Züchtiger als vor drei Jahren: Castelluccis "Don Giovanni". Foto: Monika Rittershaus Es braucht offenbar schon die Kombination aus Romeo Castellucci und Teodor Currentzis, um die Theaterkritiker in dieser Saison nochmal zum Jubeln zu bringen: Castellucci durfte seine 2021 bereits gezeigte Skandal-Inszenierung (unsere Resümees) von Mozarts "Don Giovanni" noch einmal auf die Bühne der Salzburger Festspiele bringen, er setzt wieder auf das Dirigat von Currentzis, verzichtet aber auf den nackten Don Giovanni, freut sich Helmut Mauro in der SZ angesichts der so "eleganten wie stringenten" Inszenierung: "Die Nacktheit ist nun reduziert, was sinnvoll ist, wenn sie von Wichtigem ablenkt. Fellatio und Kopulation werden von kleinen Puppen im Hintergrund vollführt, man kann das übersehen, es bleiben noch genug aufschlussreiche Bildeinfälle. Manche verblüffen oder gefallen so sehr, dass man den intellektuellen Unterbau nicht gleich wahrnimmt oder sich mit der bildgewaltigen Erzähloberfläche, der von Currentzis so lebendig akzentuierten Musik zufriedengibt. Dazu kommen ja noch gesangliche Höhepunkte, darunter der - neu im Ensemble - wunderbar lyrische Tenor Julian Prégardien als Don Ottavio oder Federica Lombardi als Donna Elvira und Nadezhda Pavlova als Donna Anna."
Im Standardkann sich Ljubiša Tošić zwar weder der "Endlosfolge von Fantasiepointen" noch Currentzis' auf Extreme setzendem Dirigat entziehen, den zweiten Akt aber findet er "uninspiriert": "Als wären ihm Ausstattungsbudget und Ideen ausgegangen, zerfällt der Akt in Einzelteile, wirkt wie eine Nummernrevue mit Massenformationen von Frauen, die sich stetig umgruppieren."
Weitere Artikel: Der Amerikaner Richard Siegal wird nach Goyo Montero 2025 Ballettdirektor am Staatstheater Nürnberg, freut sich Dorion Weickmann in der SZ: "Mit Siegals Verpflichtung haben der Generalintendant Jens-Daniel Herzog und die Stadt einen Coup gelandet: Die Choreografien des 56-Jährigen bestechen mit Rasanz und virtuoser Bewegungssprache, ohne deshalb inhaltliche Abstriche zu machen. Statt Schönheit als schieren Selbstzweck auszustellen, markieren sie gesellschaftliche und künstlerische Systemfragen." Für die NZZsingt Bernd Noack eine Hymne auf Philipp Hochmair, den aktuellen "Jedermann", "der längst verglichen wird mit den berühmten Vorgängern Curd Jürgens, Klaus Maria Brandauer oder Peter Simonischek."
Besprochen werden außerdem eine Vorführung des hundert Jahre alten Films "Die Stadt ohne Juden" mit Olga Neuwirths Musik bei den Salzburger Festspielen (FR, Standard), die Uraufführung von Albert Ostermaiers konzertantem Melodram "Falsche Götter" bei den Nibelungenfestspielen in Worms (FAZ) und Thom Luz' Adaption von Stefan Zweigs historischen Miniaturen "Sternstunden der Menschheit" bei den Salzburger Festspielen (Tsp, mehr hier).
Szene aus "Sternstunden der Menschheit" in Salzburg. Foto: Sandra Then. Eine Sternstunde des Theaters war das leider nicht: Die Kritiker taten sich überwiegend schwer mit Thom Luz' Adaption von Stefan Zweigs historischen Miniaturen "Sternstunden der Menschheit" bei den Salzburger Festspielen. Für FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier gerät die Aufführung zum "Schnipselgewitter", denn Luz baut aus den Texten eine Collage, in die er außerdem Tagebuchauszüge und Briefe einbaut, die Zweig im Exil schrieb. Das wirkt alles sehr willkürlich, meint Hintermeier, die Wirkung von Zweigs Prosa geht größtenteils verloren. Immerhin hält das Ende noch einige starke Szenen für den Kritiker bereit: "Am Ende überblendet Thom Luz zwei Freitode zu einem: Cicero und Zweig, Schicksalsgenossen insofern, als sie erkennen, dass sie in der jeweils neuen Zeit keinen Platz mehr haben. Mit den finalen Szenen gelingen der Inszenierung beklemmende Bilder. Barbara Melzl liest in gelbem Tüll von der Rampe aus Zweigs letzten Briefen, immer heftiger muss sie gegen den sich aufschaukelnden Tumult hinter ihr anschreien, bis ihre Stimme nicht mehr zu vernehmen ist. Diese Wechsel zwischen Stille und Furioso beherrschen Luz und Komponist Mathias Weibel."
