Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.11.2024 - Bühne

Die Komödie am Kurfürstendamm könnte am Sonntag 100. Geburtstag feiern - wenn ihr danach zumute ist. Denn das Berliner Traditionstheater ist heimatlos, seit sein Gebäude 2018 abgerissen wurde. Von der versprochenen Spielstätte im dort entstandenen Neubau ist noch nichts zu sehen, berichtet Andreas Hergeth in seiner taz-Hommage an das Theater. Für die Übergangszeit spielte man erst am Schillertheater und jetzt im Theater am Potsdamer Platz. "Natürlich hat die Firma in den Zeiten des Aus- und Umzugs gelitten, räumt [Inspizient Stephan] Emmerich ein, der das durch seinen Job als Inspizient und Betriebsratsvorsitzender gut beurteilen kann. 'Als Familienunternehmen am Ku'damm hatten wir alles an einem Ort, die beiden Bühnen links und rechts, die Verwaltung in der Mitte, die Werkstätten. Alles an einem Standort.' Das hatte seine Vorteile: kurze Wege, jeder kannte jeden. 'Das ist jetzt zerrissen. Und das tut vielen Leuten weh, auch heute noch, die dieses Familiending liebten.' Als Beispiel nennt er die Werkstatthalle, die sich nun in Spandau befindet, das bedeutet lange Wege für die Bühnenbauer und Elektriker. 'Und man sieht sich so selten. Das ist anstrengend und macht auch traurig. Und verbraucht mehr Ressourcen als früher.'

"Mord im Orientexpress", inszeniert von Katharina Thalbach. Foto: Franziska Strauss


Ab morgen ist in der Komödie wieder Katharina Thalbachs Inszenierung von Agatha Christies "Mord im Orientexpress" zu sehen. Im Interview mit der FAZ ist Thalbach immer noch stinksauer über den Abriss des Hauses: "Man misst sich so gern mit dem Berlin der goldenen Zwanzigerjahre - dabei gab es damals doppelt so viele Theater wie heute! Ich bin fassungslos. Und ich schäme mich." Und jetzt drohen auch noch Kürzungen für die Berliner Kultureinrichtungen: "Dass man die Fördermittel nicht einmal einfrieren kann, sondern dass man sie sogar kürzen will, ist obszön. Der Kulturetat ist mit zwei Prozent schließlich der kleinste im Berliner Haushalt. Soll mir mal einer erklären, warum der noch kleiner werden soll. Und übrigens - bei uns Schauspielerinnen und Schauspielern wurden die Gagen seit mindestens zwanzig Jahren nicht mehr erhöht. Bei den Diäten der Politiker ist das anders, hört man."

Weiteres: Judith von Sternburg unterhält sich für die FR mit Nadja Loschky über deren Frankfurter Inszenierung von Alban Bergs "Lulu". Besprochen werden zwei Inszenierungen von Wagners "Rheingold": von David McVicar an der Mailänder Scala und von Tobias Kratzer an der Bayerische Staatsoper ("Das neue Münchner "Rheingold" verhält sich zu Mailands gepflegter Langweile wie das Feuer zum Wasser. Es lodert und sprüht", schwärmt Eleonore Büning in der NZZ) und Wilfried Fiebigs Stück "Die Violine spielt das Holz" im Frankfurter Gallus-Theater (FR)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.10.2024 - Bühne

