Szene aus "Balau" an den Münchner Kammerspielen. Foto: Julian Baumann. Die "Echos der Kolonialgeschichte" hört FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster im neuen Stück des Choreographen Serge Coulibaly an den Münchner Kammerspielen. Beeindruckend findet Hüster an "Balau", wie die Schauspieler den Text des Schriftstellers Fiston Mwanza Mujila rezitieren, der die Schrecken des europäischen Kolonialismus thematisiert, aber auch die "Möglichkeit, zu verzeihen" in den Blick nimmt. Was den Tanz betrifft, hat sich das Ensemble hingegen ein wenig viel vorgenommen, kritisiert Hüster sanft: 'Manchmal soll der Tanz anzeigen, dass etwas weitergeht, etwas Schlechtes oder etwas Gutes, manchmal die inneren Konflikte ausstellen, vielleicht auch die körperlichen Wirkungen von Mujilas Text, in dem es in einem von Weigel herausragend gesprochenen Monolog heißt: "Wenn ich diese Leute sehe, möchte ich Heizöl pissen.' Es geht also darum, zu zeigen, was geschieht, wenn man wirklich zulässt, das Leid anderer im eigenen Körper zu spüren und es auch an anderer Stelle wieder abzuschütteln, etwas loszuwerden oder hinter sich zu lassen. Aber das ist ungeheuer schwer."
Besprochen werden Jan Bonnys und Jan Eichbergs Inszenierung von Klaus Manns Roman "Mephisto" am Düsseldorfer Schauspielhaus (SZ), Christoph Mehlers Inszenierung von "Hamlet" am Theater Ingolstadt (nachtkritik), Carlina DerksBustamantes Inszenierung der "postkolonialer Semi-Oper" "The Indian Queens" von Colectivo Yama am Theater Aachen (nachtkritik), Anne Lenks Inszenierung von Shakespeares "König Lear" in der aktualisierten Version von Thomas Melle am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik, NZZ), Michael Höppners Inszenierung der Mozart-Oper "Idomeneo" der Berliner Musikhochschule Hanns Eisler (tsp), Sebastian Baumgartens Inszenierung von Brigitte Reimanns Roman "Franziska Linkerhand" im Maxim Gorki Theater in Berlin (tsp), Anne Teresa De Keersmaekers Tanzstück "Il Cimento dell'Armonia e dell'Inventione" im Haus der Berliner Festspiele (tsp), die Choregrafien "Broken Bob" von Imre und Marne van Opstal und "Broken Sense of Beauty" von Xie Xin am Staatstheater Darmstadt (FR) und Ingo Kerkhofs Inszenierung von Verdis Oper "Macbeth" am Theater Heidelberg (FR).
Während an den meisten deutschen Häusern aktuell über die Kürzungen im Bundeshaushalt geklagt wird, packt man im Theater in Eisenach an: 1993 wurde das Schauspielensemble aufgelöst, 2012 wurde das Haus nach massiven Protesten der Bürgerschaft gerade noch vor der Schließung bewahrt. Seit der neuen Spielzeit hat das Eisenacher Theater mit Lydia Bunk, einer Castorf-Schülerin, eine vielversprechende neue Direktorin, freut sich Jakob Hayner in der Welt. Nicht nur Lessings "Minna von Barnhelm" und einen "Faust" wird Bunk selbst inszenieren, auf dem Spielplan stehen auch "'Misery' nach Stephen King und 'Solo Sunny' nach dem Defa-Film von Konrad Wolf und Wolfgang Kohlhaase - ganz ohne Ostalgie geht es im Osten nicht (…) 'Das Theater ist eine Bastion des Humanismus', sagt Bunk. 'Meine Freunde fragen mich, warum ich ausgerechnet in die AfD-Hochburg Eisenach gegangen bin. Aber 68 Prozent der Wähler haben nicht die AfD gewählt, die dürfen wir nicht vergessen.'"
