisseur in Interviews und im sorgfältig zusammengestellten Presseheft an den Tag legt, ohne dass sich diesen im Film selbst niederschlage. Dass der Film "so spektakulärmisslingt, hängt sehr wahrscheinlich damit zusammen, wie Lang sich der ganzen Thematik nähert: Bieder, zaghaft, seriös, immer mit der Angst im Nacken, dabei etwas zu riskieren." Das ist "Schulfernsehen mit Zeitzeugen. ... Was 'Führer und Verführer' tatsächlich reproduziert, ist die Hilflosigkeit der Wohlerzogenheit der demokratischen Kräfte, sich im Handgemenge mit den populistischen Bewegungen auf Augenhöhe zu begeben. Obwohl alles bis ins Letzte analysiert ist, auch die eigene Hilflosigkeit. Und die ganze Zeit denkt man beim Sehen ... an den Anarchismus von Christoph Schlingensief, von dem der Film so profitiert hätte." Weitere Besprechungen in Freitag und Welt. Für die SZ unterhält sich David Steinitz mit Rudolf Stadlober.
Weiteres: Michael Ranze resümiert im Filmdiest das 58. Filmfestival von KarlovyVary. Christiane Heil berichtet in der FAZ vom Gerichtsprozess gegen AlecBaldwin. Besprochen werden die romantische Komödie "To the Moon" mit Scarlett Johansson (Perlentaucher, FR), ÉliseGirards Liebesfilm "Madame Sidonie in Japan" mit IsabelleHuppert (FR), ThomasBrandlmeiers Buch "Der französische Film" (FD) und die Apple-Serie "Sunny" (FAZ, Welt). Außerdem verschaffen die Teams von SZ und Filmdienst einen Überblick über die aktuelle Kinowoche.
Kinorausch: "Napoleon" von Abel Gance, angelegt als Leinwand-Triptych. Ein filmhistorischer Triumph, jubelt Marc Zitzmann in der FAZ: In der Seine Musicale in Paris wurde AbelGances wahnwitziges Stummfilm-Epos "Napoleon" (1927) in einer restaurierten und überhaupt erstmals in der intendierten (zumindest aber laut Veranstalter: letztgültigen) Fassung der Öffentlichkeit präsentiert. Neun Stunden an zwei Abenden, projiziert auf einer gigantischen Leinwand (da manche Sequenzen im Grunde drei Leinwände nebeneinander bräuchten, mehr dazu hier), mit großem Orchester und allem Schischi. Langeweile kommt nie auf, Gance "schafft blutvolle Figuren, stilisiert etwa die drei 'Götter der Revolution', Danton, Marat (gespielt durch Antonin Artaud) und Robespierre, sowie den 'Halbgott' Saint-Just zu Löwe, Hyäne, Tiger und Gepard. Die Kamera, in steter Bewegung, verleiht dem Film ein furioses, bisweilen schier Seekrankheit erzeugendes Tempo. Bravourstücke sind die kindlichen Schlachten, wütende Wirbel in Weiß, bei denen die Operateure sich auf Schlitten gleitend oder die Kamera auf die Brust gegurtet ins Getümmel stürzen, aber auch eine atemraubende nächtliche Verfolgungsjagd zu Pferde sowie die achtzigminütige Befreiung von Toulon, eine Symphonie des Grauens unter in schneidenden Schraffuren niederstürzendem Blutregen."
Außerdem: Marius Nobach blättert für den Filmdienst durchs Programm der Stummfilmtage Bonnim August. Besprochen werden MaryamMoghaddams und BehtashSanaeehas iranisches Kammerstück "Ein kleines Stück vom Kuchen" (taz, mehr dazu bereits hier), Greg Berlantis Screwballkomödie "To the Moon" mit ScarlettJohansson (Standard, online nachgereicht von der FAS), der Animationsfilm "Ich - Einfach unverbesserlich 4" (Welt) und die ARD-Serie "Sick" (FAZ).
