Wird Shermin Langhoff als Leiterin des Berliner Gorki Theaters durch Çagla Ilk ersetzt? Die FR vermutet (ohne Autorenzeile), dass der Berliner Kultursenator Joe Chialo dies am kommenden Donnerstag bekannt geben wird. Und ist nicht erfreut: "Menschen, die die Vorstellungen des Maxim Gorki Theaters besuchen - der Senator zählt nicht zu ihnen - fragen sich, warum die Intendantin Shermin Langhoff abgelöst werden soll. Wer einen Blick auf die Besucherstatistik wirft, traut seinen Augen nicht. Was zum Teufel treibt den Senator, eine Theaterchefin, die eine Auslastung des Hauses von deutlich über 90 Prozent erreicht, abzulösen? Durch eine Frau, die nach wenigen Theatererfahrungen, die letzten Jahre ausschließlich als Kunstkuratorin tätig war? Unter anderem auch am Maxim Gorki Theater, wo sie nicht für das Theater, sondern für Projekte zuständig war, die darstellende, performative und bildende Kunst verbanden." Setzt lieber Joe Chialo ab, rät die FR.
Noch eine Personalie: Dieter Ripberger muss nach nur 9 Monaten als Geschäftsführer das Staatstheater Kassel verlassen. Die Hessische Landesregierung hat ihm gekündigt. Warum nur, wundert sich Jan Brachmann in der FAZ: "Die Entlassung noch in der Probezeit erfolgte ohne Begründung. Ripberger verlangte deren Rücknahme und drohte mit Einschaltung des Arbeitsgerichts. Der Intendant Lutz hatte erklärt, er sei 'über diese Entscheidung fassungslos und nehme sie persönlich als eine sinnlose Beschädigung unserer Arbeit am Staatstheater Kassel wahr'. Nun hört man von allen Seiten plötzlich Bedauern, Dankbarkeit und gute Wünsche - nur eines nicht: eine Begründung für diese Personalentscheidung."
Außerdem: Sandra Luzina porträtiert im Tagesspiegel das Tanzensemble "Dance On", dessen Fortbestand gefährdet ist. Esther Slevogt beschäftigt sich auf nachtkritik noch einmal mit der Aufregung um die Ausladung einer palästinensischen Theatergruppe beim Festival euro-scene Leipzig (siehe auch). Ebenfalls auf nachtkritikwendet sich Janis El-Bira gegen die Berliner Sparpläne im Kulturbereich.
Besprochen werden Anna Webers Jacques-Offenbach-Inszenierung "Fantasio" am Staatstheater Wiesbaden (FR, "die populistische Lustig-heißa-hopsasa-Mentalität (...) nimmt der Sache an Subtilität, was es ihr an Klamauk dazugewinnt") und Nadja Loschkys "Lulu" an der Oper Frankfurt (van, "hat ein Gespür für den schwarzen Humor im Stück und seinen musikalischen Rhythmus").
"Partenope" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller. "Vor lauter Glück ganz benommen" ist FAZ-Kritiker Jan Brachmann nach dem Besuch von Julia Burbachs Inszenierung der Händel-Oper "Partenope" an der Oper Frankfurt. Einfach nur großartig, was hier passiert, schwärmt der Kritiker, Dirigent George Petrou ist eben ein echter "Händel-Spezialist": "Von der himmlischen E-Dur-Arie des Arsace, 'Ch'io parta', hatte schon Händels Zeitgenosse Charles Burney behauptet, sie habe nur einen Fehler: Sie sei zu kurz. Aber Petrou und der umwerfende kroatische Countertenor Franko Klisović halten hier für sechs Minuten die Zeit an. Klisovićs warmes, technisch hervorragend von der Bruststimme her grundiertes Falsett wird von einem schier endlosen Atem getragen. Beim Da-capo der langsam ansteigenden Sekundsequenz, die er mit rührenden Melismen ausziert und so in der Wirkung noch steigert, scheint er durch die Ohren Luft zu holen. Der Mann ist ein Extremist der Innigkeit."