Bestellen Sie bei eichendorff21!Kriegte Sophie Passmann für ihr Buch "Pick me Girls" vergangenes Jahr aus dem Feuilleton noch einiges auf den Deckel, funktioniert ihre Theateradaption am Berliner Ensemble offenbar besser: Ähnlich wie Nachtkritiker Christian Rakow (unser Resümee) staunt in der SZ auch Peter Laudenbach: "Wie Passmann die Balance zwischen Rampensau-Appeal, lässig servierter Komik und den härteren und dunkleren Unglückspassagen ihres relativ ungeschützten autobiografischen Buches hält, macht den Abend zum Ereignis, selbst für die vereinzelten weißen alten Männer im Publikum, die nicht unbedingt zur Kernzielgruppe der Show zählen." Tagesspiegel-Kritikerin Christine Wahl hat "wahrlich schon mit sinnfreierem Gepäck Theatersäle verlassen". In der Welt erlebt Marie Goldmann einen Abend, "der sich zugleich als Umarmung und Hommage an all die Frauen versteht, die so geworden sind, wie sie sind." Nur taz-Kritikerin Caroline Schwarz vermisst "neue oder radikale feministische Gedanken".
Besprochen werden außerdem Johannes HolmenDahls Inszenierung von Henrik Ibsens "Wildente" am Münchner Residenztheater (SZ, nachtkritik) und György Kurtágs Oper "Fin de Partie" an der Wiener Staatsoper (Welt).
"Fin de Partie." Bild: Sofia Vargaiova.SZ-Kritiker Egbert Tholl geht nach György Kurtágs Oper "Fin de Partie" an der Wiener Staatsoper, Samuel Becketts "Endspiel" nachempfunden, beschwingt nach Hause, obwohl es darin mit großen Schritten auf das Ende zugeht. Regie führt Herbert Fritsch: "Der stets aufgekratzte Regisseur entwirft dafür eine Partitur der Gesten und Grimassen, annähernd so detailliert wie die musikalische von Kurtág selbst. Der Raum ist so ikonisch, wie man es von Beckett-Aufführungen kennt: zwei graue Mülltonnen, darin Nell und Nagg, die Eltern von Hamm, die bei einem Fahrradunfall ihre Beine verloren. Hamm selbst sitzt blind in einem Rollstuhl, sein Diener, Gefährte, Faktotum Clov wuselt herum." Sehr zeitgemäß, findet Tholl: "In dieser zutiefst humanen Anleitung von Beckett/Kurtág/Fritsch liegt genau der Trost, den unsere von ganz allein absurd gewordene Welt braucht. Und das Orchester der Wiener Staatsoper spielt dazu federleicht, spielt neue Musik so selbstverständlich, als täte es nie etwas anderes. Dazu ein Hauch Wiener Schmäh, und lachend blickt man dem Untergang entgegen. Es geht zu Ende - vielleicht aber noch nicht. Und wenn, dann ist es eh wurscht. Herrlich."
Standard-Kritikerin Ljubiša Tošić ist ebenfalls angetan von den Untergangsgesängen: "Diese heitere Hölle der Hilflosigkeit hat Fritsch, auch für Bühne und grelle Kostüme verantwortlich, zu einem akribisch ausgestalteten Kammerspiel geformt, das mit der subtilen, nie grinsenden Musik organisch die omnipräsente Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit allen Bemühens ausbreitet. Dirigentin Simone Young lädt mit dem formidablen Wiener Staatsopernorchester den aphoristischen Charakter der Musik mit Energie auf. Deutliche Akzentuierung und jene farblichen Delikatessen, zu denen das Orchester befähigt ist, verleihen dieser introvertierten Musik Charme und Innenspannung. Heiterkeit auch nach dem Ende. Nachdem sich die grandiosen Protagonisten ihren Schlussapplaus abgeholt haben, taucht Regisseur Fritsch kurz aus der Mülltonne auf. Auch er wird mit Schlussapplaus beschenkt."