Rückzug ins Passive: Jesse Plemons (Mitte) strahlt Ruhe aus. Szene aus "Kinds of Kindness" YorgosLanthimos' "Kinds of Kindness" (unser Resümee) ist vor allem wegen des Schauspielers JessePlemons sehenswert, der gerade eh einen ziemlichen Lauf hat, schreibt Andreas Scheiner in der NZZ: Auch wenn er aussieht "wie ein unvorteilhafterMattDamon", liegt in seinem Spiel "etwas Erdendes. Seine primäre Rolle ist der Ruhepuls. Selbst wenn er als 'white supremacist' in 'Civil War' mit dem Gewehr fuchtelt, bleibt er gleichzeitig demonstrativ beherrscht. Der Rückzug ins Passive charakterisiert ihn."
Außerdem: Marius Nobach schreibt im Filmdienst über die Neuentdeckungen beim Filmfest München. Heute beginnt der Prozess gegen AlecBaldwin wegen eines tödlichen Schusses, der sich bei Dreharbeiten gelöst hatte, schreibt Jürgen Schmieder im Tages-Anzeiger. In der Welt porträtiert Hanns-Georg Rodek KevinCostner. Besprochen werden die ARD-Doku "Schicksalsjahre einer Kanzlerin" über AngelaMerkel (FAZ) und DavidBellos Biografie über JacquesTati (SZ).
Ein Selfie nach dem Tanz ohne Hijab mit einem fremden Mann: Mahin (Lily Farhadpour) hat Mut. Im Berlinale-Wettbewerb wurde MaryamMoghadams und BehtashSanaeehas in Teheran spielender Film "Ein kleines Stück vom Kuchen" gefeiert für die Schilderung von Widerstand durch Genuss und Lebensfreude: "Er handelt von einer alleinstehenden Seniorin, die ihrer Einsamkeit eine aufregende Nacht voller Sinnesfreuden abtrotzt", schreitb Johanna Adorján in der SZ. Der Film konnte außer Landes geschafft werden, bevor die Behörden ihn in die Finger bekamen - die beiden Macher jedoch sitzen momentan in Iran fest und sehen einem Prozess entgegen. "'Seit 45 Jahren sind wir alle in Iran daran gewöhnt, ein Doppelleben zu führen', sagt Maryam Moghaddam. ... Der iranische Film erzähle normalerweise die Lüge, dass die Menschen sich auch innerhalb ihrer Wohnungen so benähmen wie auf den Straßen. Man sehe Frauen mit Hijab im Badezimmer, mit Hijab im Ehebett, was natürlich nicht der Fall sei. Das Publikum lache darüber. 'Es ist eine Lüge, und jeder weiß, dass es eine Lüge ist. Auch das Regime weiß das natürlich. Aber sie wollen, dass wir lügen.' ... Ihr neuer Film ist der erste iranische Film seit 1979, in dem eine Frau ohne Hijab zu sehen ist."
Weitere Artikel: Martin Seng hört sich für die taz in der Filmwissenschaft danach um, wie im Zuge von "The Zone of Interest" über die (Nicht-)DarstellbarkeitdesHolocaustimFilm diskutiert wird. Perlentaucher-Kritiker Kamil Moll spricht für Filmstarts mit TiWest über dessen neuen Horrorfilm "MaXXXine" (unsere Kritik). Für Zeit Onlineporträtiert Anke Leweke die Schauspielerin MarenEggert. Jörg Seewald resümiert für die FAZ das FilmfestMünchen. Der Filmdienstbringt den dritten Teil von Leo Geislers Kracauer-Essayreihe über den Kuchenfilm. Thomas Klein schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Drehbuchautor RobertTowne. Besprochen wird YorgosLanthimos' "Kinds of Kindness" (Jungle World, mehr dazu hier).
