Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.11.2024 - Film

Kein Kino in der englischsprachigen Welt, schreibt Spectator-Kolumnist Nick Cohen, würde es wagen, Roman Polanskis Film "Intrige" über die Dreyfus-Affäre zu zeigen. In London lief er neulich an einem Tag in einem einsamen Kino in Nord-London. Auch in Amerika wird er nicht gezeigt. An Polanski hängt der #MeToo-Vorwurf. Zwar hat niemand expressis verbis verlangt, dass sein Film nicht gezeigt wird, aber die Kinobetreiber agieren aus "vorauseilender Zensur". Auch bei Amazon Prime oder anderen Diensten kann man den Film nicht auf englisch sehen, so Cohen. Dabei ist der Film so aktuell wie nur möglich: "Dass Dreyfus eindeutig unschuldig ist, spielt für die Armee, den Pöbel auf der Straße oder die rechte Presse keine Rolle. Er ist Jude und der Versuch, seinen Namen reinzuwaschen, ist eine jüdische Verschwörung." Cohens deprimiertes Fazit: "Dave Rich, der große Experte für modernen Antisemitismus, hat festgestellt, wie Juden aus der modernen Kultur herausgeschrieben werden. Er verweist auf 'Lee', Kate Winslets Darstellung des Lebens der Kriegsfotografin Lee Miller. Sie war Zeugin des Holocaust, aber es gibt nur eine einzige 'explizite Erwähnung von Juden in einem Film, der mit der Befreiung von Buchenwald seinen Höhepunkt erreicht', schreibt Rich. Nichts von dieser erbärmlichen Schönfärberei der Geschichte ist in 'Intrige' zu sehen. Polanski konfrontiert Rassismus und Verschwörungstheorien mit einer Direktheit, die Liberale früher bewundert haben." Nick Cohen hat ein Substack-Blog, das man hier abonnieren kann.

In den USA läuft demnächst ein Biopic über den NS-Widerstandskämüfer Dietrich Bonhoeffer an, das wegen seiner reißerischen Vermarktung durch einen radikal-evangelikalen Verleih insbesondere bei den Nachfahren Bonhoeffers, aber auch bei den vielen an der Produktion beteiligten deutschen Darstellern (darunter August Diehl) zu Missmut führt. Dazu muss man wissen, dass Bonhoeffer ausgerechnet bei rechtsextremen US-Nationalisten des religiösen Spektrums mittlerweile eine positive Bezugsfigur darstellt. Der Regisseur des Films, Todd Komarnicki, versichert gegenüber David Steinitz von der SZ, dass sein Film unabgängig vom jetzigen Verleiher produziert wurde und nicht im Dienste einer rechten Vereinnahmung stehe. Die Vermarktung findet er selbst ärgerlich. Steinitz findet das durchaus plausibel: Anders als auf dem Plakat, hat Bonhoeffer im Film "kein einziges Mal eine Pistole in der Hand. Und er wird in keinster Weise als 'Attentäter' dargestellt, wie es das Plakat der Angel Studios behauptet und ein bisschen auch der Trailer suggeriert. ... Man kann über die Qualität seines Films geteilter Meinung sein. Und es gibt gute Gründe, ihn aus historischen oder künstlerischen Gründen zu kritisieren. Aber gerade den Kern von Bonhoeffers Schriften, wie ein christlicher Widerstand gegen Hass und Barbarei aussehen könnte, nimmt der Film vollkommen ernst. Ein Aufruf zur Gewalt für rechte Fundamentalisten ist 'Bonhoeffer' definitiv nicht."

Weitere Artikel: Günter Schwaiger erklärt im taz-Gespräch, warum er mit "Wer hat Angst vor Braunau?" einen Dokumentarfilm über die österreichische Stadt gedreht hat, deren Stigma es ist, dass dort Hitler auf die Welt gekommen ist: Die Stadt ist nämlich viel besser als ihr Ruf, sagt er. Reinhard Kleber berichtet im Filmdienst von den 66. Nordischen Filmtagen in Lübeck. Besprochen werden die HBO-Serie "Dune: Prophecy" (Presse) und Nicolai Rohdes im ZDF gezeigter Polizeifilm "Allein zwischen den Fronten" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.11.2024 - Film