Was mit Männern so alles falsch ist, kannNachtkritiker Christian Rakow in Sophie Passmanns One-Woman-Show "Pick me Girls" am Berliner Ensemble sehen, basierend auf ihrem gleichnamigen Buch. "In autobiographischer Erzählung nimmt sich Passmann Körperbilder vor: Körper betrachtet von Männern, betrachtet von anderen Frauen, betrachtet von Eltern. Körper in ihrer sozialmedialen Hochjazzung auf Tumblr, Instagram & Co", erklärt Rakow, "der Stoff ließe sich auch als harte Selbstbespiegelungsprosa denken. Aber Passmann ist natürlich Popliteratin genug und Feministin genug und überhaupt empowered genug, um lässig über alle Abgründe hinweg zu spielen. Statt Selbstmarterung gibt's das endlose Spiel der Ironie." Sein Resümee: "Das Ding wird Kult, wussten sie ja selbst schon. Nach 'It's Britney, Bitch' der nächste feministische Kassenknüller am BE. Passmann ist eine coole Performerin, hat Drive, Komik, Crowdpleasing. 'Du wirst als Frau in der Öffentlichkeit immer radikal unterschätzt oder überschätzt. Man wird nie einfach nur geschätzt', sagt Passmann. Stimmt oft, aber hier und heute doch nicht. Einfach schätzenswert."
Weiteres: Der Theaterskandal um Florentina Holzingers "Sancta" (unsere Resümees) geht weiter, Monopol interviewt, VAN Magazinberichtet über die Hassnachrichten, die Holzinger bekommen hat. Festspielleiter der Oberammergauer Passionsspiele wird wahrscheinlich auch in Zukunft weiterhin Christian Stückl sein, meldet die FR nach längeren Diskussionen. Vom Gesangswettbewerb "Neue Stimmen" in Gütersloh ist das VAN Magazin ganz hingerissen.
Besprochen werden: "Chroniken vom Mars" nach Ray Bradbury in der Inszenierung von Philippe Quesne am Theater Basel (Nachtkritik), Tschechows "Der Apfelgarten" in der Inszenierung von Antú Romero Nunes am Thalia Theater (taz) und "Antigone" von Anne Carson, basierend auf Sophokles, inszeniert von Elsa-Sophie Jach am Theater Bremen (taz).
Florentina Holzingers Opernperformance "Sancta" (unser Resümee), in der unter anderem echtes Blut fließt, sorgt weiter für Aufregung, derzeit in Stuttgart. Christine Lemke Matwey berichtet in der Zeit von heißlaufender Onlineempörung bis hin zu Todesdrohungen, die Staatsoper Stuttgart reagiert unter anderem mit einer ausführlichen Triggerwarnung. Lemke Matwey vermutet, dass der Ärger etwas mit dem Ort zu tun hat, an dem das Nonnen-Skateboard-Spektakel zur Aufführung kommt: "Theater als Zumutung, als Angriff auf die körperliche Unversehrtheit - damit handeln Aktionskünstlerinnen und künstler seit je (Nitsch, Abramović, auch Schlingensief), Zwischenfälle sind mit eingepreist. Allein: In der Oper gelten andere Verabredungen, und das ist ein Teil des Stuttgarter Problems. In der Oper ist alles 'nur' gespielt, Liebe, Sex und Tod - in der Performancekunst hingegen treten reale Körper real in Aktion. Das kann zu Verwechslungen führen, Irritationen auslösen, zumal an einem Opernhaus, das es seinen Zuschauern traditionell schwer macht, die Flucht zu ergreifen. Die Augen schließen, sagt Viktor Schoner, gehe allerdings immer."
Außerdem: Das Leipziger Theaterfestval euro-scene lädt "And here I am", eine Performance des palästinensischen Freedom Theater, nach Antisemitismusvorwürfen aus, meldet die FAZ. Die Frankfurter Rundschau erinnert an die verstorbene Schauspielerin Carmen-Renate Köper. Sabine Leucht redet in der taz mit dem Regisseur Marco Layera über dessen Stück "Mia san Mia" an den Münchner Kammerspielen. Auf nachtkritikfindet wer möchte die aktualisierten Theater-Charts.