Nachtkritikerin Gabi Hift sieht es ähnlich. Es gibt zwar eine "famose vierköpfige Band", die "brasilianische Musik spielt wie Zweig sie in den letzten Jahren seines Exils in den Straßen gehört haben wird: Chôro, bei der sich Walzer, Polka und populäre Schlager mit afrikanischen Rhythmen mischt." Die Schauspieler sind auf der Bühne aber zu beschäftigt, hecktisch historische Artefakte durch die Gegend zu tragen und Trümmer aufeinanderzustapeln, so Hift, die Musik "ignorieren sie entweder, oder sie singen mit nicht dazu passenden europäischen Liedern dagegen an, bis nur eine Kakophonie bleibt". In der FR ist Judith von Sternburg gar nicht überzeugt, auch Christiane Lutz hat in der SZ ihre Schwierigkeiten.
In der NZZ ist Ulrich M. Schmid erzürnt über Nina Chruschtschowas Eröffnungsrede (unser Resümee) bei den Festspielen, die er "einseitig, anmaßend und naiv" fand: "Einseitig, weil sie Puschkin als unschuldiges Opfer eines wütenden ukrainischen Nationalismus präsentierte und darüber schwieg, dass der russische Nationaldichter in seiner Lyrik die zaristische Unterwerfung des Kaukasus und die Niederschlagung des Polenaufstandes verteidigt hatte. Die Rede war anmaßend, weil Chruschtschowa ihren sprachlichen Kniefall - der in der gedruckten Fassung interessanterweise nicht vorkommt - 'im Namen der ganzen russischen Nation' vollzog. Jener Nation, die sich auf Putins Normalitätsversprechen eingelassen hat und den Ukraine-Krieg als notwendiges Übel betrachtet? Jener Nation, die nicht einmal den Mut aufbringt, an den Urnen ihrem kriegslüsternen Präsidenten die Unterstützung zu verweigern? Jener Nation, deren beste Köpfe entweder ins Ausland geflohen sind, im Gefängnis sitzen oder ermordet wurden?"
Ebenfalls der NZZ ist Christian Wildhagen genervt von Claudia Roths Vorschlag (unser Resümee), bei den Bayreuther Festspielen auch mal etwas anderes zu spielen als Wagner. Für ihn kommt das überhaupt nicht in Frage, vor allem weil Festspielleiterin Katharina Wagner schon einige Maßnahmen ergriffen hat, um die Festspiele jünger und moderner zu gestalten. Thorleifur Örn Arnarssons Inszenierung von "Tristan und Isolde" (unser Resümee) bleibt aber dennoch etwas hinter den Erwartungen des Kritikers zurück, weil der Regisseur die Oper als "Liebesdrama sehr kleinteilig und eher konventionell als Kammerspiel" inszeniert. In der tazschreibt Regine Müller zur Inszenierung.
FAZ-Kritiker Jan Brachmann hatte in Bayreuth dafür viel Spaß mit Tobias Kratzers Inszenierung von "Tannhäuser" und Jay Scheibs "Parsifal".
Szene aus "Tristan und Isolde". Foto: Enrico Nawrath Nachdem gestern bereits Christiane Peitz im Tagesspiegel einen eher ernüchterten ersten Eindruck von Thorleifur Örn Arnarssons "Tristan und Isolde"-Inszenierung in Bayreuth geteilt hatte (unser Resümee), legen die KritikerInnen heute nach. Jan Brachmann ist in der FAZ ebenfalls nicht so begeistert. Musikalisch ist das Ganze eher "eine Zumutung". Camilla Nylund "als Isolde ausgerechnet mit Andreas Schager als Tristan singen zu lassen war keine gute Idee." Zwar sei Nylund "eine feine, überlegte Sängerin, die mit großer technischer Perfektion Töne ansetzt, die noch im Pianissimo bis in die letzte Reihe tragen, und mit genau kalkuliertem Atem ihre langen, streng gebundenen Phrasen baut - aber gegen eine Kraftnatur wie Schager wirkt sie blass und verschüchtert. Schager hingegen ist ein Heldentenor aus Fleisch und Blut, ohne Konditionsprobleme für die Fieberekstasen im dritten Aufzug, mit einem gewaltigen Stimmorgan gesegnet, das für die zärtlichen Momente seine eigenen Farben hat - aber gegen eine vokale Aristokratin wie Nylund wirkt er als grober Klotz."