Es ist "ein spätes Glück", findet Tom Schulz in der NZZ, dass Ferrara, die Geburtsstadt des italienischen Auteurs Michelangelo Antonioni, "ihrem bedeutenden Sohn ein Museum gewidmet hat, das den Namen Spazio Antonioni trägt". Seit dem Sommer kann man es besuchen, dort "befindet sich auf zwei Ebenen eine Retrospektive des Schaffens von Antonioni: Fotos, Zeichnungen und Erinnerungsstücke aus dem Nachlass, Filmstills und Ausschnitte seiner Werke." Für Schulz auch ein Anlass, ein wenig über Antonionis Kino der Entfremdung zu philosophieren. "Was er zeigt, sind Bilder von Bildern: die Leere, das Negativ, das Fehlende. Die Leere als Geschichte; das Vergebliche, das bittersüss schmecken kann. Die Langeweile als auf die Zeit verteilter Schmerz. Sieht man sich die 'Rote Wüste' noch einmal an, begreift man, dass die Versuche, das Leben zu ändern, gescheitert sind. Die Sehnsucht nach dem anderen, dem Fremden, bleibt uneingelöst. Das Bild der Frau, die das Gesicht zwischen ihre Hände presst, spricht ohne Worte. Längst ist die rote Wüste eine Metapher geworden für unseren Planeten, der (...) seinem Untergang zentimeterweise unaufhaltsam näher kommt."

In der Welt bangt Hanns-Georg Rodek um die Reform der Filmförderung, um die seit Jahren gerungen wird und die nun noch auf der Zielgeraden durch das Ampel-Aus sabotiert werden könnte. Doch "besteht eine kleine Hoffnung, dass das neue Filmfördergesetz von der alten Koalition doch noch vor Weihnachten in den Bundestag gebracht werden wird und die FDP zustimmt. Wenn nicht, wird die Filmproduktion in Deutschland über Monate gelähmt sein. Das wäre auf absehbare Zeit das letzte Wort."

Weiteres: Esther Buss resümiert in der Jungle World die Duisburger Filmwoche. In der FAZ gratuliert Maria Wiesner (online nachgereicht) Danny DeVito zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Bruno Dumonts Science-Fiction-Persiflage "Das Imperium" (Jungle World), Veronika Franz' und Severin Fialas Historien-Horrorfilm "Des Teufels Bad" (taz, unsere Kritik), Steve McQueens auf Mubi gezeigte Doku "Occupied City" über die Besetzung von Amsterdam durch die Nationalsozialisten (Zeit Online), eine neue Heimmedien-Ausgabe von Carol Reeds Klassiker "Der dritte Mann" (FD), die HBO-Serie "Dune: Prophecy" (taz), die zweite Staffel der Netflix-Serie "The Diplomat" (Zeit Online) und die auf ZDF Neo gezeigte Serie "Kidnapped" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.11.2024 - Film

"Liliana" von Ruggero Gabbai

Das Mailänder Kino Orfei möchte Ruggero Gabbais Dokumentarfilm "Liliana" über die Holocaustüberlebende Liliana Segre nicht zeigen - aus Sorge, dass propalästinensische Demonstranten die Spielstätte angreifen könnten. Denn: "In Mailand finden seit Wochen jeden Samstag pro-palästinensische Demonstrationen statt, zuletzt wurden dabei die gewaltsamen Ausschreitungen in Amsterdam als 'Demonstration der Stärke' beklatscht, und ein Foto des im Oktober getöteten Hamas-Chefs Jahia Sinwar hochgehalten", schreibt dazu Carolin Gasteiger in der SZ. "Außerdem wurde ein Wandgemälde beschädigt, auf dem Segre symbolisch noch einmal den von den Nazis im 'Dritten Reich' erzwungenen "Judenstern" trägt. Das Gesicht der Figur und der Stern waren zerkratzt. 'Aber wenn wir, die an Gewaltlosigkeit, Pluralismus und Gesetzestreue glauben, anfangen, Angst zu haben und unsere Prinzipien aufgeben, dann haben sie gewonnen', so Gabbai. Er selbst will sich jedenfalls nicht einschüchtern lassen. Liliana Segre hatte ihm vorausgesagt, dass es nicht einfach werden würde, wenn so ein Film zu diesem Zeitpunkt herauskommt. 'Ich bin überzeugt davon, dass, genau weil es so eine schwierige Zeit ist, dieser Film heute wichtig ist.'" Mehr zu dem Film hier.

Offensichtlich (k)eine Rampensau: Affe im "Unsichtbaren Zoo" von Romuald Karmakar.

