Der Tagesspiegelmeldet unter Berufung auf die dpa, dass der russische Regisseur Kirill Serebrennikow überraschend ausreisen durfte: "Seit Montag leite er die Proben seiner Inszenierung von Tschechows Erzählung 'Der schwarze Mönch' am Thalia Theater. Serebrennikow war im Sommer 2017 verhaftet und in Hausarrest gesetzt worden. Das von der Staatsanwaltschaft geforderte Straflager wegen angeblicher Veruntreuung von Geldern wurde beim Prozess im Sommer 2020 in eine dreijährige Bewährungsstrafe mit Ausreiseverbot aus Russland umgewandelt. Jetzt habe er sehr plötzlich die Erlaubnis bekommen, in Hamburg zu arbeiten, hieß es."
Besprochen werden Yosi Wanunus tiefschwarzes Musical "The Dead Class" über Schüler kurz vor dem Amoklauf im Wiener WUK (Nachtkritik), die Farce "Grufttheater" in Innsbruck (Standard) und Mozarts "Così fan tutte" in Prag (NMZ).
Aèle Haenel in Gisèle Viennes "L'étang". Foto: Festvial d'Automne de Paris In der FAZ stellt Marc Zitzmann die französisch-österreichische Theatermacherin Gisèle Vienne vor, die mit ihren verstörenden Produktionen gerade beim Festival d'Automne in Paris gastiert. Besonders faszinierend findet er ihre Bearbeitung von Robert Walsers Dramolett "Der Teich": "Die Geschichte um den Buben Fritz, der, um die Liebe der Mutter auf die Probe zu stellen, seinen Wassertod inszeniert, wird so mit zwei neuen Facetten angereichert: dem erotisch aufgeladenen Verhältnis des Heranwachsenden zu seinem weiblichen Umfeld und seiner Flucht in künstliche Paradiese. Adèle Haenel, Muse eines jungen Autorenkinos und Galionsfigur der französischen MeToo-Bewegung, spielt nicht nur die Hauptfigur, sondern auch deren Geschwister und Spielkameraden. Wie sie blitzschnell von schnippisch (die Schwester Klara) auf weinerlich (der Bruder Paul) umstellen kann, von kreidebleich (der kränkelnde Nachbar Ernst) auf rotzig, verklemmt oder fies (diverse Buben auf der Straße), ist stupend."
Die Nachtkritikbringt ein "Manifest" des MetaLab der Universität Harvard, das im Streaming die Zukunft des Theaters sieht und deshalb nicht mehr nur auf Liveness setzt, sondern auf "Liveness Plus": "'Liveness' kann und muss das wesentliche Merkmal aller Schauspielformen der Vergangenheit und Gegenwart bleiben. Aber 'Liveness' bedeutet auf der Bühne der Zukunft, sich mit dem Wann, Was und Wo einer Darbietung unter Bedingungen auseinanderzusetzen, welche die Grenzen zwischen Präsenz und Telepräsenz, dem Verkörperten und dem Vermittelten, menschlichen Handlungen und Datenströmen, dem eigenen Bewusstsein und dem Metaversum verwischen. Diese erweiterte Darbietungsform kann nicht mehr als Nachkomme traditioneller Formen verstanden werden. Vielmehr geht es darum, für Publikum und Darsteller:innen neue Erfahrungshorizonte zu eröffnen: Erfahrungen aus bisher ungekannten Blickwinkeln, Wahrnehmungs- oder Zeitskalen; Ereignisse, die so konzipiert sind, dass sie für jeden einzelnen Kanal, der die Erfahrung der jeweiligen Darbietung strukturiert, einen Mehrwert darstellen." Und damit sind auch viele tolle neue Jobs verbunden! Etwa der Foyer-Hypester, der Virtual Space Realtor, General Latenz Manager oder der Live Captioning Maestro.