Die Münchner Kammerspiele haben gemeinsam mit dem Institut für Neue Soziale Plastik die Reihe "Schreiben über 'Die Situation'" ins Leben gerufen, in der jüdische und israelische AutorInnen alle zwei Monate literarische oder dramatische Texte über das Geschehen seit dem 7Oktober in Israel oder der Diaspora lesen. Die taz hat mit den Initiatorinnen, der Intendantin Barbara Mundel und der Dramaturgin Stella Leder über Antisemitismus im Kulturbetrieb gesprochen. Der 7. Oktober habe erst zum Vorschein gebracht, wie tief Antisemitismus im universitären aber auch im kulturellen Bereich verankert ist, sagt Mundel, die ihre Unterschrift zur Initiative GG 5.3 (unser Resümee) inzwischen zurückgezogen hat. BDS habe sie schon damals verurteilt, aber zunächst noch an Dialog geglaubt, erklärt sie. Leder wird konkreter: "Wir haben es mit einer zunehmenden Ideologisierung eines bestimmten Teils der kulturellen Sphäre zu tun. BDS erzielte die ersten Erfolge um 2017 in Deutschland. Schon damals wurde BDS als antisemitisch kritisiert. Die Reaktion von BDS-Anhängern war zu behaupten, damit werde die Meinungsfreiheit eingeschränkt. BDS argumentiert mit einer populistischen Rhetorik, die man bis dahin nur von AfD und Pegida kannte. Was dann geschah, war, dass die Behauptung der Einschränkung der Meinungsfreiheit von Künstlern und Kulturinstitutionen auf den eigenen Bereich übertragen wurde, indem behauptet wurde, die Kunstfreiheit werde eingeschränkt. Leder fordert: "wir müssen über die Geschichte des linken Antisemitismus reden."

Weitere Artikel: Im Van-Magazin porträtiert Volker Hagedorn den Bariton Bo Skovhus. Besprochen werden Tobias Kratzers "Rheingold" an der Bayerischen Staatsoper (Zeit, VAN), Ivan Fischers Inszenierung von Richard Strauss' Oper "Ariadne auf Naxos" beim Vicenza Opera Festival (FAZ) und das neue Stück "Bullshit" von She She Pop im Berliner Hebbel am Ufer (nachtkritik, Tagesspiegel)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.10.2024 - Bühne

Oper Leipzig - Romeo und Julia. Soojeong Choi als Julia. © Ida Zenna

Eine geschickt reduzierte und sehr zeitgemäße "Romeo und Julia"-Inszenierung zaubert die junge Choreografin Lauren Lovette an der Leipziger Oper aufs Parkett, freut sich Dorion Weickmann in der SZ. Sogar das Personal ist ausgedünnt: "Romeo ist augenscheinlich verwaist und Julias Mutter, Lady Capulet, regiert als elterliche Alleinherrscherin. Kein Vater in Sicht, ebenso wenig eine Amme. Die gleichaltrige Freundin Rosalinde ist Julias einzige Vertraute. Derlei Verschiebungen schärfen Psycho- und Beziehungsprofile, insbesondere in puncto Mutterfigur: Die Tänzerin Ester Ferrini verleiht ihr ein magnetisches Janusgesicht: halb Matriarchin, halb Megäre. Atmosphärischer Insta-Zauber lenkt das zentrale Doppelgestirn (Soojeong Choi und Andrea Carino) auf eher verspielte als leidenschaftliche Bahnen."

Stephan Mösch zeigt sich in der FAZ hocherfreut über Tobias Kratzers "Rheingold"-Inszenierung an der Münchner Staatsoper. Die problematischen Aspekte des Wagnerianismus wie etwa seine Verbindung zum "germanischen Christentum" würden von der Inszenierung nicht ausgespart, sondern ganz im Gegenteil zur Kenntlichkeit entstellt: Kratzer und sein Team sind "fleißige Arbeiter im Weinberg des Meisters und spielen zugleich mit dem Empowerment unserer Tage. Da kippt tiefschürfende Analyse in popkulturelle Verbindlichkeit - und umgekehrt. So entsteht Vielsprachigkeit. Konkret heißt das: Die Übergänge zwischen Ironie und Grausamkeit, Gotik und Game of Thrones, Videos und Bühne sind fließend. Alles strotzt von Anspielungen, ist gesättigt und zugleich unterhaltsam - bis hin zur schwarzen Ziege, die für Alberich einmal die Bühne überquert." Christine Lemke-Matwey hat auf Zeit Online ebenfalls Freude an der Inszenierung: "Das alles zusammen macht in seiner handwerklichen Virtuosität einfach: Spaß." Auf Van rezensiert Albrecht Selge.