Lukas Foerster resümiert für critic.de die Duisburger Filmwoche, beziehungsweise genauer: die dort gezeigten Filme aus und über Zürich. So etwa Romuald Karmakars bereits auf der Berlinale gefeierten "Der unsichtbare Zoo" über die aufwändigen Zooanlagen Zürichs, die dieser "klug zurückgenommene" Essayfilm genau beobachtet. Zwar "kann der Film gar nicht anders, als sich bis zu einem gewissen Grad mit der Institution, die er porträtiert, gleichzumachen und also zu einer weiteren Apparatur, einem weiteren Diskurs zu werden, die beziehungsweise der die Tiere umstellt. Und doch gelingt es den Bildern, gleichzeitig einen Eindruck tierischer Autonomie zu vermitteln. Wenn Karmakar (lebende) Tiere filmt, bleibt die Kamera stets unbewegt - sie gibt einen Rahmen vor, der dann von den Tieren gewissermaßen nach deren eigenem Gutdünken ausgefüllt werden kann. Tatsächlich erweisen sie sich eher selten als Rampensäue (nicht verschwiegen werden soll freilich eine ziemlich spektakuläre Koalaeinstellung kurz vor Schluss). Die Szenen, die eher um Menschen herum gebaut sind, funktionieren oft anders. Auch hier bleibt der Film grundsätzlich beobachtend. Aber die Bilder sind den Menschen, die sie zeigen, 'auf den Leib' geschrieben, vollziehen die Arbeitsteilung in einem modernen Wirtschaftsbetrieb, wie ein Zoo einer ist, nach."

Weitere Artikel: Anne Küper denkt im Filmdienst über Dominique Cabreras "La Jetée, the Fifth Shot" nach, der beim Dok.Leipzig preisgekrönt wurde (mehr dazu bereits hier). In seiner Filmdienst-Reihe über Heist Movies widmet sich Leo Geisler Jacques Audiards "Lippenbekenntnisse" von 2001. Gerhard Poppenberg verortet in seinem Essay für "Bilder und Zeiten" der FAZ das Method Acting von Robert de Niro in barocken Traditionen.

Besprochen werden Severin Fialas und Veronika Franz' Horrordrama "Des Teufels Bad" (Zeit Online, unsere Kritik), Jane Schoenbruns Horrordrama "I Saw the TV Glow" (Standard), Ridley Scotts "Gladiator 2" (critic.de, unsere Kritik) und die Sky-Serie "Turmschatten" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.11.2024 - Film

"No Other Land" - ein Streitfall der Filmkritik

Die Filmkritiker diskutieren über Basel Adras, Hamdan Ballals, Yuval Abrahams und Rachel Szors kollektiv inszenierten Dokumentar-Essayfilm "No Other Land" über die Auseinandersetzungen im Westjordanland. Wir erinnern uns: Die Ansprachen der Filmemacher auf der Berlinale, wo der Film mehrfach ausgezeichnet wurde, führten im Februar zu einer Antisemitismus-Kontroverse (unsere Resümees hier und hier).

In der Welt ist Hanns-Georg Rodek sehr beeindruckt von diesem "Aktivistenfilm". Dass die Filmemacher mit ihrer "Genozid"-Ansprache, die den Diskurs über den Film seitdem spürbar überlagert, einen Bärendienst erwiesen haben, findet er schade, könne man doch anhand des Films eigentlich "gut die Unterschiede zwischen 'antisemitisch', 'antizionistisch' und 'anti-Regierung Netanyahu' aufzeigen. Es gibt darin nichts von dem plump-rassistischen antisemitischen Hass, wie er auf deutschen Straßen inzwischen allzu alltäglich geworden ist. Es gibt keine antizionistischen Rufe." Über diesen Film "kann man politisch streiten, ohne den Begriff 'Antisemitismus' zu benutzen." Für Bert Rebhandl (online nachgereicht von der FAZ) ist dies "ein engagierter Dokumentarfilm", der "nicht propagandistisch ist. Glaubwürdig wird das dokumentarische Vorhaben nicht zuletzt durch die Freundschaft von Basel und Yuval. Sie deutet eine Möglichkeit an, wie Menschen in Israel/Palästina auch zusammenleben könnten."

Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland sah derweil einen "bewusst unscharfen, ungenauen, diffuse antiisraelischen und antijüdische Ressentiments aufkochenden, spekulativen Film", der sich für historische Kontexte nicht die Bohne interessiert. Die Filmemacher "wissen schon alles und sie kennen die Schuldigen. Die Bösen sind die Israelis, die immer nur Böses tun, drangsalieren, massakrieren, Häuser räumen, vertreiben. Die Guten sind die Araber, denn sie führen immer nur das Beste im Schilde und sie leiden unter den Bösen." Der Film "bedient Vorurteile, verfälscht Fakten und ist kriegstreiberisch. Er will nicht ausgewogen oder gerecht sein, sondern einseitig und ungerecht. Ein Machwerk."

Weitere Artikel: Marc Hairapetian spricht für die FR mit Iris Berben und Robert Hofferer über deren Holocaust-Dokumentarfilm "Kreis der Wahrheit". Für Artechock führt Elke Eckert hier durch das Programm der Griechischen Filmwoche in München und Dunja Bialas dort durch das des Filmschoolfest Munich. Valerie Dirk sorgt sich im Standard um den Herbstfilm, dem vom Weihnachtsfilm allmählich das Wasser abgegraben wird. Außerdem melden die Agenturen, dass ein Kino in Mailand Ruggero Gabbais Dokumentarfilm über die Holocaustüberlebende Liliana Segre aus Furcht vor propalästinensischen Protesten nicht zeigen will.

Besprochen werden Severin Fialas und Veronika Franz' österreichischer Horrorfilm "Des Teufels Bad" (Tsp, unsere Kritik), Ali Ahmadzadehs iranischer Thriller "Critical Zone" (Artechock, mehr dazu hier), Karim Aïnouz' Erotikthriller "Motel Destino" (Artechock, mehr dazu hier), Ridley Scotts Monumentalschinken "Gladiator 2" (Artechock, FD, unsere Kritik), die auf Sky gezeigte Serie "The Day of the Jackal" nach dem Roman "Der Schakal" von Frederick Forsyth (FAZ, Zeit Online) und die zweite Staffel der Apple-Serie "Silo" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.11.2024 - Film

Die Räume eng und dunkel: Veronika Franz und Severin Fiala begeben sich in "Des Teufels Bad"

Perlentaucher Benjamin Moldenhauer findet Veronika Franz' und Severin Fialas mit den Mitteln des Folk-Horror arbeitendes, im 18. Jahrhundert in Österreich angesiedeltes, Depressionsdrama "Des Teufels Bad" sehr beeindruckend. Der Film "erzwingt einen schmerzhaft empathischen Blick auf seine Protagonistin", gespielt von der Indiemusikerin Anja Plaschg, die auch die Musik komponiert hat. Das Regieduo "dekliniert die Koordinaten und Maßgaben des Folk-Horror-Genres souverän durch. Eine Welt ohne fließend Wasser und Straßenlaternen, die Räume eng und dunkel, die Wälder und Landschaften zwar wunderschön, aber in ihrer Erhabenheit auch und vor allem abweisend. Die den Film eröffnende Einstellung auf einen Wasserfall, in den eine Mutter ihr Kind wirft, um dann endlich hingerichtet zu werden und all dem zu entkommen, ist eines der erhabensten Leinwandnaturbilder der letzten Jahre. Offizielle Religiosität vermischt sich im Folk Horror mit lokalem Aberglauben, bei einer Hinrichtung wird dann eben, die Bibel sieht es soweit ich weiß nicht vor, das Blut des Hingerichteten getrunken." Weitere Kritiken in Welt und SZ.

Mann gegen Mann - das ist noch das am wenigsten Spektakukäre in "Gladiator 2"