Auch Judith von Sternburg verfolgt angeregt, wie Königin Partenope von Neapel von drei Männern umworben wird - und am Ende alle "an ihren Platz verweist": "Jessica Niles hält als Titelheldin den Ball melancholisch flach, Partenope verliert die Staatsräson nie aus dem Blick. Niles' goldener, satter Sopran kann in Wallung und in Kaskaden geraten, aber meistens ist sie der ruhende Pol, um den herum die Werbenden sich umlauern. Das dunkle Timbre ihrer Stimme ist umso aparter, als sie der einzige Sopran weit und breit ist."
Die Einstellung zum Publikum verändert sich seit 2011 langsam bei jüngeren Theaterschaffenden, meint im Interview mit der taz-Interview Charlotte Orti von Havranek, Kuratorin des "Fast Forward"-Festivals in Dresden: "Manche der Künstler sagten damals, dass sie beim Produzieren nicht ans Publikum denken. Aber die Frage danach, welche Erfahrungsräume man dem Publikum eigentlich anbietet, beginnt, meiner Wahrnehmung nach, eine immer stärkere Rolle zu spielen. Das Nachdenken über das Theater als gesellschaftliche Kunstform hat einen größeren Stellenwert bekommen."
Weiteres: Katja Kollmann hat für die taz das Festival Theater der Dinge in der Schaubude Berlin besucht. In der FAZ berichtet Gina Thomas vom irischen Opernfestival in Wexford. Besprochen werden Stéphane Braunschweigs Inszenierung von Anton Tschechows "Die Möwe" am Theatre Odéon in Paris (nachtkritik), András Dömötörs Adaption von Péter Nádas' Text "Der eigenen Tod" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (nachtkritik) und Mariame Cléments Inszenierung von Charles Gounods Oper "Roméo et Juliette" an der Staatsoper Berlin (tagesspiegel).
Szene aus "Manhattan Project" am Wiener Burgtheater. Foto: Tommy Hetzel Auf eine "rasante Tour durch die Physik, durch die Politik, das Welt- und Zeitgeschehen" wird SZ-Kritiker Egbert Tholl von Stefano Massini mitgenommen, dessen Stück "Manhattan Project" von Stefan Bachmann am Wiener Burgtheater inszeniert wurde. Es geht aber auch um ethische Fragen, denn Massini widmet sich der Entwicklung der Atombombe durch das Forscherteam um Robert Oppenheimer. Schon die Bühne Olaf Altmanns ist eine "kleine Sensation", jubelt Tholl, "ein kreisrunder Käfig, ein Hamsterrad, das sich auch dreht. Darin die Forscher, die Physiker, die Bomberbauer, gefangen im Habitat ihres Denkens. Wenig wird davor gespielt, der Rest der Bühne ist schwarze Wand. Im ersten Teil, der bald einen fabelhaften Sog entwickelt und in dem Massini ungehemmt fabulieren kann und darf, turnen die Forscher in eleganten Dreiteilern der späten Dreißigerjahre in der Trommel herum. Sie erzählen, sie spielen selten, aber schon das Reden ihrer Figuren über sich selbst im epischen Duktus hat eine faszinierende Plastizität, ist ungeheuer gut gearbeitet."
Martin Lhotzky fand den Abend imposant, aber auch etwas "sperrig" wie er in der FAZ festhält. Die Schauspieler sind aber über jeden Zweifel erhaben: "Max Simonischek gibt Oppenheimer mit Inbrunst und darf jetzt als 'Prophet' meistens vor dem Riesenrad stehen, sich an die Drähte klammern und eine Art Countdown anregen. 'Wie viele Tage bleiben uns noch?'"
Weitere Artikel: In der FAZ lobt Wiebke Hüster die Arbeit der Choreografin Sabrina Sadowska, die seit 2017 Ballettdirektorin in Chemnitz ist.