Weiteres: In der NZZporträtiert Nicola Berger das dänisch-österreichsiche Theaterkollektiv Signa, das mit seinem immersiven Theater einen ausgeprägten Sinn für das Subversive und für betörende Schönheit beweise und in Hamburg gerade mit dem Stück "Die Ruhe" gastiert. In der Berliner Zeitungrät Susanne Lenz, schnell noch ins Theater zu gehen, bevor diese wieder schließen.
Szene aus "Tristan und Isolde" in Halle. Foto: Falk Wenzel / Bühnen Halle
Eigentlich sollte Jochen Biganzolis Inszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" im letzten Frühjahr am Theater Hagen Premiere haben, aber wegen Corona wurde daraus nichts. Jetzt wurde sie in Halle aufgeführt. Und was für eine Aufführung das war, "minimalistisch, in Wirklichkeit aber durchweg spannend psychologisierend", schwärmt ein euphorisierter Joachim Lange in der nmz. Fünf separate Kleinbühne zeigen die Isoliertheit der Protagonisten: "Anfangs haben wir den ein wenig selbstverliebten - oder in sich selbst verloreneren - weiß gekleideten Tristan in dem größten der Bühnenkästen oben links mit Riesenfoto von sich selbst an der Rückwand. Diese neonweiße Zelle ist die zum Raum gewordene Selbstisolation des Tages in der Tag-Nacht Metaphorik des Textes. Isoldes Welt dagegen ist dunkel und lediglich mit einem Ledersessel bestückt. Die ganz in schwarz Gekleidete nutzt die dunkelgrauen Wände für reflektierende Sprüche, auch für einen Kreideumriss ihrer selbst und einen von Tristan. 'Das ist mein Brief an eine Welt, die niemals schrieb an mich.' Aus dem Programm erfahren wir, dass er von Emily Dickinson aus dem Jahre 1863 stammt - also aus der Entstehungszeit des 'Tristan'. Eine von den Hausaufgaben, die man mit nach Hause nimmt." Großes Lob auch für die Sänger: "Heiko Börner und Magdalena Anna Hofmann halten als Tristan und Isolde jedem Vergleich stand."
In einem Schwerpunkt für die tazstellt Sabine Seifert den TheatermacherGeorg Genoux vor, der künstlerische Projekte mit einem eher therapeutischen Ansatz in Sachsen initiiert. "Genoux macht dokumentarisches Theater. Er arbeitet ähnlich wie Milo Rau, den er sehr schätzt, mit Laien zusammen. Aber Genoux klagt die Verhältnisse nicht an, enthüllt nicht, sondern will verändern. Nicht die Welt draußen, sondern die Menschen, die er auf die Bühne holt. Menschen unterschiedlicher politischer Prägung und kultureller Herkunft, Menschen, die sonst nicht aufeinanderträfen, die sonst nicht miteinander reden würden - außer in diesem extra geschaffenen Rahmen, Raum, Theater. Geflüchtete Jugendliche und Erwachsene, Rentnerinnen, Arbeitslose, Zugezogene und Zurückgebliebene. 'Fährst du wieder nach Dunkeldeutschland?', würden ihn seine Freunde manchmal fragen. 'Mich widert diese Arroganz an', sagt Genoux: 'Das darfst du gern schreiben! Ich werde angefeindet, weil ich bereit bin mit Menschen zu reden, die rassistisch denken.' Ihm geht es darum, Menschen zum Reden zu bringen, um nachzuvollziehen, wie es dazu kommt, dass sie so denken."
Außerdem stellt Barbara Behrend in der taz die Theater-StreamingplattformenSpectyou.com und Nachtkritik.plus vor. Besprochen wird Susanne Reifenraths Stück "Der manipulierte Sex" am Lichthof Theater Hamburg (nachtkritik).