Weitere Artikel: Jürgen Kesting ärgert sich in der FAZ darüber, wie Florentina Holzingers Opernperformance "Sancta" an der Staatsoper Stuttgart (unser Resümee) von der Regisseurin und der Presse zum - geldwerten - Skandal aufgebauscht wird. Michael Bartsch bespricht in der taz Stefan Schnabels Buch "Volkstheater der Zukunft: Die Gruppe Volker Lösch und der Dresdner Bürgerchor". Christian Wildhagen berichtet in der NZZ über die baldige Erstaufführung der Alfred-Schnittke-Oper "Leben mit einem Idioten" unter der Regie von Kirill Serebrennikow am Opernhaus Zürich, gegen die Zensurvorwürfe erhoben worden waren.

Besprochen werden Ella Milch-Sheriffs Oper "Alma" an der Wiener Volksoper (Welt, "Es fehlt der große Reflexionsbogen"; FAZ, "die ästhetischen Erfahrungsmöglichkeiten des musikalischen Theaters [bleiben] ungenutzt"), Ethel Smyths Oper "The Wreckers" am Staatstheater Meiningen (van, "Massenmord an stürmischer Küste, Fanatismus, Verrat, Hysterie und Liebe bis in den Tod, das wollen wir doch im Musiktheater") und eine Wiederaufführung von Franco Zeffirellis "Bohème"-Inszenierung an der Wiener Staatsoper (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.10.2024 - Bühne

Szene aus "Ich weiß nicht...". Volksbühne. Foto: ©Apollonia Theresa Bitzan

Welt-Kritiker Jakob Hayner wähnt sich zwischen "Gedächtnistheater" und "Gespensterstunde" an der Berliner Volksbühne, wo aktuell mit "Ich weiß nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis (Manzini-Studien)" ein letztes Stück von René Pollesch gespielt wird. Pollesch hatte das Nachspielen seiner Stücke nach seinem Tod verboten, umso intensiver erlebt der Kritiker einen der letzten Pollesch-Abende an der Volksbühne: Das Stück "zeigt in verdichteter Form, was Polleschs Theater ausgemacht hat. Wie bereits erwähnt, findet das ganze Schauspiel nach dem Drama statt, über das zwar geredet wird, obwohl man es nicht zu sehen bekommt. Die Schauspieler sind keine Figuren mehr, sondern haben alle einen Knacks (in dem Merve-Band, der hier als Vorlage dient, kommentiert der postmoderne Denker Gilles Deleuze den Lebenskrisentext von F. Scott Fitzgerald, wie die Eingeweihten wissen - und das hilft schon ein wenig mehr). Der Abend hätte auch heißen können: Was Sie schon immer über Postdramatik wissen wollten, aber nie zu fragen wagten. Auf der Suche nach Antworten plappern sich Kathrin Angerer, Martin Wuttke und Marie Rosa Tietjen durch ein dichtes Knäuel aus Kalauern, Psychoanalyse und Popkultur."

Weitere Artikel: Nicht gerade heitere, aber doch gelungene Theaterabende erlebt FAZ-Kritiker Martin Lhotzky am Wiener Burgtheater, wo Kay Voges Jon Fosses Frühwerk "Der Name" in skurril-absurder Inszenierung und Ersan Mondtag Sibylle Bergs Roman "Toto" in düsterer, aber äußerst musikalischer Inszenierung auf die Bühne bringen. Von Querelen am Stadttheater Bremerhaven, wo Intendant Lars Tietje den Generalmusikdirektor entmachten und künftig allein die künstlerische Verantwortung tragen will, berichtet Jens Fischer in der taz.

