Im Modus subversiver Beiläufigkeit: "Dieses Gefühl, dass der Zeitpunkt etwas zu tun, vorbei ist" von Joanna Arnow Mit AaronSchimbergs "A Different Man" und JoannaArnows "Dieses Gefühl, dass der Zeitpunkt, etwas zu tun, vorbei ist" kommen in den nächsten Wochen zwei neue Filme aus New York in die deutschen Kinos. Arnow trat auch schon mal in einem Film von Schimberg auf. Zeichnet sich da - nicht zuletzt auch durch SeanBaker, dessen "Anora" im Frühling in Cannes ausgezeichnet wurde - ein neuer Independent-Zusammenhang aus der US-Metropole ab? "Noch ist es zu früh, um dies zu ermessen", schreibt Bert Rebhandl in der FAS. Auch kommen die drei Genannten "eher aus Traditionen eines einsamenAutorenkinos, wie es JimJarmusch geprägt hat, der seit vierzig Jahren sein eigenes Ding macht. ... 'Dieses Gefühl, dass der Zeitpunkt, etwas zu tun, vorbei ist' ist im Grunde eine Hollywood-Komödie, nur im Modus einer subversivenBeiläufigkeit. 'A Different Man' ist ein Gruselfilm wie aus den besten Zeiten des Studiokinos, nur philosophisch deutlich radikalisiert. Beide Filme sind großes Kino, nur eben im Zeichen einer kritischen Differenz, die man früher manchmal Eigensinn nannte."
Weitere Artikel: Sollte die Reform der Filmförderung mit dem Ampel-Aus ebenfalls scheitern, "droht rund eine halbe Milliarde Euro Produktionsvolumen in andere Länder zu gehen", fürchtet Helmut Hartung in der FAZ. Teresa Schaur-Wünsch spricht für die Presse mit Devrim Lingnau über ihre Rolle als "Sisi" in der nunmehr zweiten Staffel der Netflix-Serie "Die Kaiserin". Valerie Dirk empfiehlt im Standard die Retrospektive LanaGogoberidzeim Österreichischen Filmmuseum.
Besprochen werden MarkusSteins Dokumentarfilm "Baldiga - Entsichertes Herz" über den Fotografen JürgenBaldiga, der in den Achtzigern die schwule Szene Westberlins begleitete (Tsp), der Disney-Animationsfilm "Vaiana 2" (Standard) und VicenteAmorimsNetflix-Serie "Ayrton Senna" (FAZ).
"In der deutschenFilmszene herrscht die nackteAngst", schreibt Rüdiger Suchsland in einem "Grundsatz-Aufruf zum deutschen Film" auf Artechock angesichts des Ampel-Aus und damit einhergehend wohl auch mit der lange vertagten ReformderdeutschenFilmförderung. Die Lage: Kino- und Firmensterben, Kultur wird aus den Öffentlich-Rechtlichen mehr und mehr verbannt, eine förderpolitische Brachlage. "Wer den Populisten aller Couleur Einhalt gebieten will, muss aber schon aus diesem Grund an einer vielfältigen, aktiven und lebendigen Filmlandschaft interessiert sein. Für eine demokratische Gesellschaft ist sie existentiell." Gefordert wird daher unter anderem "von der im Frühjahr neu zu bildenden Bundesregierung ein Moratorium für den deutschen Film und die Bildung einer TaskForce 'ZukunftdeutscherFilm', an der alle Teile der Branche gleichberechtigt, auf Augenhöhe und mit offenem Ergebnis beteiligt werden, um den Stand der Dinge und die dringend notwendigen Veränderungen für die nahe Zukunft zu diskutieren - das Gegenteil der unter ständigem massivem Zeitmangel leidenden und im Ergebnis vorformatierten und damit systemisch versagenden 'Runden Tische' der vergangenen Jahrzehnte."