2018 verabschiedete sich der damals 69-jährige Reid Anderson nach 22 Jahren als Intendant des Stuttgarter Balletts. Als "Schattenintendant" soll er aber immer noch sehr aktiv sein. Zuletzt, indem er maßgeblich die Entlassung des Dirigenten Mikhail Agrest betrieben haben soll. So berichten es jedenfalls Josef-Otto Freudenreich und Rupert Koppold in einer Reportage für die Stuttgarter Wochenzeitung Kontext. Dass Reid das kann, hängt wohl auch damit zusammen, dass er eng liiert ist mit dem Erben John Crankos, Dieter Gräfe. "Tatsächlich tritt Anderson seit Jahren nicht nur als designierter Erbe des inzwischen 82-jährigen Gräfe auf. Sie reisen seit Jahrzehnten als künstlerische Sachwalter der Cranko-Ballette um die Welt, vergeben Aufführungsrechte (oder verweigern sie), schauen bei Proben zu, begutachten Inszenierungen, greifen auch ein bei der Besetzung der Rollen." Der Ballettkritiker Horst Koegler schrieb schon 2010, dass die Cranko-Erben "'jeder Kompanie mit dem Entzug von Aufführungsrechten drohen, die es wagt, dieser - nennen wir es einmal - sanften Nötigung zu trotzen.' ... Was Koegler als 'sanfte Nötigung' bezeichnet, wäre im Stuttgarter Fall eine Erpressung mit guter Aussicht auf Erfolg. Man stelle sich vor: Die Cranko-Stadt ohne Cranko! Genau: Unvorstellbar! Der Ruf wäre beschädigt. Ob wohl die edlen Spenderinnen Ariane Piëch, Ann-Kathrin Bauknecht, Herzogin Julia von Württemberg noch blieben? Hauptsponsoren wie Porsche?"
Besprochen wird ein "Hamlet" in Potsdam, mit der Sopranistin Anna Prohaska und Lars Eidinger (Tsp) und Hiroko Tanahashis "Spookai" im Berliner Theaterdiscounter (taz).
August Wilsons "Seven Guitars". Foto: Ryan Maxwell / Arena Stage Mit Sympathie nimmt Christoph Weissermel in der FAZ die Theaterstücke schwarzer Autoren auf, die nun endlich auch am Broadway und an anderen Bühnen in den USA gespielt werden. Besonders gut hat ihm August WilsonsKlassiker "Seven Guitars" in Washington gefallen, auch wenn die Inszenierung recht konventionell erscheint: "'Seven Guitars' spielt in der frühen Nachkriegszeit und beginnt mit der Beerdigung des jungen Bluesgitarristen Floyd Barton. Der Tod als Prolog - darauf folgen drei kurzweilige Stunden... Wilsons Stück lässt ein rau-musikalisches Textdickicht entstehen aus Smalltalk und Volksweisheiten, Bibelzitaten und Bluessongs, Rezepten und Radiobeiträgen, amüsanten wie tragischen Anekdoten und herrlich grotesken Diskussionen über das Krähverhalten von Hähnen aus Alabama oder Mississippi."
Nach den Turbulenzen am Badischen Staatstheaer Karlsruhe versichert Schauspieldirektorin Anna Bergmann, die unter der Bedingung angetreten war, dass sie ein Jahr lang nur Regisseurinnen verpflichten kann, im Interview in der Welt: "Wir sind entspannt und angstfrei, können aus Freiheit agieren, es gibt keinen Psychostress mehr."
Besprochen werden Salar Ghazis Dokumentarfilm "In Bewegung bleiben", der zehn Protagonisten aus Tom Schillings legendärem Tanztheater an der Komischen Oper in den letzten Monaten der DDR porträtiert (SZ) und John Crankos Ballett "Onegin" von 1965 mit der Compagnie der Wiener Staats- und Volksoper (Standard).
Steffi Hentschke blickt in der FAS auf die Zukunft des israelisch-arabischen Akko Theater Centers ein halbes Jahr nach dem schweren Brand. Besprochen wird Enis Macis Stück "Bataillon" am Wiener Schauspielhaus (Nachtkritik).