Besprochen werden "Die Maschine" nach Georges Perec im Schauspielhaus Hamburg (taz Nord, siehe auch hier) und Nuran David Calis' "Odysseus"-Inszenierung Landestheater Salzburg (Standard).
Ruth Rosenfeld hat im Stück "Die Entführung der Amygdala" an der Berliner Schaubühne 90 Minuten lang die Bühne für sich allein, berichtet Katja Kollmann in der taz. Es geht um die Belastungen, die Mutterschaft unter patriarchalen Verhältnissen mit sich bringt und beginnt noch eher konventionell mit Geschimpfe über die Verhältnisse. Sehr interessant wird es hingegen später im Stück, wenn die Hauptfigur in den Zustand der Amnesie eintritt: "Sie muss keine Rolle mehr spielen und ist nur noch für sich selbst verantwortlich. Rosenfelds Spiel wird jetzt intimer. Die neue Gefühlslage ihrer Protagonistin erreicht sie durch einen Mix aus Verwunderung, Verspieltheit und Distanzierung. 'Ich habe so dafür gekämpft, dass mir die Nähe, die Zärtlichkeit, die Liebe nicht all meine Kraft aus dem Körper presst', sagt die Figur. 'Wie soll ich eurer Zärtlichkeit begegnen, wenn ich dafür jemand sein muss, der ich nicht bin?' Ruth Rosenfeld legt ein letztes E-Gitarren-Solo hin, dann geht es weiter zur nächsten Galaxie."
Außerdem: Lola Arias erhält den Ibsen-Preis. Rüdiger Schaper porträtiert die unter anderem am Berliner Gorki inszenierende argentinische Regisseurin für den Tagesspiegel. Katrin Ullmann spricht in der taz nord mit den Kuratoren der Ausstellung "Temperamente des Theaters", die in der Hamburger StaatsbibliothekBühnenbücher präsentiert. Shirin Sojitrawalla startet in der nachtkritik eine neue Kolumne unter dem Titel "Tratsch & Trauma".
Besprochen werden Cathy Marstons Ballett "Clara" am Opernhaus Zürich (FAZ; "enttäuscht in mehrfacher Hinsicht"), Judith Kuckarts "Die Welt zwischen den Nachrichten" am Bremer Theater am Leibnizplatz (taz Nord, "Hörfunk zu inszenieren macht noch kein gutes Theater") und Mieczysław Weinbergs Oper "Die Passagierin" am Theater Lübeck (FAZ, "musikalisch auf sehr hohem Niveau").
Szene aus "Kill me". Foto: Mariano Barrientos Diesen Theaterabend wird Welt-Kritiker Jakob Hayner nicht mehr vergessen: Nach "Fuck me" und "Love me" schließt die argentinische Choreografin Marina Otero ihre Lebens-Trilogie am Berliner HAU Hebbel am Ufer ab, und schickt nicht nur fünf nackte Männer durchs Publikum, sondern bespielt die Bühne auch selbst, nicht nur körperlich nackt. In "Kill Me" geht es um Borderline, Depression, Schizophrenie, dabei gelingt Otero "ein Balanceakt. Weder wird das Leiden verschwiegen noch effekthascherisch instrumentalisiert. Es wird nicht zur Letztbegründung der eigenen Existenz (wie in den identitätspolitischen Entwürfen, die das Ästhetische kolonisieren), sondern zum künstlerischen Material, zum formbildenden Impuls. Das zeigt sich in den Figuren, die an dem Abend getanzt werden. Immer wieder kippt die aufrechte Achse des Körpers weg, eine Unwucht schleicht sich in die Bewegung, die in die Knie zwingt oder auf den Boden schleudert. Das hat eine eigene Schönheit, die Schönheit des Kaputten. Das Schöne wächst überall. Wie zur Illustration hockt sich Marina Otero über einen Blumentopf mit Narzissen, die sie mit ihrem Urin begießt."