Weitere Artikel: Offenbar nach einer Intervention der Behörden musste das ägyptischeFilmfestival El Gouna den eigentlich geplanten Eröffnungsfilm "The Last Miracle" kurzfristig aus dem Programm nehmen, berichtet Karim Assaad in der taz - Zeichen für eine immer schärfere Zensur in Ägypten, so Assaad. Die Welt hat Hanns-Georg Rodeks Gespräch mit JacquesAudiard über dessen (im Tagesanzeiger und Standard sowie auf Artechock und bei uns besprochenes) Trans-Musical "Emilia Pérez online nachgereicht. Dunja Bialas spricht für Artechock mit der georgischen Regisseurin DeaKulumbegashvili über deren Film "April", der in Cannes ausgezeichnet wurde und nun beim 73. Filmfestival Mannheim Heidelberg lief, das Bialas' Kollege Wolfgang Lasinger resümiert. Andreas Busche empfiehlt im Tagesspiegel das Berliner Festival "AroundtheWorldin14Films", das ein Best-Of der wichtigsten Festivalfilme des Jahres präsentiert. Wilfried Hippen spricht für die taz mit Alfred Tews vom Super8-Wochenendein Bremen, wo sich unter anderem lernen lässt, dass sich auch Gemüsebrühe zum Entwickeln von Analogfilmstreifen eignet. Andreas Kilb gratuliert in der FAZ dem Regisseur JoelCoen zum 70. Geburtstag. Mladen Gladić schreibt in der Welt einen Nachruf auf den Nonsense-Auteur JimAbrahams. Und: Rüdiger Suchsland hat seine zunächst rein polemische Artechock-Kritik zum umstrittenen Westjordanland-Dokumentarfilm "No Other Land" (unser Resümee) um ein argumentierendes Close-Reading des Films ergänzt.
Besprochen werden ChiaraFleischhackers Mutterschaftsdrana "Vena" (Artechock, FAZ), Ivan Sainz-Pardos Beziehungskomödie "Der Vierer" (Artechock), LoganGeorges und CelineHelds "Caddo Lake" (Artechock), BeatriceMingers und ChristophSchaubs Dokumentarfilm "E. 1027 - EileenGray and the House by the Sea" (NZZ), die von Arteonline gestellte Serie "Evil" (FAZ), die zweite Staffel von "Tulsa King" mit SylvesterStallone als Mafioso (TA) und die ersten drei Fälle der Schweizer Krimiserie "Maloney" (NZZ).
Hongkong-Legende Sammo Hung in "City of Darkness" (Plaion Pictures) Mit SoiCheangs "City of Darkness" kommt endlich mal wieder ein Film aus Hongkong in die deutschen Kinos - noch dazu mit Hongkong-Legende SammoHung als Gangsterboss. Perlentaucher Lukas Foerster ist von diesem "gut geölten Martial-Arts-Kintopp", das sich tief in die geopolitisch bis zu ihrem Abriss 1993 prekäre Hochhaussiedlung KowloonWalledCity hineinverirrt, sehr begeistert: Hier "bewegt sich die Kamera, bewegen sich die Figuren wie Fische im Wasser in den liebevoll dem historischen Vorbild nachgebildeten Sets; wir quetschen uns mit ihnen durch enge Gassen, huschen über windschiefe Treppen, eilen durch Wohn- und Geschäftsräume, die kaum klar voneinander geschieden sind, wie überhaupt Innen und Außen fließend ineinander übergehen in der Walled City. Immer wieder krachen wir außerdem auf der Flucht vor Gewehrsalven durch Fenster, stürzen nach besonders rabiaten Faustschlägen durch Vordächer und Markisen in Häuserschluchten, deren Grund nicht auszumachen ist. Die Welt, die der Film konstruiert, ist nicht nur hochgradig beweglich, sondern auch komplett vollgestellt. Wohin man auch blickt: Menschen, Kram, Müll."
In der tazhat auch Ekkehard Knörer durchaus Freude an diesen "liebevollen Hommagen an dunkle Unübersichtlichkeit", auch wenn "das alles vielleicht eine Spur zu forciert vergangenheitsorientiert" ist. Aber hier "folgt Action-Setpiece auf Action-Setpiece, es fliegen die Messer, knacken die Knochen, knallen die Körper an Wände und rappeln sich öfter als nicht wieder auf. Das ist spektakulärinszeniert, mit klassischem Wirework, es wirken und kämpfen natürliche mit übernatürlichen Kräften, das gilt für die Figuren, und für die Kamera, die Effekte und den Schnitt gilt es auch."