Viel zur Modernisierung der Bayreuther Festspiele trägt Thorleifur Örn Arnarssons Inszenierung von "Tristan und Isolde" wohl nicht bei, meint Tobias Rüther in der FAS. Muss sie aber auch gar nicht: Denn die "Festspielchefin Katharina Wagner...hat in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass in Bayreuth Dirigentinnen am Pult stehen (in diesem Jahr sind es drei)" und "dass digitale Techniken zum Einsatz kommen." Das Publikum ist jedenfalls hin und weg von der Aufführung, so Rüther: "Am Ende sind die Liebenden tot, was sonst, und der Saal tobt, feiert die Stimmen (nur Günther Groissböck als Marke bekommt vereinzelte Buhrufe ab) und den Dirigenten Semyon Bychkov."
"Große Bilder werden geboten", aber der Durchblick fehlt, gähnt Judith von Sternburg, die Arnarsson in der FR geradezu "Regieverweigerung" vorwirft: "Zum Beispiel steht die Frage im Raum, ob - wenn doch frühzeitig ein Liebestodestrank eingenommen wird - eine Geschichte unter Toten erzählt wird (das Schiff: untergegangen, darin gefangen einige Gespenster). In einem frappierend statischen Spiel beziehungsweise Nichtspiel lässt die Regie aber nicht durchblicken, ob sie an so etwas gedacht hat. Oder woran sie sonst gedacht hat." "Hat uns die Aufführung verrückt gemacht? Ja, immer wieder mal beinahe", kommentiert Helmut Mauro in der SZ. Weitere Besprechungen in Tsp, Zeit Online, nmz.
"Die Kraft der Kunst steigt in Krisenzeiten sprunghaft an", sagt die russische Politologin Nina Chruschtschowa in ihrer Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele, die die SZ abdruckt. Kunst könne zwar autoritäre Regime nicht verhindern, sie aber enttarnen: "Selbst wenn die Politik ihre Agenda noch nicht formuliert hat, die Kunst hat sie bereits enthüllt." Chruschtschowa warnt auch davor, Kunst aus Russland generell zu sanktionieren, denn dort stelle die Kunst eines der wichtigsten Instrumente im Kampf gegen den Kreml dar: "Angesichts der aktuellen Praxis, Kunstwerke nur deshalb abzulehnen, weil sie von Russen geschaffen wurden, ist es mutig, dass die Salzburger Festspiele nicht nur eine, sondern gleich zwei Dostojewski-Opern im Programm haben, deren Protagonisten geschundene Menschen sind: 'Der Idiot' und 'Der Spieler'. Das diesjährige Opernprogramm stellt eine Zeile aus 'Der Idiot' besonders heraus: 'Mitleid ist das einzige Daseinsgesetz der Menschheit.' Im selben Roman Dostojewskis findet sich der ebenso treffende wie idealistische Satz: 'Die Welt wird durch Schönheit gerettet werden.'"
Besprochen wird Andreea Geletus Inszenierung von Niccolò Piccinnis Operette "Dido - Königin von Karthago" an der Kammeroper Schloss Rheinsberg (Tsp).
(MI)MOSA. Bild: Paula Court. Wiebke Hüster freut sich in der FAZ, dass zumindest in Österreich der Tanz noch hoch geschätzt und finanziell unterstützt wird. Das ImpulsTanz-Festival in Wien überzeugt sie bei seinem vierzigsten Jubiläum entsprechend auch mit bereits bekannten Stücken: "Dem unablässigen 'piece drain' des zeitgenössischen Tanzes wirksam entgegenzutreten, indem man einfach ältere Produktionen zum zweiten Mal einlädt - eine großartige Idee. Das Stück '(M)IMOSA' zeigt Trajal Harrell mit drei weiteren Tänzer-Choreographen: Cecilia Bengolea, François Chaignaud und Marlene Monteiro Freitas. Der All-Stars-Auftritt der Älteren, die in ihren jeweiligen Kosmos einladen und einem staunenden Publikum in Soli ihre Geschichte, ihre popkulturellen Wurzeln, ihr Können als Sänger, Tänzer, Schauspieler zu Füßen legen, vergeht wie ein Hollywoodfilm mit Starbesetzung und Überlänge: im Nu. Erst wenn das Licht wieder angeht, spürt man, wie heimelig es in der Welt dieser sich zugleich enthüllenden und hinter tausend Theatergesichtern verbergenden Künstler war. Nicht, dass sie die Härten ihrer Bühnenexistenzen in '(M)IMOSA' verbergen würden."