Szene aus "Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh". Bild: Eike Walkenhorst Der Regisseurin Anita Vulesica gelingt am Schauspielhaus Hamburg das Unmögliche - und dringt ganz nebenbei noch zum "Wesenskern der Dichtung" vor, staunt Till Briegleb in der SZ: Vulesica hat Georges Perecs Goethe-Experiment "Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh" inszeniert, für das Perec Goethes Achtzeiler von einem fiktiven Computerprogramm bearbeiten ließ - bis am Ende ein Dada-Langgedicht mit verständlichen Silben stand. Die Schauspieler "legen sich hochambitioniert ins Zeug, den ausufernden logischen Unsinn mit Verzweiflung, Pathos und Melodie zu beherrschen. Mit absolut untechnischer Körperlichkeit, die von Schwitzen über Slapstick zur Sinnkrise reicht, tragen sie das Verlangte in rasendem Tempo fehlerlos vor. Das beginnt mit zackigen Aufzählungen, führt zu Anzüglichkeiten wie 'es walden die vögelein die ruhe schweigt, es vögelt die ruhe das schweigen waldet', steigert sich zu Lautverschiebungen wie 'über allen glipfen its uhr, in allen fipweln sprüest du, kaum einen chauh werta nur balde stuhre du auch'..."
Besprochen werden Stefan Puches Inszenierung von Georg Büchners "Woyzeck" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Robert Carsens Inszenierung von Antonio Cestis Oper "L'Orentea" an der Mailänder Scala (Welt), Oliver Reeses Inszenierung von Michael Frayns Spielbetriebskomödie "Der nackte Wahnsinn" am Berliner Ensemble (Berliner Zeitung, Tsp), der anthroposophische Theaterabend "Die Erziehung des Rudolf Steiner" von dem britisch-irischen Regiekollektiv Dead Centre im Stuttgarter Schauspiel (FAZ) und Jakob Peters-Messers Inszenierung von Gustav Holsts Oper "Sita" am Staatstheater Saarbrücken (FAZ).
Szene aus "Ende einer Verhandlung" am Staatstheater Meiningen. Foto: Christina Iberl. Als "intelligent bedrückendes Psychogramm" hat Frank Behnke das Stück "Ende einer Verhandlung" von Anna Gmeyner auf die Bühne gebracht, lobt Robert Passon in der FAZ. Mit dieser Premiere markiert das Staatstheater Meiningen "eine weitere Wegmarke der Gmeyner-Renaissance", freut sich der Kritiker: Lange waren die Stücke der britisch-österreichischen Exildramatikerin in der Versenkung verschwunden, seit 2020 werden sie nun wieder vermehrt gespielt. Zum Glück, findet Passon, der dieses Gerichtsdrama über zwölf Geschworene gespannt verfolgt: "Im Gewand der Kriminalgeschichte rührt Anna Gmeyner an strukturelle Missständen wie Misogynie oder Armut, stellt Fragen nach Schuld und Sühne. Dafür findet sie eine Sprache, die auch in der Übersetzung von Amanda Lasker-Berlin den Sog behält, der sich aus dem Nebeneinander von charmant-komischen Dialogen und intimen Innenansichten der Figuren ergibt."
Weiteres: In der FAZ denkt Wiebke Hüster nach dem Besuch von Ioannis Mandafounis Tanzstück "Join" darüber nach, was eigentlich heutzutage einen erfolgreichen Choreografen ausmacht. Besprochen werden Oliver Reeses Inszenierung von Michael Frayns Komödie "Der nackte Wahnsinn" am Berliner Ensemble (taz, nachtkritik, BlZ), das Stück "Die Erziehung des Rudolf Steiner" inszeniert vom Regiekollektiv Dead Centre (taz, nachtkritik), die von Aliki Schäfer, Andreas Vogel und Max Braun arrangierte Performance "Old Man (Look at My Life)" am Theater Rampe ebenfalls in Stuttgart (taz), Armin Petras' und Nina Rühmeiers Adaption von Lea Ypis Buch "Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte" am Theater Bremen (taz), Christian Schlüters Inszenierung von Günter Grass' Roman "Die Blechtrommel" am Theater Osnabrück (nachtkritik), Stefan Puchers Inszenierung und Bearbeitung von Georg Büchners "Woyzeck" am Staatstheater Wiesbaden (nachtkritik), Charlotte Sprengers Inszenierung von Kafkas Fragment "Amerika" (SZ), Andreas Merz Inszenierung von Joe Ortons Farce "Was der Butler sah" am Staatstheater Darmstadt (FR) und Burkhard C. Kosminskis Inszenierung von Dea Lohers "Frau Yamamoto ist noch da" am Schauspiel Stuttgart (FR).