Besprochen werden Pia Richters Inszenierung von Heinrich von Kleists Stück "Der zerbrochene Krug" am Staatstheater Saarland (nachtkritik), Selen Karas Adaption von Kurt Helds Roman "Die rote Zora" am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik), Mona Sabaschus' Inszenierung von Sabine Michels Stück "Die Vogtland-Revue" am Theater Plauen-Zwickau (nachtkritik), Sidi Larbi Cherkaouis Choreografie "An Accident/A Life" beim Tanzfestivals Rhein-Main 2024 (FR), Luise Kautz' Inszenierung von Verdis "La traviata" im Nationaltheater Mannheim (FR), Axel Ranischs Inszenierung der Strauss-Oper "Intermezzo" an der Semperoper Dresden (FAZ), Ulrich Wallers Inszenierung von Daniel Kehlmanns Stück "Nebenan" am Renaissance-Theater in Berlin (tsp), Rafael Sanchez' Shakespeare-Inszenierung "König Lear" am Burgtheater Wien (nachtkritik) und Kay Links Inszenierung von Zdeněk Fibichs Oper "Šárka" an der Staatsoper Prag (Welt).
In der Berliner Zeitungberichtet Ulrich Seidler von nationalistischen Ausschreitungen vor dem Bulgarischen Nationaltheater, wo John MalkovichsInszenierung der Shaw-Komödie "Helden: Waffen und der Mann" gegeben werden sollte, das die - fiktiven - Bulgaren wenig freundlich zeichnet, vor allem, was die Körperpflege angeht. Laut Malkovich spielt die Handlung in Bulgarien, "weil der Autor ein Land gesucht habe, 'das nur wenige Menschen kennen'. Ob er es damit besser machte?", fragt sich Seidler, der aber vor allem empört ist, dass die Polizei unfähig war, den Besuchern Zutritt zum Theater zu verschaffen.
Weiteres: Ulrich Seidler schreibt in der Berliner Zeitung den Nachruf auf den Schauspieler Hans Diehl. Besprochen werden Stefan Bachmanns erste Inszenierung als neuer Intendant des Burgtheaters mit Stefano Massinis "Manhattan Project" (nachtkritik), Zdeněk Fibichs Oper "Šárka" an der Nationaloper in Prag ("Die Chöre peitschen, die archaische Leidenschaft lodert, Tschechien strahlt. Zumindest an diesem Opernabend", notiert Welt-Kritiker Manuel Brug), Philipp Preuss' Inszenierung von Kleists "Zerbrochnem Krug" am Theater an der Ruhr ("Preuss meint es zweifellos gut", seufzt nachtkritiker Martin Krumbholz), die "Matrix Reinsurance" des Theaterkollektivs Markus & Markus in den Berliner Sophiensaelen (nachtkritik, Tsp) und Tschechows "Möwe", mit deren Inszenierung sich Stéphane Braunschweig als Intendant des Pariser Odéon-Théâtre de l'Europe verabschiedet (FAZ).
Das Stück "Antigones Vermächtnis" am Theater an der Parkaue in der Inszenierung von Athena Farrokhzad und Farnaz Arabi greift die Geschichte Antigones wieder auf, die sich im Streit mit König Kreon das Leben genommen hat, der Fokus liegt hier allerdings auf ihrer Schwester Ismene, erzählt Patrick Wildermann im Tagesspiegel: "Die hadert damit, in die Fußstapfen der scheinbar uneinholbaren Rebellen-Schwester treten zu sollen, der das 'Märtyrertum zu Kopf gestiegen' sei, die unbedingt 'eine Legende sein wollte'. ... Es braucht Zeit, bis sie aus dem Schatten Antigones heraustritt und verkündet: 'Es gibt keine Strafe, die mich davon abhalten kann, das Richtige zu tun.' Die Parallelen zu heutigen Protestbewegungen - wie eben Jin, Jiyan, Azadî - ergeben sich von selbst", so Wildermann, den die Aktualität des Stücks beeindruckt. Weitere Besprechungen in der nachtkritik und in der taz.
Weiteres: Christian Stückel leitet auch 2030 wieder die Oberammergauer Passionsspiele, wie die FR nach langen Diskussionen verkündet. Besprochen wird "Archiv der Sehnsüchte", basierend auf Deniz Utlus Roman "Die Ungehaltenen", das Hakan Savaş Mican am Staatstheater Hannover inszeniert hat (taz).