"Le Postillon de Lonjumeau" in Erl. Foto: Xiomara Bender
Ganz passend zum heutigen Zeitgeist findet Wolf-Dieter Peter in der nmzAdolphe Adamsopéra comique von 1836, "Le Postillon de Lonjumeau", die bei den Tiroler Festspielen in Erl aufgeführt wurde und für die "Ausstatter Kaspar Glarner ein mehrfach von 'Bauern' gedrehtes Theater-Bühnen-Haus gebaut hat: mit bespielter Vorder- und Hinterbühne sowie Seitengassen, vielfachen Vorhängen, Kristalllüstern und Kulissenimitaten; es führt wie nebenbei ganz wirbelig, spielerisch und amüsant das bis heute nachwirkende Theater des 18.Jahrhunderts vor. Und das Einverständnis mit Regisseur Hans Walter Richter war offensichtlich: in den schon dunklen Zuschauerraum tönte plötzlich 'Chef-Gebrüll' herein - und kurz drauf schritt 'Sa Majesté' Louis XV. im Zobelornat quer durchs Proszenium und wies rüde den unterwürfig eitlen Marquis de Crocy (treffend gespreizt: Steven LaBrie) an, gefälligst Ersatz für den liebestoll entflohenen Startenor der Opéra Royale aufzutreiben. Erst nach dieser 'Zutat' setzte Dirigent Erik Nielsen mit der Musik ein. Dem Kreislauf von Land-, Theater- und Pariser Adelsleben setzten Regie und Kostüm immer wieder kleine Blitzlichter des Amüsements auf, dabei Rollenspiele auf dem Theater wie im realen Leben als zeitlos entlarvend." Beeindruckt war auch Tagesspiegelkritiker Bernhard Doppler: "Erik Nielsen, in Erl auch Dirigent von Wagners 'Ring', führt vor, dass Adams Musik nicht nur Barockmusik zitiert, sondern durchaus auch Wagners Schwanenritter Lohengrin vorwegahnen könnte und zeigt immer wieder, welche Raffinesse, ja welche musikalischen Kleinode in Adams Oper stecken."
Weitere Artikel: In der NZZporträtiert Urs Bühler den Schweizer Komiker Beat Schlatter. Die nachtkritikstreamt über die Feiertage in 26 Stop-Motion-Videos "Grusel Grusel. Das Alphabet der Monster & Ungeheuer" des Performance Kollektivs "Neue Kompanie". Und die nachtkritik-Redaktion blickt zurück auf das Theaterjahr 2021.
Besprochen werden außerdem Bellinis selten gespielte Oper "Zaira" als "Theater unter Vorbehalt" am Stadttheater Gießen (nmz) und eine "Aida" am Linzer Landestheater (Standard).
Szene aus "La Vie Parisienne" am Théâtre des Champs-Élysées. Foto: Vincent Pontet
Im Pariser Théâtre des Champs-Élysées wurde die rekonstrierte Urfassung von Offenbachs "Pariser Leben" aufgeführt. Der tosende Beifall am Ende war gerechtfertigt, jedenfalls für die Musik, meint Roland H. Dippel in der nmz: "Es handelt sich um die in einem in der Bibliothèque Nationale de France gefundenen Noten-Konvolut folgende Rekonstruktion. Wichtigste Quelle war das Particell der Streicherstimmen für den dirigierenden Konzertmeister sowie Stimmen mit dem originalen Text Ludovic Halévys und Henri Meilhacs vor der Zensurfreigabe, dazu viele kleinere Übergänge und Modifikationen ... Glanzpunkt der Premiere am 21. Dezember war die fulminante Leistung von Les Musiciens du Louvre unter dem Offenbachs Esprit phänomenal einfangenden Romain Dumas. Der Klang hat Witz, Esprit und Verve. Die tiefen Streicher wirkten auffallend akzentuiert. Das Orchester gab dem Abend die bei Offenbach so wichtige Signifikanz und Pointensicherheit. In seiner Gesamtverantwortung für Regie, Bühne und Kostüme erachtete Star-Couturier Christian Lacroix dekorative Augenfälligkeit, Outfits und Ambientes für bedeutsamer als ein theatral und musikalisch kohärentes Tempo."
Außerdem besprochen wird Pietro Mascagnis "L'amico Fritz" bei den Festspielen Erl (nmz).