Szene aus Brittens "Peter Grimes" in Amsterdam. Foto: Monika Rittershaus
Benjamins Brittens Oper "Peter Grimes" ist zwar inhaltlich etwas komplizierter, als Regisseurin Barbora Horáková Joly es an der Nationaloper in Amsterdam zeigt (ob er für den Tod zweier Jungen verantwortlich ist, bleibt bei Britten im vagen, für Joly scheint er unschuldig), dennoch ist FAZ-Kritiker Holger Noltze nicht unbeeindruckt von dieser Aufführung: "Es beginnt mit einem Freispruch, aus Mangel an Beweisen, und endet mit dem Todesurteil der öffentlichen Meinung. Sie braucht nicht mehr zu wissen, nachdem auch der zweite Junge umgekommen ist. Der nächtliche Aufmarsch Ortsgesellschaft, fackelnd, trommelnd, taschenlampenfuchtelnd, ist ein Fluchtpunkt der Inszenierung der tschechisch-schweizerischen Regisseurin Barbora Horáková Joly. Wie aus Fremdheit Hass wird, aus Ahnungen falsche Gewissheiten werden, wie wenig, wenn sich die Dinge zuspitzen, Liebe und Vernunft das Schlimme abzuwenden vermögen, das macht die offensichtliche, brennende Aktualität von Brittens Oper aus, und daran hält sich die Regie."
Besprochen werden außerdem Sören Hornungs "Von Maschinen und Menschen" im Konzerthaus Wernigerode (nachtkritik), Evy Schuberts "Last Prayer" im Berliner Ballhaus Ost (nachtkritik), Richard Burnels Inszenierung von Alban Bergs "Wozzeck" an der Oper Lyon (nmz), Offenbachs "Großherzogin von Gerolstein" in der Frankfurter Volksbühne ("Es war so dermaßen lustig", schwärmt FR-Kritikerin Judith von Sternburg), Ioannis Mandafounis' Choreografie "Join" im Bockenheimer Depot (FR), Robert Lepages "Glaube, Geld, Krieg und Liebe" an der Berliner Schaubühne (FAZ) und Florentina Holzingers "Sancta" nach Hindemith an der Stuttgarter Staatsoper (wo gleich 18 Besucher angesichts der drastisch-blutigen Inszenierung in Ohnmacht fielen, wie Egbert Tholl in der SZ berichtet. Selbst dem Daily Mail war das einen Artikel wert.)
Szene aus Haydns "Schöpfung". Foto: Sandra Then Für die FAZ hat sich Patrick Bahners beide Stücke zur Eröffnung der Saison an der Oper Köln angesehen, noch mehr als Roland Schwabs Inszenierung von Richard Strauss' "Elektra" scheint ihn allerdings Melly Stills Inszenierung von Haydns Oratorium "Die Schöpfung" fasziniert zu haben. Denn das, was der Musikkritiker Karl Friedrich Zelter bereits 1802 als "höheres Schattenspiel" beschrieb, das am "inneren Auge" des Konzertbesuchers vorbeizieht, bringt Still hervorragend auf die Bühne, so Bahners: "Sie bietet in mehrfacher Hinsicht ein Schattenspiel. Auch nach der Erschaffung des Lichts bleibt die Bühne über die längste Zeit düster. Auf der Rückwand zeichnen sich Wolkenformationen ab, Konstellationen von Grauwerten, Chiffren eines Gekräusels, das sich der Entzifferung entzieht. Den Erzählerfiguren aus dem festangestellten Ensemble der himmlischen Heerscharen hat die Regisseurin ein wuseliges Gefolge von Tänzern beigesellt, das die klaren Linien der pantomimischen Hauptaktionen der Urweltgeschichte durchkreuzt und verwischt."