Beim Leipziger Theaterfestival euro scene wurde eine Performance des "freedom theatre" wegen Antisemitismus-Vorwürfen abgesagt, berichten Jessica Ramczik und Nicolas van Veen in der taz. Die Kontroverse betraf nicht das Stück selbst, sondern die politischen Umtriebe der Beteiligten. Dass die Festivalleitung von diesen nichts gewusst haben will, erscheint den Reportern recht unglaubwürdig: Das Freedom Theatre "versteht sich als Akteur des 'kulturellen Widerstands', durch den der 'bewaffnete Widerstand' gegen Israel unterstützt werden soll - eine Trennung wird explizit nicht vorgenommen, sondern auf der Webpräsenz des Theaters durch den Gründer für unmöglich erklärt. Im Rahmen der Initiative 'The Cultural Intifada', die in der Tradition der ersten beiden Intifadas verortet wird, ruft das Theater zu einer 'kulturellen Intifada' auf und präsentiert sich als Teil der als antisemitisch eingestuften BDS-Bewegung." Bereits vor der offiziellen Ankündigung des Stückes kritisierte eine angefragte Übersetzerin "die terroristischen und antisemitischen Hintergründe des Freedom Theatre in zwei längeren E-Mails. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Vorwürfen durch den Intendanten erfolgt nicht, [Festivalleiter Christian] Watty bleibt allgemein: auf beiden Seiten gebe es extrem problematische und radikale Positionen, das Hauptproblem seien Staaten, die ihre Legitimierung durch Religion und einen Gott begründeten. Das Theater habe man genau überprüft - und nichts gefunden."
Vielleicht ein Trost:
This is one of the most iconic pas de deux in all of contemporary ballet: Angelin Preljocaj's ballet Le Parc features stunning principal dancers Alice Renavand and Matthieu Ganio with the incredible @operadeparis! https://t.co/IXXsEsywvCpic.twitter.com/aaBLeWCSEQ
Opernhaus Zürich: Leben mit einem Idioten. Foto: Frol Podlesnyi Sensationell findet SZ-Kritiker Egbert Tholl Kirill Serebrennikows Inszenierung von Alfred Schnittkes grotesker Oper "Leben mit einem Idioten" nach einer Erzählung Viktor Jerofejews am Zürcher Opernhaus. Die Hauptfigur "Ich", der mörderische Idiot, ist diesmal nicht direkt Lenin nachgebildet, wie bei der Uraufführung 1992, und auch nicht Putin. Stattdessen ist sie universeller, allgemeingültiger angelegt, so Tholl. Der Wildheit des Stücks tue das keinen Abbruch: "Die Zerrüttung ist längst im Inneren angekommen, damit wird die Oper zeitlos gültig. Vergewaltigung, vielleicht Mord, irrer Sex - all das sind 'Ichs' Fantasien. Bo Skovhus, der als 'Ich' sein spätes Debüt an der Zürcher Oper gibt, singt und spielt die Zersplitterung der Identität mit grandiosem Furor, deklamiert, haucht im Falsett, dröhnt, ist ebenso brutal wie ratlos seinem Spiegelbild gegenüber. Er findet sich nicht mehr. Susanne Elmark als 'Frau' ist furchtlos, selbstbestimmtes Opfer, zerschneidet die Musik mit extremen Sopranhöhen."
Weitere Artikel: Ist auf den Bühnen die Zeit der Postdramatik vorbei? Margarete Affenzeller schreibt im Standard über die Renaissance des Dialogstücks. Richard Wagner hingegen braucht keine Renaissance, sein Ring ist nach wie vor allgegenwärtig, meint Holger Noltze in van mit Blick auf Aufführungen in München und Mailand. Patrick Wildermann blickt im Tagesspiegel voraus auf das FestivalTheater der Dinge. Robert Matthies spricht für die taz Nord mit Andreas Döring, dem Intendanten des von Kürzungen bedrohten Schlosstheaters Celle.