Besprochen werden der Auftakt der "Performing Arts Season" der Berliner Festspiele (Welt), der Auftakt von Tobias Kratzers "Ring"-Inszenierung unter dem Dirigat von Vladimir Jurowski am Münchner Nationaltheater (FR), Franz Wittenbrinks Kinderoper "Die kleine Hexe" nach Otfried Preußler an der Komischen Oper Berlin (FAZ), Alexander Eisenachs und Jan Jordans Inszenierung von "Wasteland: Peter Pan" sowie András Dömötörs Adaption von Hermann Kochs Roman "Das Dinner" am DT Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.10.2024 - Bühne

Szene aus "Mama Odessa" am Staatstheater Hannover © Kerstin Schomburg

Dass es sich beim Protagonisten von Maxim Billers Roman "Mama Odessa" um ein Alter Ego des Schriftstellers handelt, ist für nachtkritiker Andreas Schnell zweifellos. In Alice Buddebergs Adaption am Staatstheater Hannover, begegnet ihm Mischa, der zwischen der Vergangenheit seiner russisch-jüdischen Familie und der Israel-Sehnsucht seines Vaters hin- und hergerissen ist, gleich in dreifacher Ausführung, freut er sich: "Mit Lederjacke, Brille und Zigarette verkörpert Sebastian Nakajew die Erzählerfigur Mischa in der Eingangsszene fein zwischen einem abgehangenen Machismo und zerbrechlicher Melancholie, Alban Mondschein und Hajo Tuschy stoßen schon bald dazu und blättern die verschiedenen Aggregatzustände und Jahresringe eines Schriftstellerlebens nuancenreich und viele Zigaretten rauchend auf. Und manchmal schlüpfen sie in andere Rollen, die des Vaters etwa, oder dessen Freundes, des Springer-Journalisten Ulrich, während Irene Kugler als Mutter das fein gearbeitete Porträt einer oft enttäuschten, nie ganz versöhnten Frau zeigt."

In der SZ hält Till Briegleb generell nicht so besonders viel von diesen Literaturadaptionen, die schon nach einem Jahr auf die Theaterbühne gebracht werden - meist recht brav nacherzählt. Hier verleihen immerhin die tollen Schauspieler der Inszenierung Lebendigkeit, findet er, und: Wer das Buch nicht gelesen hat, dem "erhellt sich durch die enge Verflechtung persönlicher und historischer Erinnerung in dem Stoff vielleicht erstmals ein Ort der Sehnsucht und der Schrecken, der so eng verbunden ist mit den nicht enden wollenden Feindschaften dieser Tage."


Annette Dasch (Alma Mahler-Gropius-Werfel), Timothy Fallon (Franz Werfel) - © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ein "rhythmisch in herben Klängen dahinbrausender Dreistünder" wird SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck mit der Oper "Alma" über das Leben der Komponistin Alma Mahler-Werfel geboten: Ella Milch-Sheriff hat für diese sehr umstrittene Persönlichkeit (viele hassten sie, viele liebten sie, erinnert Brembeck) eine "feministische" Oper komponiert, die am Samstag an der Volksoper Wien uraufgeführt wurde. Und eines ist für den Kritiker klar: Diese Frau gehört auf die Opernbühne. "Ella Milch-Sheriff versucht erst gar nicht, Alma in allen Facetten und Widersprüchen zu zeigen oder gar ihre Faszinationskraft zu verstehen. Letztere setzt sie einfach voraus. Das funktioniert, weil Annette Dasch ganz natürlich der Mittelpunkt des Geschehens ist. Sie macht keine Show, sie brilliert nicht durch ausgestellte Virtuosität. Sie vereint singend und spielend Ruhe, Würde, Vitalität, Ausstrahlung, Stimmigkeit, Unangestrengtheit. So kann Dasch jenseits des Künstler- und Erotiktrubels, dessen Zentrum Alma immer war, eine starke, emphatische und verletzliche Frau zeigen, die in keinem Moment klein beigibt, aber immer wieder Kompromisse eingeht, bis zur Selbstverleugnung, um nicht marginalisiert zu werden."

Manuel Brug ist in der Welt nicht ganz so überzeugt von der Aufführung, findet aber, dass Wien Alma Mahler diese Aufführung einfach schuldet. Und die Musik ist auch ganz gut: "Ella Milch-Sheriff durfte Alma Mahler-Werfels Lieder nicht verwenden und zitieren, sie fehlen hier schmerzlich als tönende Menetekel. Dafür hören wir in ihrem collagenhaften, durchaus gekonnten, aber etwas zu langen Biografie-Pasticcio Anklängen an Heurigenlieder, Bach, Mahler, moderne Walzer. Ein schlüssiges, dramaturgisch funktionierendes, von Meir Wellber und dem prallen Volksopernorchester straff aufgefächertes Wiener Klangpanorama ist es trotzdem geworden(...)."