Wie Propaganada entsteht: Robert Stadlober als Goebbels, Fritz Karl als Hitler in "Führer und Verführte" Mit seinem kommende Woche startenden Spielfilm "Führer und Verführer" über den Propaganda-ApparatderNationalsozialisten möchte der Regisseur JoachimA. Lang mit bequemen Bildern der Hitler-Darstellung brechen, sagt er im WamS-Gespräch. Die übliche Darstellung "als schreiender Dämon" habe wohl viel mit Distanzierungswünschen zu tun, sagt er: "Auf solch ein Monster muss man sich nicht einlassen. Das greift aber zu kurz. Wäre er tatsächlich eine schreiendeWitzfigur gewesen, hätte er nicht so viele Anhänger gewonnen. Goebbels hat den Mythos aufgebaut" - und von Goebbels lancierte Bilder sind es auch, die heute kursieren. Für Lang ist es daher "viel verantwortungsvoller, einen fiktionalen Film zu drehen, ich muss neue Bilder des Führungszirkels schaffen. Unser Ansatz war: Wir zeigen die historischen Bilder - und dekonstruieren sie sofort, indem wir erklären, wie sie entstanden sind."
Unerschütterlich: "Real" von Oleh Senzow Sichtlich fasziniert ist SZ-Kritikerin Sonja Zekri, von "Real" einem Film des ukrainischen Filmemachers OlehSenzow, der bei einem heiklen Fronteinsatz seine Helmkamera einfach mitlaufen ließ und das so gewonnene Material nun ohne weitere Bearbeitung als Film veröffentlicht. Beim Filmfestival Karlovy Vary hat er nun Weltpremiere. Es ist "eine der immersivstenErfahrungen über den Krieg, die je einem Publikum geboten wurden", schreibt Zekri. Zwar "ist in 'Real' bitter wenig zu sehen. Es gibt keine Actionszenen, kaum Bewegung, die Männer wirken, statisch, wie eingefroren. Wo sollen sie auch hin? Aber das macht die Spannung nur schwerer erträglich. Warum hat niemand die Munitionskisten aus den Bradleys mitgenommen? Wo bleibt die Artillerie? Warum hat der Panzer, der die Menschen in 'Real' in Sicherheit bringen sollte, die Klappe nicht geöffnet? Aber vielleicht hatte er sie auch geöffnet und niemand ist eingestiegen? So nervenzerfetzend das alles ist, so unerschütterlich bleiben die Männer." Hier die Festival-Besprechung des Branchenblattes Screen Daily.
Besprochen werden TiWests Horrorfilm "MaXXXine" (Standard, unsere Kritik hier) und FlorianGallenbergers Biopic "Perfect Match" über die Liebesbeziehung zwischen SteffiGraf und AndreAgassi (NZZ).
Welche Rachepläne schmiedet Trump? Biopic "The Apprentice" Ob AliAbbasis bereits mit großem Erfolg in Cannes gezeigtes Trump-Biopic "The Apprentice" tatsächlich je in die US-Kinos kommen wird, ist weiterhin ungewiss, schreibt Andreas Scheiner in der NZZ. Dass der Film behauptet, Trump habe in jungen Jahren seine frühere Frau Ivana Trump vergewaltigt, ist dabei wohl gar nicht mal so sehr das Problem. "In der amerikanischen Filmindustrie herrscht schlichtweg Angst. ... Denn Trump hat längst angekündigt, gegen den Film vorzugehen." Und "schon die Prozesskosten können ruinös sein." Außerdem "fürchten die Firmen Retourkutschen. ... Denn wenn Trump im November gewählt würde, wäre Rache garantiert. Wie die Vergeltung aussehen könnte, wisse man zwar nicht. Aber Trump würde sich schon etwas einfallen lassen, um es den Verleihern und vielleicht auch den Kinos heimzuzahlen. In vorauseilendem Gehorsam knicken die Leute ein."