Besprochen werden "Der Drache" am Schlosspark-Theater Berlin (Welt) und die Antonio-Ruz-Inszenierung "Requiem" am Staatstheater Kassel (FR).
Szene aus "Lulu" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller. "Bewundernswerte Eleganz und hohes Formbewusstsein" zeichnet Nadia Loschkys Inszenierung von Alban Bergs Oper "Lulu" aus, schwärmt FAZ-Kritiker Jan Brachmann. Loschky hat das Stück für die Oper Frankfurt in die Dreißigerjahre verlegt, was Brachmann an den "stilvoll-dezenten, in allen Schattierungen von beige und oliv gehaltenen Kostümen" von Irina Spreckelmeyer erkennen kann. Damit wird das in der Oper transportierte Frauenbild, das nun nicht gerade emanzipatorisch ist, "klug historisiert", findet der Kritiker. Die amerikanische Sopranistin Brenda Rae stellt die Tragik der Figur zudem überzeugend dar: "Lulu wird auf Herkunft und Körper reduziert; wo ihr der Weg ins Erwerbsleben versperrt ist, bleibt am Ende nur der Ausweg ins Gewerbe. Zugleich wird die Gefühlskälte Lulus angesichts der toten Männer um sie verständlich: Sie bringt innerlich ihre Seele vor den Ansprüchen, stets eine andere sein müssen, in Sicherheit. Brenda Rae als Lulu macht das ebenso überzeugend wie staunenswert sparsam. Stimmlich ist sie eine Frau der langen, hohen Töne, weshalb ihr das Parlando in mittlerer Lage im ersten Bild nicht so gut liegt. Aber ihr ans Publikum adressiertes 'Lied der Lulu' und der Ausruf 'O Freiheit! Herr Gott im Himmel!' sind stimmlich von irisierender Schönheit".
Das Stärkste an dieser Inszenierung, bekräftigt Judith von Sternburg in der FR, ist, dass Lulu hier auf das Leid reagiert "wie ein Mensch, nicht wie ein wunderliches Wesen". Optisch hat die Aufführung auch einiges zu bieten: "Auf der Drehbühne gleiten mehrere hohe Halbkreise flugs und geschmeidig und geben den Blick frei auf immer neue Arrangements, vom schneeweißen Badezimmer bis zum gespenstischen Londoner Sperrmüllberg. Sie können die Bühne auch abschotten."
Szene aus Sajza Flower, National Experimental Theater "Kujtim Spahivogli"
Im Mai 2020 ließ die albanische Regierung das Nationaltheater in Tirana abreißen (unser Resümee). Doch die albanische Theaterszene ließ sich davon nicht unterkriegen. Tom Mustroph berichtet für die taz vom Festival "Kosovo Albania Theatre Showcase" (mehr hier), das den Austausch mit dem Rest europäischen Theaterszene sucht: "Die Austauschprozesse gingen in vielerlei Richtungen. Die Eröffnungsproduktion 'Flower Sajza' vom hauseigenen National Experimental Theatre bot einen berührenden Einstieg in die albanische Geschichte. Stacheldraht trennte Bühne und Zuschauerraum. Jenseits des Drahtes wühlte sich eine junge Frau aus einer Schlammgrube heraus, versank aber immer wieder darin. Sie wirkte wie der Geist jener Kinder, die in der ersten Dekade des Enver-Hoxha-Regimes unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Zwangsarbeitslagern umkamen. Den historischen Kontext lieferten Augenzeugenberichte - mal als Videoeinspieler, mal als Bühnenmonolog inszeniert."
Besprochen werden außerdem Leonie Rebentischs Adaption von Charlotte Gneuß' Roman "Gittersee" am BE Berlin (SZ), Timofej Kuljabin Inszenierung von Bertolt Brechts "Furcht und Elend des dritten Reiches" am Badischen Staatstheater Karlsruhe (nachtkritik), Emre Akals Inszenierung von "Barrrbie ein Puppenheim" im Thalia Theater Hamburg (taz) und Axel Ranischs Inszenierung der Strauss-Oper "Intermezzo" an der Semperoper Dresden (Welt), Kirill Serebrennikows Inszenierung von Alfred Schnittkes Opernsatire "Leben mit einem Idioten" am Opernhaus Zürich (NZZ).