Weitere Artikel: Winfried Tobias, Natalie Driemeyer, Thomas Keller und Jutta Brinkschulte bilden ab Sommer 2025 das neue Leitungsteam des Berliner Grips-Theaters, meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Nachtkritiker Vincent Koch resümiert die desaströse finanzielle Situation am Europäischen Zentrum der Künste HELLERAU in Dresden, das gegen ein existenzbedrohendes Minus von 1,1 Millionen Euro kämpft.
Besprochen werden außerdem FX Mayrs Inszenierung von Nele Stuhlers Stück "Und Oder Oder Oder Oder Und Und Beziehungsweise Und Oder Beziehungsweise Oder Und Beziehungsweise Einfach Und" in München (FAZ), der Auftakt des "Spy on me"-Festivals im Berliner Hebbel am Ufer (Berliner Zeitung), Taylor Macs Performance "Bark of Millions. A Parade Trance Extravaganza for the Living Library of the Deviant Theme" bei den Berliner Festspielen (nachtkritik), Thom Luz' Stück "Tourist Trap" in der Kaserne Basel (nachtkritik) und Armin Fuhres Buch "Sextropolis" über die Tänzerin Anita Berber und das wilde Berlin der Zwanzigerjahre (Berliner Zeitung).
Szene aus "Götterdämmerung". Foto: Ingo Höhn Mit dem "Siegfried" und zuletzt der "Götterdämmerung" ist Benedikt von Peters Basler Ring abgeschlossen, und SZ-Kritiker Egbert Tholl scheint recht zufrieden mit der Inszenierung, in der das Ensemble "mit sängerischen Glanzleistungen prunkt" und der Regisseur "alles Mythische abräumt": "Vom Beginn der Tetralogie an arbeitet Benedikt von Peter mit Puppen, mit stummen Statisten, mit einem manchmal verwirrenden Bezugsgeflecht. Im 'Siegfried' tauchen immer wieder alle Opfer Wotans auf, riesengroß, Hunding mit einem Hammer im Kopf, Alberich als Riesenkröte, die Rheintöchter, wunderschön. Ist Fafner erledigt, gesellt sich der Rest der prächtigen Wurmpuppe zu den Opfern. In der 'Götterdämmerung' wird das Puppentheater sinnstiftender, subtiler, auch dichter. Dazu gibt es Brünnhilde in drei Lebensaltern inklusive der Idee einer fröhlichen Kindheit, Siegfried holt das Kasperltheater aus Kindertagen hervor, Plüschtiere vertreten im Kleinen, was groß auf der Bühne herumläuft, dazu zwei echte Pferde." "Redundant", findet Georg Rudiger in der NZZ die Puppenidee, lenkt sie doch vom vom musikalischen Geschehen ab.
Weitere Artikel: Die Mezzosopranistin Doğa Eren Birlik ist die erste trans Opernsängerin der Türkei. Im Van-Magazinerzählt sie von den Repressionen, die sie erlebt: "Es gibt viele Morde an trans Menschen. Es war schon allein schwierig für mich, als trans Frau eine Unterkunft zu finden. ... Das ist auch der Grund, warum ich nach Deutschland kommen will. Als mein Vater erfuhr, dass ich trans bin, hat er gedroht, mich mit einem Küchenmesser umzubringen. Und dann ist er in Ohnmacht gefallen." Der Tagesspiegel berichtet mit dpa von medizinischen Zwischenfällen bei der Stuttgarter Aufführung von Florentina Holtzingers Skandal-Oper "Sancta".
Besprochen werden außerdem Kata Wébers und Kornél Mundruczós Stück "Method" an der Berliner Volksbühne (Zeit) und Richard Brunels Inszenierung von Alban Bergs "Wozzeck" an der Opéra de Lyon (FAZ).
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