Mit seinem Sequel zu seinem längst als heilige Kuh der Filmgeschichte gehandelten "Gladiator" hat sich Ridley Scott im Alter von 86 Jahren nach Ansicht der meisten Filmkritiker (FAZ, Tsp, FR, taz) keinen Gefallen getan. Man kann dem Treiben mit etwas weniger Andachtshaltung auch sehr viel Freude abgewinnen, findet Perlentaucher Kamil Moll: Die Gladiatorenkämpfe etwa produzieren keine Star-Körper mehr, sondern sind "ein indifferent wuselnder Rummel voller Sehenswürdigkeiten: Wilde, durch Pfeile in Erregung gebrachte Paviane stürzen sich mit tödlichen Nackenbissen auf die Kämpfer, ein römischer Legionär reitet auf einem monströs überproportionierten Nashorn durch die Arena, die schließlich mit Wasser geflutet wird, damit darin inmitten von Haien die Schlacht von Salamis nachgespielt werden kann. Spätrömische Dekadenz feiert Ridley Scott in farbsatten Bildern als eine Komödie des Spektakels und der Lächerlichkeit - von niemandem besser verkörpert als von Denzel Washington in der Rolle eines mit Ketten behangenen Sklavenhalters, der als einziger Schauspieler des Films das Prinzip des Durcharbeitens des Originals als Farce verstanden zu haben scheint. Mit 86 Jahren kümmert sich Scott nicht mehr um Ruf und Nachlassverwaltung, er wirft lieber einen seiner respektiertesten Filme den Hühnern zum Fraß vor."

Weitere Artikel: Felix Knorr befasst sich für den Filmdienst mit der Stopmotion-Knetwelt von "Wallace & Gromit". Besprochen werden Yuval Abrahams und Basel Adras palästinensischer Dokumentarfilm "No Other Land" (FR), Christoph Weinerts Dokumentarfilm "I Dance, But My Heart Is Crying" über das jüdische Musikleben im Berlin während des Nationalsozialismus (Welt), Mohammad Rasoulofs "The Seed of the Sacred Fig", der bei uns erst im Dezember startet (NZZ), Dirk Kummers ARD-Film "Ungeschminkt" über eine trans Frau (FAZ) und die zweite Staffel der Apple-Serie "Bad Sisters" (taz). Außerdem geben SZ und Filmdienst einen Überblick über die Kinostarts der Woche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.11.2024 - Film

Begehren im Kino: "Motel Destino"

Eigentlich wollte er seinen Erotikthriller "Motel Destino" bereits vor ein paar Jahren drehen, erzählt der in Berlin lebende, brasilianische Regisseur Karim Aïnouz Patrick Heidmann im taz-Gespräch, doch dann kam ihm Bolsonaros Wahlerfolg dazwischen, dessentwegen er in seiner Heimat keine Filme mehr drehen wollte. Sein Film ist "durchaus" eine Reaktion darauf, dass das Kino seit Jahren mit dem Sex fremdelt, sagt er. "Natürlich war mein Wunsch, einen sinnlichen und erotischen Film zu drehen, in erster Linie eine Reaktion auf das Ende dieses autoritären Regimes in Brasilien. Aber ich bin auch wirklich frappiert, wie viele Berührungsängste es heutzutage in Sachen Sexszenen gibt, und zwar sowohl bei meinen Kolleginnen und Kollegen als auch beim Publikum. Wann hat diese Entwicklung begonnen? Und warum? Denn das Begehren ist doch eigentlich die Grundlage des Filmemachens. Wo wäre das Kino ohne den Sex und die Liebe?"

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Die von Gerard Byrne und Judith Wilkinson kuratierte Ausstellung "Über Fernsehen, Beckett" im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart zeigt, wozu das Fernsehen hierzulande mal in der Lage war, schreibt Verena Harzer in der taz beglückt. Zu sehen sind Samuel Becketts sieben, zwischen 1966 und 1985 für den SDR entstandene Fernseharbeiten. "Die durchweg intimen Kammerspiele sind fast alle in Grautönen gehalten. Zu sehen ist nie mehr als ein kahler, grauer Raum, manchmal nur ein Lichtkreis. Wenn es einmal Fenster oder Türen gibt, führen sie ins Nichts. Die Protagonisten sind vollkommen isoliert - und stehen dabei trotzdem unter ständiger Beobachtung, werden überwacht und angetrieben, von Stimmen, Geräuschen oder auch düsterer Musik ... Obwohl für den Fernsehbildschirm produziert, werden die Fernsehspiele in kinosaalartigen Kuben auf große Leinwände projiziert. Das intensiviert ihre Wirkung: Die Protagonisten treten dem Zuschauer in Lebensgröße entgegen. Die bedrückenden Szenenbilder setzten sich in den dunklen Kinosälen fort."

Weiteres: Marie-Luise Goldmann berichtet in der Welt von einem Berliner Branchentreffen des Verbands für Film- und Fernsehdramaturgie, Judith von Sternburg findet es in der FR unangenehm, Leni Riefenstahl zuzuhören.