Szene aus "Gittersee" am BE Berlin. Viel diskutiert wurde letztes Jahr über die Authentizität der DDR-Darstellung in Charlotte Gneuß' "Gittersee" (Unser Resümee). nachtkritikerin Elena Philipp hat den Roman in jedem Fall gerne gelesen, der mit einem "makellos konstruierten Spannungsbogen" von seiner jungen Protagonistin Karin erzählt, die schon im zarten Teenager-Alter von der Stasi umworben wird. In ihrer Inszenierung am Berliner Ensemble fokussiert Regisseurin Leonie Rebentisch, die auch die Bühnenfassung schrieb, "dem dialogischen Medium angemessen, auf das Verhältnis der Figuren; lässt sie vielsagende Blicke tauschen oder ein Lächeln zwischen Karin und Wickwalz, der die junge Frau wie ein kalt kalkulierender Marionettenspieler als 'scharfe Beobachterin' lobt und mit Bier und Zigaretten in die Erwachsenenwelt initiiert, auch einmal einen Moment zu lange stehen; kontrastiert die grobe Körperlichkeit zwischen Mutter und Tochter mit der verspielten Zärtlichkeit von Karin und Marie, die auf einem Sitzsack in einer DDR-Zeitschrift blättern und sich mit dem Lippenstift von Maries Freundin Marlene die Münder pink malen."
"Geschickt und einfühlsam" findettaz-Kritiker Michael Wolf Rebentischs Adaption: "An einer sehr klugen Stelle redet ihre Karin dann mit der Freundin über Kapitalismus und Sozialismus und darüber, ob auch sie rübermachen wollen würden, als Marie nur für einen Satz das Thema wechselt und fragt: 'Habe ich dir eigentlich schon erzählt, dass die Katze von Marlene schwanger ist?' Ja, so könnte es gewesen sein, so könnte es ausgesehen haben im Kopf einer jugendlichen DDR-Bürgerin, für die Politik, Klassengegensätze und die Verfasstheit ihres Staates genauso relevant waren wie die schwangere Katze der Freundin." Auch Christine Wahl (Tagesspiegel) hat die Aufführung im Tagesspiegel überzeugt, sie findet vor allem Amelie Willberg in der Rolle der Karin toll.
Besprochen werden außerdem Katie Mitchells Inszenierung von "Bernarda Albas Haus" nach Federico García Lorca am Schauspielhaus Hamburg (FAZ, nachtkritik), Cordula Däupers Inszenierung von Jacques Offenbachs Opéra-bouffon "Die schöne Helena" am Staatstheater Mainz (FR), Lies Pauwels Inszenierung von "Werther (Love & Death)" am Schauspielhaus Bochum (taz), Holle Münsters Inszenierung von "Das Universum vs. Alex Woods" nach dem Roman von Gavin Extence am Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz (nachtkritik) und Bernadette Sonnenbichlers Inszenierung von Molières Stück "Der Geizige" am Schauspielhaus Düsseldorf (nachtkritik).
Die Opern von Ethel Smyth erfreuen sich gerade großer Beliebtheit, stellt Robin Passon in der FAZ fest. Sie stelle die Regisseure aber vor die Entscheidung zwischen "schunkelndem Piratenkitsch und der Suche nach zeitloser Relevanz": Keith Warners Karlsruher und Jochen Biganzolis Meininger Inszenierung ihrer Oper "The Wreckers" entscheiden sich für letzteres, so Passon. Besprochen werden Christian Stückls Inszenierung von Daniel Kehlmanns Roman "Lichtspiel" am Münchner Volkstheater (SZ, nachtkritik), Lies Pauwels Inszenierung ihres Stückes "Werther (Love & Death)" am Schauspiel Bochum (nachtkritik) und Kathrin Mädlers Inszenierung von Nora Bossongs Stück "Grabeland" am Theater Oberhausen (nachtkritik).
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