Der Film ist zwar "atemberaubend choreografiert", schwärmt Robert Wagner auf critic.de. Doch "wo Sammo Hung - hier sichtlich vom Alter und seinem kaputten Knie gezeichnet - zu seiner Hochzeit Kamera, Schnitt und Körper in seinen Kampfchoreografien zum Tanz bat und Intensität mit Schönheit vermählte, da ist Cheangs Film nur mehr auf maximale Wirkung ausgerichtet. Nicht, dass es nicht auch schön wäre, wenn die Kontrahenten sich durch ein dreidimensionales, enges, ruinöses Häusergeflecht schlagen, aber vor allem geht es um Schmerz und dessen kinetischeSpürbarmachung." Die FAZ hat außerdem Maria Wiesners Kritik online nachgereicht.
Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte spricht für die FR mit JacquesAudiard über dessen (im Perlentaucher von Alice Fischer besprochenen) Trans-Musical "Emilia Peréz" (mehr zum Film bereits hier). Franziska Herrmann spricht für die Zeit mit NoraFingscheidt über deren Zeit in Los Angeles und neuen Film "The Outrun". Die Agenturen melden, dass der Komödienregisseur JimAbrahams gestorben ist.
Besprochen werden ChiaraFleischhackers Mutterschaftsdrama "Vena" (taz, FD, SZ), IvanSáinz-Pardos deutsche Sexkomödie "Der Vierer" (Welt, SZ), die eben mit dem InternationalEmmy ausgezeichnete deutsche Netflix-Serie "Liebes Kind" (taz), Edward Bergers "Konklave" (NZZ, mehr dazu hier) und der Disney-Animationsfilm "Vaiana 2" (FR). Außerdem werfen SZ und Filmdienst einen Blick auf die Kinostarts der Woche.
Karla Sofia Gascón in "Emilia Pérez" In "Emilia Pérez", seinem ersten spanischsprachigen Film, erzählt JacquesAudiard von einem mexikanischenKartellboss, der eine Geschlechtsangleichung durchführen lässt. "Wenn man über ernste Themen reden will, ist es besser, zu singen und zu tanzen", erklärt Audiard im taz-Gespräch gegenüber Thomas Abeltshauser, warum er sich für diesen Stoff für die Form des Musicals entschieden hat. "Ich sehe es wie ... JacquesDemy. Um sich mit dem Algerienkrieg auseinanderzusetzen, drehte er 'Die Regenschirme von Cherbourg', eine romantische Musicalkomödie. Es braucht einen gewissen Abstand zum Gegenstand. ... Ich wollte nie einen Dokumentarfilm über die Situation in Mexiko oder über die Transition einer Person machen. Ich nutze eine überhöhte Form, das Artifizielle des Musicals und Melodrams, um meine Geschichte emotional zu erzählen." In Mexiko "erkannte ich, dass die konkrete Wirklichkeit nicht zu dem passte, was ich wollte. Die Häuser waren zu massiv, die Straßen zu weit, viel zu viele Menschen, ich mochte das Licht nicht. Da wusste ich, dass ich mit diesem Film zum Ursprung des Kinos zurückkehre, zu dessen DNA, dem In-Szene-SetzenimStudio."
Dieses Experiment gelingt erstaunlich gut, schreibt Anina Valle Thiele in der JungleWorld. Das hat vor allem auch mit "dem intensiven Spiel seiner Hauptdarsteller:innen" zu tun, allen voran Karla Sofia Gascón in der Hauptrolle. Der Film besticht als "ironisches Spiel mit Verfremdungen und Brüchen: Die verschiedenen Filmgenres gehen hier so mühelos ineinander über, wie die Geschlechtsidentitäten spielerisch gesprengt werden. Wer sich auf den Kitsch und die Musical-Einlagen einlässt und außerdem noch Fan von Telenovelas ist, wird 'Emilia Pérez' als queereHymne mögen."