Besprochen werden Marc Beckers Inszenierung von Natalka Vorozhbyts Stück "Non-existent" am Staatstheater Mainz (nachtkritik), Roger Vontobels Inszenierung von Nikolai Gogols Stück "Der Revisor" an den Bühnen Bern (nachtkritik), András Dömötörs Inszenierung von "Das Dinner" nach dem Roman "Angerichtet / Het Diner" von Hermann Koch am Deutschen Theater Berlin (nachtkritik, FAZ),  Ewalina Marciniaks Inszenierung von Scott F. Fitzgeralds Roman "Der große Gatsby" am Schauspiel Frankfurt (FR), Reinhard Hinzpeters Inszenierung "Einsame Menschen" nach dem Stück von Gerhart Hauptmann am Freien Schauspielensemble Frankfurt (FR), Carolin Millners Inszenierung des Stücks "Macht endlich das Licht an! Eine Rothschild-Variation" am TD Berlin (Welt), Herbert Fritschs Inszenierung von György Kurtágs Beckett-Oper "Fin de Partie" an der Wiener Staatsoper (FAZ), Alexander Eisenachs und Jan Jordans Inszenierung von "Wasteland: Peter Pan" am DT Berlin (taz) und Keith Warners Inszenierung von Ethel Smyths Oper "The Wreckers" am Staatstheater Meiningen (NMZ, VAN).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.10.2024 - Bühne

Aline Wenner besucht für die NZZ Mitch Sebastian bei den Zürcher Proben zum Musical "Billy Elliot". Lena Schneider unterhält sich für den Tagesspiegel mit der ostdeutschen Theatermacherin Bettina Jahnke über Theater als "Erfahrungsraum der Demokratie".

Besprochen werden eine Wiederaufnahme von Rene Polleschs Inszenierung "Ich weiß nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis (Manzini Studien)" an der Volksbühne Berlin (taz), Ersan Montags Adaption von Sibylle Bergs Roman "Vielen Dank für das Leben" am Burgtheater Wien ("Der Abend hat also durchaus seine spaßigen Momente. Aber über die Dauer von fast drei Stunden trägt das nicht, wird die ganze ironische Herumkrittelei zunehmend fad - und die Figuren bleiben flach", bedauert nachtkritikerin Andrea Heinze), Azeret Kouas "Rhapsody" am Theaterhaus Jena (nachtkritik), "Jump Into The Void" von JAJAJA und Hajusom auf Kampnagel in Hamburg (nachtkritik) und Florentina Holzingers "Sancta"-Inszenierung in Stuttgart (taz, Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.10.2024 - Bühne

Ljubiša Tošić unterhält sich für den Standard mit der israelischen Komponistin Ella Milch-Sheriff über deren Oper "Alma", die an diesem Samstag an der Volksoper in Wien uraufgeführt wird. Es geht um Alma Mahler-Werfel: "Abseits bekannter Klischees über die als Alma Schindler geborene Berühmtheit, die auf die Rolle als Muse und Femme fatale des Fin de Siècle reduziert wurde, ist eine Frau kennenzulernen, die sich als Künstlerin selbst erstickt hat und drei Kinder verlor. In der Oper tritt Alma mit Tochter Anna in den Dialog, die als einziges ihrer Kinder das Erwachsenenalter erreichte (1904-1988)." Die Ehe mit Gustav Mahler ließ sie künstlerisch verstummen: "Von diesem Gedanken ausgehend, will Milch-Sheriff die Geschichte einer Frau erzählen, die zudem meinte, 'es nicht verdient zu haben, Mutter zu sein. Ihre Kinder - Maria, Manon und Martin - starben ja. Nur Anna überlebt. Alma erwartete auch ein Kind von Kokoschka, beendet aber die Schwangerschaft vorzeitig. Ich glaube, die ersten drei Akte lang wird man Alma hassen, später aber ein bisschen verstehen. Man sieht in ihr eine Art Monster, das sie nicht war.' Mit im Operncharakter integriert ist natürlich auch Almas Antisemitismus, belegt durch zahlreiche Äußerungen. Milch-Sheriff hat diesbezügliche Ausfälle in der Oper nicht ausgelassen."