Tristan. Foto: Enrico Nawrath.Die Bayreuther Festspiele haben begonnen, Christiane Peitz teilt im Tagesspiegel einen ersten Eindruck von "Tristan und Isolde" in der Inszenierung von Thorleifur Örn Arnarsson: Nicht völlig hingerissen ist sie, die Inszenierung ist eher solide, meint sie: "Tristan will, dass sein Macho-Ich stirbt, er entsorgt sich gleichsam selbst auf dem Müllhaufen einer überkommenen Männerwelt. Während Isolde das letzte Wort hat. Leider will der Gesang von Camilla Nylund und Andreas Schager nicht recht zur Verkehrung der Geschlechterrollen passen. Schagers expressiver, oft schneidender, etwas steifiger Heldentenor und Nylunds weich timbrierter, die innere Dramatik nuancenreich ausgestaltender Sopran harmonieren nicht miteinander, ja, er übertönt sie nicht selten. Und Semyon Bychkov am Pult verfolgt mit dem Festspielorchester wieder eine andere Agenda, stellt die 'Tristan'-Musik manchmal still, entwickelt Ekstase und Klangopulenz immer wieder wie aus dem Nichts. Das Premierenpublikum zeigt sich angetan von den Titelhelden, von Bychkow, von einer fabelhaften Christa Mayer (Brangäne) und einem jovialen Olafur Sigardson (Kurwenal), während Günther Groissböck (Marke) nach seinem schwachen Auftritt im zweiten Akt einige Buhs hören muss. Begeisterungsstürme toben nicht durch den Saal."
Weiteres: Jan Brachmann macht sich in der FAZ Gedanken zur Zukunft der Bayreuther Festspiele und ist - im Gegensatz zu Claudia Roth - durchaus optimistisch: "Es scheint so zu sein, dass die Festspiele selbst am besten wissen, wie sie sich verjüngen." Der Standard wirft schon mal einen Blick auf die Highlights der Salzburger Festspiele, die heute eröffnet werden.
Besprochen wird: Geumhyung Jeongs Performance "Find, Select, Copy and Paste" im Wiener Mumok (Standard).
So recht in Wagner-Stimmung wollen die Theaterkritiker dieses Jahr offenbar nicht kommen. Während die Salzburger Festspiele mit Christian Thielemann, einigen Opern-Raritäten und, ähm, einem Russland-Schwerpunkt aufwarten, wirkt das Programm in Bayreuth geradezu festgefahren, seufzt Reinhard J. Brembeck in der SZ: Neu ist kaum etwas: "'Tannhäuser' bleibt 'Tannhäuser', ganz egal, wer da dirigiert und singt. Es gibt nur Abstufungen in der Qualität, für die das Publikum dann aber mehr oder weniger Geld zu bezahlen bereit ist." Man muss ja nicht gleich "Hänsel und Gretel" geben, aber "vorstellbar wäre jährlich eine Uraufführung im Festspielhaus, es würde Wagners Sucht nach Neuem und Avantgarde entgegenkommen. Zumal alle Opernmacherei nach Wagner bis heute auf ihn reagiert, sei es in Fortschreibung oder Ablehnung, das gilt für Puccini wie Stockhausen, Debussy wie George Benjamin, Henze wie Rihm. Aber solch eine Erweiterung würde Geld kosten, viel mehr als Bayreuth derzeit zur Verfügung hat, viel mehr als es selbst mit ausverkauften Vorstellungen einnimmt. An diesem Punkt sind Bund, die widerstrebenden Bayern und die Bayreuthfreunde gefordert, auf dass die Wagner-Festspiele wieder wie zu Zeiten ihres Schöpfers Avantgarde und nicht zum Ragnarök der Wagnerweiterverwurschtung werden."