Der InternationaleEmmy für die deutsche Netflix-Serie "Liebes Kind" setzt die Welle an internationalen Auszeichnungen für deutsche Produktionen fort, freut sich Marie-Luise Goldmann in der Welt. Erfreulich an diesem Trend findet sie "nicht allein, dass Deutschland sein Image als Hüter des schlechten Geschmacks abgelegt hat, sondern auch, dass es anfängt, seine einstigen Lieblingsthemen Nationalsozialismus, DDRundKrimi hinter sich zu lassen."
Weitere Artikel: Susan Vahabzadeh spricht für die SZ mit SteveMcQueen über dessen auf Apple gezeigten, in der Pressebesprochenen Film "Blitz" über London im Zweiten Weltkrieg. ToddKomarnickis in den USA gerade kontrovers diskutiertes Biopic "Bonhoeffer" (unser Resümee zur Debatte hier) ist nicht etwa "gefährlich", sondern vor allem "einfachschlecht", findet Hannes Stein in der Welt.
Besprochen werden die vom Nordirland-Konflikt erzählende Disney-Serie "Say Nothing" auf Grundlage des gleichnamigen Sachbuchs von PatrickRaddenKeefe (ZeitOnline), die DVD-Ausgabe von AnnaKendricks True-Crime-Thriller "The Dating Game Killer" (taz), die HBO-Serie "Dune: Prophecy" (NZZ), die ARD-Dokuserie "Warum verbrannte Oury Jalloh?" (taz) und der Disney-Animationsfilm "Vaiana 2" (Presse).
Ein Leben in Armut, trotz Wohlstand: "Successor" bricht an den chinesischen Kinokassen alle Rekorde Tilman Baumgärtel staunt in der taz: YanFeis und PengDamos chinesischer Publikumshit "Successor" stammt zwar von der China Film Group Corporation (und damit von der chinesischen Propagandaabteilung), aber die Tragikomödie "zeichnet ein düsteres Bild von einem China, in dem Konsum und Statussymbole, Egoismus und Materialismus im Vordergrund stehen - nicht die klassenloseGesellschaft, die eigentlich das Ziel des Kommunismus war". Erzählt wird die Geschichte von einem wirtschaftlich prächtig dastehenden Elternpaar, das seinem Sohn Jiye ein Leben in Armut vorheuchelt, damit dieser den Wert von Fleiß und Disziplin lernt. Mit solchen "schrillen Kontrasten beleuchtet der Film die Wohlstandsexzesse und die sozialeUngleichheit, die das immer wohlhabender werdende China prägen. ... Die Eltern verlassen zwar in abgewetzten Wintermänteln das Haus, aber an der nächsten Ecke wartet schon ihr Luxus-SUV, in dem sie sich in ihre Designergarderobe zwängen. Und als Jiye auf die Idee kommt, Flaschen zu sammeln, um die Familienkasse aufzubessern, mietet sein Vater ein ganzes Fußballstadion, damit sein Sohnemann dort nach einem Spiel die Wasserflaschen auflesen kann."
Weitere Artikel: Sollte die Reform der Filmförderung im Zuge des vorzeitigen Endes der Ampelkoalition scheitern, könnte dies für die deutscheFilmindustrie im schlimmsten Fall geradezu desaströse Folgen haben, erklärt Derya Türkmen in der taz. Elisabeth Knetsch berichtet für die FAZ vom International Documentary Film Festivalin Amsterdam. Marian Wilhelm empfiehlt im Standard Filme aus dem "This Human World"-Festival in Wien. Stefan Volk denkt im Filmdienst über Weihnachtsfilme nach. Besprochen wird Malte Hageners Buch "Splitscreen. Das geteilte Bild als symbolische Form in Film und anderen Medien" (Jungle World).