Besprochen wird Tschechows "Der Apfelgarten" in der Inszenierung von Antú Romero Nunes am Thalia Theater (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.10.2024 - Bühne

Stefan Grund stellt in der Welt die Regisseurin Lola Arias vor, die in diesem Jahr mit dem Ibsen Award ausgezeichnet wurde. Besprochen werden Paulus Hochgatterers Anti-Bruckner-Stück "Der schlafende Wal" im Schubert-Theater Wien (Standard), ein Auftritt der Schweizer Kabarettistin Hazel Brugger mit ihrer neuen Show "Immer noch wach" in München (NZZ), eine Ausstellung über das Vermächtnis des Choreografen Alvin Ailey im Whitney Museum in New York (FAZ) und eine Ausstellung im Münchner Theatermuseum über Spielorte des Jugendstils (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.10.2024 - Bühne

Die Verwandlung - Schauspielhaus Zürich. © Gina Folly

Äußerst beschwingt lässt sich die Interimsintendanz Ulrich Khuons am Schauspielhaus Zürich an, berichtet ein mehrfach beglückter Egbert Tholl in der SZ. Unter anderem gibt das Theaterkollektiv Raum+Zeit "Doktor Spielrein" (heute auch in der NZZ besprochen), eine emotional intensive Virtual-Reality-Inszenierung mit Julia Jentsch als Sabina Spielrein, der berühmten Patientin C. G. Jungs, die später selbst Psychoanalytikerin wurde. Mindestens genauso toll findet Tholl Leonie Böhms Bühnenversion von Kafkas "Verwandlung" mit Eva Löbau, Lukas Vögler und Vincent Basse. Ein Stück, das zeigt, "dass man die Verwandlung in ein Insekt auch sehr positiv empfinden könnte. Nämlich als Befreiung von allen Zwängen und als Freude an neuen Fähigkeiten wie dem Krabbeln an der Decke. Dazu planschen die Drei in einem wie aus dem Bühnenboden gewachsenen Teich, flirten mit dem Publikum und finden immer wieder, freilich versponnen mäandernd, zu Kafka und einigen originalen Sätzen zurück, um am Ende mit Eric Claptons 'Tears in Heaven' zu enden."

Szene aus "King Lear". Bild: Arno Declair

Auch FAZ-Autorin Salomé Meier macht sich auf nach Zürich und erfreut sich an Anne Lenks phänomenaler "King Lear"-Inszenierung. Mit viel inszenatorischem Geschick wird hier ein abgründiger Geschlechterkampf in Szene gesetzt: "In einer riesigen, aufgerissenen Mundhöhle mit verführerischen Lippen haben sich die beiden Töchter Goneril und Regan eingerichtet. Ihre Kleidung ist jetzt ganz die zweier Racheköniginnen: seidene Hosen und rosarote Bustiers, von denen schreiende Frauenköpfe medusenartig aufs Publikum herabblicken, Zierbänder, auf denen die Namen einflussreicher Technologie- und Computerpionierinnen wie Ada Lovelace, Grace Hopper und Shirley Ann Jackson eingraviert sind, und aufgeplusterte Ärmel, die mit den Schlitzen und doppelten Perlenreihen an Vaginas dentatas denken lassen. Das also ist die verführerisch-tödliche Höhle des Bösen, wo King Lear und seine Armee alter Männer entmannt, excusé: entmachtet werden sollen."