In der Zeit konstatiert auch Christine Lemke-Matwey nach 29 Sommern in Bayreuth schwindende Relevanz und schließt: "Sollten alle Stricke reißen, haben wir bei Richard Wagner ja immer noch den Antisemitismus." In der FAZ erträumt sich Jürgen Kesting indes seinen idealen "Ring", dirigiert von Bruno Walter oder Joseph Keilberth. Im Tagesspiegel ist Christiane Peitz zumindest gespannt, was für einen "Tristan" Thorleifur Örn Arnarsson auf die Bühne bringen wird: "Der Hamburger Abendzeitung hat er verraten, dass sein Tristan kein strahlender Held ist, sondern 'ein verwundeter Mensch', dem mit Isolde eine aktive Agentin gegenüberstehe, 'Subjekt statt Objekt'." Die Welt präsentiert Bayreuth im Liveticker und verrät: Thielemann wird 2025 wieder in Bayreuth dirigieren.
Szene aus Dada Masilos "Hamlet". Bild: yakoone Für ihre Hamlet-Inszenierung stellt die südafrikanische Choreographin Dada Masilo beim Wiener Impulstanz Festival Ophelia ins Zentrum - und auch sonst sorgt Masilo für einige Überraschungen, freut sich Nachtkritiker Martin Thomas Pesl: "Mit erfrischender Radikalität hat die Choreografin aus Shakespeares Tragödie alles Intellektuelle herausgezogen. Übriggeblieben sind ein Minimum an Text und das - nunmehr vertanzte - Handlungsgerüst, freilich ohne Anspruch auf chronologische Genauigkeit: So persifliert Masilo herrlich das Chaos im fünften Akt (wer hat nochmal wen mit welchen Kelchen vergiftet?), indem sich einfach die gesamte Tanzkompanie mit Bechern ausgestattet elegant zu Tode tanzt." Masilo "setzt sich mit der europäischen Balletttradition ebenso auseinander wie mit zeitgenössischen Formen und afrikanischen Tanztraditionen", kommentiert Uwe Mattheis in der taz: "Sie entwickelt daraus ein vollkommen eigenes Vokabular. Das führt sie nicht in den Eklektizismus, es gelingen ihr vielmehr erstaunliche Synthesen." Das Stück gehört nicht zu Masilos besten Inszenierungen, meint indes Helmut Ploebst im Standard: "Der weitgehend textfreie Tanz bleibt zu leicht, das Schauspiel zu schwach, die Musik viel zu dünn..."
Mehr aus Bayreuth: Valentin Schwarz spricht für nmz mit dem "Ring"-Regisseur Valentin Schwarz. Joachim Lange wiederum unterhält sich, ebenfalls für nmz, mit einer der drei erwähnten Wagner-Dirigentinnen, Simone Young. Christiane Lenz porträtiert in der Berliner Zeitung den israelischen Regiestudent Kerem Hillel, der dieses Jahr den "Fliegenden Holländer" inszeniert.
Immer eine Reise wert sind laut FAZlerin Lotte Thaler auch die Opernfestspielen in Heidenheim. Dieses Jahr präsentiert die Regisseurin Rosetta Cucchi eine denkbar unsentimentale Inszenierung von Giacomo Puccinis "Madame Butterfly": "So schonungslos in der Desillusionierung einer Frau sieht man diese Oper nicht alle Tage. Cio-Cio-San lebt als Kindfrau in einem Muschelgehäuse des Bühnenbildners Tassilo Tesche, wird von allen Männern - dem Heiratsvermittler Goro (Musa Nkuna), dem Onkel Bonze (Alexander Teliga) - hin und her geschoben und ist wie in einem Wahn gefangen, dass Pinkerton sie liebt. Olga Busuioc verausgabte sich dabei in fast beängstigender Rollenanverwandlung, zwischen Lustschrei und Flüstern, Traumvision und Verlust des Verstands."
Weiteres: Bei Backstage Classicalunterhält sich die Sängerin Ausrine Stundyte, die bei den Salzburger Festspielen Dostojewski-Oper "Der Idiot" singt, mit Monika Mertl. Georg Kasch stellt auf nachtkritik fest: Die Operette lebt! Besprochen werden Roman Hovenbitzers Inszenierung von Lohengrin beim Opernfestival in im finnischen Savonlinna (FAZ) und Iris Strombergers Inszenierung von Goethes "Faust" bei den Heppenheimer Festspielen (FR).