Armina Galijas schreibt in der NZZ zum 70. Geburtstag des Regisseurs EmirKusturica, der sich seit dem Balkankrieg erst in den serbischenNationalismus verirrt hat und sich nun - als finale Bankrotterklärung - in Russland einschmeichelt: "Im April besuchte Kusturica Putin und bewarb sich um Subventionen für ein großes Filmprojekt: das 'Russische Triptychon', basierend auf den Werken von Dostojewski, Gogol und Tolstoi. Der Regisseur dankte dem Gastgeber im Kreml dafür, dass er 'die historischeGerechtigkeit' fürdieSlawen wiederherstellen wolle, und bezeichnete den Krieg in der Ukraine als 'Kampf für uns Slawen' - als wären die Ukrainer keine Slawen. Putin revanchierte sich mit der Bemerkung, dass Russland und Serbien Ähnliches durchgemacht hätten: eine Anspielung auf den Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens."
Ein zweites Beispiel für linkes Kino, das sich gründlich verrannt hat: OliverStone. Im Lichte des Wahlerfolgs von DonaldTrump, der auch durch Einwanderer aus Lateinamerika zustande kam, blickt Tobias Käufer in der Welt zurück auf Stones "South of the Border" von 2009, einer der mittlerweile vielen Dokumentarfilme, für die sich Stone vor den Karren von Diktatoren und Autokraten spannen ließ. Darin machte Stone noch die These stark, dass Einwanderung aus Lateinamerika aus den USA automatisch ein sozialistisches Paradies machen würde. "Das Gegenteil ist der Fall: Millionen Migranten aus den brutalen Linksdiktaturen Kuba, Venezuela und Nicaragua kommen nicht in die USA, um dort den Sozialismus zu etablieren, sondern sie sind vor ihm geflohen. ... Sie wollen vor einem Sozialismus geschützt werden, nicht das nächste sozialistische Experiment miterleben, das in ihrer Heimat bereits schiefgegangen ist." Es ist "eine VölkerwanderunghistorischenAusmaßes".
Weiteres: Valerie Dirk porträtiert im Standard die Regisseurin UlrikeKofler, deren Familiendrama "Gina" Katrin Nussmayr in der Pressebespricht. In der FAZgratuliert Dietmar Dath dem DEFA-Regisseur HerrmannZschoche zum 90. Geburtstag. Besprochen werden SteveMcQueens "Blitz" mit SaoirseRonan (Presse) und die RTL-Serie "Angemessen Angry" (taz).
Hanns-Georg Rodek spricht für die WamS mit JacquesAudiard über dessen in Mexiko angesiedeltes Trans-Drama "Emilia Pérez", das kommende Woche in den Kinos startet. Jan Freitag zeichnet in der SZ nach, wie die Psychotherapie immer mehr zum Thema in Serien wurde. In der FAZschreibt Andreas Kilb zum 70. Geburtstag von EmirKusturica.
Besprochen werden NoraFingscheidts Alkoholismus-Drama "The Outrun" mit SaoirseRonan (NZZ), BrunoDumonts SF-Persiflage "Das Imperium" (online nachgereicht von der Zeit, unsere Kritik), MatiDiops Berlinale-Gewinner "Dahomey", der nun auch in Österreich startet (Presse, unsere Kritik zum deutschen Kinostart) und die zweite Staffel der Apple-Serie "Bad Sisters" (Freitag).
"Wenn man verstehen möchte, warum heute israelische Truppen die Existenz Israels und sein Existenzrecht militärisch gegen arabische Terroristen und ihre Helfershelfer verteidigen, muss man diesen Film sehen", schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock über RomanPolanskis "Intrige" über die Dreyfus-Affäre, den derzeit kein Kino, kaum ein Festival und auch kein Streamingdienst auch nur mit der Kneifzange anfasst (hier unser Resümee, dessen Einstieg Suchsland fast wortwörtlich übernimmt).
Außerdem: Nora Moschuering resümiert für Artechock die Duisburger Filmwoche. Die FAZ hat Gerhard Poppenbergs Essay über die Wurzeln des MethodActing à la RobertdeNiro im Barockonline nachgereicht. Holger Gertz schreibt in der SZ über 65 Jahre Ost-Sandmann.
