Vor einigen Tagen hatte ein wutentbrannter
Oliver Frljić, Regisseur am Gorki-Theater und Teammitglied der Künstlerischen Leitung dort, im Interview mit der
Berliner Zeitung "die
offene Unterdrückung Andersdenkender durch Kriminalisierung, Canceln und mediale Hetzkampagnen" an deutschen Theatern gegeißelt (
unser Resümee). Konkret wurde er dabei nicht. Ist das jetzt linksradikal oder schon wieder rechts, fragt sich Peter Laudenbach nach Lektüre des Interviews in der
SZ und zuckt dann die Achseln. Das mit staatlichen Beihilfen
abgepolsterte Revoluzzertum an deutschen Bühnen - von Volker Lösch bis Milo Rau - findet er in erster Linie nervtötend: "Es ist symptomatisch für ein Milieu des Radical Chic, wie in Frljićs verbalem Amoklauf ein diffuser (um nicht zu sagen: konfuser) Linksradikalismus immer wieder
wie eine rechte Wutbürgerrede klingt. Beschimpfen Rechtspopulisten unabhängige Medien als 'Systempresse', weitet Frljić diese Polemik auf die Theater aus, wenn er ihnen attestiert, 'eigentlich nur den
herrschenden Staatsdiskurs' zu reproduzieren. Was dieser ominöse 'Staatsdiskurs' sein soll, erfährt man nicht. ... Frljics Polemik ignoriert die Kleinigkeit, dass Theater als Ort der symbolischen Handlung per se immer nur Simulation, also Spiel sein kann. Ihm das vorzuwerfen, bedeutet, der Kunst vorzuwerfen, dass sie Kunst - und nicht zum Beispiel
ein Molotowcocktail - ist."
Heute hofft im
Interview mit der
Berliner Zeitung Thomas Ostermeier, Intendant der Schaubühne, auf einen Systemwandel. Die Linke in Deutschland sollte sich ein Beispiel an Frankreich nehmen, schlägt er vor: "In Deutschland könnte eine
vereinigte Linke aus SPD, den Grünen, den Linken und dem Bündnis Sahra Wagenknecht gegen die Gefahr von rechts auftreten und sich mit diesem
antifaschistischen Auftreten auch eine starke Botschaft geben. Es gibt dafür historische Beispiele: In Frankreich hat der Front populaire in der dreißiger Jahren das Aufkommen der Faschisten verhindert. Aber in Deutschland wollten die Kommunisten nicht mit den Sozialdemokraten zusammengehen, um eine
Volksfront gegen die NSDAP zu bilden. Damals hat die Linke in Deutschland versagt. ... Solange wir den Kapitalismus haben, gibt es immer die Gefahr, dass die Ungerechtigkeit, die er hervorbringt, mit völkischem Denken beantwortet wird. Das ist bei Trump so, das ist in Europa teilweise so, Bolsonaro hat es gemacht. Wie meinte Horkheimer: 'Wer aber
vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.'"
Weitere Artikel: Hanno Fleckenstein
stellt in der
taz die
Neue Bühne Senftenberg vor, die sich unter ihrem Leverkusener Intendanten
Daniel Ris "klar gegen Rechtsextremismus" stellen will. Joachim Lange (
nmz)
hört neue Musik beim Festival in Aix-en-Provence. Ebenfalls in der
taz annonciert Katharina Granzin das kostenlose Event
"Staatsoper für alle" auf dem Berliner Bebelplatz: mit einer Live-Übertragung von
Marc-
André Dalbavies Oper "Melancholie des Widerstands" am Freitag und am Samstag dirigiert
Christian Thielemann die "Alpensinfonie" von Richard Strauss. Regenschirm mitbringen!
Matthias Schulz, sieben Jahre Intendant der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, erklärt im Interview mit der
FAZ, warum er
nach Zürich wechselt: An Daniel Barenboim lag's nicht, versichert er, "wenn ich den Eindruck gewonnen hätte, dass man in Berlin
auch kulturpolitisch bewusst die Zukunft dieses Hauses gestalten will, hätte sich die Frage nach einem Wechsel für mich vermutlich nicht gestellt". Dorion Weickmann porträtiert in der
SZ die Trans-Tänzerin
Leroy Mokgatle vom Staatsballett Berlin. In der
Welt denkt Manuel Brug über die
Zukunft der Oper nach, denn sowohl im im hoch subventionierten deutschen Kulturbetrieb wie in den privat finanzierten amerikanischen Musiktheatern bleibt das
Publikum weg: "Wenn der internationale Vergleich also etwas zeigt, ist es vor allem eine
gewisse Orientierungslosigkeit, unabhängig von der jeweiligen Finanzierung. Eine solche Standortbestimmung kann nur der Ausgangspunkt für eine Neuerfindung der Oper sein."
Besprochen werden
Andrea Breths Inszenierung von Puccinis "Madama Butterfly" in Aix (
Ermonela Jaho als Butterfly ist ein Phänomen", schwärmt in der
FAZ Anja-Rosa Thöming, die auch Breths Inszenierung ganz ausgezeichnet fand) und
Jetske Mijnssens Inszenierung von
Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" bei den Münchner Opernfestspielen (
nmz,
SZ).