Szene aus dem neuen "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen. Foto: Monika Rittershaus nachtkritiker Reinhard Kriechbaum muss zugeben: Das hat was! Eine so werkgetreue Inszenierung von Hugo von Hoffmannsthals "Jedermann" hat er bei den Salzburger Festspielen schon lange nicht mehr gesehen. Nach einigen ziemlich experimentellen Inszenierungen und der überraschenden Absetzung von Michael Sturmingers Version des letzten Jahres, ist bei Robert Carsen jetzt "buchstabengetreue Läuterung" angesagt, so Kriechbaum. Der Kritiker kann sich damit anfreunden, trotz ein paar Längen: "Die Tischgesellschaft! Robert Carsen hat auf ein Bühnenbild verzichtet, dafür bietet er Mengen an Komparsen auf. Jedermann bietet seinen Freunden ein Fest im Clubsetting, es wird viel getanzt, Philipp Hochmair und Deleila Piasko legen auf einem der sieben runden Tische einen flotten Tango hin. Der Dicke Vetter hebt zu einer Gesangseinlage an. Es gibt zu hören und zu schauen. Die Jedermann-Rufer platzen in eine Rock-Nummer hinein. Wie sich der Tod durch dieses Getriebe einen Weg zu Jedermann bahnen soll, kann man sich erst gar nicht vorstellen. Plötzlich ist er in der Bühnenmitte da. Im Outfit eines Kellners schenkt er Jedermann reinen Wein - Rotwein - ein."
SZ-Kritikerin Christine Dössel kann gut erkennen, dass Carsen, der gerne viele Menschen auf der Bühne versammelt, eigentlich Opernregisseur ist: "Am eindrucksvollsten ist die Party, die Jedermann auf der Terrasse vor seinem Palast im Licht der Discokugeln schmeißt, begleitet von einem Live-Orchester. Es sind Tanz- und Feierszenen, so lustvoll, glamourös und nächtlich schön wie in Paolo Sorrentinos oscargekröntem Film 'La Grande Bellezza', der in die High Society von Rom führt." Im Standardgefällt Stefan Weiss vor allem, wie der Tod hier daherkommt: "Carsen und sein Kostüm/Bühnen-Kollege Luis F. Carvalho verzichten auf jede Geisterbahnschminke und zeigen den Gevatter in Gestalt eines schönen Jünglings (Dominik Dos-Reis): gelockt und engelsgleich im weißen Messgewand - die Vorstellung, dass der Tod auch ansehnlich sein könne." Patrick Bahners freut sich in der FAZ über eine "im besten Sinne konservative" Aufführung.
Szene aus Rossinis "Tancredi". Foto: Karl Forster.
Rossini hat vor allem wegen seiner komischen Opern Bekanntheit erreicht, aber seinen "Tancredi" hätte er lieber in Moll enden lassen, erzählt Egbert Tholl in der SZ anlässlich von Jan Philipp Glogers Inszenierung der Oper in Bregenz: "Da das italienische Publikum einen tragischen Ausgang nicht mochte, ließ Rossini die Oper bei ihrer Uraufführung glücklich enden und holte das, was er vermutlich eigentlich im Sinn gehabt hatte, einige Wochen später in Ferrara nach. Der tragische Schluss wurde prompt ein Misserfolg, und Rossini schrieb abermals um, diesmal wieder zu einem Happy End." In Bregenz ist man nun allerdings wieder beim tragischen Ende der Geschichte um einen Familienzwist angelangt, hier in einer aufregenden Mischung aus Mafiakrimi und lesbischer Liebesgeschichte, so ist die Titelfigur eine Frau und "am Ende stirbt sie so allein, wie sie war. Sie kriecht über die Bühne, will noch einmal den Menschen sehen, dessen Loyalität sie nie wirklich begriff. Diese fünf Minuten der Anna Goryachova sind absolut überwältigend. Alles ist richtig, die Fragilität der Stimme, die Töne, die von weit her, aus einem Gefilde erwachender Erkenntnis zu kommen scheinen. Das alles ist todtraurig, aber, weil Oper, wunder-, wunderschön." Der ebenfalls zufriedene Stefan Ender fragt im Standard angesichts des Geschlechtertauschs in der Handlung: "Erleben wir gerade den großen Sommer der Frauenliebe?" Weitere Besprechungen in der Neuen Musikzeitung, im Standard und im Tagesspiegel.