Besprochen werden BrunoDumonts "Das Imperium" (Tsp, Artechock, online nachgereicht von der FAZ, mehr dazu hier), Edward Bergers Vatikanthriller "Konklave" nach dem gleichnamigen Roman von RobertHarris (Welt, Artechock, Standard, mehr dazu bereits hier), SébastienVaničeks Tierhorrorfilm "Spiders" (Zeit Online, unsere Kritik), Mati Diops Essay-Dokumentarfilm "Dahomey" (Standard, unsere Kritik) und die Netflix-Dokuserie "Unsere Ozeane" (FAZ).
Vom Sakralen zum Profanen hinab zum Albernen: "Das Imperium" von Bruno Dumont Mit "Das Imperium" zieht es den französischen Auteur BrunoDumont einmal mehr in die Bauernwelt der französischen Provinz - nur dass er diesmal dort eine "parodistische und bitterernste Weltraumsaga" erzählt, die sich beherzt aus dem Fundus des aktuellen Blockbusterkinos bedient, und also "einen sich an den eigenen Bildern ergötzenden Sci-Fi-Walzer, in dem hinter jedem nordfranzösischen Gesicht ein potenziell extraterrestrisches Wesen lauert", schreibt Patrick Holzapfel im Perlentaucher. Unklar bleibt allerdings, wie ernst oder ironisch der Filmemacher sein Programm auffasst. "'Das Imperium' kommentiert eine visuelle Wirklichkeit, die längst aus den Fugen der Glaubwürdigkeit gefallen ist. Tatsächlich weiß man in diesem Film nicht, wie man sich zu den Bildern verhalten soll oder wie sich der Filmemacher zu ihnen verhält. Daraus entsteht eine Art Kippbild im Kopf der Zuschauer: Entweder Dumont verortet hier intergalaktische Narrationen im Realismus und zeigt so, dass sich der Kampf von Gut gegen Böse im scheinbar Banalen abspielt, die Metaphysik also ganz wirklich wäre. Oder aber er zeigt, dass die Ideologien, die großen Fragen unserer Zeit nur Eskapismen sind, um die machtlosen Menschen von der Leere ihres Daseins zu erretten."
"Hier geht es mit dem Rührbesen zu", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR: "Selten hat man eine so verwegene Achterbahn aus 'high' und 'low' zusammengeschraubt, wäre dieser Film ein Essen, man bekäme vermutlich Magenbeschwerden." Die Raumschiffe sind "zusammengesetzt aus ElementengotischerKathedralen", ist Kothenschulte aufgefallen: "Wenn man nicht gerade ein virtuellesVersailles darin findet, dann wenigstens die Glasfenster und den Mosaik-Fußboden der BerlinerGedächtniskirche. Allein diese wunderbare Ausstattungsidee macht eine Menge von dem Blödsinn wieder wett, den uns Bruno Dumont an anderer Stelle aufbürdet."
"Nicht jede unter den mal sorgfältig ausgearbeiteten visuellen Ideen, mal fahrig in die Landschaft gestellten Albereien mag Beweis für die Produktivität von Dumonts Wechselspiel sein", schreibt Karsten Munt im Filmdienst. "Aber irgendwie schafft er es auf exakt diese absurde Art und Weise doch, das Kleine neben dem Großen hochzuhalten, das Profane im Sakralen zu finden oder auch einfach nur klarzustellen, dass im Menschsein beides hoffnungslos miteinander verschränkt ist - so albern das auch aussehen mag."
Weitere Artikel: Wilfried Hippen spricht für die taz mit Helge Schweckendiek über dessen Programm für das EuropäischeFilmfestivalin Göttingen. Matthias Lerf spricht für den Tages-Anzeiger mit der Schauspielerin SaoirseRonan über deren Rolle im Alkoholismusdrama "The Outrun". Sonka Weiss empfiehlt im Filmdienst das ab Dezember gezeigte Online-Filmfestival mit jungemeuropäischen Kino in der Arte-Mediathek.
