Kein Kino in der englischsprachigen Welt,
schreibt Spectator-Kolumnist Nick Cohen, würde es wagen,
Roman Polanskis Film "Intrige" über die Dreyfus-Affäre zu zeigen. In London lief er neulich an einem Tag in einem einsamen Kino in Nord-London. Auch in Amerika wird er
nicht gezeigt. An Polanski hängt der #MeToo-Vorwurf. Zwar hat niemand expressis verbis verlangt, dass sein Film nicht gezeigt wird, aber die Kinobetreiber agieren aus "
vorauseilender Zensur". Auch bei Amazon Prime oder anderen Diensten kann man den Film nicht auf englisch sehen, so Cohen. Dabei ist der Film
so aktuell wie nur möglich: "Dass Dreyfus
eindeutig unschuldig ist, spielt für die Armee, den Pöbel auf der Straße oder die rechte Presse keine Rolle. Er ist Jude und der Versuch, seinen Namen reinzuwaschen, ist eine jüdische Verschwörung." Cohens deprimiertes Fazit: "
Dave Rich, der große Experte für modernen Antisemitismus, hat
festgestellt, wie Juden aus der modernen Kultur herausgeschrieben werden. Er verweist auf 'Lee',
Kate Winslets Darstellung des Lebens der Kriegsfotografin Lee Miller. Sie war Zeugin des Holocaust, aber es gibt
nur eine einzige 'explizite Erwähnung von Juden in einem Film, der mit der Befreiung von Buchenwald seinen Höhepunkt erreicht', schreibt Rich. Nichts von dieser
erbärmlichen Schönfärberei der Geschichte ist in 'Intrige' zu sehen. Polanski konfrontiert Rassismus und Verschwörungstheorien mit einer Direktheit, die Liberale früher bewundert haben." Nick Cohen hat ein Substack-Blog, das man
hier abonnieren kann.
In den USA läuft demnächst ein Biopic über den NS-Widerstandskämüfer
Dietrich Bonhoeffer an, das wegen seiner reißerischen Vermarktung durch einen radikal-evangelikalen Verleih insbesondere bei den Nachfahren Bonhoeffers, aber auch bei den vielen an der Produktion beteiligten deutschen Darstellern (darunter
August Diehl) zu Missmut führt. Dazu muss man wissen, dass Bonhoeffer ausgerechnet bei
rechtsextremen US-Nationalisten des religiösen Spektrums mittlerweile eine positive Bezugsfigur darstellt. Der Regisseur des Films,
Todd Komarnicki, versichert gegenüber David Steinitz von der
SZ, dass sein Film unabgängig vom jetzigen Verleiher produziert wurde und nicht im Dienste einer rechten Vereinnahmung stehe. Die Vermarktung findet er selbst ärgerlich. Steinitz findet das durchaus plausibel: Anders als auf dem Plakat, hat Bonhoeffer im Film "kein einziges Mal eine Pistole in der Hand. Und er wird in keinster Weise als '
Attentäter' dargestellt, wie es das Plakat der Angel Studios behauptet und ein bisschen auch der Trailer suggeriert. ... Man kann über die Qualität seines Films geteilter Meinung sein. Und es gibt gute Gründe, ihn aus historischen oder künstlerischen Gründen zu kritisieren. Aber gerade den Kern von Bonhoeffers Schriften, wie ein
christlicher Widerstand gegen Hass und Barbarei aussehen könnte, nimmt der Film vollkommen ernst. Ein Aufruf zur Gewalt für rechte Fundamentalisten ist 'Bonhoeffer' definitiv nicht."
Weitere Artikel:
Günter Schwaiger erklärt im
taz-Gespräch, warum er mit "Wer hat Angst vor
Braunau?" einen Dokumentarfilm über die österreichische Stadt gedreht hat, deren Stigma es ist, dass dort
Hitler auf die Welt gekommen ist: Die Stadt ist nämlich viel besser als ihr Ruf, sagt er. Reinhard Kleber
berichtet im
Filmdienst von den 66. Nordischen Filmtagen
in Lübeck. Besprochen werden die
HBO-Serie "Dune: Prophecy" (
Presse) und
Nicolai Rohdes im ZDF gezeigter Polizeifilm "Allein zwischen den Fronten" (
FAZ).