Ian McEwan

Kindeswohl

Roman
Cover: Kindeswohl
Diogenes Verlag, Zürich 2015
ISBN 9783257069167
Gebunden, 224 Seiten, 21,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Fiona Maye ist eine angesehene Richterin am High Court in London, bekannt für ihre Gewissenhaftigkeit. Mit ihrem Mann Jack, einem Geschichtsprofessor, ist sie seit mehr als dreißig Jahren verheiratet - harmonisch, wenn auch in letzter Zeit vielleicht ein wenig distanziert. So fällt Fiona aus allen Wolken, als er ihr eröffnet, dass er ihren Segen für eine außereheliche Affäre will. Genau in diesem Moment wird ihr ein eiliger Fall vorgelegt: Ein 17-jähriger Junge, der an Leukämie leidet, benötigt dringend eine Bluttransfusion. Aber seine Familie - Zeugen Jehovas - lehnt das aus religiösen Gründen ab. Genauso wie er selbst. Doch ohne Transfusion wird er qualvoll sterben. Fiona bleiben für ihr Urteil weniger als 24 Stunden. Kann sie jetzt, inmitten ihres emotionalen Tumults, ihre kühle Professionalität bewahren?

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 14.02.2015

Mit gemischten Gefühlen hat Rezensent Tim Caspar Boehme Ian McEwans neuen Roman "Kindeswohl" gelesen. Durchaus gespannt folgt der Kritiker Fiona Maye, Richterin am High Court, die nicht nur mit ihrer scheiternden Ehe, sondern vor allem mit einem Fall um einen 18jährigen Leukämie-Patientin, dem seine Angehörigkeit bei den Zeugen Jehovas eine rettende Bluttransfusion verbietet, zu kämpfen hat. Das hier entworfene moralische Dilemma, McEwans Beobachtungsgabe und auch die Idee, eine Richterin beim vorübergehenden Kontrollverlust zu beobachten, hat dem Rezensenten gefallen. Zugleich muss er aber auch gestehen, dass der Roman bisweilen nicht nur zu vorhersehbar, sondern auch ein wenig zu "ornamental" gerät.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.01.2015

"Formale und inhaltliche Anregung erster Güte" attestiert Thomas Hermann dem neuen Roman von Ian McEwan, dem die Auseinandersetzung mit den Gegensätzen von Glauben und Vernunft, Recht und Liebe große Tiefe verleihe, wie der Rezensent meint: Er erzählt die Geschichte der Londoner Richterin Fiona Maye, die im Fall eines siebzehnjährigen Zeugen Jehovas entscheiden soll, ob ihm die medizinische Hilfe verweigert werden darf, wie die dogmatischen Eltern das möchten. Als Gerichtsdrama in fünf Akten beschreibt Hermann den Roman, sieht kurze Momente des Glücks aufblitzen, der Kultur und der Zärtlichkeit, bevor die Geschichte ihr erwartbar tragisches Ende nimmt. Der Rezensent hat an der Klugheit des Rationalisten und Atheisten McEwan keinerlei Zweifel, weswegen ihn allein einige ans Bildungshuberische grenzende Bemerkungen stören.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.01.2015

Im Wesentlichen ist Rezensent Reinhard Müller von Ian McEwans nun ins Deutsche übersetztem Roman "Kindeswohl" beeindruckt. Er liest hier die Geschichte der Familienrichterin Fiona Maye, die am High Court in London über das Schicksal von Kindern entscheiden muss. Bewegt und erschüttert folgt der Kritiker etwa dem Fall von siamesischen Zwillingen, über deren Trennung Fiona entscheiden muss - und damit den Tod eines Zwillings in Kauf nimmt. Spannend findet er auch den Fall des an Leukämie erkrankten Adams, der als Zeuge Jehovas eine lebensrettende Transfusion verweigert. Leider muss der Rezensent aber auch gestehen, dass McEwan Fionas eintöniges Privatleben so beschreibt, dass nach zwei Seiten bereits alles gesagt scheint. Auch die vielfältigen, interessanten und gut recherchierten Erklärungen des britischen Rechtssystems geraten laut Müller ein wenig zu durcheinander. Abgesehen von diesen Schwächen kann der Kritiker diesen Roman aber durchaus empfehlen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.01.2015

Dass Ian McEwan sie zu Beginn seines dreizehnten Romans zunächst auf eine falsche Fährte lockt, nimmt Sylvia Staude dem Autor nicht weiter übel: Statt der erwarteten leidenschaftlichen Affäre oder gnadenlosen Scheidungsschlacht geht es in "Kindeswohl" um einen todkranken Teenager, dessen Eltern als Zeugen Jehovas die lebensnotwendige Bluttransfusion ablehnen, sowie um die Richterin, die über den Fall zu entscheiden hat, fasst die Rezensentin zusammen. Wie behutsam McEwan dabei vorgeht, wie er abwägt, ohne Partei zu beziehen, und sich dabei der "nüchtern-formellen, irgendwie auch tröstlichen Sprache" bedient, die für richterliche Urteilsbegründungen typisch ist, das hat Staude vollauf überzeugt: "Ein maßvoller, abgewogener, formvollendeter Roman", so die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.01.2015

Wer sich für die Entstehungsgeschichte von Ian McEwans neuestem Roman "Kindeswohl" interessiert, sollte sich seinen Essay "The law versus religious belief" zu Gemüte führen, der einige Tage nach der Veröffentlichung des Originals im "Guardian" erschienen war, rät Rainer Erlinger, sämtliche Fälle, die im Roman vorkommen, lassen sich dort finden, verrät der Rezensent. Im Grunde lässt sich dieses Buch auch als Novelle lesen, die an einem einzigen Urteil hängt, das im Fall eines jungen Zeugen Jehovas gefällt wurde, dessen Leben von einer Bluttransfusion abhing, die seine Religion verbot, "der Rest ist Beiwerk", so Erlinger, auch die Ehekrise der Jugendrichterin Fiona Maye, der Protagonistin des Buches, die allerdings, wie leider die meisten von McEwans Figuren, bloße Handlungsträgerin ist, bedauert der Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.01.2015

Auf Ulrich Greiner wirkt es so, als würde Ian McEwan in seinem neuen Roman "Kindeswohl" das eigene Können zum Verhängnis: er erzählt, hochpräzise wie immer, die Geschichte einer Familienrichterin im fortgeschrittenen Alter, deren Ehe in eine Krise gerät, weil ihr Mann nach fünfunddreißig Ehejahren beschließt, seine Lust andernorts befriedigen zu müssen, und die in einen vertrackten Fall hineingezogen wird, in dem zwei Zeugen Jehovas ihrem Sohn die lebensrettende Bluttransfusion verbieten wollen, fasst der Rezensent zusammen. Zwischen dem siebzehnjährigen Adam und der neunundfünfzigjährigen Richterin entwickeln sich erotische Spannungen, die eigentlich eine schöne Dramatik entfalten könnten, würde sich McEwan nicht derart im gut recherchierten Alltag der Familienrichterin mit seinen zahllosen Fällen verlieren, sodass die Geschichte aus dem Gleichgewicht gerät und das Empathievermögen des Lesers überstrapaziert, bedauert Greiner.