Besprochen werden Ridley Scotts "Gladiator 2" (NZZ, Standard) sowie Ixchel Delaportes und Remi Benichous Arte-Doku "Die gequälten Kinder von Riaumont" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.11.2024 - Film

Liberty schlägt Freedom, Trump schlägt Harris: "Yellowstone"

Wer die in den USA immens erfolgreiche Cowboy-Ranch-Serie "Yellowstone" aufmerksam mitverfolgt hat, wundert sich nicht so sehr über den Ausgang der US-Wahl, sondern über die allseitige Überraschung danach, schreibt David Steinitz in der SZ. Die Serie "verhandelt seit Jahren den oft beschriebenen Gegensatz von zwei verschiedenen Freiheitsbegriffen, die Amerika spalten", nämlich Liberty und Freedom, also den Widerspruch zwischen individueller und gesellschaftlicher Freiheit. Erstere ist dabei "ein direkt vom Herrgott an den Cowboy in all seinen Inkarnationen überreichtes Freiheitsideal, das dieser sich von niemandem nehmen oder beschneiden lässt, besonders nicht vom Staat - und das er notfalls mit Gewalt verteidigt", vor "von ans Gemeinwohl denkenden Politikern über rinderzuchtverachtende Umwelt- und Klimaschützer bis zu aufbegehrenden Ureinwohner-Nachkommen, deren Vorfahren das Land eigentlich mal gehört hat." Der Erfolg dieser Serie in den USA "ist doch ein deutliches Indiz, dass die Freedom-Vertreter von Kamala Harris bis Beyoncé mindestens einen schweren Stand haben."

Weitere Artikel: "In ihren besten Filmen war die Duisburger Filmwoche ein Plädoyer für eine neugierige Begegnung mit der Welt", resümiert Fabian Tietke in der taz. Wie geht es nach dem Ampel-Aus und dem damit ungeklärten Haushalt 2025 mit der Reform der Filmförderung weiter? In Claudia Roths Kulturministerium "herrscht selber Unklarheit", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. Klar ist nur: "Das aktuelle Filmfördergesetz läuft nach bereits zwei Verlängerungen Ende Dezember definitiv aus. ... Kein Gesetz, keine Filmabgaben: Es wäre eine Katastrophe.

Besprochen werden Ridley Scotts "Gladiator 2" (Welt, TA), Steve McQueens "Blitz" mit Saoirse Ronan (taz), Eileen Byrnes Verfilmung von Jasmin Schreibers Roman "Marianengrab" (Standard), die vierte Staffel der Netflix-Krimicomedy "Only Murders in the Building" (FD) und die ARD-Geschichtsdokuserie "Die Spaltung der Welt" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.11.2024 - Film

In der FAZ widerruft Andreas Kilb sein Urteil über Louis Malles Holocaustfilm "Auf Wiedersehen, Kinder", den er bei seiner Premiere auf dem Filmfestival Venedig 1987 als naive Annäherung ans Thema in Grund und Boden gestampft hatte. Beim Wiedersehen (der Film steht gerade bei Arte online) zeigt sich: "Von Naivität kann bei Louis Malle keine Rede sein - die konventionelle Erzählweise, die seinerzeit altmodisch und verharmlosend wirkte, ist nur die Maske einer unfassbaren emotionalen Klugheit." Wie die Erzählung schwingt, "ist nicht nur in einem formalen und technischen, sondern auch in einem historischen und menschlichen Sinn meisterlich."

Weiteres: Fabian Tietke wirft in der taz Schlaglichter aufs Programm des Afrikamera-Festivals in Berlin. Wilfried Hippen sichtet für die taz Filme aus dem samischen Kino, die das Filmfest Braunschweig zeigt. Daniel Haas gratuliert in der NZZ Leonardo DiCaprio zum 50. Geburtstag. Besprochen wird Steve McQueens auf AppleTV gezeigter Kriegsfilm "Blitz" mit Saoirse Ronan (FAZ, Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.11.2024 - Film