Besprochen werden EdwardBergers "Konklave" nach dem gleichnamigen Thriller von Robert Harris (FR, FD, taz, Presse, mehr dazu bereits hier), LuigiToscanos Dokumentarfilm "Schwarzer Zucker, Rotes Blut" über AnnaStrishkowa, die in Kiew lebt, als kleines Kind Auschwitzüberlebte, aber kaum etwas über ihre Herkunft oder ihr wahres Alter weiß (FAZ), Min Bahadur Bhams "Shambala" (SZ, FD), Sébastien Vaničeks Tierhorrorfilm "Spiders" (Perlentaucher, SZ), JacquesAudiards Musicaldrama "Emilia Pérez" (NZZ), DavidLowerys auf Disney+ gezeigter Animations-Kurzfilm "Weihnachten im Anflug" (FD), BenjaminRees auf Netflix gezeigte Doku "The Remarkable Life of Ibelin" über einen todkranken Jungen, der Zuflucht in der "World of Warcraft"-Community findet (TA), die zweite Staffel der Netflix-Serie "Arcane" (taz). Außerdem blicken SZ und Filmdienst auf die Filmstarts der Woche.
Virtuoser Zweifel: Ralph Fiennes als Kardinal Lawrence in "Konklave" "Das gute alte Schauspielerkino, in dem hochkarätige Stars alle Register der Vieldeutigkeit ziehen, hat mit 'Konklave' wieder einmal einen Festtag", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ über Edward BergersVerfilmung des gleichnamigen Vatikanthrillers von RobertHarris. "Dem Drama einer zerrissenen Seele, das RalphFiennes wirklich virtuos darbietet und das StanleyTucci elegant auf die Schippe nimmt, entgegnet Edward Berger mit dem ganzen Brimborium, das ein Konklave äußerlich ausmacht. Das beginnt mit den Schauplätzen, den alten Gemäuern im ewigen Rom, hinter jedem Gesicht lauert ein Fresko." Es ist "ein durch und durch katholischerFilm auch insofern, als er gegenüber dem bildskeptischen und insgesamt visuell asketischen Protestantismus das Drama der Orientierungsprobleme einer wankenden Traditionsinstanz eben bewusst in deren alter Prachtentfaltung sucht." Im Filmdienst-Gespräch räumt Berger ein, dass ihn bei dem Projekt vor allem die von Fiennes gespielte Figur des Kardinal Lawrence gereizt hat. Dieser befindet sich auf der "Reise eines Zweifelnden. Damit kann ich mich identifizieren. Diese widerstreitenden Gefühle habe ich auch."
Aktualisiert das "Dritte Kino": "Manas" von Marianna Brennand Auf FAZ.nethofft Bert Rebhandl, dass Marianna Brennands eben auf dem Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg ausgezeichnetes, brasilianisches Drama "Manas" einen Weg ins reguläre Kinoprogramm findet, handelt es sich doch um einen Film, der "einem engagierten Kino wichtigeerzählerischeWege weist. Diese eigentümliche Spannung, dass das Kino es erlaubt, jemand ins Gesicht zu sehen, während wir eigentlich die ganze Zeit auch mit dieser Figur denken, um sie und mit ihr bangen, nennt man üblicherweise Identifikationskino. Wenn ein solches Kino sich mit einer nachgerade systematischen Erschließung von sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen Vorgängen verbindet, kommt etwas heraus, das man als eine Aktualisierungeinesfrüheren 'DrittenKinos' sehen kann. So nannte man während der Systemkonkurrenz viele Versuche, zwischen dem Hollywood-Kommerz und dem kodifizierten kommunistischen Kino einen dritten Weg zu finden, auf Seiten der damaligen 'Dritten Welt'."
Außerdem: Andreas Scheiner spricht für die NZZ mit AndresVeiel und SandraMaischberger über LeniRiefenstahl. Jean-Martin Büttner war für die NZZ bei einer Veranstaltung in London, wo Ex-Monty-Python MichaelPalin aus seinem bewegten Leben erzählte. Besprochen werden BrunoDumonts in der französischen Provinz angesiedelte Blockbuster-Persiflage "Das Imperium" (taz) und die Paramount-Serie "Landman" über die Ölindustrie in Texas (taz).