Außerdem: Merle Krafeld setzt sich auf Van noch einmal ausführlich mit den Reaktionen auf Florentina Holzingers vermeintliches Skandalstück "Sancta" auseinander, das am Staatstheater Stuttgart für ausverkaufte Säle sorgt, jedoch auch Kritik auf sich zieht. Offensichtlich wird letztere kampagnenartig von fundamentalistischen Christen aufgezogen. Sylvia Staude befragt Tony Rizzi und Irene Klein in der FR über deren Arbeit mit Bill Forsyth. Holger Noltze schreibt in van über den Gütersloher Operngesangswettbewerb "Neue Stimmen", den er selbst moderiert. Wolfgang Behrens beschäftigt sich auf nachtkritik mit dem Berufsbild des Dramaturgen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.10.2024 - Bühne

Abraham Walkowitz: "Isadora Duncan". © John Neumeier Stiftung


SZ
-Kritikerin Dorion Weickmann wandelt gut gelaunt durch die Ausstellung "Tanzwelten" in der Bundeskunsthalle Bonn, die "eher lässig als gelehrt die Tanzlandschaft zwischen Ballett und Ballroom, Community und Contemporary Dance" aufrollt. Tanzbegeisterte Besucher haben hier sogar die Möglichkeit richtig zu tanzen, freut sich Weickmann, aber auch das Ausgestellte kann überzeugen: "Trajal Harrells frühe Voguing-Experimente über den Monitor flimmern zu sehen: Extravagante Hüftschwünge und auf halbe Spitze gestelzte Schritte, denen die Zuschauer seinerzeit mit unverhohlener Reserve begegneten. Bis irgendwann der Knoten platzte und sich die queere Laufsteg-Energie in ein gehyptes Kunstphänomen verwandelte, von dem selbst Techno-Tanzdesigner wie Sharon Eyal profitieren. Zumindest für Nicht-Routiniers lässt sich beim Gang durch 'Tanzwelten' eine Menge entdecken: hier ein markanter Stil, dort ein unbekanntes Gesicht oder Collagen von Nyota Inyoka, einer Vordenkerin, der bereits vor Jahrzehnten eine universelle Ost-West-Ästhetik vorschwebte." Nur, dass es keinen Katalog gibt, ist ein echter Mangel, findet Weickmann.

In der Florentina Holzinger-Performance "Sancta", bei deren Aufführung in Stuttgart sich wohl mehrere Menschen übergeben mussten (unser Resümee), spielt die Schauspielerin Annina Machaz Jesus. Die Bild-Zeitung nahm das zum Anlass, sie auf der Titelseite abzudrucken, erfahren wir im SZ-Interview, und zwar direkt neben einem Bild von Putin. Machaz ärgert sich, dass ihre Arbeit hier falsch dargestellt wird und kann den Skandal nicht so ganz verstehen: "Ich war auf einmal der 'Nackt-Jesus' aus der 'Skandal-Oper'. Dazu ein Foto von mir aus dem Abend, mit Namen. ... Ich bin nicht respektlos an diese Rolle herangegangen, überhaupt nicht. Ich bin übrigens auch nicht nackt als Jesus. ... Um Jesus zu spielen, habe ich drei Monate recherchiert und gelesen, Texte geschrieben, an der Rolle gearbeitet. Drei Monate Arbeit - und dann lässt man es aussehen, als würde ich einfach nur neckisch mein Dress ausziehen und irgendwie sexy in der Luft hängen. Das ist verletzend und wird meiner Rolle nicht gerecht."

Außerdem: nachtkritiker Wolfgang Behrens beschäftigt sich in seiner Theater-Kolumne mit dem Beruf des Dramaturgen. Besprochen werden Sebastian Baumgartens Inszenierung von Brigitte Reimanns Roman "Franziska Linkerhand" im Maxim Gorki Theater in Berlin (taz), Anne Teresa De Keersmaekers Choreografie "Il Cimento dell'Armonia e dell'Inventione" im Haus der Berliner Festspiele (taz), Bernd Mottls Inszenierung von David Bowies Musical "Lazarus" am Hans-Otto-Theater in Potsdam (taz) und Sophie Passmanns Bühnen-Performance ihres Buchs "Pick me Girls" am Berliner Ensemble (Welt).