Die Agenturen melden, dass der Arthouse-Streamingdienst Mubi sein viertägiges Filmfestival in Istanbul abgesagt hat, nachdem der von Erdogan einsetzte Bezirksvorsteher im Istanbuler Stadtteil Kadiköy die Vorführung von Luca Guadagninos "Queer" (mehr zu dem Film hier) wegen dessen homosexueller Liebesszenen verboten hatte. In der SZ empfiehlt Susan Vahabzahdeh Alexander Horwaths zwar in der Tat großartigen Essayfilm "Henry Fonda - Präsident der Namenlosen", allerdings ohne zu erwähnen, dass Arte den auf der Berlinale noch dreistündigen Film bizarrerweise nur als Stummelruine von 56 Minuten Länge zeigt. Katharina Schmitz empfiehlt im Freitag die Apple-Serie "Slow Horses". In der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ verweist Marc Zitzmann im übrigen auf Geneviève Selliers Buch "Le Culte de l'auteur - Les dérives du cinéma français", das den "Male Gaze" im franzöischen Autorenfilm entlarvt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.11.2024 - Film

Stylishe Bilder: "Der Tod wird kommen" von Christoph Hochhäusler

Rüdiger Suchsland freut sich in seiner wöchentlichen Artechock-Kolumne, dass beim Filmfestival Mannheim-Heidelberg heute und an den folgenden Tagen Christoph Hochhäuslers neuer, auf französisch gedrehter Bandenkrieg-Thriller "Der Tod wird kommen" zu sehen ist: "Prachtvolles, poetisch-kluges Kino! Der Film zieht einen im Nu in Bann. ... Neben der ungewöhnlichen Figur einer weiblichen Killerin (eine Entdeckung: Sophie Verbeek) inmitten der Männerwelt glänzt dieser ausgezeichnete Film durch magnetische Inszenierung, lakonische 'hard boiled' Dialoge und Reinhold Vorschneiders so stylische wie genaue Bildgestaltung. Auf so einen wunderbaren Genrefilm hat man seit Jahren im deutschen Kino gewartet. Und dass die Schauspieler keine Deutschen sind, macht etwas mit dem Film und mit Hochhäuslers Kino, das ich selbst noch nicht ganz fassen kann, und ich werde ihn mir schon deshalb nochmal ansehen: Alles ist sofort glaubwürdiger, körperlicher, erdenschwerer."

Spurensuche am Flughafen Orly: Dominque Cabrera (li.) in ihre Film "La Jetéem The Fifth Shot"

Robert Zwarg resümiert für die Jungle World das Dok.Fest in Leipzig, bei dem vor allem der mit dem Hauptpreis ausgezeichnete "La Jetée, the Fifth Shot" von Dominique Cabrera eine Entdeckung war. Der Film spielt im Titel aus gutem Grund auf Chris Markers Klassiker des Experimentalfilms an: In dessen fünfter Einstellung "ist eine Familie mit dem Rücken zur Kamera an einem Geländer mit Blick auf das Rollfeld des Flughafens Orly zu sehen." Der Cousin der Filmemacherin "glaubt, sich und seine Eltern auf dem Bild wiederzuerkennen. Mit diesem Zufall beginnt für Cabrera eine detektivische Suche, die sich zart und beharrlich wie eine Spirale durch die Geschichte ihrer Familie und das Werk Chris Markers bewegt und dabei nicht zuletzt ein dichtes Zeitdokument Frankreichs Anfang der Sechzigerjahre entstehen lässt. Dass am Anfang eine unwillkürliche Erinnerung steht, die in die Kindheit führt, bringt Cabrera nicht zufällig mit Marcel Prousts berühmter Kindheitserinnerung an das Feingebäck Madeleine in Verbindung."

Weitere Artikel: Marcus Stiglegger widmet sich im Filmdienst der neuen Schnittfassung von Tinto Brass' bislang Ruine gebliebenem Monumentalfilm "Caligula" (hier unsere Kritik, dort die von Artechock). Axel Timo Purr berichtet auf Artechock vom Jugenddokumentarfilmfestival Doxs Ruhr. Dunja Bialas empfiehlt hier auf Artechock Filme aus dem Rumänischen Filmfestival in München und dort welche aus der 30. Ausgabe der Münchner Frauenfilmreihe Bimovie. Martina Knoben schreibt in der SZ einen Nachruf auf den DDR-Dokumentarfilmer Walter Heynowski.

Besprochen werden André Schäfers "Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann" (Artechock, mehr dazu hier), Pascal Plantes Thriller "Red Rooms" (Artechock, unsere Kritik), Eileen Byrnes "Marianengraben" (online nachgereicht von der FAZ), Thomas Nappers "Die Witwe Clicquot" (Artechock), Filip Posivacs "Tony, Shelly und das magische Licht" (Artechock) und Mo Harawes "The Village Next to Paradise" (Standard).