Weitere Artikel: Das Siegel "basierend auf einer wahren Geschichte" entpuppt sich für Netflix immer mehr zum Publikums-, aber auch Rechtsstreit-Garanten, schreibt Barbara Schweizerhof im Freitag. Das CulturMagdokumentiert Moritz Baßlers Laudatio auf GeorgSeeßlen (sowie dessen Dankesrede) zur Auszeichnung mit dem Lessing-Preis für Kritik. Michael Ranze (FD) und Jan Feddersen (taz) gratulieren der Schauspielerin EvaMarieSaint zum 100. Geburtstag.
Besprochen werden die DVD-Ausgabe von Trần Anh Hùngs in Cannes ausgezeichnetem Koch- und Liebesfilm "Geliebte Köchin" mit Juliette Binoche ("Wer das Kino liebt, als Feier der Subtilität in der Behandlung der Stoffe, in ihrer Auswahl, Zubereitung und Komposition, als Kunst des sinnlichen wie intellektuellen Genießens, wird bei all dem zerschmelzen", versichert Ekkehard Knörer in der taz), RichardLinklaters "A Killer Romance" (FAZ, Welt, critic.de, unsere Kritik hier), Yorgos Lanthimos' "Kinds of Kindness" (critic.de, Welt, mehr dazu bereits hier) und neue Filme der Streaminganbieter, darunter "Beverly Hills Cop: Axel F" mit EddieMurphy (Standard).
Philipp Bovermann plaudert für die SZ mit RichardLinklater, dessen neuer Film "A Killer Romance" diese Woche im Kino anläuft (aktuell besprochen in taz, FR, Artechock, mehr dazu bereits hier). Christian Meier spricht für die Welt mit Ex-Ufa-Chef NicoHofmann über die Serien der Zukunft. Das Team von Artechockberichtet fleißig vom FilmfestMünchen. Felix E. Müller blickt in der NZZ auf die Geschichte des ZurichFilmFestivals. Jakob Thaller lässt sich im Standard erklären, wie realistisch eigentlich Haifilme sind. David Steinitz schreibt in der SZ zum Tod des Drehbuchautors RobertTowne.
Michael Freund (Standard) und Jürgen Kaube (FAZ) gratulieren der Schauspielerin EvaMarieSaint zum hundertsten Geburtstag. Hier ihr fantastischer Auftritt, wie sie in AlfredHitchcocks "Der Unsichtbare Dritte" CaryGrant um den Finger wickelt:
Besprochen werden TiWests Horrorfilm "MaXXXine" (FR, unsere Kritik hier), Yorgos Lanthimos' "Kinds of Kindness" (Standard, taz, Freitag, Artechock, mehr dazu bereits hier), Bahar Bektaş' Dokumentarfilm "Exile Never Ends" über eine kurdische Familie in Deutschland (Freitag) und die Netflix-Fortsetzung von "Beverly Hills Cop" mit EddieMurphy (FAZ, ZeitOnline). Außerdem bieten SZ, Filmdienst und FR einen Überblick über die aktuellen Filmstarts.
Identität als formbare Ressource: "A Killer Romance" von Richard Linklater RichardLinklaters Krimikomödie "A Killer Romance" über einen Akademiker, der in Trubel mit der Polizei gerät, für die er einen Auftragskiller geben soll, zählt zu jenen Filmen, "die so gut sind, dass man lange nicht merkt, wie gut sie wirklich sind", schwärmt Lukas Foerster im Filmdienst. Der Film hat rege Freude am Spielen mit seinen Elementen, zumal die "Regeln nicht von Anfang an feststehen, sondern erst im Zuge des Spiels, Spielzug für Spielzug, erfunden werden" und Hauptdarsteller GlenPowell beim Wechsel zwischen den Rollen ganz geschmeidig wird. "Spaß am Spiel heißt hier immer auch Spaß am Schauspiel. ... In gewisser Weise hat Linklater einen Film über eine gefährdete Gattung gedreht: Filmstars haben derzeit einen schweren Stand; tendenziell verschwinden sie hinter den Franchises und Multiversen, die das populäre Kino der Gegenwart, oder was von ihm übrig ist, dominieren. Was dabei verloren zu gehen droht, ist eben jene spielerische, elegante Leichtigkeit, die Wunderwesen wie Gary/Ron verkörpern. Identität ist für sie nicht klebriger Ballast, sondern formbareRessource."