Szene aus "Geld oder Leben". Foto: Marie-Laure Briane
Das Fallpauschalengesetzklingt für Nachtkritikerin Susanne Greiner erstmal nicht besonders spannend als Basis eines Theaterabends, aber Ulf Schmidts "Geld oder Leben" über die Krise des Gesundheitssystems am Münchner Metropoltheater weiß sie eines Besseren zu belehren: "Eine Glanzrolle absolviert Luca Skupin: Er dient als Äquivalent zu Texteinblendungen in Dokumentarfilmen und rattert in Roboterton und -gestik Daten herunter, dass es ein Vergnügen ist. Oder auch Erschrecken, wenn er Ärztekammerpräsident Karsten Vilmar mit dem Begriff des 'sozialverträglichen Frühablebens' zitiert. Als offenbar eine Diode durchbrennt und Skupin gar nicht mehr aufhören mag, in immer schnelleren Wortsalven die Posten einer Krankenhausabrechnung in Worten, Zahlen und Paragraphennummern zu verschießen, gibt's Szenenapplaus. Die Daten beruhen nicht auf Schmidts Fantasie."
Weiteres: Die Sanierung der Komischen Oper in Berlin droht an den Kosten von 500 Millionen Euro zu scheitern, meldet Sophia Zessnik in der taz. Anna Vollmer trifft sich für die FAS mit der aufstrebenden Dramaturgin Lena Brasch, die am Berliner Ensemble Stücke zu Spielerfrauen im Fußball und zu Britney Spears inszeniert hat. Manuel Brug stellt in der Welt mit Nathalie Stutzmann, Simone Young und Oksana Lyniv drei Dirigentinnen vor, die in Bayreuth für Furore sorgen und verbringt einen Tag mit Antonio Pappano, dem Chefdirigenten des London Symphony Orchestras. Besprochen wird Carl Maria von Webers "Freischütz" in der Inszenierung von Philipp Stölzl bei den Bregenzer Festspielen (Zeit, FAZ, FAS)
"Der Freischütz" in Bregenz. Foto: Anja Köhler. Die Handlung der am Ende des Dreißigjährigen Krieges angesiedelten Oper "Der Freischütz" von Carl Maria von Weber erfährt in der Inszenierung von Philipp Stölzl bei den Bregenzer Festspielen einige Modifikationen, bei der die Musik zu kurz kommt, ärgert sich Egbert Tholl in der SZ: Sie ist "von Enrique Mazzola viel zu zaghaft dirigiert, der Prager Philharmonische Chor sitzt drinnen bei den Wiener Symphonikern und wackelt bedenklich vor sich hin. Keine Not wird erzählt, jede Sehnsucht zerschellt an dem nächsten optischen Ereignis. Vielleicht sieht man hier ja die Post-Corona-Zukunft des Musiktheaters: Es geht um nichts, schaut aber gut aus." Michael Stallknecht ist in der NZZebenfalls skeptisch: "Sicher ist nur, dass man in Bregenz nun Oper als technisch avanciertes Popcorn-Kino erleben kann. Es taugt als Kino wenig und als Oper gar nichts."
Bezüglich des Bühnenbilds konstatiert Manuel Brug in der Welt: Es "ist mit seinen elf windschiefen Häusern samt versunkenem Kirchturm, käsigem Mond und 28 kahlen Bäumen sehr clever bei Tim Burton abgeguckt, irgendwo zwischen 'Sleepy Hollow' und 'Nightmare Before Christmas'. Das duckt sich auf dem Schneehügel und spiegelt sich im Sumpfwasser, aus dem sich zur bonbonbunt verrauchten Wolfsschlucht-Schlange Nessie ein Gaulgerippe mit Feuerräderwagen erhebt. Auch vorher tauchte hier schon ein beinahe hollywoodwürdiges Wassernixenballett auf. Wie überhaupt dieser 'Freischütz' nur was für Sänger mit Seepferdchenabzeichen ist. Jeder wird hier nass und muss mindestens einmal in den See; die Bösen müssen sogar wegtauchen." Weitere Besprechungen in der FR, Neuen Musikzeitung, im Standard und im Tagesspiegel.
Weiteres: Nachtkritikerin Shirin Sojitrawalla interviewtDorothea Hartmann und Beate Heine zum Beginn ihrer Intendanz in Wiesbaden. Besprochen wird Dada Masilos "Hamlet"-Interpretation auf dem Impulstheater-Festival im Burgtheater (Standard).
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