Ähnlich sieht es Karsten Munt im Perlentaucher: "'A Killer Romance' steht auf dem Fundament eines Film-Noir und ist albern wie eine Komödie. ... Das Spiel entfaltet sich nicht in der Genrekinodrastik, sondern in der absoluten Gelassenheit, mit der Adria Arjona und Glen Powell absolut jeden Ton treffen, den Linklater mit der filmgewordenen Entsprechung eines verschmitztenGrinsens vorgibt." Auch Standard-Kritiker Marian Wilhelm applaudiert: "In den Händen eines anderen Regisseurs würde dieses absurde Versteckspiel leicht bis zum Klamauk überstrapaziert. Linklater schafft es aber bravourös, das einstürzende Kartenhaus dieser Meta-Fiktion mit Leichtigkeit und Schmäh zu erzählen." Emma Stone in "Kinds of Kindness" von Yorgos Lanthimos Eigentlich schätztFAZ-Kritiker Andreas Kilb die Filme des griechischen Autorenfilmers YorgosLanthimos, der nach Filmkunst-Anfängen im Low-Budget-Bereich seit ein paar Jahren im Dunstkreis von Hollywood arbeitet: Seine Spezialität ist es "Geschichten zu erzählen, die perfekt funktionieren und zugleich das Formelkino ad absurdum führen. ... Er nimmt eine filmische Form, pflanzt ihr ein neues Nervensystem ein und schaut dann, wohin der Austauschmotor das Vehikel treibt." Doch Lanthimos' neuer Film, "Kinds of Kindness", der aus drei separaten Geschichten besteht, funktioniert für Kilb nicht: "Statt sich dem Getriebe der Bilder zu überlassen, sucht man nach Spuren seiner Konstruktion", doch man kommt dabei "keinen Handbreit unter die Oberfläche, in die Tiefe dieses Films. Denn es gibt sie nicht. ... So bleibt ein Haufen virtuoser Bilder wie Stücke eines unfertigen Puzzles."
Inga Barthels vom Tagesspiegel erlebte bei diesem Triptychon "die volle Dröhnung Nihilismus, ZynismusundBrutalität. Die wenigen Charaktere, die zunächst nett und normal wirken, entpuppen sich als die größten Monster. Der alte Lanthimos ist also zurück, allerdings in schlechterer Form als bei seinen frühen Werken." Der Film kommt "zu dem Schluss, dass die Lust nie absolut sein kann, dass zum Begehren immer auch Begrenzung, Entsagung, Unterwerfung gehören, und er tut das so rasant, dass er nicht im Absurden landet, sondern im Albernen", lautet das Fazit von Fritz Göttler in der SZ.
Außerdem: Christiane Peitz wirft im Tagesspiegel einen Blick auf die ersten Neuerungen bei der Berlinale unter der neuen Leiterin TriciaTuttle: Die von ihrem Vorgänger eingerichtete Sektion "Encounters" entfällt künftig, dafür gibt es mit "Perspectives" einen neuen Wettbewerb für Spielfilmdebüts. Die französischen Regisseure JacquesDoillon und Benoît Jacquot befinden sich nach MeToo-Vorwürfen nun in Gewahrsam, meldet Susan Vahabzadeh in der SZ.
Besprochen werden TiWests "MaXXXine" (Perlentaucher Rajko Burchardt lobt "genrefilmhistorisch geschultes Stilbewusstsein sowie zügelloseGestaltungslust"), der auf Netflix gezeigte neue Teile der "Beverly Hills Cop"-Reihe mit EddieMurphy (NZZ, FAZ), HannaSlaks Psychodrama "Kein Wort" (Tsp), Christy Halls "Daddio" (Jungle World) und die spanische, im ZDF gezeigte Serie "Operation Marea Negra" (FAZ).
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